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Немецкие сказки тексты и упражнения. Deutsche Märchen ein Text- und Übungsbuch

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Das Osterhasenfell

Bewunderung die Beute. Doch noch war eine große Arbeit zu tun. Die Eier mußten gefärbt und für die Kinder am Ostermorgen versteckt werden. Auch das hatte Purzel allein auszuführen. Die andern fürchteten nämlich, daß der Großbauer Schluckebier und der Wolfshund sich bald auf die Suche nach den geraubten Eiern machen würden. Deshalb drängten sie Purzel, daß es sich schleunigst mit den Eiern aus dem Bau entferne.

Purzel nahm sein Säckchen mit den Eiern auf den Rücken und zog wieder allein seines Wegs. Es schlug jetzt eine dem Hof des Großbauern entgegengesetzte Richtung ein. Es stieg den Berg hinan zum Holzfäller Feuerriegel, der fünf kleine Kinder, aber wenig Geld und Nahrung besaß. Die Familie Feuerriegel wohnte hoch oben am Rande einer Schlucht, am „Höllsteig“. Dort standen dunkelgrüne Tannen, dort wuchsen Wacholdersträucher und Heidekrautbüsche. Dort wollte Purzel die Eier für die Kinder des Holzfällers verstecken.

Zuvor aber mußten sie gefärbt werden. Woher nur die Farbe nehmen? Denn das stand für Purzel fest: toll bunt mußten die Eier werden — blau, rot, gelb und grün, richtige Ostereier! So wollte es Purzel. Und was Purzel wollte, das mußte geschehen! Das war sein Osterhasengesetz!

Purzel hopste über die Wiesen. Es war noch früh am Morgen. Das Osterhäschen setzte sich auf sein Stummelschwänzchen und dachte nach.

„Was hast du, Purzel?“ fragte vor ihm eine große blaue Glockenblume. „Bist du traurig?“

„Ich brauche für meine Ostereier solch blaue Farbe wie das Blau deiner Blüten“, antwortete Purzel.

„Weil du‘s bist, Purzel“, nickte die Glockenblume. „Trinke meinen Tau, aber küsse mich dabei recht fest, so wirst du im Tau die Farbe meiner Blüte haben.“

Purzel nahm die Glockenblume recht zart zwischen seine Pfötchen und küßte sie lange. Da ward der Tau in dem Blütenkelch der Glocke tiefblau, und Purzel bemalte mit ihm drei seiner Ostereier.

„Dank dir, liebe Glockenblume!“ sagte Purzel. „Aber woher nehme ich jetzt die rote Farbe?“

„Komm zu mir! Komm zu mir!“ rief es von einem Feld her. Da stand in der Sonne ein erster junger Mohn. „Schau mich mit deinen Augen an,

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Kunstmärchen

recht fest und recht lange! In deinen Augen strahlt die Sonne doppelt stark wider, und ich liebe so die Sonne!“

Purzel richtete seine Augen auf den jungen Mohn, ganz nahe senkte es seine Augen auf ihn. Da begann es aus dem Mohn wie rotes Blut zu tropfen. Und Purzel färbte fünf seiner Ostereier blutrot.

Am Bachrand standen die goldgelben, fetten Dotterblumen. Sie quollen über vor Saft. Purzel brauchte sie bloß an sich zu drücken, und sie ließen so viel goldgelbe Farbe, daß es noch fünf Ostereier in Goldgelb tauchen konnte. Die letzten zwei Eier aber färbte Purzel grün, indem es Huflattichblätter kaute und sie mit seiner grünen Zunge beleckte.

Nun war aber unbemerkt folgendes geschehen: Das Häschen Purzel hatte jedesmal, wenn es mit roter, blauer oder gelber Farbe die Eier bestrich, sich die farbigen Pfötchen an seinem Fell abgewischt und zuletzt — als es das Unheil bemerkte — versucht, mit der Zunge die Farben von seinem Fell abzulecken. Aber da seine Zunge von dem Huflattichkauen noch ganz grün war, so kamen zu den roten, blauen und gelben Flecken nun auch noch grüne Placken auf das ehedem so blendendweiße Fell. Das Häschen Purzel sah jetzt selbst wie ein großes, bunt bemaltes Osterei aus.

Einen Augenblick lang war Purzel, als es sich im spiegelnden Bachwasser anschaute, sehr bestürzt über sein Osterhasenfell. Doch was war zu tun? Man mußte schnell die farbigen Ostereier zu der Feuerriegelfamilie hoch oben an die Schlucht bringen und sie für morgen verstecken.

