Немецкие сказки тексты и упражнения. Deutsche Märchen ein Text- und Übungsbuch
.pdfGroßmutters Märchen
Georg Büchner „Woyzeck“, Dramatiker, Erzähler, Publizist, 17.10.1813– 19.02.1837. Mit seinen Hauptwerken nimmt er als Vorläufer von Naturalismus und Expressionismus eine singuläre Stellung in der deutschen Literatur des 19. Jh. ein. „Woyzeck“ ist die Tragödie des kleinen Mannes mit konzentrierter Sprachgebung für dumpfe kreatürlose Existenz und existentielle Angst. Mit „Woyzeck“ schuf Büchner das erste soziale Trauerspiel in Deutschland mit einer plebejischen Gestalt als Protagonisten.
Großmutters Märchen
Großmutter: Kommt, ihr kleine Krabben! — Es war einmal ein arm Kind und hatt kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein, und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.
Aufgaben
I
1.Erklären Sie folgende Wörter aus dem „Märchen“ von Büchner: Neuntöter, Schlehen, Hafen
2.Schreiben Sie Wörter und Wendungen heraus, die das Besondere des Märchens ausmachen!
3.Was zeichnet den Stil von Büchners „Märchen“ aus?
4.Deuten Sie die Bilder und Symbole in Büchners „Märchen“!
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Kunstmärchen
5. Vergleichen Sie das Märchen von Büchner mit dem Märchen „Sterntaler“ von Brüdern Grimm! Wo liegen die Unterschiede beider Märchen nach Inhalt, Sprache und Aussage?
Sterntaler
Es war einmal ein armes kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, es hatte kein Haus mehr, in dem es wohnen, und kein Bett mehr, in dem es schlafen konnte, und nichts mehr auf der Welt, als die Kleider, die es auf dem Leib trug, und ein Stückchen Brod in der Hand, das ihm ein Mitleidiger geschenkt hatte; es war aber gar fromm und gut. Da ging es hinaus, und unterwegs begegnete ihm ein armer Mann, der bat es so sehr um etwas zu essen, da gab es ihm das Stück Brod; dann ging es weiter, da kam ein Kind, und sagte: „es friert mich so an meinem Kopf, schenk mir doch etwas, das ich darum binde“, da thät es seine Mütze ab und gab sie dem Kind. Und als es noch ein bißchen gegangen war, da kam wieder ein Kind, und hatte kein Leibchen an, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin, endlich kam es in Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: es ist dunkle Nacht, da kannst du wohl dein Hemd weggeben, und gab es hin. Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Thaler, und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, hatte es doch eins an, aber vom allerfeinsten Linnen, da sammelte es sich die Thaler hinein und ward reich für sein Lebtag.
II
1.Fertigen Sie eine Nacherzählung der Märchen an!
2.Vergleichen Sie die Intention des Erzählers in beiden Märchen und ihre Botschaft!
3.Erörtern Sie den Unterschied zwischen Einsamkeit und Verlassenheit!
4.Nennen Sie Märchen, in denen das Motiv der Einsamkeit angesprochen wird!
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Das Märchen von den drei Spinnfrauen
Theodor Storm, Dichter, 14.09.1817–04.07.1888. Seine Lyrik, zwischen Spätromantik und Realismus stehend, ist geprägt vom Erlebnis der norddeutschen Landschaft, Unmittelbarkeit des Gefühls und Musikalität der Sprache. In der Folgezeit wandte sich Storm der Novelle zu, die er in Form der lyrisch-sentimentalen Stimmungsnovelle („Immensee“), der handlungsbetonten und psychologisierenden Schocksalsnovelle („Der Schimmelreiter“) bis zur kunstvoll gebauten, sprachlich archaisierenden Chroniknovelle („Aquis submersus“) gestaltete. Storm gilt als einer der bedeutendsten realistischen Erzähler. Wahrhaft volkstümlichen Charakter haben seine Märchen.
