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ivanov666
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DER ZAUBERBERG
Mittel dazu bezieht er hinten-herum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse."
"Ein ritterlicher und heiterer Mann", wiederholte Peeperkorn, ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen,
"wenn auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – , wenn
auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin,
schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben
werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos
weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen
sie – Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn
Settembrini und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für
ihn – Erledigt! Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es
je im Punkte je-ner Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame –
Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da
doch eine Gren-ze, eine Zurückhaltung, eine gewisse
Re-ku-sa-tion, die Ma-dames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade –"
"Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade
rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigen-mächtig Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem
Be-wußtsein völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders
wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von
den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum
Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so
möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne
selbständige Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie
mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszufüh-
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ren versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, betrachtet sich in Lie-besangelegenheiten primär durchaus als
Objekt, sie läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei,
sie wird zum wählen-den Subjekt der Liebe erst auf Grund
der Wahl des Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir,
das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur
eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von
Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung gelten – , ist also ihre Wahlfreiheit beeinträchtigt und
bestochen durch die Tatsache, daß sie gewählt wurde. Lieber
Gott, es werden Abgeschmackt-heiten sein, was ich da äußere,
aber wenn man jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu
und erstaunlich. Sie fragen eine Frau: 'Liebst du ihn denn?' 'Er
liebt mich so sehr!' antwor-tet sie Ihnen mit Augenaufschlag
oder auch – niederschlag. Nun stellen Sie sich eine solche
Antwort im Munde von unser-einem vor – verzeihen Sie die
Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um mich epi-grammatisch auszudrücken.
Ich möchte wissen, von wel-cher Selbsteinschätzung diese
weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die Frau, daß sie
dem Manne grenzenlose Erge-benheit schuldet, der ein so
niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder
erblickt sie in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner Vor-züglichkeit? Das habe ich mich
in stillen Stunden schon beiläu-fig hier und da einmal gefragt."
"Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann,
mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenhei-
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ten", er-widerte Peeperkorn. "Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde
berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der
Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein
Glas Rotwein mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages war erheblich."
"Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar
nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer bereit."
"So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich
greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt
die-sem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus
schlich-tem Gefäße –" Er schenkte ein, unter Beihilfe seines
Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig
den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre.
"Das labt", sagte er. "Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß ich mir noch einmal –" Er verschüttete etwas
Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken
seiner Dek-ke war dunkelrot befleckt. "Ich wiederhole", sagte
er mit erho-bener Fingerlanze, während in seiner anderen
Hand das Weinglas zitterte, "ich wiederhole: daher unsere
Verpflichtung, unsere religiöse Verpflichtung zum Gefühl.
Unser Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur
trunkenen Hochzeit mit dem göttlichen Gefühl. Denn das
Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um
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durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ,
durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht
Gottesschande herein, es ist die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein un-ausdenkbares
Entsetzen –" Er trank.
"Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer
Peeperkorn", sagte Hans Castorp. "Ich folge Ihrem Gedanken-gang zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine
höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungs-weise, die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie!
Alle religiöse Strenge ist natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf Ihre
Äußerung über gewisse 'Vorurteile' zurückkommen, die nach
Ihrer Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, entgegen-bringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr und Tag, seit Jahren und Tagen. Und
ich kann Sie versichern, daß seine Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen und spießbürgerlichen Charakters sind, – lä-cherlich, so etwas zu denken. Es
kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem
Stil und also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien, bei deren Gel-tendmachung Herr
Settembrini offen gestanden mich in meiner Eigenschaft als
'Sorgenkind des Lebens' – Aber das führt zu weit. Es ist eine
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überaus weitläufige Angelegenheit, die ich un-möglich in
zwei Worten –"
"Und Sie lieben Madame?" fragte Mynheer plötzlich und
wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrisse-nen Munde und den kleinen blassen Augen unter dem
Stirnara-beskenwerk zu ... Hans Castorp erschrak. Er stammelte:
"Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat
selbst-verständlich schon in ihrer Eigenschaft als –"
"Ich bitte!" sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmen-der Kulturgebärde die Hand ausstreckte.