Purzel machte sich auf den Weg. Wieder ging es durch blumige Wiesen. Sie standen voller blauer Glockenblumen, auch der rote Mohn war dazwischengesprenkelt, die weißen Margeriten strahlten aus den grünen Wiesen, die gelben Dotterblumen, die violetten Krokusse und das rosa Wiesenschaumkraut mischten sich darein. Bunt stand die Wiese, bunt war die Welt, und das Häschen Purzel mit seinem Osterhasenfell und dem Sack mit den Ostereiern auf dem Rücken hopste durch diesen bunten Frühlingstag.

Hoch oben an dem „Höllsteig“ bei dem Feuerriegelhaus schlich Purzel vorsichtig zwischen den Wacholdersträuchern einher und begann, die bunten Ostereier zu verstecken: drei unter den Heidekrautbüschen, eines in das blecherne Maul der Regentraufe, zwei bei den Bienenstöcken, eines in einen Puppenkinderwagen, den die kleine Liesel an der Tür hat-

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Das Osterhasenfell

te stehenlassen, zwei legte es leise auf das Fensterbrett, indem es sich auf den Hackklotz stellte, für drei andere scharrte es eine niedliche „Burg“ aus dem Sand und legte sie hinein, nachdem es ringsherum aus abgebissenen Blumen sichtbare „Fähnchen“ gesteckt hatte, damit auch die kleinsten Geschwister sie fänden. Die letzten bunten Eier aber klemmte es zwischen die mächtigen, bemoosten Wurzeln der riesigen Tannen.

Purzel hatte so angestrengt gearbeitet, daß es die wütenden Rufe des Großbauern Schluckebier und das Gebell des Wolfshundes Lux erst hörte, als diese schon fast auf der Höhe des „Höllsteigs“ waren. Purzel sprang dem Abgrund zu; aber die Schlucht war zu breit, und drunten gähnte die schwarze, furchtbare Tiefe. Purzel rannte den Rand der Schlucht entlang, ob sie nicht doch irgendwie schmäler wurde. Jetzt hatten Schluckebier und Lux das Häschen bemerkt. Eine wilde Jagd begann.

Der große Wolfshund konnte Purzel nicht fassen, weil das Häschen im letzten Moment stets einen „Haken“ schlug, so daß Lux viele Meter an ihm vorbeischoß, während Purzel bereits in entgegengesetzter Richtung lief. Dabei verfolgte es die Taktik, immer mehr rückwärts nach dem Wiesengelände und dem Bach zu gelangen. Nach einer halben Stunde wilden Jagens und Fliehens hatte Purzel sein Ziel erreicht, sprang über den kleinen Bach in großem Bogen hinüber, stieg gleich am andern Ufer in das flache Wasser und lief — unter den breiten Huflattichblättern geduckt — im Wasser weiter, einige hundert Meter weiter, bis es das Wiesengelände mit dem hohen Gras und den vielen bunten Blumen erreichte. Dort hopste es ein Stück weit quer hinein in die Wiesen und legte sich mitten unter die blauen Glockenblumen, den roten Mohn und die goldgelben Dotterblumen. Fern klang das zornige Gebell des Wolfshundes Lux, der vergeblich die Spur von Purzel suchte, die sich im Wasser des Baches verloren hatte. Bald hörte man auch das wütende Schimpfen des Großbauern Schluckebier; und nun begann der Wolfshund kläglich zu heulen, offenbar weil sein Herr ihn furchtbar prügelte wegen seiner Unfähigkeit, den kleinen Osterhasen Purzel zu fangen.

Purzel richtete sich vorsichtig zwischen den Blumen und dem Gras auf. Es konnte bemerken, wie der Großbauer mit einem langen Fernglas die Wiesen und Felder absuchte.

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Kunstmärchen

Schnell duckte sich Purzel. Aber dann richtete es sich wieder hoch, nachdem es einen Blick auf sein Fell und die blumigen Wiesen geworfen hatte. Sein buntes Osterhasenfell sah ja genau aus wie ein Teil der Wiese selbst. Auch mit dem schärfsten Fernglas konnte man das bunte Fell des Häschens Purzel nicht von der farbigen Frühlingswiese unterscheiden. Purzel knabberte ein bißchen an dem saftigen Gras, dann legte es sich zwischen die bunten Blumen nieder. Und immer wieder hörte es das klägliche Heulen des Wolfshundes Lux, den sein Herr prügelte, weil er das Häschen nicht hatte packen können.

Purzel spürte einen Augenblick das Heulen des Lux in seinem Herzen, so, als sausten die Schläge auf sein eigenes buntes Fell nieder. Der Wolfshund hatte vor zwei Tagen in der schönen Mondnacht doch seinen Sprüngen, Künsten und Tänzen so nett zugeschaut; er hatte es sich gefallen lassen, daß Purzel ihm seine Osterhasenweisheit ins Ohr flüsterte, er war darüber eingeschlafen, hatte sogar im Schlaf gelächelt und es — Purzel — in den Hühnerstall zu den Eiern gelassen, ohne sich groß als Wachhund aufzuspielen. Offenbar hatte Lux inzwischen alles wieder vergessen, die schöne Mondnacht, die Tänze von Purzel und seine doch so nette Osterhasenweisheit. Sonst hätte er sich nicht von dem rohen Großbauern Schluckebier auf das kleine Häschen Purzel hetzen lassen, um es zu packen, damit Schluckebier es totschlüge. Nein, Lux war und ist ein Kettenhund! Nun muß er die Folgen tragen und sich von seinem Herrn prügeln lassen! Und doch ist Lux — der riesige Wolfshund — eigentlich viel stärker als sein Herr. Er konnte Schluckebier mit einem Sprung niederwerfen und in Stücke reißen! Und dann frei sein! Und dann würde Purzel ihm öfters vortanzen und seine netten Geschichten und Weisheiten aus der Osterhasenwelt erzählen, aus der Welt, die voll ist von Blumen und Farben, von Sonne und Sprüngen in die freie Landschaft, in Wiesen, in stille Wälder mit Sauerklee und Anemonen, in endlose, dunkelblaue Sternennächte, wo man durch das schweigende Land streifen kann nach Herzenlust.

Immer noch heult der geprügelte Wolfshund. Laß ihn heulen! Das Häschen Purzel streckt sich lang und schläft ein, während die warme Sonne über sein buntes Osterhasenfell streicht und die Blumen sich leise diese

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Das Osterhasenfell

neueste Geschichte aus ihrem riesigen, bunten und freien Erdreich zuflüstern... aus jenem Reich, das hundert Schluckebiere, und würden sie mit hundert Wolfshunden jagen, niemals erobern können.

Aufgaben

I

1.Finden Sie im Text Vergleichssätze und analysieren Sie den Gebrauch der Verbformen!

2.Finden Sie konsekutive Nebensätze (Nebensätze der Folge)!

3.Analysieren Sie Funktion und Bedeutung des Verbs „lassen“ in folgenden Sätzen und Wortverbindungen!

Sprich schnell dein letztes Gebet und dann laß dich fressen!

... in einen Puppenkinderwagen, den die kleine Liesel hatte stehenlassen...

Sonst hätte er sich nicht von dem rohen Großbauern Schluckebier auf das kleine Häschen Purzel hetzen lassen...

Nun muß er die Folgen tragen und sich von seinem Herrn prügeln lassen!

Laß ihn heulen!

4.Finden Sie russische Äquivalente für folgende Pflanzennamen!

Huflattich; Wacholderstrauch; Heidekraut; Dotterblume; Wiesenschaumkraut

5. Kommentieren Sie folgende Eigenund Spitznamen der Märchenfiguren!

Purzel; Schluckebier; Gernegroß; weißer Schneeball; Tröpfchen Mondspucke; Feuerriegel

6.Finden Sie im Text Aufzählungen und interpretieren Sie ihre stilistische Funktion!

7.Finden Sie bildhafte Vergleiche und analysieren Sie diese!

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Kunstmärchen

II

1.Erzählen Sie das Märchen nach!

2.Finden Sie Informationen über das Osterfest in Deutschland! Vergleichen Sie deutsche Osterbräuche mit den russischen!

3.Interpretieren Sie die Botschaft des Märchens!

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Märchen vom Korbstuhl

Hermann Hesse, Dichter (02.07.1877–09.08.1962), zunächst Buchhändler, seit 1904 freier Schriftsteller. Hesse frühe Werke spiegeln die Naturinnigkeit der Neuromantik und die psychologische Einfühlung des Impressionismus. Er gestaltete die Konfrontation des ethischen mit dem ästhetischen Menschen („Narziß und Goldmund“), das Streben nach universaler Ganzheit in dem östliche und westliche Weisheit frei vereinenden Alterswerk („Das Glasperlenspiel“). Sein ganzes Prosawerk weist Lyrismen und musikalische Elemente auf. Als Lyriker ist Hesse oft volksliednah. Hesse war auch als Maler, Zeichner und Illustrator seiner eigenen Werke tätig. Hesse erhielt 1946 den Nobelpreis für Literatur.

