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Der Zauberberg. Vol. 2

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DER ZAUBERBERG
blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurück­kehrte, es ihm eine gute Weile dort unten völlig falsch, unna­türlich und unerlaubt scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, waa-gerecht ins Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor auf-zusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung war der un-mittel­bare Grund seiner Flucht gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengeblie­be-nen Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehl­schlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die volle Frei-heit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr erbebte.
OPERATIONES SPIRITUELLES
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der ga-lizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Ach-tung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ur­sprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um wohlwol-lend darüber urteilen zu können, war dort schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Be­ruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Ge-schäftsmann war. Nicht eben Leos Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von
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ihm bevollmächtigt, schlachtba-res Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilde­rung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Prie-sterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran er­innert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttie-ren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Denn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hat­te zusehen dürfen, wie der Vater auf dem Hof mit Hilfe eines ge-waltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdi-schem Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit sei­nem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines ri-tuellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und gekne-belte, aber nicht betäubte Tier das große Scha­chotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswir-bels traf, während der Knecht das hervorbre­chende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufge­nommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugi-gen Elia in besonderem Maße zu ei­gen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Flei­scher gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu ma-chen, bevor sie es töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gege-ben war, damit Tierquä­lerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu sternäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Ge-setz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlacht-
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schnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hin­sank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methock' jener plum­pen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre er-wiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidlosigkeit im Brau-che des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in sei­ner Phanta-sie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdi-scher Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern gei-stigerweise und, bei zarter Leibes­beschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer ge­wesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kriti-ker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputier-te und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Et­was sektiererisch Unregelmäßi-ges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bö­sem Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben die­ser Nimbus einer irgendwie gewag-ten Frömmigkeit, bei wel-
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chem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volks­bewegung und Wutpanik, hervor-gerufen durch den unauf­geklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckli­che Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines brennen-den Hauses hän­gend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Rindern, dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erho-benen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinne­rei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solan­ge ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder die Volks-schule besuchten. Wenn aber die geistigen Darrei­chungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von Leos Ge-schwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrank­heit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Ver-stand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen In-stinkten, höherem Ehrgeiz, bohren­der Sehnsucht nach vorneh-meren Daseinsformen verban­den und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaft­lich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn – und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und ungedul­dige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt.
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Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkeln-de Mut­ter veranlaßten, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und ge-lehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler mach­te und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassi­schem Sprach-unterricht, seinen logischen mit mathemati­scher Anleitung sät-tigte. Dafür aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibe­reien, die sich immer verschärften, und der redliche Schrift­gelehrte hatte unter der geistigen Auf-sässigkeit, der Krittel – und Zweifelsucht, dem Widerspruchs-geist, der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenk-lichste zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und gei-stiges Wühlertum neu­estens ein revolutionäres Gepräge ange-nommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozial-demokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massen-helden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logi­schen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Rich-tung ge­geben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers
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ver-wiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als sei­ne Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertin­ger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal ge­noß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Ge-schick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehr-körpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, ge­nannt "Morgen-stern", neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung be-gann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den er-sten höhnisch klar artikulierten Sät­zen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen be­antwortete. Eine scharfe und ge-quälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wur­de. Man sprach von Marx, dessen "Ka-pital" Leo Naphta in ei­ner Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Ab-sicht, – er nannte
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Hegel einen "katholischen" Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden kön-ne, da doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht ei-gentlich und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: ge­rade das Wort "Staatsphilosoph" bekräftige, daß er im religiö­sen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegel s Katholizität im Rechte sei. Denn (diese Konjunktion liebte Naphta ganz be­sonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedes-mal, wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politi-schen sei mit dem des Katholischen psy­chologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Täti-ge, Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegen-über stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesu­itentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domäne betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietis-mus wurzelnd und ge­wiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitsleh­re. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheits-
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wert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung hatte mit der Aufforderung Un­terpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besu­chen.
So hatte Naphta den Boden der Stella matutina betreten dür-fen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich an­spruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser auf-gelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und zu för-dern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf Welt-läufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; So-zialist – und zugleich beses­sen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließli­chen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theolo­gen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analy­tisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt antimaterielle, gegenwirkliche und ge­gen-weltliche, als revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mit-te; denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialis­mus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre
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weit nä-her, war ihr ungleich verwandter, als der Protestan­tismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjekti­vität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religi­onsge-meinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Ver­langen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unter-scheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein "Entdecker" sich jeder Mühe überhoben sah, diese See­le, oder vielmehr diesen unge-wöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewin-nen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der "Stella" vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung ge­funden. Er war dorthin übergesiedelt, in-dem er seine jünge­ren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unemp­findlichkeit des Geistesaristokraten der Armen-pflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Be-gabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläu­fig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zög-linge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weide­land, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Ge­bäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zu­gleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner
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Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegt-heit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseintei-lung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglück-lich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf ho-hem Katheder sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäg-lich die Frühmesse hörte und sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesell-schaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grü­ner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Scho­nung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, sei­nen per-sönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Auf­merksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmit-teln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmo-politismus der Anstalt verhin­derte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die
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