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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 2
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DER ZAUBERBERG
Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, bei
denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abge-he, und die
auch die Züchtigung des Kadavers wieder mit ande-ren Augen werde betrachten lassen.
"Daher der Name Kadavergehorsam!" höhnte Settembrini; und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn
derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im
Nu auf die Leichen-verbrennung.
Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen
werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der
Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im
Begriff, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt
an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß
für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich
Schweden sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften,
gemäß aller bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte
sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon
versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die
Ausdehnung der Städte! Die Ver-drängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestat-tungsvorganges durch
notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr
Settembrini wußte über dies alles nüch-tern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren Abgeschiedenen
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pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiespra-che zu halten.
Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kost-barsten Lebensgute, nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens würde der Massenbetrieb des
modernen Zentralfriedhofes ihm die atavistische Gefühlsse-ligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des Leichnams
durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, ja hel-dische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und der Assimilation
durch niede-re Lebewesen zu überlassen! Ja, auch das Gemüt
kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen Verfahren, das
menschliche Be-dürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei
Lebzeiten dem Stoff-wechsel unterworfenen Bestandteile des
Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten an diesem
Strome teilnahmen, und die den Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachse-nes Dasein begleiten, sie waren
zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, und mit
ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
"Sehr hübsch", sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig.
Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche.
Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er behauptete die primitiv religiöse Stufe,
auf wel-cher der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so
geheim-nisvoller Art umweht, daß es sich verbot, den Blick
klarer Ver-nunft auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das To-desgrauen stammte aus Epochen niederster
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Kultur, wo der ge-waltsame Tod die Regel gewesen, und das
Entsetzliche, das diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für
das Gefühl des Menschen auf lange mit dem Todesgedanken
überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde dank der
Entwicklung der allgemei-nen Gesundheitslehre und der Festigung der persönlichen Si-cherheit der natürliche Tod zur
Norm, und dem modernen Ar-beitsmenschen erschien der
Gedanke ewiger Ruhe nach sachge-mäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige,
vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte
Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als
gebührlich, in seiner Betrachtung zu verhar-ren. Darum war
denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der "Halle des Todes" also, eine "Halle
des Lebens" anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den
Sinn des Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von
stump-fer Trauer und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu len-ken ...
"Eiligst!" spottete Naphta. "Damit er den Todesdienst nur
ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der
An-dacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich
weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik,
noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe."
"Er desertiert zur Fahne", sagte Hans Castorp träumerisch.
"Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur",
ant-wortete ihm Settembrini, "läßt ihre Tadelhaftigkeit
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durchschim-mern. Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das
Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk."
"Wird man obszöne Symbole anbringen in der 'Halle des
Lebens', wie auf manchen antiken Särgen?" fragte Hans Castorp ernsthaft.
Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer
Ge-schmack den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den
man der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr
züchtigen lassen wollte ...
Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand
ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer
gerne die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene
verschwie-genen Orte zu besichtigen, an denen einst diese
Art von Gewis-senserforschung geübt worden war. So kannte
er die Folterkam-mern von Nürnberg, von Regensburg, zu
Bildungszwecken hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der Seele willen recht
unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche Weise. Und
nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt, die be-rühmte Birne, an sich schon kein
Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit .
"Porcheria", murmelte Settembrini.
Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze
stille Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten
der Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können.
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Das war zu seiner Heilung geschehen!
Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertig-ten nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit.
Zwei-tens war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts
gewesen. Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war
Schön-geist, und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm. offenbar im Augenblick nicht übersichtlich.
Sie war in der Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung, und zwar so, daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden
war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß der Stärke-re siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des Herrn Settembrini, Zweifler,
Kritiker, hatten diese Wahrneh-mung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der
Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen
zugunsten der Wahrheit nicht länger ver-ließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten das Geständnis der Wahrheit
zu erlangen. Keine Verurteilung ohne Geständnis, – man
mochte sich nur auch heute im Volke umhören: der In-stinkt
saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, die
Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle
bloßen Anzeichen, allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln?
Wie einem Menschen, der sie verhehlte, verweigerte, ins
Herz, ins Hirn blicken? War der Geist böswillig, so blieb
nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche
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Geständnis herbeizu-führen, war vernunftgeboren. Wer aber
den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war
Herr Settembrini gewesen, und also war er auch Urheber der
Folter.
Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten
hätte, wie Herr Naphta lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen sei, so beweise das eben nur,
wie bitter sie allezeit der Stütze und Aufklärung bedürfe, wie
wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! Allein
der Vorred-ner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt
werden, weil sein Urgrund der Höllenglaube gewesen sei.
Man möge sich doch umsehen in Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strek-ken, Schrauben und Sengen sei ja
offenbar einer kindlich ver-blendeten Phantasie entsprungen,
dem Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an
den jenseitigen Stätten ewiger Pein geschah. Überdies habe
man dem Missetäter wohl gar zu helfen gemeint. Man habe
angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prin-zip des Bösen setze sich
seinem besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu
einen Liebesdienst zu erweisen ge-glaubt, indem man ihm
durch die Tortur das Fleisch brach. As-ketischer Irrwahn ...
Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
Die Römer? Ma che!
Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
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Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber
hin-wegzuhelfen, indem er selbstherrlich und als könne es
seine Sa-che sein, ein solches Gespräch zu lenken, das Problem der To-desstrafe in die Debatte warf. Die Folter war abgeschafft, ob-gleich ja die Untersuchungsrichter noch immer
ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen.
Aber die Todesstra-fe schien unsterblich, nicht zu entbehren.
Die allerzivilisierte-sten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht: Man wußte einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnli-chen Wesen anfangen
sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
Das seien keine "menschenähnlichen Wesen", belehrte
ihn Herr Settembrini; es seien Menschen wie er, der Ingenieur, und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und
Opfer einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwer-verbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ
zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als "vertiert", als "Be-stien in Menschengestalt" zu bezeichnen pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen
bedeckt. Und sie wa-ren keineswegs schlecht gewesen, diese
Verse, – viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl
gelegentlich angefertigt wurden.
Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrich-tung werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er,
war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er
sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung.
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Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde
über die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesord-nung übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten
zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Ju-gend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale
Liga, deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe
in allen gesit-teten Ländern sei, habe sich soeben gebildet.
Herr Settembrini habe die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei noch zu bestimmen, aber die
Menschheit habe Grund zu vertrauen, daß die Redner, die
sich dabei würden ver-nehmen lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer vor-handenen Möglichkeit des
Rechtsirrtums, des Justizmordes, so-wie das von der niemals
fahren zu lassenden Hoffnung auf Bes-serung; sogar "die Rache ist mein" zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es
ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht
Böses mit Bösem vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der
"Strafe", nachdem er vom Boden eines wissen-schaftlichen
Determinismus aus denjenigen der "Schuld" be-kämpft hatte.
Darauf mußte es "lichtsuchende Jugend" mit ansehen; wie
Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals
umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die
Le-bensverehrung des Menschenfreundes, behauptete, daß
diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten
bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich lei-denschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der "Sicherheit" hinausgehe, irgend et-
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was Überpersönliches, Überindividuelles also, im Spiele
sei – und das sei der allein menschenwürdige, im höheren
Sinne folglich der normale Zu-stand – allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom In-dividuum aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden würde. Die
Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte er, arbeite
darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente
zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, auch
mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft.
Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den
Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern
so-gar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.
Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und
den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?
Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrun-gen wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld.
Herr Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im
Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertil-gung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe
eben "für sein Leben" gern getötet und bezahle folglich mit
seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste
Lust gebüßt habe.
Die tiefste Lust?
Die tiefste.
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Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte.
Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge
seufzte. Settembrini bemerkte fein:
"Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den
Ge-genstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?"
"Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde
ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die
mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern
wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander,
wie zwei We-sen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd,
ein Geheimnis ge-teilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen."
Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen
Todes – und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht
vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn
Naphta, – sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konsta-tiere seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches
Reinlichkeits-bedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo jene
Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend
vorhin gespro-chen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seeli-scher Beziehung herrsche, kurz, eine Sphäre, wo Tugend, Ver-nunft und Gesundheit für nichts gälten,
Laster und Krankheit dagegen in Wunder welchen Ehren
stünden.
Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat
kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er,
wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sitt-
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