Das Märchen von den drei Spinnfrauen
Es war einmal ein Dienstmädchen, die war ebenso schön, als sie ehrbar und fleißig war; auch war sie im Nähen und Stricken und anderer häuslichen Arbeit wohl erfahren, nur spinnen konnte sie nicht. Sie hatte aber einen Freier, der war reich und jung und war gewaltig aufs Spinnrad versessen. Als nun die Hochzeit heranrückte, so kam er eines Sonntags zu ihr und ließ sich zehn Pfund Flachs nachtragen. Er umarmte sie und sprach: „Kannst du diesen Flachs zum feinen Faden verspinnen, dein goldenes Haar würde mir noch einmal so lieb sein. Hast du‘s fertig zum Sonnabend, so soll die Hochzeit sein.“ Dann ging er fort; sie aber wußte sich keinen Rat, wer ihr die große Menge Flachs in so kurzer Zeit verspinnen sollte, und ging hinaus auf den Weg und weinte. Wie sie so eine Strecke gegangen war, kam sie an eine Hütte; als sie die Tür aufgemacht hatte, sah sie drinnen eine Frau am Spinnrad sitzen, die hatte Lippen, die waren so — lang. Das Mädchen erschrak gar heftig vor dieser Gestalt; denn die Alte brummte böse vor sich weg, was sie bei ihr zu suchen habe. Bald aber faßte sie sich einen Mut und sprach: „Ach! liebe Frau, ich sehe, daß Ihr gar tätig und kunstvoll seid; wolltet Ihr mir diesen Flachs nicht verspinnen bis zum Sonnabend der Woche? Ich will Euch gerne das Pfund mit einer baren Mark bezahlen.“ Die Alte besah den Flachs und sagte, das sei unmöglich, soviel Flachs in einer Woche. Da fiel das Mädchen vor ihr auf die Knie
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Kunstmärchen
und erzählte ihr alles und daß sie sonst keinen Mann bekommen würde. Als die Alte das hörte, schlug sie in sich und sagte: „Steh nur auf, Töchterchen, der Flachs soll versponnen werden; aber da muß ich deinen Ehrentag doch mitmachen.“ Das Mädchen ward so froh, daß sie alles versprach, und ging dann ihren Weg wieder nach Haus.
Am Sonnabend hatte sie das schönste Garn im Hause, und als am Sonntage der Bräutigam kam, da freuete er sich über den Faden, der fast so fein war und so golden war als das Haar seiner Braut; aber er ward durch das saubre Gespinste nur immer begieriger und konnte sein Herz nicht zufriedengeben. Daher küßte er seine Braut und sprach: „Noch diese sechzehn Pfund zum nächsten Sonnabend, dann soll die Hochzeit sein.“ Damit ging er fort; die Braut aber ging in Traurigkeit den alten Weg hinaus und ging die erste Hütte vorbei und kam zu einer zweiten. Sie stieß die Tür auf und trat hinein; da saß drinnen eine alte Frau am Spinnrad, die hatte eine Nase, die war wohl eine Elle lang. Marie aber hatte sie mit der Tür an ihre große schöne Nase gestoßen; darüber schrie und schalt die Frau und war ganz braunrot im Gesicht, und die Nase schwoll ihr wie eine Blutwurst. Das Mädchen aber faßte sich einen Mut und erzählte ihr alles, wie es war, und daß sie keinen Mann bekäme, wenn das Garn nicht gesponnen wäre zum Sonnabend der Woche, und bot ihr zwanzig Schilling Spinnerlohn das Pfund. Die Frau besah den Flachs und sagte, es sei unmöglich; aber wenn sie mit auf ihrer Hochzeit tanzen dürfe, so wolle sie es versuchen. Da ward das Mädchen froh und ging heim, und am Sonnabend hatte sie das schönste Garn im Hause, noch ebener, als das erste war. Als aber der Bräutigam am Sonntag zu ihr kam und das saubre Gespinste betrachtete, da wollte er sich noch nicht zufriedengeben, sondern brachte aufs neue zwanzig Pfund und sagte: „Noch dieses bis zum Sonnabend, dann soll gewiß die Hochzeit sein.“
Als er fortgegangen war, blieb das Mädchen in großer Traurigkeit zurück; denn es schien ihr unmöglich, das Verlangte ins Werk zu setzen. Es war aber schon Abend, und die Sterne schienen klar auf die Erde, und als sie so in trüben Gedanken den alten Weg wieder einschlug, da fiel ein Stern vom Himmel, der blieb in ihrer Schürze liegen auf dem Flachs; da dachte sie dran, daß ihre Mutter ihr immer gesagt habe, das bedeute
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Das Märchen von den drei Spinnfrauen
Glück, und als sie etwas weiter gegangen war, da fand sie beim Sternenschein eine Kleevier und steckte sie ans Mieder; und als sie noch etwas weiter gegangen war, da gesellte sich ein schneeweißes Lamm zu ihr, dem ging sie nach, und so kamen beide an eine Hütte; da saß drinnen eine alte freundliche Frau am Spinnrad, die war so breit, daß sie auf drei Stühlen nicht Platz hatte. Die Frau aber fragte das Mädchen, was sie herführe. „Es muß Gottes Schickung sein“, antwortete sie und erzählte ihr alles; und die Frau versprach ihr, das Garn zu spinnen, unter der Bedingung, daß sie mit zur Hochzeit käme. Das Mädchen aber ging frohen Herzens nach Hause, und als nun der Sonntag kam, da zeigte sie dem Bräutigam das Gespinste, das schöner war als alles andre. Da vermochte er der Schönheit des Mädchens nicht länger zu widerstehn und sagte: „Morgen soll die Hochzeit sein“; die Braut aber gedachte mit Angst ihres Versprechens. „Ich habe drei alte Bekannte“, sagte sie, „erlaubt mir, daß ich sie mit zur Hochzeit lade.“ Der Bräutigam aber sagte es ihr willig zu, sie möchte laden, was sie an Freunden und Sippschaft hätte.
