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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
"Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat, mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten", erwi-derte Herr Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn, Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr fort:
"Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sach­lich-keit und Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein we-nig das Groteske, das werden Sie einräumen. Wie schließlich al-les steht und liegt ... Dieser Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei ih­rem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos."
"Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unter­schiede in Hinsicht auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls die Sache gesellschaft­lich-leiden-schaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig. Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß ich im Manne nur das nebenbuhlende Mit­männchen erblicke, – ich bin es vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich unwillkürlich 'ge­sellschaftlich' nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigun­gen müssen mit Absicht geschehen, sonst sind sie keine. Und
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was das 'antun' betrifft, da müßte ich mich schon an sie hal­ten, und dazu habe ich auch wieder kein Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon al­lein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich, sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat einen point d'honneur, eine Ehrenpu-schel, und das ist das Gefühl, das Leben ... Ich schwatze da Un-sinn, aber ich will lieber ein bißchen faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur tadellose Her-gebracht­heiten von mir geben, – das ist doch vielleicht auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn ich so sagen darf..."
"Sagen Sie immerhin so", nickte Herr Settembrini. "Un­be-dingt wäre das ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Er-kenntnis und des Ausdrucks, das ist die Literatur, es ist die Hu-manität ..."
So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegen­heit; Herr Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Ab­schluß, wozu er auch gute Gründe hatte. Seine Position dabei war kei-neswegs so unverletzlich, daß es ratsam für ihn gewe­sen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein Gespräch, das von Eifer-sucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antwor­ten müssen, daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum Männlichen auch nicht durchaus gesell­schaftlich-hahnenmäßi-ger Art sei, weshalb der großmächti­ge Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht hof-
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fen, seinem Schüler eine Persönlich-keitswirkung und natür­liche Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner in zerebralen Angelegen-heiten, zu entzie­hen vermochte.
Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehten, wenn sie disputierten – die Aufmerksamkeit der Spazieren­den an eine ihrer zugleich eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem Tonfall, als handel­te es sich um brennendste Tages – und Lebensfragen, ge­führten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast al­lein bestritten und für deren Dauer das anwesende "Format" gewissermaßen neutrali-siert war, da es sie nur mit stirnfal­tigem Erstaunen und undeut-lich-spöttischen Abgerissen­heiten begleiten konnte. Allein selbst unter diesen Umstän­den übte es seinen Druck, beschatte-te das Gespräch, so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits si­cherlich unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade be­wußt, etwas entgegen, was keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner entscheidenden Wich­tigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu sa-gen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, an-ders versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf unterirdische und unbestimmte Weise, bestän­dig Bezug auf das ihr zur Seite wandelnde Format und ent­nervte sich an diesem Magnetismus. Anders war dieser ge­heimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche Vorgang nicht zu kenn-zeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein Pieter Peeper-korn gewesen wäre, zur Partei-
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nahme weit strenger verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz – und grundrevolu-tionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn Set-tembrinis vertei­digte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung er-blicken und alle zur Umwälzung und Erneuerung bereite Le-bens – und Zukunftsfreundlichkeit an die entgegengesetzten, ei-ner ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt antiker Bil­dung ent-stammenden Prinzipien der Aufhellung, der Wis­senschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem Be-kenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde be-stand. Da machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und zeigte es auch fast bis zu blendender Unwider-sprechlichkeit – , daß die Kir­che als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im In­nersten weit entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle, der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr von je-her den ra­dikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich be­wah-renswert dünke und von den Matten, den Feigen, den Konser-vativen, den Bürgern zu bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren einge­borene Tendenz und un-verbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen Ordnungen und die Neuge­staltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei.
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Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Him­mel! er wußte etwas damit anzufangen. Eine solche Verwechs­lung des luziferischen Revolutionsgedankens mit der Gene­ralrevolte aller schlechten Instinkte, sagte er, sei beklagenswert. Die Neu-erungsliebe der Kirche habe durch die Jahrhunderte darin be-standen, den lebenzeugenden Ge­danken zu inquirieren, zu er-drosseln, im Rauch ihrer Schei­terhaufen zu ersticken, und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und De-mokratie durch Pö­beldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat, eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konse­quenten Widerspruches ...
