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Файл:Ординатура / Хирургия / Библиотека им академика М.И. Перельмана / Книга_5275_Библиотеки_им_академика_М_И_Перельмана.pdf
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- •Vorwort
- •Die körperliche Dimension des Schmerzes
- •Die soziale Dimension des Schmerzes
- •Die psychische Dimension des Schmerzes
- •Die spirituelle Dimension des Schmerzes
- •Die Verdränger
- •Die Planer
- •Was ist eigentlich Lebensqualität?
- •Ein kurzer Exkurs zum Thema Loslassen
- •Was ist Hoffnung überhaupt und worauf dürfen wir eigentlich hoffen?
- •Der Atemnotplan
- •Was kann man gegen Übelkeit tun?
- •Wovor haben Patienten Angst jenseits körperlichen Leidens?
- •Wie kann man Patienten in solchen Situationen helfen?
- •Was tun bei Unruhe und Verwirrtheit?
- •Warum einfach, wenn man daraus auch ein Drama machen kann?
- •Was gilt es in der Sterbephase sonst noch zu beachten?
- •Notfälle: Was zu tun ist
- •Schmerzen
- •Atemnot
- •Epileptische Anfälle
- •Blutungen
- •Sterbende sind Lebende!
- •Wenn es ans Sterben geht, ist Bescheidenheit angesagt
- •Schweigen kann etwas sehr Wertvolles sein
- •Die Phantasie ist immer schlimmer als die Wirklichkeit
- •Unvoreingenommen sein
- •Verdrängung ist absolut in Ordnung
- •Gespräche sind immer Gespräche gegen die Angst
- •Der Tod ist der unwiderruflichste Beziehungsverlust
- •Worte können Leben verlängern, aber auch verkürzen
- •Adäquate Trauerbegleitung
- •Kinder unter drei Jahren
- •Kinder zwischen drei und sechs Jahren
- •Kinder zwischen sechs und neun Jahren
- •Kinder über zehn Jahren
- •Situationsgerecht offen und ehrlich handeln
- •Für ein Gespräch über den Tod gibt es keine Altersbeschränkung
- •Sterben zu Hause
- •Ambulante Hospizdienste
- •Die Rolle der Hausärzte
- •Wie bekomme ich professionelle Unterstützung für zu Hause?
- •Sterben in einer Einrichtung
- •Die Intensivstation: von Kabeln, Schläuchen und Maschinen
- •Das stationäre Hospiz: Todeshaus oder das Zuhause bis zum Tod?
- •Die Beihilfe zur Selbsttötung
- •Ein Blick zu unseren Nachbarn in Europa
- •Schweiz
- •Niederlande
- •Belgien
- •Luxemburg
- •Österreich
- •Umsorgen oder Entsorgen?
- •Verlauf ohne Palliativversorgung
- •Umsorgen oder entsorgen?
- •Sophie M.
- •Anna
- •Danksagung
- •Liste nützlicher Websites (alphabetisch)
- •Über Sven Gottschling & Lars Amend

Wie schon im ersten Bild war es der Patientin auch hier wichtig, dass die
Spiegelungen des Schiffes im Wasser und die Bewegung des Wassers mit
den Schaumkronen realistisch aussehen sollten. Sie erzählte, dass sie nicht
wusste, wohin das Schiff segelte, es war kein Ufer in Sicht, aber es gab die
Hoffnung, dass das Boot sie tragen würde. Es fällt auf, dass das Schiff von
links nach rechts fährt, aber auch, dass es ohne Steuerrad und in reduzierten
Farben gehalten wurde. Zu der Zeit wurde eine letzte Chemotherapie
geplant, und die Familie wollte noch einmal alles versuchen, jede
Therapiemöglichkeit ausreizen. Diese Ambivalenzen sowie ihr Wunsch
nach Hoffnung spiegelten sich auch in den Bildbetrachtungen wider.
Was fällt noch auf? Der Malprozess war mutiger als beim ersten Bild.
Die Malwerkzeuge wurden sehr gezielt eingesetzt, und der Patientin war es
nach wie vor wichtig, dass sie eigenständig malt. Bei allem, was sie an
Verlust und Einschränkungen erlebte, konnte sie hier im eigenen Aktivsein
weiterhin Kraft schöpfen und für sich und andere noch etwas Schönes
erschaffen. Die ursprüngliche Idee, Heißluftballons mit in den Himmel zu
malen, verwarf die Patientin während des Malprozesses. Ihr wurde bewusst,
dass es jetzt darum geht, sich zu reduzieren, sich auf das Wesentliche zu
konzentrieren, und die Ballons hätten aus diesem Blickwinkel heraus nur
gestört. Es wäre einfach zu viel gewesen. In der Zeit löste sie gerade ihre
Wohnung auf. »Wenn ich das überlebe, möchte ich anders wohnen«, sagte
die Patientin. »Und wenn ich sterbe, muss ich meine Mutter nicht auch
noch mit der Wohnungsauflösung belasten.«
*
Möge dein Herz jenen Ort der Ruhe finden, gesegnet mit einem Frieden, den die Welt nicht zu
schenken vermag.
Ein irisches Gedicht
*