Als nun der Tag vorüber war, so war die Hochzeit; da ging‘s lustig her, und waren viel feine und saubre Leute zu Gast, denn der Bräutigam war wohl angesehen. Als nun die Gäste beinahe versammelt waren, so hielten noch drei Kutschen vor der Tür; da kam aus der ersten die mit den breiten Lippen, aus der zweiten die mit der langen Nase, und aus der dritten ... nein, die dritte kam nicht heraus, denn die Kutschentür war zu eng, die mußte mit Stricken herausgezogen werden. Die drei gingen nun in den Hochzeitssaal und pflanzten sich unter den andern Frauen der Reihe nach auf. Die Gäste erstaunten sehr, und der Bräutigam fragte die Braut: „Wie kamst du zu der garstigen Freundschaft?“ Dann ging er zu der ersten und fragte: „Liebe Frau, habt Ihr allzeit solche breite Lippen gehabt?“ — „Ei, mein Söhnchen“, antwortete sie, „wie sollte man nicht breite Lippen haben, wenn man so lange am Spinnrad sitzt und den Faden leckt.“ Darauf ging er zu der andern und fragte: „Liebe Frau, habt Ihr allzeit eine so entsetzlich lange Nase gehabt?“ — „Ei, mein Söhnchen“, antwortete die, „da muß einem die Nase wohl ausschießen, wenn man so lange Jahre sitzt und nickt und tritt das Rad und stößt mit der Nase den Flachs auseinander.“ Endlich ging er auch zur dritten und fragte: „Liebe Frau, seid
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Kunstmärchen
Ihr allzeit so gewaltig breit gewesen?“ — „Ei, mein Söhnchen“, antwortete sie, „da muß man wohl breit werden, wenn man so lange Jahre am Spinnrad sitzen muß.“ Da befiel den Bräutigam auf einmal eine Angst, daß seine Braut wegen des vielen Spinnens auch schon zu solchen Mißgestaltungen ansetzen möchte. Daher nahm er sie schnell in seinen Arm und besah sie von allen Seiten, aber er fand sie noch schlank und schön, daß es eine Freude war. Das Spinnrad aber ließ er heimlich zerschlagen, und war von der Zeit an vom Flachsspinnen nicht mehr die Rede, sondern als die Hochzeit vorüber war, lebten sie ohne Spinnrad in Glück und Freuden, denn wenn er unwirsch war, war sie freundlich.
Aufgaben
I
1.Recherchieren Sie die Bedeutungen des Verbs „spinnen“! Führen Sie Beispiele an!
2.Erklären Sie die Bedeutung der fettgedruckten Wendungen!
•Sie hatte aber einen Freier, der war reich und jung und war gewaltig aufs Spinnrad versessen.
•... sie aber wusste sich keinen Rat, wer ihr die große Menge Flachs in so kurzer Zeit verspinnen sollte...
•Bald aber fasste sie sich einen Mut und sprach...
•Als die Alte das hörte, schlug sie in sich und sagte...
•... aber er ward durch das saubre Gespinste nur immer begieriger und konnte sein Herz nicht zufriedengeben.
•... denn es schien ihr unmöglich das Verlangte ins Werk zu setzen.
3.Finden Sie im Text veraltete Wörter und Formen!
