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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
"jüdischer" aussahen als er, und so kam die-ser Begriff abhan­den. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Auf­nahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Moh-rentyp, dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu er­ken-nen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befun-den werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem "Zweiten Pensionat", dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das "Erste" verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern ser-viert, und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesi-schen Grafen von Harbuval und Chamaré, an­dererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvier-te glänzend und vertauschte, getreu sei­nem Entschluß, das Zög-lingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses im be-nachbarten Tisis, einem Leben die­nender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früherer fanatischer Konzeption abgewann. Unterdessen aber litt seine Gesund­heit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungsprak-tiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindig­keit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte ver-brachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägun­gen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft queru­lierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Wi-
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der-sprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt all-täglich die Hölle heiß machte. "Ad haec quid tu?" fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die En­ge getriebe-nen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange –"ut in ali­quem gradum quietis in anima perveniat". Allein diese "Ru­he" bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen Abstumpfung des Ei-genlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen un­heimlich äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konn­te, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die ei­nes Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwö­rers empfangen, auch die "einfachen" Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhau-se des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches Stu-dium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte un-ter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geis­tiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte
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gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nach­dem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie den not-dürftig Genesenen an seinen Aus­gangspunkt zurück. In dersel-ben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Ver­wendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach weni­gen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das sieben-jährige Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierli­chen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stim­me ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdi­akonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diako­nat noch gar zur Priester-weihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hat­te er auf Ordenskosten zu länge-rer Kur hier oben Aufent­halt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, be­schönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Kran­kengymnasium ...
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Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort einge­führt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begeg­nete und in seiner Gesellschaft gegen "Dorf" zurückpilger­te, – erfuhr sie gele-gentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender Er-zählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch merk-würdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschrän-kend in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleura­choks war es allein, was ihn je über das menschlich An­spruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäu-me nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem ge-meinsamen Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fah­ne geflo-hen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vor­stellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur er-hoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne ge­schworen, auch er war unter eine solche aufgenommen wor­den, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Or-dens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinatio-
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nen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er dem ci-devant-oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und Kind des Frie-dens sich in seiner Meinung be­stärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militäri­sche Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der "Askese" sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierregle-ment, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußi-sche Friedrich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spa-ni­scher Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den "dos bande­ras", von den "zwei Fahnen", um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der "capitan general" aller Guten, kommandierte – in der Ebene von Ba­bylon das andere, wo Lu-zifer den "caudillo" oder Häuptling machte ...
War nicht die Anstalt "Morgenstern" ein richtiges Kadet­ten-haus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in "Divisionen", zu geistlich-militärischer Bienséance ehrenhaft waren ange­halten worden, – eine Verbindung von "Steifem Kragen" und "Spani-scher Krause", wenn man so sagen durfte? Die Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp,
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tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krank­heitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setz­te der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zu­sammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, sich im Dienste auszu-zeichnen. ("Insignes esse" hieß es latei­nisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten Generals, des spani-schen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer ge­sunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk "ex supererogatione", über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches ("rebellio­ni carnis") Widerstand leisteten, was eben nicht mehr als Sa­che jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Nei­gungen der Sinnlichkeit, der Eigen – und Weltliebe handel­ten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämp­fend gegen den Feind handeln, "agere contra", angreifen also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidi-gen ("resiste­re"). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Feld­dienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims capitan general, dem preußischen Friedrich und seiner Kriegsregel "Angriff! Angriff!" "Dem Feind in den Hosen gesessen!" "Attaquez donc toujours!"
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims na-mentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blu­te und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zu­rückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war
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es sehr hörens-wert, wie Naphta von kriegerischen Mönch­stypen des Mittelal-ters erzählte, welche, asketisch bis zur Er­schöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Welt­herrschaft des Übernatürli-chen herbeizuführen; von streit­baren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Un­gläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für höch-sten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehor-gelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige Natio­nal – und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun ge­ra-de diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung straf-te. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefüh­len warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Va-terland nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Or-densgenerals namens Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei "eine Pest und der sicherste Tod der christlichen Liebe".
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naph­ta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht al-les unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die An-hänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frie-
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den und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, der amor car­nalis, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten, commodorum corporis, zieh er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligio-sität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krank-heit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weih­nachten hin, während eines Schneespazierganges nach "Platz" und wieder zurück aus solchen Differenzen entwi­ckelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Hö­henfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nunmehr tätig verhielten, wie Naphta und – Settembri­ni, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angele-gentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen haltmachten, eine tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinandersprechende Gruppe bil­deten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und eben­falls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegan­gen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neu­lich ge-storben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Be-
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gräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage einge­gangen war. Requiem aeternam ... Er widmete ihrem Anden­ken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens caritati-ve Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäft-lichen Rot­bein, der überfüllten Zimmermann, dem prahleri-schen Soh­ne Tous les deux', und der qualvollen Natalie von Mallinck­rodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem gan-zen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwie­sen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Aus­nahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz ernstlich ge-storben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa respek-tabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Re­verenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittel­alter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fa-natismus und Ver­zückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stin­kenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und da-nach er­klärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
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Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sag­te er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irr-sinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Men-schenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrit­tenen For-men der humanitären Fürsorge, siegreicher Zu­rückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlichen ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen, und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glück-lichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eige­nen See-lenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wich­tigsten Rechtfer-tigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauern­de Erhaltung von Ar-mut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange mög­lich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt fest­zuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und ei-ne Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich bei­nahe zu gut sei. Denn die Idee vom "heiligen Stande" sowie das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die "christ­liche Reverenz vor dem Elend" geäußert habe, sei ja Schwin­del, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem
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