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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 2
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DER ZAUBERBERG
dung mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten
Möglich-keiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt
und alles Ge-fühl seiner Brust daransetzt, um – in der Koseform – Sie verste-hen mich wohl, mein Kind: in der Kose-
form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre erwärmend, – für den Augen-blick halte ich es ohne Schwanken
mit Emchen. Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig
Brot, meine Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich
einschleiche! Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon in Fülle, in allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot,
kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob Ihnen der Sinn dieses Wor-tes – ich würde vorschlagen 'Herzstärkung' dafür einzusetzen, liefe hier nicht die
neue Gefahr mit unter, es im Sinne ge-bräuchlicher Leichtfertigkeit – Er-ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit –
Zum Beispiel also der mir obliegenden Eh-renschuld, mich
deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!"
"Einen Genever, echt", wiederholte die Zwergin, drehte
sich einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch,
neben sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht
damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll geschenkt, daß das "Brot" an allen Seiten daran herunterlief
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und den Teller benetz-te. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen das Licht. "Sohin", erklärte er,
"labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps." Und er
schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut.
"Jetzt", sagte er, "sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an."
Und er nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte
sie an die Lippen und legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen ließ.
Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch
un-deutlicher Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen
Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialgeschäften zu-rückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im
Haag und seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte
ihn einen "Geld-Ma-gneten" (Magnat! Die Fürchterliche!)
und konnte dabei auf eine Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heim-kehr zum Abendkleide trug,
und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis
transkaukasischer Gattengalanterie ver-standen werden
durfte, sondern der "gemeinsamen Reisekasse" entstammte.
Sie zwinkerte dabei, wies seitlich mit dem Kopf auf Hans
Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden,
seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er
bewahrte Haltung. Er verbesserte ihren Bildungsschnitzer
so-gar nicht ohne Witz. Sie haben sich versprochen, sagte er.
Geld-magnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und
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ohne ihn anzuse-hen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut. Mynheer
Peeperkorn sei eine "ver-wischte Persönlichkeit", sagte er, –
eine Persönlichkeit, aber ver-wischt. Die Genauigkeit dieser
Kennzeichnung bewies Objekti-vität und damit Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar
Ferdinand Wehsal und seinen verzerr-ten Hinweis auf die
unerwarteten Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat
zurückgekehrt war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. "Erbärmlicher!" besagte
der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter
Ausschluß jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Ausle-gung, und Wehsal anerkannte denn auch diesen Blick
und steckte ihn ein, ja er nickte sogar dazu, indem er seine
zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini
und Ferge Hans Ca-storps Paletot zu tragen.
In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn
sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn
dem Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt
wohl niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände,
die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das
Wiederse-hen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie
überflüssig, und darin lag das Beschämende.
Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke
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daran, daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit
verlieh, die phantasti-schen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde, unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, kei-ne Zudringlichkeit, kein
plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu
der schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer
Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter sich ließ, –
in der Form war vollkommenste Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste nichts
weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit,
unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich
zu seiner Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus
ergeben.
All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig
da-durch, daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlich-keit genommen war. Die Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die nicht in
äußerster Zu-rückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich
aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner
Loge aus den Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher
der malaiische Kammer-diener saß, ein gelbes Männchen mit
einem Pelzkragen auf dem Überzieher und in steifem Hut,
im Schritt die Wegschleife her-aufkommen sehen, und zusei-
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ten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen.
Am Morgen hatte es keine Schwierig-keiten bereitet, den Namen des verwirrenden Mitkömmlings zu erfahren, mit der
Nachricht als Dreingabe, daß beide im ersten Stock nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann war das
erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür ge-wartet
hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die
Glastür geschlossen, – groß, breit und hochgestirnt, weiß
umlodert das mächtige Haupt, war er den Spuren der Reisege-fährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, vorgescho-benen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es,
unver-ändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte
Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr
rötlich-blondes, nicht weiter kunstreich frisiertes, sondern in
einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es waren ihre
"Steppen-wolfslichter", ihre Nackenrundung, ihre Lippen,
die voller er-schienen, als sie waren, vermöge jener Betonung
der Wangen-" wirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, –
und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein
spöttischtrotziges Kopf-aufwerfen gegen die maskenhafte
Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitz-rechtes, das durch
gewisse Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt
wurde: gewisse Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der dilettantischen Ölmalerei gele-
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gen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen vermocht
hat-ten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen den
Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und
Peeperkorn lei-stete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg
hinter ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ,
um sich danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite niederzulassen.
Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch
zu Tisch. Clawdias Augen waren bei der "Vorstellung" über
Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere
Gegen-den des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden
Zusam-menkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen;
und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich
anders begegnet wären als in einem blinden und gleichgültigen Hin-streifen von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich
während des Essens einmal umwandte, desto unpassender
wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während der
kurzen Abendge-selligkeit hielten die Reisegefährten sich in
dem kleinen Salon: Auf dem Sofe saßen sie nebeneinander, im
Kreise ihrer Tisch-genossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hoch-gerötet gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach, trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben
lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei, zu schweigen von dem "Brote", mit dem er
schon beim ersten Frühstück begann. Of-fenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnli-chem Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie
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sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern
auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der
Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber, –
von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut gegen
sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte.
Quar-tanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als
ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon haben.
VINGT ET UN
So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis
vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie
glitten dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitigten auf Seiten un-seres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz
gegen unvorhergese-hene Umstände, die ihm eine verdienstlose Zurückhaltung auf-erlegten; gegen jenen Umstand, der
sich selbst Pieter Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps
zu sich nahm; an das stö-rende Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und un-deutlichen Mannes, – störend in
der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini
"hier gestört" hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen
ein, und unter diesen Falten betrachtete er fünfmal am Tage
die Heimgekehrte, froh immerhin, sie be-trachten zu können
und voller Geringschätzung für eine groß-mächtige Gegen-
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wart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die Vergangenheit auf sie warf Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne
besonderen An-laß einmal geschehen mochte, hatte die
Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen,
von einem ungarischen Stu-denten auf der Geige keck exekutiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine Viertelstunde er-schienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der tieferen Lage des Pianos die Melodie
des "Pilgerchors" zu spielen, während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die beglei-tenden Violinfiguren
parodierte. Das gab zu lachen. Unter gro-ßem Applaus, mit
wohlwollendem Kopfschütteln, das dem ei-genen Übermut
galt, verließ der Hofrat danach die Konversa-tionsräume. Die
Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde fortmusiziert,
ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür ge-fordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Ge-tränken,
unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte
da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russenti-sches
hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavier-zimmers gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschie-denen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein
majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie
durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht
seines Reichtums mochten angezogen worden sein, so war es
doch sehr bald seine Persönlichkeit selbst und allein, an der
sie hin-gen: lächelnd standen sie und nickten ihm zu, ermun-
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ternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge
unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten
durch die Ein-dringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die unverständliche Abgerissenheit,
Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit dessen,
was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles
bewußt zu werden.
Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden wir ihn im Schreib – und Lesezimmer, jenem Ge-sellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über
seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen über die
Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es
war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den
Aufenthalt. Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des
offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der
Portiere zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort
eben gestanden hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will, mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht,
sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und
mit Gespräch durchsetzte Musizieren ne-benan, während die
Finsternis seiner Brauen darauf hindeutete, daß auch dies nur
mit halbem Ohre geschah, und daß seine Ge-danken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Ent-täuschung
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durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu dem Entschluß
und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen zufälligen
und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die
nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen
diese ver-pfuschte Geselligkeit einzutauschen.
"Und Ihr Vetter, Monsieur?" fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für
sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Verschleie-rung als extreme Annehmlichkeit zu empfinden –
den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel
getrieben – , es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte:
"Gern. Aber mach ihn nicht entzwei", eine bezwingende, eine
Schicksals-stimme, und wenn ihm recht war, so hatte sie nach
Joachim ge-fragt.
Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem
Haar-wirbel an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die
Augen ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg
aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung
seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe
fast etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie
möchte noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er
nicht einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach
geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stim-
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