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Ординатура / Хирургия / Библиотека им академика М.И. Перельмана / Книга_5275_Библиотеки_им_академика_М_И_Перельмана.pdf
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12.10.2026
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☆
mir Kraft und Raum für Gefühle, um sie zuzulassen und auf eine besondere Art
auszudrücken. Ich bekomme dadurch die Möglichkeit, Dinge auch von einem
anderen Blickwinkel aus zu betrachten.
Als mich die Kunsttherapeutin zum ersten Mal besuchte und ihre Utensilien
auspackte, war ich aufgeregt. Die leere Leinwand machte mir Angst. Man bekommt
automatisch Angst davor, einen falschen Strich zu setzen und damit alles zu
versauen. Wie sollte ich da ein schönes Bild hinzaubern? Ich bekam den Tipp, die
Augen zu schließen und als Rechtshänderin einfach mit der linken Hand drauflos zu
malen. Anfangs war das ein befremdliches Gefühl, aber ich tat es einfach, griff nach
den Buntstiften und kritzelte wild drauflos. Dadurch verlor ich die »Angst«, etwas
falsch zu machen und war gespannt, was noch alles passieren würde. Zur Auswahl
standen auch flüssige Gouachefarben. Noch immer hatte ich keine Idee, was für ein
Bild entstehen sollte, also ließ ich mich einfach von den Farben führen. Zum
Auftragen der Farbe bekam ich einen Schwamm. Ich tunkte ihn in die Farbe und ließ
mich überraschen, was auf der Leinwand passieren würde. Ich tupfte und strich
einfach drauflos. Zuerst verwendete ich unterschiedliche Grüntöne. Als Kontrast und
Highlight wählte ich ein strahlendes Gelb, das mich an die Sonne erinnerte. Dazu
wiederum gehörte etwas Blau und Türkis, was mich an den Himmel und das Meer
denken ließ. So kam ein Farbklecks zum anderen, und langsam bekam ich ein
Gefühl dafür, was dem Bild noch fehlte, an welchen Stellen das Gelb noch mehr
strahlen musste und wo ein noch helleres oder dunkleres Grün benötigt wurde.
Irgendwann legte ich den Schwamm zur Seite. Das Bild fühlte sich vollständig an, es
war fertig.
Erstes Bild
Titel: Der Blick von oben
über den Dschungel
Größe: 30cm × 30cm
Mischtechnik: dicke
Stabilostifte und Gouache
auf Leinwand
Nun betrachtete ich das vollendete »Kunstwerk« mit meiner Therapeutin. Während
des Malens musste ich nicht einmal an meine Erkrankung denken. Hatte den Kopf
weitestgehend ausgeschaltet und mich einfach auf dieses Erlebnis eingelassen.
Doch wurde mir jetzt bewusst, dass ich meine ganze Gefühlslage, meine ganze
Erkrankung mit den Ängsten, Unsicherheiten, Ungewissheiten sowie Hoffnungen in
diesem Bild zum Ausdruck gebracht hatte. Ich wählte die Farbe Grün, weil sie meine
Lieblingsfarbe ist. Mit ihr verbinde ich Natur, Pflanzen, Freiheit, Glück, und man sagt
ja auch, sie sei die Farbe der Hoffnung. Das Bild erinnert mich an einen verworrenen
Dschungel, schwer zu durchschauen. Auf meine Erkrankung trifft das auch zu. Der
Krebs ist für mich nicht fassbar und macht mir das Leben und Überleben doch so
schwer. Ich stand schon öfter an einem Punkt, an dem ich nicht wusste, wie und wo
es weitergehen wird. Dunkle Momente! Das Gelb wiederum leuchtet sehr kräftig auf
und strahlt über das ganze Bild. Es wirkt wie die Sonne, nur noch kräftiger. Es bringt
Licht ins Dunkel und ist, aus der Perspektive des Dschungels, ein echter Lichtblick.
Ich sehe darin die Hoffnung, die aus der Ungewissheit und den Unsicherheiten
heraus leuchtet und mir zeigt, wie es weitergeht.