Die Patientin erzählte uns von diesem Gedicht, das sie in den
Beileidsbekundungen eines jungen Mannes gefunden hatte, der an
derselben Krankheit gestorben war. Sie hatte seinen Krankheitsverlauf im
Internet in Echtzeit verfolgt. Dass sie ausgerechnet dort ein irisches Gedicht
mit diesem Inhalt finden würde, hatte sie sehr berührt. Es folgte das erste
sehr offene Gespräch über das Sterben, den Tod, ihr persönliches Schicksal,
ihre Ängste, Wünsche und Hoffnungen. Auffällig war ihre Zuversicht, dass,
egal wie viele Tage ihr noch bleiben würden, sie in dieser Zeit noch einiges
erleben wollte. Ob Konzerte, Ausgehen mit Freundinnen, Zeit mit der
Familie und Freunden, sie wollte keine Minute vergeuden und alles tun,
was unter den gegebenen Umständen noch möglich war.

Drittes Bild
Titel: Der Leuchtturm
Größe: 20cm × 30cm
Technik: Gouache auf Leinwand
Schon bei der ersten Begegnung mit der Kunsttherapeutin hatte die
Patientin den Wunsch geäußert, einen Leuchtturm zu malen. In der
kunsttherapeutischen Symbolik ist der Leuchtturm ein Motiv, das für
Orientierung steht, für den Blick in die Weite, den Überblick zu bewahren,
aber auch den Schiffer auf hoher See zum Festland zu lenken, den
Menschen auf dem offenen Meer, die sich in Gefahr befinden, den Weg zu
leuchten. Die Frage, wo sie selbst in dem Bild sei, beantwortete sie mit den
klaren Worten: »Auf dem Felsen. Ich bin dort und schaue mir alles an, auf
dem Felsen bin ich sicher.«

Viertes Bild
Titel: Der Herbst
Größe: 30cm × 40cm
Technik: Gouache auf Leinwand
Bei dem nächsten Bild erzählte die Patientin von den Herbstfarben, die sie
im Fallen der Blätter ausdrücken wollte. Die besondere Farbenpracht dieser
Jahreszeit berührte sie sehr. Sie hatte eine klare Vorstellung von dem zu
entstehenden Bild und bat um konkrete Tipps, wie sie es schaffen könne,
die Blätter so luftig wie möglich zu malen. Mit dem Naturschwamm fielen
die Blätter leicht über das Bild. Der Baum, der Himmel und der Boden
vereinten sich in den fallenden Blättern, was der Patientin selbst auffiel. Sie
wollte noch einen kleinen Busch mit gelben Blättern hinzufügen. Gelb ist
deswegen so auffällig, da es die dritte Grundfarbe ist, die sie hier in das

