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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient haben soll, höch-stens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmu-tet, die neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich dar-über stolpere, – zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz einverstanden sein wird mit diesem Arrange­ment ..."
"Laß das meine Sache sein", erwiderte Peeperkorn, "und das andere Sache der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere Geliebte kann je­den Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwi­schen euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste."
"Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!" sagte Hans Castorp und stand auf. "Sie sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der tollkühnen Anrede. Rich­tig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht an­drehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz grif­fen, – er hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich ge­he dermaßen vergnügt und stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träu-men lassen. Recht gu­te Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie Tage für dich, an denen Sie allen Anforderun-gen gewach­sen sein werden. Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!"
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MYNHEER PEEPERKORN
(SCHLU
Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser sogar eine besondere Herzensnei­gung hegte, die malerische Kaskade im Walde des Plüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines Zusammenle­bens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnü­gen hier gewesen war und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste Umgebung von Haus "Berghof" eingeschränkt hatte. Und nach seinem Ausschei­den – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur hiesigen Landschaft, wenn man von sei-nen Skiunterneh­mungen absehen will, den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren Kontrast zu der Spannweite sei­ner inneren Erfahrungen und "Regierungs"-Ob-liegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten Reiz für den jun­gen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zu-stimmung lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise von sieben Personen (ihn selber einge-rech­net), der Plan einer Wagenfahrt nach jener empfohlenen Ört­lichkeit erwogen wurde.
Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen klei­nen Liedern des Flachlandes zufolge, – recht frisch und we­nig ein-schmeichelnd von Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach großflockig geschneit, doch blieb das nicht liegen, es ließ nur etwas Nässe zurück;
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die lagernden Massen des Winters waren versickert, ver­raucht, bis auf verein-zelte Reste dahingeschwunden; die grü­ne Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.
Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Ober-hauptes, des großartigen Pieter Peeperkorn, dessen ma­ligne Tro-penmitgift weder den Einwirkungen des außeror­dentlichen Kli-mas, noch den Antidoten eines so hervorra­genden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen, er war viel bett-lägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung befinden, und Beh­rens Unterließ nicht, auf die auch bei einer so mächtigen Na­tur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand wei­sende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten.
Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Myn­heer in diesen Wochen vorgesessen, und auch die gemeinsa­men Spa-ziergänge waren bis auf einen nicht sehr ausgedehn­ten unter-blieben. Übrigens empfand Hans Castorp, unter uns gesagt, die-se Lockerung der Cliquengemeinschaft in ge­wisser Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauch­ats Reisebegleiter ge-trunkene Schmollis schuf ihm Beschwer­den; es brachte in seine öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe "Gezwun-genheit", dasselbe "Auswei­chen" und gleichsam auf einer Viel-liebchenwette beruhende "Vermeiden", das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia auf-
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gefallen war: mit wunderlichen Behel-fen umschrieb er die Anredeform, soweit sie sich nicht ver-schlucken ließ, – aus demselben oder dem umgekehrten Dilemma, das sein Ge­spräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppel­klemme vervollständigt hatte.
Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasser­fall an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel be-stimmt, und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten Mahl-zeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittages-sen zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal weiter­zugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Be­stellung zweier Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.
Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus "Berghof": Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich da­mit unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspä-tung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen
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Königshaupt schmä-ler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas abge-tragenem Ulster an der Seite Clawdias ste­hend, seinen weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemei-nes Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.
"Junger Mann", sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke Hand auf die Schulter legte, " ... wie geht es, mein Sohn?"
"Verbindlichsten Dank! Und andererseits?" erwiderte der Gefragte ...
Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den Rand ih-res Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niederge­bogen, was ihr so rei-zend stand, daß es die Mehrzahl der An­wesenden geradezu schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzi­gen, der nicht verliebt in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft sto­ßen würden, der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefan-gen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. Die schmächti­ge Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel
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die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten, und den er un­ter dem Rücksitz des vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem Augen-blick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte, er-hiel­ten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung.
Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber ge­gen seinen Fahrtgenossen. "Haben Sie gesehen", fragte er, "wie sie sich über Sie lustig machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sor-gen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?"
"Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so niederträchtig!" verwies ihn Hans Castorp. "Frauen lächeln bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutz­los, sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was küm­mern Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nach-teile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem 'Sommer-nachtstraum', das kann nicht jeder. Sie sollten es nächstens mal wieder tun."
"Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu", erwiderte der elende Mensch, "und wissen gar nicht, wieviel Un­ver-schämtheit in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich da­durch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lä-cherlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im siebenten Himmel, allmächti­ger Gott, und haben ihre Arme um Ihren Nacken gefühlt und
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all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im Vollbe­wußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bet­telhaften Qualen hinab ..."
"Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu ver-hehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und ab­stoßend soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?"
"Fürchterlich!" antwortete Wehsal kopfschüttelnd. "Das ist nicht zu sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man kann damit weder le­ben noch sterben. Während sie weg war, fing es an, etwas bes­ser zu ge-hen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht ge-ben, aber man kann es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit Ver-gnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn, denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlan-gen das Leben, und kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte Zwickmühle. Und wenn ich sage 'gottverflucht', so sage ich es auch nur redensartlich und so, als ob ich ein ande-rer wäre, ich selber
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kann es nicht meinen. Es gibt so manche Tor-turen, Castorp, und wer auf einer Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los, das ist sein Ziel. Aber von der Tor­tur der Fleischesbegierde kann man einzig und allein loswol­len auf dem Wege und unter der Bedingung, daß sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die Ein­rich-tung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf, aber wen es hat, der lernt unseren Herrn Jesum Christum ken-nen, dem gehen die Augen über. Gott im Him­mel, was für eine Einrichtung und Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, – wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner verschämten Freundlich-keit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp? Will ich sie mor­den? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur liebko­sen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich win­sele, aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich doch auch ein Mensch! Die Flei­schesbegierde gehet dahin und dorthin, sie ist nicht gebun­den und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem An­gesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres Leibes, sondern wenn in ihrem Ange­sicht auch nur ein kleines Etwas anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich's möglicher-weise nach ihrem ganzen Lei-
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be gar nicht, und daher so zeiget sich's, daß ich ihre Seele lie­be, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum Angesicht ist Seelenliebe ..."
"Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen hier Gott weiß was für Töne an ..."
"Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Un­glück", fuhr der Arme fort, "daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen ist mein Ver­langen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich win­den ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir, Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten Grade, ich schwöre es Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch um die Angesichte, wenn ih­re verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwick­mühle, in der ich mich winde ewiglich!"
"Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er be-wegt zwar absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch sei-nem Rücken an, daß er zuhört."
"Er versteht und hört zu, da haben Sie's, Castorp! Da ha­ben Sie wieder die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer
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Eigenart und ihrem Charakter! Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde er's nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und interes­sierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegen­heit, die Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich die po-pulärste Angelegenheit, und jeder ver­steht sie und kann sich lu-stig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lust-folter macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im Schlunde und in der Ma-gengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust be­deckt ..."
"So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vor­neh-men, den Mund zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt. Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu Haus eine Ge-schichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort eine Schlange oder Krö­te. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem gegenüber ver­hielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl aufs Mundhalten verlegt haben wird."
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