Im Leben geschehen so viele Dinge, die wir nicht verstehen können, die uns zu
Boden reißen und alles durcheinanderwirbeln. Orientierungslos am Boden zu liegen,
auf das Bild bezogen, noch unter dem Dickicht des Dschungels versteckt zu sein, ist
eine furchtbare Vorstellung. Umso wichtiger war es mir, das Gelb besonders
hervorzuheben. Denn auch wenn meine Situation noch so schlimm war und ist, gibt
es immer dieses Leuchten. Ich habe mich nie damit abgefunden, dass das hier jetzt
das Ende sein soll. Es geht immer irgendwo weiter. Irgendwie. Es muss. Manchmal
ist das Licht ganz klein und schwach. Es beunruhigt mich, weil ich den Weg dann
nicht mehr sehen kann. In diesen Momenten ist meine Familie da, meine Freunde,
um das Licht wieder anzufeuern. Man muss sie nur lassen.
Eine weitere wichtige Farbe ist das helle Blau oder Türkis in der oberen linken Ecke.
Wie schon erwähnt, erinnert sie mich an den Himmel und ans Wasser. Gedanken
wie Freiheit, Klarheit, Frische, unendliche Weite kommen beim Betrachten des Bildes
auf: meine Wünsche, Träume und Hoffnungen. Ich wäre gerne frei. Frei von Ängsten,
frei von Behinderungen, frei von Einschränkungen, frei von Schmerzen, frei von
Krankheiten. Ich würde mich besser fühlen, hätte ich Klarheit über das, was noch
passiert. Ich würde gerne wieder durch den Wald spazieren, den Wind spüren und
die Natur beobachten. Ich sage nicht, dass ich mein altes Leben zurückmöchte, aber
ich hätte gerne ein eigenständiges und uneingeschränktes Leben, ohne auf die Hilfe
anderer angewiesen zu sein.
Wie ein Rahmen ist um das Bild ein sehr dunkles Grün zu sehen. Es liegt wie ein
Mantel um die »Sonne«, um den »Himmel«. Es verdeutlicht, dass meine Krankheit
allgegenwärtig ist und immer einen Schatten mit sich zieht. Doch ich kann Einfluss
darauf nehmen, wie groß der Schatten wird und wie stark er mein Leben bestimmt.
Licht wirft immer irgendwo einen Schatten. Es kommt darauf an, von welcher Stelle
aus man auf das Licht schaut. Mal ist der Schatten größer, mal ist er kleiner. In dem
Bild sind die vergangenen Monate der Erkrankung, die gegenwärtige Situation und
ein Blick in die Zukunft vereint. Es spendet mir Trost, macht mir Mut und gibt mir
Kraft. Von wie vielen Bildern kann man das schon behaupten? Ich bin von dieser
Erfahrung wirklich überwältigt und würde mich freuen, wenn es anderen nur einen
Bruchteil von dem geben kann, was es mir gibt.
Zweites Bild
Kein Titel
Größe: 40cm × 40cm
Mischtechnik: dicke
Stabilostifte und Gouache
auf Leinwand
Mein zweites Bild entstand mit dem Hintergrund, mich auf die Suche nach einem
»Kraftbild« zu machen. Etwas, an das ich in Zeiten, in denen es mir schlechtgeht,
denken kann. Was mir Freude bereitet, mich aufbaut und mir Kraft gibt. Spontan
musste ich an Blumen denken. Keine bestimmte Sorte. Einfach schöne, bunte und
gut riechende Blumen. Ich wandte wieder die gleiche Technik wie beim ersten Mal
an. Augen zu und los! Ich bemalte mit Holzstiften blind die ganze Leinwand. Zu
erkennen waren viele Spiralen, in den unterschiedlichsten Farben. Dann kamen
wieder die Gouachefarben und ein Schwamm zum Einsatz. Ich ließ mich von
meinem Gefühl leiten und wählte die Farbtöne aus dem Bauch heraus. Was ich
genau malen wollte, wusste ich nicht. Ich hatte nur die Blumen im Kopf und
versuchte, ohne viel nachzudenken, meiner Intuition zu folgen. Eine Farbe kam zur
nächsten: Lila, Rot, Orange, Grün, Gelb, Dunkelblau, Hellblau, Türkis, Rosa und
Pink. Alles formte sich zu einer Art Rad. Die einzelnen Farbfelder erinnern an die
Speichen eines Fahrrades, das in Bewegung gesetzt wird. Es fängt an sich zu
drehen, die Farben fließen ineinander über und scheinen am Ende eins zu werden.
