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DER ZAUBERBERG
psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem
Kranken entge-genbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden
gegebenenfalls solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in
hohem Grade übertrie-ben, es komme den Kranken gar nicht
zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk – und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem
Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei
gleichsam ein Gesunder, der die Qua-len eines Kranken zu
tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben
ein Kranker, mit der Natur und der modi-fizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit richte sich ih-ren Mann
schon so zu, daß sie miteinander auskommen könn-ten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gna-dennarkosen, geistige und moralische Anpassungs – und Er-leichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiverwei-se
in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies
Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem
Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig vereh-rende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein
Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er
ihn viel zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlich-keiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok?
Da dan-ke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf
und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder,
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und er ver-bat sich jede Mißachtung dessen, was er damals
durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn
Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit
einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst.
Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen
und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen,
sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter
der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne
sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine Ei ja, ei ja! sagte
Herr Settembrini. Herrn Ferges Kollaps wer-de ja immer
großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und
nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den
Kopf Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf
Be-wunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und
nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich
dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und
Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe,
das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrank-heiten denken, an Halluzinationen
zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der
Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre
das für den betreffenden Herrn schlechthin Ungeheuerli-
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ches, ein im höchsten Grade erschüt-terndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre
machen und ihn bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu
räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder
etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das
gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls
es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern
krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit
Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die
Er-scheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei,
und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben
die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diesen bedeute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei
der Phanta-siefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von
dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die
erregte Lau-ne, um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten
und überhaupt aller pazzi des weiteren zu erörtern und zu
vertreten: diese Leu-te, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt
viel durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand,
ihre Tollheit zu steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern ge-sehen. Denn wenn der Arzt
oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der
Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und
Fuchteln ein und benehme sich anständig, so-lange er sich
beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen.
Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zwei-fellos
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in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor gro-ßem
Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur
gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes
zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber
könnte sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe
schon man-chen Narren einzig und allein durch seinen Blick,
dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher
Vernunft entge-gengesetzt habe, wenigstens vorübergehend
zur Klarheit ange-halten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart ge-lächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger
Vernunft ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der
arme Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die
Ehre geben müs-sen, wenn er natürlich auch wohl Herrn
Settembrinis Erschei-nen als höchst unwillkommene Störung
empfunden haben wer-de .. . Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem
"Unruhigen Hause" einer sol-chen, und da hatten Szenen
und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott,
Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum verfangen haben wür-de: Dantische Szenen,
groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren
im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und
des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend,
andere mit erhobenen Armen und klaffen-den Mündern ein
Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredien-zien der Hölle
sich gemischt hatten ...
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"Aha", sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes
Gelächter in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte vollständig einpacken können vor den Geschichten des "Unruhigen Hauses", auf welche der Schauder religiöser Ehr-furcht denn doch eine menschlichere Rückwirkung
gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die
unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu
be-schäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte
das laufen-de Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn
Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den Huma-nisten bestimmten, der Gesundheit
grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst
zu entehren und zu verklei-nern, – in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkens-werte und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja
krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine
Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, er-gab sich aus
einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die ge-rechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Ernied-rigung – in statu degradationis – befunden hätte. Denn
unsterb-lich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Ab-
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scheulichkeit an-heimgefallen, sterblich und verweslich,
nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu
betrachten und nur geeig-net, das Gefühl der Scham und
Verwirrung, pudoris et confusio-nis sensum, wie der heilige
Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich
auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr
Settembrini, die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf
gewor-fen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus
der reli-giösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers
machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Lei-besblüte eine irreführende und das
Gewissen beleidigende Er-scheinung war, welche durch tiefe
Erniedrigung vor der Brest-haftigkeit zu verleugnen man äußerst guttat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer
wird mich befreien aus dem Kör-per dieses Todes? Das war
die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer
Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt,
der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht
erschie-nen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug er-
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halten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf
schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig
zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den
wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts wei-ter als für den Vorhang zwischen uns und
der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes "Menschheit" endgültig
verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen
aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte,
bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des
Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen
gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen
wußte, Naphta in ei-nem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien
mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich nicht aneinan-der, sondern an Hans Castorp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug
und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte
oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwi-schen sich, und
er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen,
bald dem anderen zu oder machte, stehen blei-bend, den
Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Ei-genes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes
Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann
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hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bilde-ten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang
die Debatte auf dringlichere Gegenstände ab, behandelte
rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme aller die Pro-bleme der Feuerbestattung, der körperlichen
Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand
Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die
Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es
überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren
Worten und unter Anru-fung der Menschenwürde gegen
dies wüste Verfahren aus-sprach, in der Pädagogik sowohl wie
nun gar in der Rechtspfle-ge, – während es zwar ebenfalls
nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse
düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im
Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu
sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu
versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange.
Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders
Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf.
Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von
Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch "ihre Seel",
wie es-in der Legende hieß, "entzuckt" worden war, "bis in
den dritten Chor", und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die
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zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um
das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch,
unmenschlich nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der
Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist
der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich
Natur war – na-türlich Natur, das war auch nicht schlecht! –
und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man
sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war
es dann aber nur folge-recht, den Körper dementsprechend
zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch böse be-zeichnen könnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn er da-mals, als die
Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst
empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klas-
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sen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Reitstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn
nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht
halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, ei-nem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Ober-schenkel und die nur mit Strümpfen
bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh getan, infam, unvergeßlich, gera-dezu mystisch, unter schändlich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so
hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort entschul-digen – , und
Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern
bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raub-mörder wie
kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte
Naphta mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbre-cher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und
Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am
Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische
Halbheit, ein Kom-promiß, und Herr Settembrini, obgleich er
ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte,
wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer,
die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in
dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten Absolutis-mus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und neu herauf-ziehenden, weniger
weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu ma-chen, Ideen der
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