Märchen vom Korbstuhl

Ein junger Mensch saß in seiner einsamen Mansarde. Er hatte Lust, ein Maler zu werden; aber da war manches recht Schwierige zu überwinden, und fürs erste wohnte er ruhig in seiner Mansarde, wurde etwas älter und hatte sich daran gewöhnt, stundenlang vor einem kleinen Spiegel zu sitzen und versuchsweise sein Selbstbildnis zu zeichnen. Er hatte schon ein ganzes Heft mit solchen Zeichnungen angefüllt, und einige von diesen Zeichnungen hatten ihn sehr befriedigt.

„Dafür, daß ich noch völlig ohne Schulung bin“, sagte er zu sich selbst, „ist dieses Blatt doch eigentlich recht gut gelungen. Und was für eine interessante Falte da neben der Nase. Man sieht, ich habe etwas vom Danker an mir, oder doch so etwas Ähnliches. Ich brauche nur die Mundwinkel ein klein wenig herunterzuziehen, dann gibt es einen so eigenen Ausdruck, direkt schwermütig.“

Nur wenn er die Zeichnungen dann einige Zeit später wieder betrachtete, gefielen sie ihm meistens gar nicht mehr. Das war unangenehm, aber er schloß daraus, daß er Fortschritte mache und immer größere Forderungen an sich selber stelle.

Mir seiner Mansarde und mit den Sachen, die er in seiner Mansarde stehen und liegen hatte, lebte dieser junge Mann nicht ganz im wünschenswertesten und innigsten Verhältnis, doch immerhin auch nicht

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Kunstmärchen

in einem schlechten. Er tat ihnen nicht mehr und nicht weniger Unrecht an, als die meisten Leute tun, er sah sie kaum und kannte sie schlecht.

Wenn ihm wieder ein Selbstbildnis nicht recht gelungen war, dann las er zuweilen in Büchern, aus welchen er erfuhr, wie es anderen Leuten ergangen war, welche gleich ihm als bescheidene und gänzlich unbekannte junge Leute angefangen hatten und dann sehr berühmt geworden waren. Gern las er solche Bücher, und las in ihnen seine eigene Zukunft.

So saß er eines Tages wieder etwas mißmutig und bedrückt zu Hause und las über einen sehr berühmten holländischen Maler. Er las, daß dieser Maler von einer wahren Leidenschaft, ja Raserei besessen gewesen sei, ganz und gar beherrscht von dem einen Drang, ein guter Maler zu werden. Der junge Mann fand, daß er mit diesem holländischen Maler manche Ähnlichkeit habe. Im Weiterlesen entdeckte er alsdann mancherlei, was auf ihn selbst weniger passte. Unter anderem las er, wie jener Holländer bei schlechtem Wetter, wenn man draußen nicht malen konnte, unentwegt und voll Leidenschaft alles, auch das geringste, abgemalt habe, was ihm unter die Augen gekommen sei. So habe er einmal ein altes Paar Holzschuhe gemalt, und ein andermal einen alten, schiefen Stuhl, einen groben, rohen Küchenund Bauernstuhl aus gewöhnlichem Holz, mit einem aus Stroh geflochtenen, ziemlich zerschlissenen Sitz. Diesen Stuhl, welchen gewiß sonst niemals ein Mensch eines Blickes gewürdigt hätte, habe nun der Maler mit so viel Liebe und Treue, mit so viel Leidenschaft und Hingabe gemalt, daß das eines seiner schönsten Bilder geworden sei. Viele schöne und geradezu rührende Worte fand der Schriftsteller über diesen gemalten Strohstuhl zu sagen.

Hier hielt der Lesende inne und besann sich. Da war etwas Neues, was er versuchen mußte. Er beschloß, sofort — denn er war ein junger Mann mit äußerst raschen Entschlüssen — das Beispiel dieses großen Meisters nachzuahmen und einmal diesen Weg zur Größe zu probieren.

Nun blickte er in seiner Dachstube umher und merkte, daß er die Sachen, schwischen — zwischen denen er wohnte, eigentlich noch recht wenig angesehen habe. Einen krummen Stuhl mit einem aus Stroh geflochtenen Sitz fand er nirgends, auch keine Holzschuhe standen da, er war darum einen Augenblick betrübt und mutlos und es ging ihm beinahe

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Märchen vom Korbstuhl

wieder wie schon so oft, wenn er über dem Lesen vom Leben großer Männer den Mut verloren hatte: er fand dann, daß gerade alle die Kleinigkeiten und Fingerzeige und wunderlichen Fügungen, welche im Leben jener anderen eine so schöne Rolle spielten, bei ihm ausblieben und vergebens auf sich warten ließen. Doch raffte er sich bald wieder auf und sah ein, daß es jetzt erst recht seine Aufgabe sei, hartnäckig seinen schweren Weg zum Ruhm zu verfolgen. Er musterte alle Gegenstände in seinem Stübchen und entdeckte einen Korbstuhl, der ihm recht wohl als Modell dienen könnte.