An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, ent­gegnete Naphta, lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner ei-genen Schätzung nach, äußere er sich wenig volks – und gleich-heitsfreundlich, lege vielmehr eine sträfliche aris­tokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er das zu stellvertre­tender Dikta-tur berufene Weltproletariat als Pöbel bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur Kirche, die al-lerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die vornehm-ste Macht der Menschheitsge­schichte darstelle, – vornehm im letzten und höchsten Ver­stande, in dem des Geistes. Denn der asketische Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – , der Geist der Welt­verneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. Ein wenig literarische Bemü-
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hung um die Kultur des Mittelalters werde Herrn Settem-bri­ni dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben Abnei­gung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, ge­wisser Mönchsge-stalten zum Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichter-phantasie, dem asketischen Gedan­ken auf bereits recht lutheri-sche Weise Wein, Weib und Ge­sang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Hel­dentums, aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder minder offener Gegenstellung zur religiö­sen Idee und damit zur Hierachie be-funden. Denn das alles sei "Welt" und Pöbeltum gewesen im Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Gei-stes.
Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Fi-gur des Mönches Ilsan aus dem "Rosengarten" behalte viel Er-quickliches gegenüber dem hier gepriesenen Grabesaristo­kratis-mus, und wenn er, Redner, kein Freund des deutschen Refor-mators sei, auf den eine Anspielung geschehen, so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem Indivi-dualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz zu nehmen.
"Ei!" rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit vom Be­sitz des Bür-gerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an Volkszuge-hörigkeit und persönliche Freiheit gebun-
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den habe, einzig kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläu­bigkeit verlangt, sich aller staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die Testier – und Sukzessi­onsfähigkeit von Sklaven, Kriegs-gefangenen, Unfreien be­hauptet habe?!
Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne Seitenblick auf die "kanonische Portion" aufrech­ter-halten worden, die bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von "Pfaffendemagogie", nann­te es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, die Unter­welt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicher­weise nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar auf die Quantität der Seelen mehr angekom­men als auf ihre Qualität, was auf tiefe geistige Unvornehm­heit schließen lasse.
Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von der Erblichkeit der Schande zugrunde ge-legen habe; der Übertragung schwerer Schuld auf die – demo-kratisch gesprochen – doch unschuldigen Nachkommen; die le-benslange Makelhaftigkeit und Recht­losigkeit natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – erstens, weil sein humanes Gefühl sich dage­gen empöre, und zweitens, weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des Nichts wieder­erkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die eingestan­dene Unpopularität des asketischen Prin-zips als etwas so Le­gitimes, so Heiliges empfinden lasse.
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Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am meisten realistischen Herrschafts-systems der Weltgeschichte! Nie habe Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Na-tur allzu streng zu begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er folglich nie gehört, unter den so-gar ein Sakrament, nämlich das der Ehe, falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern nur ein Schutz gegen die Sün­de sei, verliehen einzig zur Einschränkung der sinnlichen Be­gierde und der Unmäßigkeit, so daß das aske-tische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß dem Flei­sche mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde?
Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwah­ren gegen einen so abscheulichen Begriff des "Politischen", gegen die Gebärde dünkelhafter Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne – sich anmaße ge­gen sein ver-meintlich schuldhaftes und "politisch" zu be­handelndes Gegen-teil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer Welt-deutung, die das Universum ver­teufele, nämlich sowohl das Le-ben, als auch zugleich sein er­dünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jener böse sei, müsse auch dieser, als reine Vernei-nung, es sein! Und er brach eine Lanze für die Unschuld der Wollust – wobei Hans
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Castorp an sein Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der Wasserfla-sche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geisti­gen gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchli­che Politik und Indulgenz des Geistes als "Liebe" be-stimmte, um den Nihilismus des asketischen Prinzips zu wider-le­gen, – wobei Hans Castorp fand, daß das Wort "Liebe" dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu Ge­sichte stehe ...
So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kann-te es. Wir haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie, beispielsweise, ein solcher peripateti­scher Waf-fengang sich im Schatten der nebenherwandeln­den Persönlich-keit ausnahm, und auf welche Weise etwa die­se Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein heimli-cher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springen-den Funken tötete und eine Erinne­rung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich als kon­taktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, Hans Castorp ward es mit Staunen und Neu-gier gewahr.
Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten, unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft mit dem Kopf auf
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die Disputanten deutete: "Ja-ja-ja! Cerebrum, cerebral, verste­hen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –": und siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern, griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das "aristo­kratische Problem", auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias Reisebegleiter unter der rotseide­nen Steppdecke im Bette lie-gen, im kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und lie­bende Neigung des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf Mynheer blickte, – was un­vermeidlich und kraft geheimer An-ziehung geschah? Kurz­um, sie blieben aus, und das war, mit Hansens Wort, nicht weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismen­sammlung mochte er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten ausspricht – oder es unausge­sprochen läßt. Um dieses allenfalls auszusprechen, durf-te man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter zer­rissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu pas­sen und in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das eine und das andere. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche Zero! Er lähmte den Nerv der Wi­der-sprüche nicht durch Verwirrung und Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war es auf ganz entge-gengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde Mysteri­um, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit
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