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ivanov666
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Файл:Der Zauberberg. Vol. 2
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DER ZAUBERBERG
blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach
achttägigem Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen werde, nach dem Frühstück
keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und sich dann
nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, waa-gerecht ins
Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor auf-zusuchen.
Und diese erschreckende Wahrnehmung war der un-mittelbare Grund seiner Flucht gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebe-nen Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann
machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen
dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete
für das Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für
ihn aber die volle Frei-heit, vor welcher sein Herz nachgerade
nicht mehr erbebte.
OPERATIONES SPIRITUELLES
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe
der ga-lizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er
mit Ach-tung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu
sein, um wohlwol-lend darüber urteilen zu können, war dort
schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden,
der Handwerker und Ge-schäftsmann war. Nicht eben Leos
Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher
Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von
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ihm bevollmächtigt, schlachtba-res Vieh nach dem Gesetze
Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte
Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller
Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Prie-sterliches
in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttie-ren
in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Denn Leo,
oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf dem Hof mit Hilfe eines
ge-waltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem
jüdi-schem Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien,
seines ri-tuellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte
und gekne-belte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend
des Halswir-bels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln
auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und
dem Sohn des sternäugi-gen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule
oder eines Beiles bewußtlos zu ma-chen, bevor sie es töteten,
und daß diese Vorschrift ihnen gege-ben war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater,
obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu
sternäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Ge-setz handelte,
indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlacht-
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schnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methock' jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit
bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre
er-wiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidlosigkeit im
Brau-che des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit
verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phanta-sie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes
mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah
wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem
brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder
auch sein eigener jüdi-scher Knecht daran finden mochten,
erwählt hatte, sondern gei-stigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein
Kriti-ker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze
disputier-te und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der
Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen,
hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr
wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen
aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte
und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßi-ges haftete ihm an, etwas von
einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist
Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen
geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie gewag-ten Frömmigkeit, bei wel-
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chem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war
sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervor-gerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt,
hatte man ihn an der Tür seines brennen-den Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig
und bettlägerig, mit ihren Rindern, dem Knaben Leib und
seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erho-benen Armen
schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die
geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur
Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder
die Volks-schule besuchten. Wenn aber die geistigen Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen
von Leos Ge-schwistern hatten genügen mögen, so war, was
ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall
gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen
außerordentlichen Ver-stand geerbt, Geistesgaben, die sich
früh mit hoffärtigen In-stinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vorneh-meren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der
Vierzehn – und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu
verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt.
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Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkeln-de Mutter veranlaßten, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen
und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein
Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht
die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und
ge-lehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprach-unterricht, seinen logischen mit mathematischer Anleitung sät-tigte. Dafür aber hatte der gute Mann
recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je
mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt
hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so
ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen
Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Auf-sässigkeit, der Krittel –
und Zweifelsucht, dem Widerspruchs-geist, der schneidenden
Dialektik des jungen Leo das Erdenk-lichste zu leiden. Hinzu
kam, daß Leos Spitzfindigkeit und gei-stiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge ange-nommen hatten: die
Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozial-demokratischen
Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massen-helden selbst
hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Rich-tung gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die
eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen
und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den
Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von
dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers
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ver-wiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der
Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank
in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer
Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man
einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über
sein Ge-schick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied
des Lehr-körpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt "Morgen-stern", neben ihm Platz nahm, seinen Hut
neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über
das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier
eine Unterhaltung be-gann, die sich sehr lebhaft entwickelte
und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit,
ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog
aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer,
horchte auf bei den er-sten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe und ge-quälte Geistigkeit wehte ihn
daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und
eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene
Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen "Ka-pital" Leo Naphta in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel,
von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges
Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem
Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Ab-sicht, – er nannte
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Hegel einen "katholischen" Denker; und auf die lächelnde
Frage des Paters, wie das begründet werden kön-ne, da doch
Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht ei-gentlich
und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort "Staatsphilosoph" bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen
Sinn mit seiner Behauptung von Hegel s Katholizität im
Rechte sei. Denn (diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in
seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern
blitzten auf, jedes-mal, wenn er sie einfügen konnte), denn
der Begriff des Politi-schen sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles
Objektive, Werkhafte, Täti-ge, Verwirklichende, ins Äußere
Wirkende umfasse. Ihr gegen-über stehe die pietistische, aus
der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische
Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung
habe dieser Orden immer als seine Domäne betrachtet. Und
er nannte noch Goethe, der, im Pietis-mus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe,
nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja
beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er
daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem
Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der
schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen,
wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheits-
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wert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit,
von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen,
Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt
gewesen, und die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden der Stella matutina betreten
dür-fen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine
Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese
Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert
worden, weit besser auf-gelegt, als der vormalige, sein Wesen
zu schätzen und zu för-dern, ein Meister, dessen Güte, kühl
ihrer Natur nach, auf Welt-läufigkeit beruhte, und in dessen
Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich
vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich
Revolutionär und Aristokrat; So-zialist – und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste
Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die
römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme
und geistige, das heißt antimaterielle, gegenwirkliche und gegen-weltliche, als revolutionäre Macht empfand. Und diese
Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mit-te;
denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum
kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre
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weit nä-her, war ihr ungleich verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur
römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren
Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsge-meinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf
die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das
gesetzliche Unter-scheidungsalter ja längst erreicht hatte,
zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß
sein "Entdecker" sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen unge-wöhnlichen Kopf für die Welt
seines Bekenntnisses zu gewin-nen. Schon bevor er die Taufe
empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der "Stella"
vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, in-dem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armen-pflege und
einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Be-gabung
gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert
Zög-linge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule
und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik.
Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner
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Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner
Geistigkeit und Wohlgepflegt-heit, der Genauigkeit seiner
abwechslungsreichen Tageseintei-lung schmeichelte es Leos
tiefsten Instinkten. Er war überglück-lich. Er erhielt seine
vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo
Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt,
und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf ho-hem Katheder
sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim
Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot
er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann
zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäg-lich die Frühmesse
hörte und sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die
Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesell-schaftliche Haltung
befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach
dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in
Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen per-sönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde.
Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm,
schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er
ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von
Paketen mit Lebensmit-teln und Leckereien war allgemein
verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch
Leo erhielt davon. Der Kosmo-politismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es
waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die
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