Er zog den Stuhl mit dem Fuß ein wenig näher zu sich, spitzte seinen Künstlerbleistift, nahm das Skizzenbuch auf die Knie und fing an zu zeichnen. Ein paar leise erste Striche schienen ihm die Form genügend anzudeuten, und nun zog er rasch und kräftig aus und hieb mit ein paar Strichen dick die Umrisse hin. Ein tiefer, dreieckiger Schatten in einer Ecke lockte ihn, er gab ihn kraftvoll an, und so fuhr er fort, bis irgend etwas ihn zu stören begann.

Er machte noch eine kleine Weile weiter, dann hielt er das Heft von sich weg und sah seine Zeichnung prüfend an. Da sah er, daß der Korbstuhl stark verzeichnet war.

Zornig riß er eine neue Linie hinein und heftete dann den Blick grimmig auf den Stuhl. Es stimmte nicht. Das machte ihn böse.

„Du Satan von einem Korbstuhl“, rief er heftig, „so ein launisches Vieh habe ich doch noch nie gesehen!“

Der Stuhl knackte ein wenig und sagte gleichmütig: „Ja, sieh mich nur an! Ich bin, wie ich bin, und werde mich nicht mehr ändern.“

Der Maler stieß ihn mit der Fußspitze an. Da wich der Stuhl zurück und sah jetzt wieder ganz anders aus.

„Dummer Kerl von einem Stuhl“, rief der Jüngling, „an dir ist ja alles krumm und schief“. — Der Korbstuhl lächelte ein wenig und sagte sanft: „Das nennt man Perspektive, junger Herr.“

Da sprang der Jüngling auf. „Perspektive!“ schrie er wütend. „Jetzt kommt dieser Bengel von einem Stuhl und will den Schulmeister spielen! Die Perspektive ist meine Angelegenheit, nicht deine, merke dir das!“

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Kunstmärchen

Da sagte der Stuhl nichts mehr. Der Maler ging einige Male heftig auf und ab, bis von unten her mit einem Stock zornig gegen seinen Fußboden geklopft wurde. Dort unten wohnte ein älterer Mann, ein Gelehrter, der keinen Lärm vertrug.

Er setzte sich und nahm sein letztes Selbstbildnis wieder vor. Aber es gefiel ihm nicht. Er fand, daß er in Wirklichkeit hübscher und interessanter aussehe, und das war die Wahrheit.

Nun wollte er in seinem Buche weiterlesen. Aber da stand noch mehr von jenem holländischen Strohsessel und das ärgerte ihn. Er fand, daß man von jenem Sessel doch wirklich reichlich viel Lärm mache, und überhaupt...

Der junge Mann suchte seinen Künstlerhut und beschloß, ein wenig auszugehen. Er erinnerte sich, daß ihm schon vor längerer Zeit einmal das Unbefriedigende der Malerei aufgefallen war. Man hatte da nichts als Plage und Enttäuschungen, und schließlich konnte ja auch der beste Maler der Welt bloß die simple Oberfläche der Dinge darstellen. Für einen Menschen, der das Tiefe liebte, war das am Ende kein Beruf. Und er faßte wieder, wie schon mehrmals, ernstlich den Gedanken ins Auge, doch noch einer früheren Neigung zu folgen und lieber Schriftsteller zu werden. Der Korbstuhl blieb allein in der Mansarde zurück. Es tat ihm leid, daß sein junger Herr schon gegengen war. Er hatte gehofft, es werde sich nun endlich einmal ein ordentliches Verhältnis zwischen ihnen anspinnen. Er hätte recht gern zuweilen ein Wort gesprochen, und er wußte, daß er einen jungen Menschen wohl manches Wertvolle zu lehren haben würde. Aber es wurde leider nichts daraus.

Aufgaben

I

1.Schreiben Sie aus dem Text Wörter und Wendungen heraus, die mit der Malerei verbunden sind!

2.Erklären Sie die Bedeutung der Wörter „Leidenschaft“ und „Raserei“! Führen Sie Beispiele mit diesen Substantiven an!

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