Bild einfügt. Und aus den drei Grundfarben lassen sich, im übertragenen
Sinne, alle Farben des Lebens mischen, die hier ihren Herbst erfahren. Mit
etwas Abstand betrachtet, wunderte sich die Patientin über das Gelb, das
auch in den folgenden Bildern noch eine wichtige Farbe werden sollte. Die
Kunsttherapeutin lud die Patientin ein, auf der Bank in ihrem Bild Platz zu
nehmen. Sie erzählte uns, was sie sah und wie es sich unter dem Baum,
umgeben von all den Blättern, mit direktem Blick auf das Gelb anfühlte.
Diese Bank unter dem »weisen alten Baum«, von der man direkt ins Licht
sehen konnte, war auch später ein immer wiederkehrender Ort vieler
Gespräche.
Fünftes Bild
Kein Titel
Größe: 30cm × 40cm
Technik: flüssige

Stockmar-Aquarell-Farben auf Papier
Die von der Patientin bereits vorgedachten Bilder wurden immer wieder
durch schnelle Bilder ergänzt, besonders in Situationen körperlicher
Schwäche mit gleichzeitiger emotionaler Überforderung, die ein längeres
Arbeiten nicht zuließen. Das spontane »Rausmalen« mit flüssigen
Aquarellfarben konnte den immer wieder von Angst geprägten Gedanken
Ausdruck verleihen und ihr selbst etwas Ruhe geben. Dieses fünfte Bild
folgte dem Herbstbild. Die Patientin begann mit roter Farbe, die für sie ihre
Angst und Schmerzen symbolisierten. Sie konnte es ohne jeden Zweifel
sehr genau beschreiben. Sie war selbst ganz überrascht, dass wieder das
Gelb durchschimmerte und alles umrahmte– eine Einladung an ein
Gespräch über Glauben, Transzendenz, Kirche und die konkreten Wünsche
zu ihrer Beerdigung.

Sechstes und siebtes Bild
Kein Titel
Größe: 30cm × 40cm
Technik: flüssige
Stockmar-Aquarell-
Farben auf Papier
Die nächsten beiden Bilder entstanden ohne Unterbrechung direkt
hintereinander. Die Patientin hatte an dem Tag erfahren, dass die letzte
Chemotherapie keinen Erfolg gebracht hatte und somit ihre allerletzte
Hoffnung gestorben war. Zuerst wollte sie nur reden und überhaupt nicht
malen, doch durch die bereits erlebten Erfahrungen, wie gut ihr das Malen
tat, entschied sie sich doch für ein spontanes Bild, um erneut alles
»rauszumalen«. Beim Anblick des ersten Bildes erschrak sie regelrecht vor
ihren eigenen Gedanken. Die Wucht der dunklen Stellen war ihr zu viel.

Wir redeten über die Möglichkeit, die Farben rauszuwaschen oder ein
ergänzendes Bild zu malen, so dass sie das erste Bild im aktuellen Zustand
stehen lassen konnte und es vielleicht sogar wichtig sei, die Angst vor dem
Tumor sichtbar zu machen. Die Patientin entschied sich für ein zweites Bild
und fing mit den gleichen Farben an, jedoch war sie im Farbauftrag leichter
und offener. Das »Rausmalen« tat ihr unendlich gut, sie wurde von Minute
zu Minute entspannter. »Es gehört alles zusammen«, sagte sie, »aber ich
schaue auch, was mir trotz allem gut tut.« Erneut fiel ihr das Gelb auf, das
Licht, Weite und Ruhe brachte– in das Bild und in ihr Herz.
Im Gespräch ergab sich die Idee, einen Lebensbaum zu malen. Dieser
Baum entstand in drei Etappen: ein erster Versuch auf einem weißen
Notizblock, danach verlangte die Patientin sofort ein größeres Papier. Als
gelernte Ergotherapeutin erzählte sie, dass sie das auch mit ihren Patienten
ausprobieren würde, sollte sie jemals wieder arbeiten können. »So einen
Baum zu gestalten, vielleicht alle zusammen, das wäre schon schön«, sagte
sie leicht träumend. Aus ihrer Idee wuchs der Gedanke, dass auch zu ihrem
Lebensbaum viele Menschen gehörten. Sie seien wie Äste in verschiedenen
Farben, Größen, Formen. Irgendwie fremd, aber trotzdem seien sie Teil
ihres Baumes.


Achtes Bild
Titel: Der Baum des Lebens
Größe: (oben) Vorgemalter
Entwurf 10cm × 15cm;
(unten) fertiges Bild
30cm × 40cm
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