"Lassen Sie mich", fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise
Platz geschaffen für das, was er zu sagen hatte, "lassen Sie
mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf entfernt
bin, die-ser italienische Herr habe sich jenes wirklichen Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir
fällt auf – Im ge-genwärtigen Augenblick etwa erfreue ich
mich – Gut, junger Mann. Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – Ich sage
mir kurz und gut: Ihre Be-kanntschaft mit Madame ist älter
als die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an
diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von
reizvollsten Eigenschaften, und ich bin nur ein kranker alter
Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich unpäßlich bin, heute
nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne Begleitung hinab in den Kurort – Kein Un-glück! Bei weitem nicht!
Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie
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sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ..."
"Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und
gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat
mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – Ich sehe da zu
meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer
Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu
schütten, solange sie frisch waren –"
"Das ist unwesentlich", sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge behielt.
Hans Castorp verfärbte sich.
"Die Dinge", sagte er mit falschem Lächeln, "liegen hier
doch etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich
es ausdrücken, ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat
der Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit,
eine Unpäßlich-keit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist
vergleichsweise ge-sund. Da glaube ich ganz im Sinne von
Madame zu handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein
bißchen bei Ihnen vertrete – soweit hier von Vertretung die
Rede sein kann, ha, ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin
meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar keinen
Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn
für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde ich, ist korrekt, sie entspricht der allge-meinen Sach-
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lage, sie entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, Mynheer Peeperkorn, und somit
glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt zu haben."
"Eine sehr angenehme", erwiderte Peeperkorn. "Ich lausche mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es springt über Stock und Stein und
rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, –
nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen
Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. 'Rigoros', lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber
auch in Ihren Äußerungen liegt eine gewisse Rigorosität, eine
Strenge und Gezwungenheit, die mir mit Ihrer Natur nicht
übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie
wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spa-ziergängen gegen Madame – gegen sonst niemanden – an den Tag
legen, und für die Sie mir eine Erklärung – das ist eine Schuld,
eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist unwahr-scheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt
haben sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich
mögli-cherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der Erklärung
des Phä-nomens befinden."
Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlosse-nem Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch
den malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im
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Bette halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige
Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm
über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige
Kapitäns-hand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels,
bildete den von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring,
während sein Mund die Worte so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur hätte wünschen
können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie "wahrscheinlich" und "aufgedrängt".
"Sie lächeln", fuhr er fort, "Sie drehen blinzelnd den Kopf
hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie
wissen, was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten
oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung
das Um-gekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem
Ausweichen, einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher
zusieht, dem Vermeiden einer Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette,
als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie
anzureden. Sie sagen nicht 'Sie' zu ihr."
"Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ..."
"Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst
nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden
sind bis in die Lippen hinein."
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Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken.
"Da-hin mußte es kommen!" dachte er. "Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das Meine getan, damit es darauf hin-ausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich
wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun
geht es auf Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs
gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken."
Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei
oder drei Minuten lang, sie gab zu bemerken, welche Ausdeh-nung diese winzigen Einheiten unter solchen Umständen ge-winnen können.
Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.
"Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekannt-schaft gebracht hatte", begann er in singendem Ton
und ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste
Satz einer län-geren Erzählung. "Wir hatten ein kleines Fest
gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener Stimmung, in mensch-lich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu vorgerück-ter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede,
daß mir die Eingebung kam, die Aufforderung an Sie zu
richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem
Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzuge-
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ben, diese feierlich-heitere Handlung zum Zei-chen der erhöhten Stunde vor meinen Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie mit der
Be-gründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner
Reisebe-gleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht
bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur
Stunde schuldig ge-blieben sind. Sind Sie gewillt, diese
Schuld jetzt abzutragen?"
"So, das hat er also gemerkt", dachte Hans Castorp und
wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit
der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon
kratzte.
"Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte und
es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun?
Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller
vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach
seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir
schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da befinde!"
Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der
Hand Peeperkorns umfaßt.
"Jetzt faßt er mich am Handgelenk!" dachte er. "Na, lächer-lich, was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe
ich mich schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann
dieser und je-ner. Und dann ich. Und er hat sich meines
Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir
also das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und
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