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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
dung mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglich-keiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Ge-fühl seiner Brust daransetzt, um – in der Kose­form – Sie verste-hen mich wohl, mein Kind: in der Kose- form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre er­wärmend, – für den Augen-blick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Ge­sichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht ge­backenes Brot, – wir haben hier davon in Fülle, in allerlei Ge­stalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin unge­wiß, ob Ihnen der Sinn dieses Wor-tes – ich würde vorschla­gen 'Herzstärkung' dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im Sinne ge-bräuchlicher Leichtfer­tigkeit – Er-ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Viel­mehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Eh-renschuld, mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Her­zens – Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sa­gen. Schiedamer, Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!"
"Einen Genever, echt", wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen le­dig zu werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber er­hielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll ge­schenkt, daß das "Brot" an allen Seiten daran herunterlief
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und den Teller benetz-te. Er nahm es mit Daumen und Mit­telfinger und hob es gegen das Licht. "Sohin", erklärte er, "labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps." Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut. "Jetzt", sagte er, "sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an." Und er nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und legte sie dann zurück, worauf er die sei­ne noch einige Zeit darauf ruhen ließ.
Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch un-deutlicher Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialge­schäften zu-rückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trocke­ne gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen "Geld-Ma-gneten" (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine Perlenreihe hinweisen, die Ma­dame Chauchat seit ihrer Heim-kehr zum Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis transkaukasischer Gattengalanterie ver-standen werden durfte, sondern der "gemeinsamen Reisekasse" entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den Mund her­unter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er verbesserte ihren Bildungsschnitzer so-gar nicht ohne Witz. Sie haben sich versprochen, sagte er. Geld-magnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, denn of­fenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehre­rin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und
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ohne ihn anzuse-hen befragte, wie der neue Gast ihm beha­ge, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine "ver-wischte Persönlichkeit", sagte er, – eine Persönlichkeit, aber ver-wischt. Die Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objekti-vität und damit Gemütsru­he; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar Ferdinand Wehsal und seinen verzerr-ten Hinweis auf die unerwarteten Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Bli­cke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem ar­tikuliertesten Worte nachstehen. "Erbärmlicher!" besagte der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Aus­le-gung, und Wehsal anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von nun an Ab­stand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und Ferge Hans Ca-storps Paletot zu tragen.
In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart be­troffen war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das Wiederse-hen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteu­er innerlich getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin lag das Beschämende.
Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewe­sen, weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke
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daran, daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wol­len, – und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hat­te aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß ge­wesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die phantasti-schen Ereignisse einer fernen maskier­ten und fremdsprachigen Traumnacht auch nur werde wahr­haben wollen, oder ob sie wünschen werde, unmittelbar dar­an erinnert zu sein. Nein, kei-ne Zudringlichkeit, kein plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste Zivilisation und für den Au­genblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu wah­ren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisen­den seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig da-durch, daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Ver­dienstlich-keit genommen war. Die Gegenwart Mynheer Pee­perkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die nicht in äußerster Zu-rückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische Kammer-diener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife her-aufkommen sehen, und zusei-
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ten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde ge­sessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen hatte es keine Schwierig-keiten bereitet, den Na­men des verwirrenden Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im ersten Stock nachbar­liche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Plat­ze und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür ge-wartet hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich laut­los vollzogen, denn hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den Spuren der Reise­ge-fährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, vorge­scho-benen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es, unver-ändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlich-blondes, nicht weiter kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es waren ihre "Steppen-wolfslichter", ihre Nackenrundung, ihre Lippen, die voller er-schienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der Wangen-" wirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein spöttischtrotziges Kopf-aufwerfen gegen die maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforde­rung an sein Herz, sich lustig zu machen über die Groß­mächtigkeit eines gegenwärtigen Besitz-rechtes, das durch gewisse Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: gewisse Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel un­sichere, auf dem Gebiet der dilettantischen Ölmalerei gele-
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gen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen vermocht hat-ten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Ge­sellschaft zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn lei-stete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite nie­derzulassen.
Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias Augen waren bei der "Vorstellung" über Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere Gegen-den des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden Zusam-menkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen; und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders begegnet wären als in einem blinden und gleichgülti­gen Hin-streifen von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte, desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während der kurzen Abendge-selligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem kleinen Salon: Auf dem Sofe saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer Tisch-genossen, und Peeperkorn, dessen großar­tiges Angesicht hoch-gerötet gegen die Weiße seines flam­menden Haars und seines Kinnbartes abstach, trank die Fla­sche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch andert­halb oder zwei, zu schweigen von dem "Brote", mit dem er schon beim ersten Frühstück begann. Of-fenbar war der kö­nigliche Mann der Labung in ungewöhnli-chem Grade be­dürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie
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sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein. Bei­des, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am zwei­ten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. Quar-tanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer un­gefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwol­lene Milz sollte er davon haben.
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So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Ur­teil und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitig­ten auf Seiten un-seres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz gegen unvorhergese-hene Umstände, die ihm eine verdienst­lose Zurückhaltung auf-erlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das stö-rende Vorhandensein dieses königli­chen, gewichtigen und un-deutlichen Mannes, – störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini "hier gestört" hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Fal­ten gruben sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, sie be-trachten zu können und voller Geringschätzung für eine groß-mächtige Gegen-
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wart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die Vergangen­heit auf sie warf Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen An-laß einmal geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich reger als all­täglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen, von einem ungarischen Stu-denten auf der Geige keck exeku­tiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Kro­kowski auf eine Viertelstunde er-schienen war, irgend jeman­den genötigt hatte, in der tieferen Lage des Pianos die Melodie des "Pilgerchors" zu spielen, während er selbst, daneben ste­hend, den Diskant des Instrumentes auf hüpfende Art mit ei­ner Bürste bearbeitete und so die beglei-tenden Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter gro-ßem Applaus, mit wohlwollendem Kopfschütteln, das dem ei-genen Übermut galt, verließ der Hofrat danach die Konversa-tionsräume. Die Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür ge-fordert wor­den wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Ge-tränken, unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russenti-sches hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavier-zim­mers gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschie-de­nen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejeni­gen, die ihn umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit selbst und allein, an der sie hin-gen: lächelnd standen sie und nickten ihm zu, ermun-
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ternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die Ein-dringlichkeit seiner langnägeligen Kulturge­bärden und ohne über die unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.
Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Cas­torp um, so finden wir ihn im Schreib – und Lesezimmer, je­nem Ge-sellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Er­zähler, Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. Jemand schrieb unter einer elektrischen Hänge­lampe an einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwi­ckern auf der Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in ei­nem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden hatte, einem plüschbezogenen Renaissance­stuhl, wenn man ihn sehen will, mit hoher, gerader Rücken­lehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt seine Zei­tung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht, sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch durchsetzte Musizieren ne-benan, während die Finsternis seiner Brauen darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß seine Ge-danken unmusi­kalische Wege gingen, dornige Wege der Ent-täuschung
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durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Warte­zeit auf sich genommen, am Ende dieser Wartezeit schmäh­lich zum Narren hielten, – bittere Wege des Trotzes, auf de­nen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Ein­samkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese ver-pfuschte Geselligkeit einzutauschen.
"Und Ihr Vetter, Monsieur?" fragte hinter ihm, über sei­nem Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Ver­schleie-rung als extreme Annehmlichkeit zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel getrieben – , es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: "Gern. Aber mach ihn nicht entzwei", eine bezwingende, eine Schicksals-stimme, und wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim ge-fragt.
Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Ge­sicht etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haar-wirbel an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu rich­ten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stim-
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