4.Welche sprachlichen Mittel kennzeichnen den Stil des Autors?
II
1.Fertigen Sie eine Nacherzählung des Märchens an!
2.Stellen Sie die typischen Elemente eines Märchens fest!
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Das Märchen von den drei Spinnfrauen
3.Analysieren Sie die traditionellen Motive eines Märchens: die Protagonistin wird auf eine Probe gestellt; sie braucht Helfer. Ziehen Sie Parallelen mit anderen Volksmärchen!
4.Finden Sie im Text volkstümliche Aberglauben als gute Vorzeichen! Vergleichen Sie diese mit der russischen Tradition!
5.Interpretieren Sie das Ende des Märchens! Haben Sie ein solches Ende erwartet?
6.Wodurch unterscheidet sich das Märchen von T. Storm von den Volksmärchen?
7.Arbeiten Sie die Moral das Märchens heraus!
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Kunstmärchen
Friedrich Wolf, Dramatiker, Erzähler, Publizist, Autor von Filmdrehbüchern, Hörspielen und Gedichten, auch Übersetzer, schrieb radikale zeitund sozialkritische Erzählungen und Dramen, 23.12.1888–05.10.1953.
Das Osterhasenfell
Der Frühling war über die Erde gekommen, ein leuchtender, sonniger, bunter Frühling. Die Kinder erwarteten das Osterfest. Für die Osterhasen begannen harte Arbeitstage. Man mußte Ostereier sammeln, sie färben und in den Büschen für die Kinder verstecken.
In der Familie des Osterhasen Weißfell herrschte große Aufregung. Ein Teil der Familie war während des Aprilregens am Schnupfen erkrankt. Der alte Vater Weißfell litt an Rheuma, und das ist für einen Hasen eine besonders peinliche Sache. Mutter Weißfell mußte dem Alten mit Huflattichblättern Kompressen machen. So blieb die ganze Arbeit, die Ostereier zu beschaffen, an dem Jüngsten der Familie Weißfell hängen, an dem Häschen Purzel.
Die Mutter Weißfell war anfangs dagegen, daß Purzel allein die Sache ausführen sollte; denn das Ganze war nicht ungefährlich. Man mußte sich nachts in den Hof des Großbauern Schluckebier schleichen, dort trotz des Hundes die Eier aus dem Nest der Hennen nehmen, sie zum Hasenbau zurückbringen, färben und dann wieder als Ostereier ganz früh am Ostermorgen für die Kinder in einem Garten verstecken.
Der alte Weißfell krümmte sich auf seinem Lager und stöhnte, daß es einen Stein erweichen konnte. Die jungen Hasen husteten, krächzten und niesten, daß abends die Sterne am Himmel zu wackeln begannen. Auch dem Häschen Purzel kratzte es furchtbar im Halse. Aber es haßte die Krankheit. Es wollte einfach nicht krank sein. Und gerade weil die Sache schwierig war, wollte es sie machen... auch ganz allein. Es wollte ins Freie, unter den Sternenhimmel, in die Sonne, zu den Blumen, zu den Farben. Das gefiel ihm sehr.
Und was ihm so sehr gefiel, das wollte es auch tun. Das war doch ganz einfach.
