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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entge-genbringe und das er bis zur Ehrfurcht steige­re, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalls solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrie-ben, es komme den Kranken gar nicht zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk – und Phanta­siefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qua-len eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur und der modi-fizierten Erlebnis­art eines solchen; die Krankheit richte sich ih-ren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen könn-ten, es ge­be da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gna-dennar­kosen, geistige und moralische Anpassungs – und Er-leichte­rungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiverwei-se in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, sei­ner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig ver­eh-rende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr ge­sund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidig­te den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektier­lich-keiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? Da dan-ke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder,
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und er ver-bat sich jede Mißachtung dessen, was er damals durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versiche­rungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon die­ses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzel­hölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohn­machten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine Ei ja, ei ja! sagte Herr Settembrini. Herrn Ferges Kollaps wer-de ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Be-wunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philo­sophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur ein­mal an die Geisteskrank-heiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Däm­merung seinen verstorbenen Vater in einer Zimmerecke er­blicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden Herrn schlechthin Ungeheuerli-
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ches, ein im höchsten Grade erschüt-terndes und verstören­des Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die Er-scheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diesen be­deute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der Phanta-siefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, ob­gleich er gekränkt war durch Geringschätzung seines infer­nalischen Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Lau-ne, um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt aller pazzi des weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leu-te, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihre Tollheit zu steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Be­suchen in Narrenspitälern ge-sehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, so-lange er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zwei-fellos
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in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor gro-ßem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon man-chen Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entge-gengesetzt habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit ange-halten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuer­te, Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wol­len. Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurr­bart ge-lächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre geben müs-sen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis Erschei-nen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben wer-de .. . Aber auch Naphta hatte Irrenan­stalten besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem "Unruhigen Hause" einer sol-chen, und da hatten Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Ein­fluß wohl kaum verfangen haben wür-de: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffen-den Mündern ein Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredien-zien der Hölle sich gemischt hatten ...
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"Aha", sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnap­pen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Päda­gogik hätte vollständig einpacken können vor den Geschich­ten des "Unruhigen Hauses", auf welche der Schauder religi­öser Ehr-furcht denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomo­nis hier dem Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu be-schäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder ver­lieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegen­heit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das laufen-de Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tenden­zen, die den Huma-nisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verklei-nern, – in welcher Stellungnah­me allerdings eine bemerkens-werte und fast löbliche Selbst­entäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, er-gab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die ge-rechtfer­tigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in sei­nem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Er­nied-rigung – in statu degradationis – befunden hätte. Denn unsterb-lich erschaffen, war er vermöge der Verschlimme­rung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Ab-
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scheulichkeit an-heimgefallen, sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten und nur geeig-net, das Gefühl der Scham und Verwirrung, pudoris et confusio-nis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf gewor-fen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu ver­mengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christ­liche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der reli-giösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischli­chen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, son­dern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der See­le auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erwecken­de Weise, – während Lei-besblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Er-scheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Brest-haftigkeit zu verleugnen man äu­ßerst guttat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer wird mich befreien aus dem Kör-per dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settemb­rinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschie-nen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Per­son, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug er-
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halten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewe­be für nichts wei-ter als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settem­brini ihm den Gebrauch des Wortes "Menschheit" endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche be­streute Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, de­ren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in ei-nem schwarzen, fußlangen und hochge­schlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und au­ßen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters ge­schah, daß sie sich nicht aneinan-der, sondern an Hans Cas­torp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwi-schen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen blei-bend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im ge­fütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Ei-ge­nes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann
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hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bil­de-ten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf dringlichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme al­ler die Pro-bleme der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anru-fung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aus-sprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspfle-ge, – während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zu­gunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Men­schenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu sau­gen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durch­aus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zu­rückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch "ihre Seel", wie es-in der Legende hieß, "entzuckt" worden war, "bis in den dritten Chor", und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die
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zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Woll­te man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, de­nen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie über­haupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch, unmenschlich nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirk­licher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Uner­schütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzuge­ben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörper­te, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – na-türlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Ver­nunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kennt­nisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folge-recht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedei­hen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal et­was riskierte, als mystisch böse be-zeichnen könnte. Viel­leicht, daß Herr Settembrini, wenn er da-mals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fort­schrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisa­beth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, er­zählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klas-
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sen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Reit­stöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler ein­mal geprügelt worden, ei-nem großen Flegel, mit dem biegsa­men Stock auf die Ober-schenkel und die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh ge­tan, infam, unvergeßlich, gera-dezu mystisch, unter schänd­lich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Weh­sal mochte freundlichst das Wort entschul-digen – , und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raub-mörder wie kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Hän­den bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verb­re-cher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kom-promiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schön­heit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätse­poche, einem aufgeklärten Absolutis-mus des Ich, der im Be­griffe war, abzusterben und neu herauf-ziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu ma-chen, Ideen der
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