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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
Mittel dazu bezieht er hinten-herum, – ich habe einigen Ein­blick in die Verhältnisse."
"Ein ritterlicher und heiterer Mann", wiederholte Peeper­korn, ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen, "wenn auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – , wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie – Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte je-ner Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da doch eine Gren-ze, eine Zurückhaltung, eine gewisse Re-ku-sa-tion, die Ma-dames Stimmung gegen ihn mensch­lich in hohem Grade –"
"Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich ei­gen-mächtig Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem Be-wußtsein völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mö­gen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ih­nen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszufüh-
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ren versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, be­trachtet sich in Lie-besangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum wählen-den Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedin­gung gelten – , ist also ihre Wahlfreiheit beeinträchtigt und bestochen durch die Tatsache, daß sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden Abgeschmackt-heiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine Frau: 'Liebst du ihn denn?' 'Er liebt mich so sehr!' antwor-tet sie Ihnen mit Augenaufschlag oder auch – niederschlag. Nun stellen Sie sich eine solche Antwort im Munde von unser-einem vor – verzeihen Sie die Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antwor­ten müßten, aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantof­felhelden der Liebe, um mich epi-grammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von wel-cher Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Erge-benheit schuldet, der ein so niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein un­trügliches Zeichen seiner Vor-züglichkeit? Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläu-fig hier und da einmal ge­fragt."
"Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenhei-
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ten", er-widerte Peeperkorn. "Den Mann berauscht seine Be­gierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Ge­fühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtig­keitsabgabe dieses Tages war erheblich."
"Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trin­ken bin ich immer bereit."
"So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt die-sem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlich-tem Gefäße –" Er schenkte ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengur­gel, genau, als ob es klares Wasser wäre.
"Das labt", sagte er. "Sie trinken nicht mehr? Dann erlau­ben Sie, daß ich mir noch einmal –" Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Dek-ke war dunkelrot befleckt. "Ich wiederhole", sagte er mit erho-bener Fingerlanze, während in seiner anderen Hand das Weinglas zitterte, "ich wiederhole: daher unsere Verpflichtung, unsere religiöse Verpflichtung zum Gefühl. Unser Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Le­ben weckt. Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, so­fern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um
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durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und be­rauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist die Niederlage von Gottes Man­neskraft, eine kosmische Katastrophe, ein un-ausdenkbares Entsetzen –" Er trank.
"Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn", sagte Hans Castorp. "Ich folge Ihrem Gedan­ken-gang zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da ei­ne theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige reli­giöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu be­merken erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer An­schauungs-weise, die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist natürlich beklemmend für Leute be­scheideneren Formates. Ich denke nicht daran, Sie korrigie­ren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf Ihre Äußerung über gewisse 'Vorurteile' zurückkommen, die nach Ihrer Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebe­gleiterin, entgegen-bringt. Ich kenne Herrn Settembrini lan­ge, sehr lange, seit Jahr und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine Vorurteile, soweit sie über­haupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen und spießbürger­lichen Charakters sind, – lä-cherlich, so etwas zu denken. Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und also unpersönlicher Art handeln, um allgemein päd­agogische Prinzipien, bei deren Gel-tendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner Eigenschaft als 'Sorgenkind des Lebens' – Aber das führt zu weit. Es ist eine
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überaus weitläufige Angelegenheit, die ich un-möglich in zwei Worten –"
"Und Sie lieben Madame?" fragte Mynheer plötzlich und wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerris­se-nen Munde und den kleinen blassen Augen unter dem Stirnara-beskenwerk zu ... Hans Castorp erschrak. Er stam­melte:
"Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbst-verständlich schon in ihrer Eigenschaft als –"
"Ich bitte!" sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdäm­men-der Kulturgebärde die Hand ausstreckte.
"Lassen Sie mich", fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen hatte, "lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf entfernt bin, die-ser italienische Herr habe sich jenes wirklichen Ver­stoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe ge­gen niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im ge-genwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. Durchaus gut und schön. Ich er­freue mich, daran ist kein Zweifel; es gereicht mir zur wirkli­chen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – Ich sage mir kurz und gut: Ihre Be-kanntschaft mit Madame ist älter als die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne Beglei­tung hinab in den Kurort – Kein Un-glück! Bei weitem nicht! Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie
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sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor Settembri­nis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe – Ich bit­te, mich aufs Wort zu verstehen ..."
"Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu schütten, solange sie frisch waren –"
"Das ist unwesentlich", sprach Peeperkorn, indem er sei­nen Gast im Auge behielt.
Hans Castorp verfärbte sich.
"Die Dinge", sagte er mit falschem Lächeln, "liegen hier doch etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritter­lichkeit treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend un­päßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit, eine Unpäßlich-keit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist vergleichsweise ge-sund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu ver­treten und ihr meine Begleitung in den Ort hinunter anzu­bieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situati­on, finde ich, ist korrekt, sie entspricht der allge-meinen Sach-
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lage, sie entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfin­dungen für Ihre Person, Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie richteten wohl eine Fra­ge an mich – eine befriedigende Antwort erteilt zu haben."
"Eine sehr angenehme", erwiderte Peeperkorn. "Ich lau­sche mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes klei­nes Wort, junger Mann. Es springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. 'Rigo­ros', lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hin­sicht auf gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Ver­halten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unse­ren gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spa-ziergän­gen gegen Madame – gegen sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung – das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich nicht. Die Be­obachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist un­wahr-scheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich mögli-cherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phä-nomens befinden."
Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlos­se-nem Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im
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Bette halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige Kapitäns-hand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte so scharf und genau, ja plas­tisch bildete, wie Herr Settembrini es nur hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie "wahrschein­lich" und "aufgedrängt".
"Sie lächeln", fuhr er fort, "Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachden­kens zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaup­te nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung das Um-gekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es ge­schieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden einer Form. Man hat, soweit Sie in Fra­ge kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürf­ten sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie be­dienen. Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen nicht 'Sie' zu ihr."
"Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Viellieb­chen ..."
"Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen hinein."
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Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegent­lich beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. "Da-hin mußte es kommen!" dachte er. "Darauf wollte es hin­aus. Ich habe, glaube ich, selber das Meine getan, damit es da­rauf hin-ausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf ange­legt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was ge­schieht. Kann ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rot­weinflecken hier im Laken."
Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei Minuten lang, sie gab zu bemerken, welche Aus­deh-nung diese winzigen Einheiten unter solchen Umstän­den ge-winnen können.
Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröff­nete.
"Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Be­kannt-schaft gebracht hatte", begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste Satz einer län-geren Erzählung. "Wir hatten ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener Stim­mung, in mensch-lich gelöster und kühner Verfassung such­ten wir zu vorgerück-ter Stunde Arm in Arm unser Nachtla­ger auf. Da geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der Frau be­rühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzuge-
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ben, diese feierlich-heitere Handlung zum Zei-chen der er­höhten Stunde vor meinen Augen zu erwidern. Sie verwar­fen rundweg meine Anregung, verwarfen sie mit der Be-gründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner Reisebe-gleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der Er­klärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig ge-blieben sind. Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?"
"So, das hat er also gemerkt", dachte Hans Castorp und wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon kratzte.
"Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige La­ge, in der ich mich da befinde!"
Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand Peeperkorns umfaßt.
"Jetzt faßt er mich am Handgelenk!" dachte er. "Na, lä­cher-lich, was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zu­erst hat der Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann dieser und je-ner. Und dann ich. Und er hat sich meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und
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