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Das Osterhasenfell
So hopste denn das Häschen Purzel zwei Nächte vor Ostern zu dem Hof des Großbauern Schluckebier. Vor dem Stall lag an einer langen Eisenkette der Wolfshund Lux. Kaum war Purzel im Hof, so fing Lux furchtbar an zu knurren. In diesem Moment trat gerade der Mond aus den Wolken hervor. Purzel stand vor dem riesigen Wolfshund. „Solch eine Frechheit habe ich in meinem langen, zehnjährigen Leben noch nicht gesehen!“ knurrte Lux grimmig. „Da rollt so ein winziges weißes Fellknäuel nachts in meinen Hof! Hoho, auf dich habe ich grade gewartet als Dessert zu meinem Abendessen! Für dich ist grade noch Platz in meinem rechten hohlen Backenzahn“. Dabei drehte der mächtige Wolfshund seine Augen im Kreise herum wie zwei Mühlräder und sperrte sein Maul auf wie ein Scheunentor, in dem die Zähne wie scharfe Sensen blitzten. „Sprich schnell dein letztes Gebet, und dann laß dich fressen!“
„Darf ich wenigstens vorher Ihren werten Namen erfahren, mein Herr?“ sagte Purzel, um Zeit zu gewinnen, während sein Herzchen zum Zerspringen schlug. „Ich stamme nämlich aus guter Familie und möchte doch wissen, von wem ich die Ehre habe gefressen zu werden.“
„Mein Name ist Lux, von Beruf Kettenhund! Und nun genug!“
„Mein Name ist Weißfell, Purzel Weißfell. Mein Beruf besteht in meinen Fähigkeiten: Ich kann hopsen, einen Haken schlagen, Männchen machen, im Mondschein tanzen, Klee fressen, von den Blumen farbigen Tau trinken und vor allem in der Sonne liegen.“
„Hohoho! Hauhauhau!“ heulte der alte Wolfshund da auf. „Hohoho, in der Sonne liegen und farbigen Tau trinken, tanzen und Männchen machen, das ist wohl auch ein Beruf! Wo hast du denn das gelernt?“
„Gelernt?“ fragte Purzel erstaunt. „Gelernt? Ich kann es einfach.“ „Kannst du auch knurren und bellen?“ „Vielleicht. Aber ich will
es nicht. Wenn ich es wollte, würde ich es auch können.“
„Hohoho! Hauhauhau!“ krümmte sich da Lux vor Vergnügen. „Du kleiner Gernegroß, du weißer Schneeball, du Tröpfchen Mondspucke willst bellen können?“
„Sie bedienen sich unfeiner Worte, Herr Lux“, tadelte Purzel den großen Wolfshund. „Solche Worte bin ich von zu Hause nicht gewohnt! Zudem, wie sitzen Sie denn da? Die Zunge herausgehängt wie ein wildes Un-
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Kunstmärchen
tier, die Pfoten vorgestreckt, als gebe es nur Sie allein auf der Welt, und den Rücken gekrümmt, als seien Sie ein uralter Hund von zwanzig Jahren!“
Kaum hatte Lux die letzten Worte gehört, so schloß er sein Maul, zog seine mächtigen Pfoten an seinen Leib und legte sich kerzengerade hin; denn uralt wollte er keinesfalls erscheinen.
„Sie lagen die ganzen letzten Jahre an der Kette“, fuhr Purzel jetzt fort. „Man merkt es an Ihren Manieren! Sie kennen nur Ihren Hof und Ihren Wachtdienst! Aber Sie wissen nicht, was das Leben und die Welt bedeuten, wie man sich außerhalb der Mauern Ihres Hofes gut und leicht bewegen kann. Wollen Sie bitte einen Augenblick herschauen, Herr Lux!“
Und Purzel, das Häschen, hatte schon während der letzten Worte begonnen, sich in den zierlichsten Sprüngen zu bewegen, es hopste in schwungvollen Bögen nach rechts und nach links, es machte die komischsten „Männchen“ auf seinen Hinterpfoten, dann sprang es plötzlich hoch in die Luft und schoß einen Freudensprung, einen Salto mortale, einen „Purzelbaum“ — wobei es exakt wieder auf sein Stummelschwänzchen zu sitzen kam —, einen ganz wunderbaren Purzelbaum! Denn gerade wegen dieser Fähigkeit hieß es ja „Purzel“. Das Ganze sah aus wie ein wilder und doch spielend leichter akrobatischer Tanz, so als wäre eine Silberkugel rasend geworden und tollte da im Mondlicht umher.
Lux, der Wolfshund, war von diesem tollen Spiel und Tanz völlig berauscht. Er schloß ein paarmal die Augen, als traue er sich nicht, länger hinzusehen; dabei brummte er leise: „Aber jetzt mußt du hier vom Hofe weggehen, sonst...“
„Ich muß gar nichts, Herr Lux“, flüsterte Purzel in sein Ohr. „Ich tue stets das, was mir gefällt und was mir und vielleicht auch den andern Freude macht! Das ist das heilige Gesetz der Osterhasen, verstehst du mich?“ Aber der riesige Wolfshund verstand schon gar nichts mehr. Er antwortete nicht, er hatte den Kopf auf seine Pfoten gelegt und schnarchte leise. Seine Oberlippe war hochgezogen, so daß man seine mächtigen weißen Fänge im Maul blinken sah: dennoch schien das nicht schrecklich, viel-
mehr als ob er im Traum lächle.
Purzel hatte in seinem Säckchen fünfzehn blendendweiße Eier nach Hause gebracht. Der alte Weißfell und die ganze Familie besahen voller
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