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ivanov666
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DER ZAUBERBERG
"jüdischer" aussahen als er, und so kam die-ser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Moh-rentyp,
dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erken-nen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig
befun-den werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies
hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem "Zweiten
Pensionat", dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener
waren, in das "Erste" verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von
Dienern ser-viert, und sein Schlafabteil stieß einerseits an das
eines schlesi-schen Grafen von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus
Modena. Er absolvier-te glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, das Zög-lingsleben des Pädagogiums mit dem
des Noviziathauses im be-nachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen
Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früherer fanatischer
Konzeption abgewann. Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des
Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht
fehlte, als von innen her. Die Erziehungsprak-tiken, deren
Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie
zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er
seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte ver-brachte, bei
all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Wi-
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der-sprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn
auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters,
dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an
Einfalt all-täglich die Hölle heiß machte. "Ad haec quid tu?"
fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebe-nen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu
ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange –"ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat". Allein diese "Ruhe" bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen
Abstumpfung des Ei-genlebens und Abtötung zum bloßen
Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimlich äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl
blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn
auf dem Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß
diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen
keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn
am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich
mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der
junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch die "einfachen" Gelübde abgelegt hatte
und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem
Kollegienhau-se des holländischen Falkenburg ab, um sein
theologisches Stu-dium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte
un-ter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte
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gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein
Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt,
schickten sie den not-dürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. In dersel-ben Erziehungsanstalt, deren
Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der
Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur,
daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das sieben-jährige
Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war
dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und
Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft
mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung,
sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste
höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens
nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war
und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur Priester-weihe; und da die Blutung sich
wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu länge-rer Kur hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr –
kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im
Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
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Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr
Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn
in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung
seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen "Dorf" zurückpilgerte, – erfuhr sie gele-gentlich, in Bruchstücken und in Form
zusammenhängender Er-zählungen und fand sie nicht nur
für seine Person hoch merk-würdig, sondern ermunterte auch
Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener
freilich, indem er einschrän-kend in Erinnerung brachte, daß
alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit
sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst
Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäu-me nicht in
den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem ge-meinsamen
Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand
und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim,
der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys
zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflo-hen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum
Treuschwur er-hoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über
das Wesen seines Or-dens unterrichtete; aber offenbar war er
ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinatio-
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nen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp,
wenn er dem ci-devant-oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als
Zivilist und Kind des Frie-dens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande
des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe
verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei
Sinn: in dem der "Askese" sowohl als dem der Rangordnung,
des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich
waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus
Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierregle-ment,
eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußi-sche
Friedrich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spa-nischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta
bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer
Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den "dos banderas", von den "zwei Fahnen", um welche die Heere sich zum
großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in
der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der "capitan
general" aller Guten, kommandierte – in der Ebene von Babylon das andere, wo Lu-zifer den "caudillo" oder Häuptling
machte ...
War nicht die Anstalt "Morgenstern" ein richtiges Kadetten-haus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in "Divisionen",
zu geistlich-militärischer Bienséance ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von "Steifem Kragen" und
"Spani-scher Krause", wenn man so sagen durfte? Die Idee
der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so
glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp,
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tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren,
sich im Dienste auszu-zeichnen. ("Insignes esse" hieß es lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und
ersten Generals, des spani-schen Loyola, taten sie mehr, taten
herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr
Werk "ex supererogatione", über Gebühr, nämlich indem sie
nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches ("rebellioni carnis") Widerstand leisteten, was eben nicht mehr als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes
war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der Sinnlichkeit, der Eigen – und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, "agere contra", angreifen also,
war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidi-gen ("resistere"). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war
da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims capitan general,
dem preußischen Friedrich und seiner Kriegsregel "Angriff!
Angriff!" "Dem Feind in den Hosen gesessen!" "Attaquez donc
toujours!"
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims
na-mentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden
und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war
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es sehr hörens-wert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelal-ters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes
nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürli-chen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten
und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für
kein Verbrechen, sondern für höch-sten Ruhm. Nur gut,
wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab
sonst nur wieder den störenden Drehor-gelmann ab und
schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National – und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er
durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun gera-de diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung
straf-te. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit
dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein
einziges, Va-terland nennen und wiederholte schneidend das
Wort eines Or-densgenerals namens Nickel, dahin lautend,
die Vaterlandsliebe sei "eine Pest und der sicherste Tod der
christlichen Liebe".
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff
er nicht al-les unter diesem Wort, was alles lief nicht nach
seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider!
Nicht nur die An-hänglichkeit an Familie und Heimat tat
das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben
machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frie-
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den und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, der amor carnalis, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten,
commodorum corporis, zieh er ihn zänkisch und nannte es
ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligio-sität, auf
Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu
legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und
Krank-heit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines Schneespazierganges nach
"Platz" und wieder zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta,
Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich,
zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie
sich nunmehr tätig verhielten, wie Naphta und – Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen
das Gespräch begleitend, alle mit so angele-gentlichem Eifer,
daß sie oft selbstvergessen haltmachten, eine tief beschäftigte,
gestikulierende und durcheinandersprechende Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde
Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren
ausschweifenden Erörterungen lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich ge-storben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer
plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt;
sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich
teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Be-
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gräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte
gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte,
und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der
schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage eingegangen war. Requiem aeternam ... Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf
brachte, sich spöttisch über Hansens caritati-ve Betätigung,
seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäft-lichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem prahleri-schen Sohne Tous les deux', und der qualvollen Natalie von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren
Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem
gan-zen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die
Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja
auch ganz ernstlich ge-storben seien, worauf Settembrini
fragte, ob das sie etwa respek-tabler mache. Es gebe aber doch
etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini
ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen
Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fa-natismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu
mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie
sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser
ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und da-nach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
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Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das
physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse
Irr-sinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger
Men-schenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann
wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen For-men der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform
nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen
Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlichen ehrbaren Dingen, antwortete
Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen,
aber wenig gedient gewesen, und zwar beiden Teilen nicht:
den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und
Glück-lichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen See-lenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten.
Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfer-tigungsmittels verlustig gegangen, jene aber
ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Ar-mut und Krankheit im Interesse beider
Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und
ei-ne Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. Denn die Idee vom "heiligen Stande" sowie
das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die "christliche Reverenz vor dem Elend" geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem
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