Gedreht hat sich das Bild auch während des Malprozesses. Ich stellte es mehrmals
auf den Kopf, um es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Auch wählte ich
von jeder Farbe jeweils einen hellen und einen dunkleren Ton aus. Damit kam für
mich mehr Leben, mehr Bewegung in das Bild und machte es insgesamt
interessanter. Ich weiß nicht, warum, aber es war mir wichtig, dass die einzelnen
Farben sich nicht klar voneinander abgrenzen, sondern ineinanderfließen.
Das Bild lädt zum Träumen ein und macht das Unsichtbare sichtbar. Die Farben
kommen aus meinem tiefsten Inneren. Diese Erkenntnis trat erst nach und nach in
mein Bewusstsein. Auch was die verschiedenen Farben für mich bedeuten, war für
mich nicht sofort erkennbar. Die Farbe Rot mag ich eher weniger. Ich habe mir nicht
wirklich viele Gedanken darüber gemacht, warum das so ist. Mittlerweile steht sie für
die vielen Schmerzen, physische wie auch psychische, die ich während meiner
Krankheit erleben musste. Ich verbinde viel Negatives damit, aber ich versuche,
optimistisch zu bleiben. So sehe ich nicht nur das rote Feuer, das gefährlich heiß und
zerstörerisch ist, sondern auch die Wärme und das Licht, welches es spendet. Grün
ist meine Lieblingsfarbe. Mit ihr verbinde ich nur Positives. Sie erinnert mich an die
Natur, den Kreislauf des Lebens und die Hoffnung, dass das Leben auch immer
wieder etwas Gutes bereithält. Das befreiende Gefühl von Schwerelosigkeit, wenn
man ins Wasser eintaucht, steckt in der blauen Farbe. Es hat eine erfrischende
Klarheit, reinigt und gibt Energie. Es ist fast so, als könne sie alles Schlechte von mir
wegspülen und mir ein neues, unbeschwertes Lebensgefühl geben. Das gelbe
Farbfeld leuchtet besonders und strahlt über das ganze Bild.«
Drittes Bild
(gemeinsam gemalt von Mutter und Sohn)
Titel: Ein Baum
mit Nestern
Größe: 40cm × 40cm
Mischtechnik:
dicke Stabilostifte und Gouache auf Leinwand
Beschreibung des dritten Bildes: Ein Baum gefüllt mit Nestern. Der Sohn
beschrieb sich als Biene, die überallhin fliegen kann. Manche Nester sind
bedroht, manche geben Ruhe. Es ist nicht leicht, überall hinzufliegen.
Manchmal braucht die Biene eine Leiter. Da ist auch noch ein Maulwurf,
unten im Gebüsch.
Das Bild konnte ein achtsames Gespräch zwischen Mutter und Sohn
ermöglichen, in dem der Sohn von den Abenteuern der Biene erzählte und
auf diese Weise seine Ängste und Gedanken zum Ausdruck brachte.
Im gemeinsamen Malprozess konnten außerdem »Kraftorte« gefunden
und gemalt werden. Das große Nest trägt ein großes Herz mit einem kleinen
Herz, wo sich die Biene geborgen fühlt. Unter dem gelben Dach befindet
sich ein großer Futtervorrat für die Biene, eine Beschreibung des Zuhauses
der Schwester der Patientin, aber auch ein Ausdruck der Liebe zwischen
Mutter und Sohn. Die gemeinsame Intervention mit dem Sohn während des
ersten Krankenhausaufenthaltes ermöglichte auch eine Brücke zwischen
Mutter und Sohn, über die sie immer wieder gemeinsam gehen konnten. Sie
fanden eine gemeinsame Bildsprache, wenn Worte nicht möglich waren
oder sehr schwerfielen.
Nach späterem Erzählen der Patientin diente das Bild auch zu Hause
immer wieder für gemeinsame Gespräche, um Gedanken und Ängsten
weiter aktiv einen Ausdruck zu geben. Die Mutter konnte dadurch
erkennen, wie es dem Sohn mit ihrer Krankheitsverarbeitung ging, welche
Bedürfnisse er hatte, und konnte so besser darauf reagieren, auch im
eigenen Erzählen. Und der Sohn wiederum nahm aus dem Besuch im
Krankenhaus durch das Malen des Bildes die positive Erinnerung mit, dass
die Mama dort nicht nur leidet, sondern auch etwas Schönes erleben kann.
Im Oktober 2015 muss Anna Spies wieder in die Klinik. Schmerzhafte
Metastasen an den Rippen und eine neue Hirnmetastase bereiten ihr große
Schmerzen. Zudem ist die linke Gesichtshälfte gelähmt.
Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie: