Лексикология немецкого языка. Учебное пособие
.pdfein präsuppositives Sem – ein Voraussetzungssem. Das Wort Geld darf man hier nur bei der weiteren Spezifizierung gebrauchen (Er kaufte ihr ein Kleid für teueres Geld). Die Inkompatibilität im Satz (3) ist durch die sprachspezifischen Gebrauchsbedingungen – und Verbote zu erklären (blond kann nur die Haare des Menschen charakterisieren). Der Satz (5) ist auch nicht lexikalisch, hier sind die Regel der Wortwahl verletzt: hier kann man von der Unverträglichkeit der konnotativen Bedeutungen der Wörter sprechen (speisen gehört zur gehoben Lexik, Eckkneipe ist daher alltagssprachlich).
Semantische Valenz und lexikalische Kombinierbarkeit sind als syntaktischstrukturelle Merkmale der lexikalischen Bedeutung zu betrachten, die auf den Gesetzen der semantischen Kongruenz von Wörtern beruhen. Die beiden Begriffe sind aber nicht gleichzusetzen. Es geht hier um verschiedene Kategorien, was das Wesen des Wortes selbst verursacht: das Wort ist eine Einheit des lexikalischsemantischen Systems der Sprache mit festen semantisch-syntaktischen Beziehungen (Valenz) und gleichzeitig auch eine Einheit der Rede mit einer bestimmten Anzahl freier Beziehungen (Kombinierbarkeit) ist.
Die Valenz ist also als Potenz zu verstehen und die Kombinierbarkeit als
Realisierung dieser Potenz.
In diesem Zusammenhang spricht man von der Selektivität der Kombinierbarkeit. Unter Selektivität versteht man die Eigenschaft eines Wortes, seine lexikalische Umgebung mehr oder weniger zu reglamentieren.
So besitzen einige Adjektivgruppen eine stärkere, die anderen eine geringere Selektivität. Zu den ersten gehören Adjektive, die ein Material bezeichnen (golden, gusseisern, marmorn), den Intelekt (geistig, klug, literarisch), fachsprachlich sind (nuklear, elektronisch, biotechnologisch).
Die zweiten Gruppe bilden Adjektive, die, z.B., eine bestimmte Intensität, eine Wertung ausdrücken oder ein Maß bezeichnen. Sie werden in syntaktischen Verbindungen mit Substantiven unterschiedlicher semantischer Gruppen gebraucht (groß, stark, gut).
Die Valenz fixiert das syntaktisch und das semantisch notwendige
71
Wortumfeld. Das sind nicht alle Partner, die in der Umgebung eines Wortes auftretenden können, sondern nur die konstitutiven, valenzabhängigen Elemente. Die Valenzbeziehungen von Wörtern werden vorwiegend in der Form der Rektion realisiert.
Die Kombinierbarkeit des Wortes umfasst alle syntagmatischen Verbindungen mit freien Erweiterungen im Syntagma. Im Unterschied zur Valenz hat die Kombinierbarkeit Wahrscheinlichkeitscharakter. Das bedeutet, dass die Zahl der syntagmatischen Verbindungen eines Wortes potenziell unendlich ist. Die Valenz hingegen fixiert die obligatorischen semantisch-syntaktischen Partner des Wortes.
Die kombinatorischen Fähigkeiten des Wortes sind durch bestimmte Faktoren bedingt. Diese Faktoren sind zweierlei: außerlinguistisch und intralinguistisch. Der außerlinguistische Faktor kann man als „denotative Verträglichkeit“ bezeichnen und der intralinguistische als „lexikalische Verträglichkeit“. So lassen sich im Deutschen die Substantive Mann und Tee mit dem Adjektiv stark verbinden: ein starker Mann, ein starker Tee. Die parallele Übersetzung dieses Adjektivs aufs Russische ist unmöglich, da das Adjektiv
сильный sich nur mit dem Substantiv мужчина und nicht mit dem Substantiv чай verbinden lässt.
Die Kombiniertbarkeit ist also weiter als der Begriff der Valanz. Die Kombinierbarkeit umfasst nicht nur valenzabhängige, sondern auch valenzunabhängige, usuelle und okkasionelle Beziehungen. Die Valenzbeziehungen können ganz beschrieben werden. Erschöpfende Beschreibung der Kombinierbarkeit ist praktisch unmöglich.
Das Adjektiv herzlich (‘aufrichtig’, ‚von Herzen kommend’) hat folgende semantische Valenz:
herzlich1 – Abstr.: eine herzliche Bitte, Freundschaft, Liebe.
Was die wirkliche (in der Rede) Kombinierbarkeit dieses Adjektivs betrifft, so sind auch folgende Wortverbindungen möglich:
die herzliche Atmosphere (Zustand)
72
das herzliche Gespräch (Intellekt) die herzlichen Worte (Intellekt)
der herzliche Empfang (Handlungen, Prozessen)
Herzlich erweist sich also doch mit allen genannten Substantiven als kompatibel. In diesem Fall geht es um den metaphorischen Gebrauch der Wörter. So gelten zum Beispiel solche Wörter wie Erde und fressen, Frühling und hocken im Sprachsystem als unkompatibel (unverträglich), die sprachliche Realität widerlegt es mit dem folgenden Text:
„Wie die Erde frisst. <…>
Der Frühling hockte und war fertig, Schnee in blauen Rauch zu verwandeln <...>“ (E. Strittmatter. Schulzenhofer Kramkalender).
4.4 Aufgaben zum Seminar
1 Stellen Sie eine Art Inhaltsübersicht zu dem Text der Vorlesung und bereiten Sie die Darlegung des Inhalts vor.
2 Erarbeiten Sie einen Algorithmus der Bestimmung der Art der Antonyme. 3 Bauen Sie ein eigenes lexikalisch-semantisches Feld.
4 Stellen Sie die Kategorie der Valenz anhand anderer Bespiele aus dem Wörterbuch der Valenz von G. Helbig und W. Schenkel (Sieh im Anhang) dar.
5 Wortschatzerweiterung durch Bedeutungswandel
Plan: 1 Bedeutungswandel
2 Ursachen des Bedeutungswandels
3 Arten des Bedeutungswandels
4 Bedeutungswandel und das lexikalisch-semantische System
5.1 Bedeutungswandel
Unter dem Bedeutungswandel versteht man die Bedeutungsveränderung,
die sich im Laufe der Zeit in Lexemen entsteht und sowohl durch
extralinguistische, als auch durch intralinguistische Faktoren bedingt wird.
73
Der Wortschatz jeder Sprache verändert sich auf verschiedenen Wegen: einige Wörter gehen aus dem Gebrauch und werden zu Historismen und Archaismen, die anderen kommen als Entlehnungen aus anderen Sprachen, die dritten verändern ihre Bedeutung. Der Bedeutungswandel lässt sich unmittelbar nicht beobachten, in manchen Fällen tritt die Bedeutungsveränderung im Laufe mehrerer Jahrhunderte ein, in anderen relativ schnell, in allen Fällen aber ist sie nur anhand der veränderter Distributionen und Kontexte zu erschließen.
Der Bedeutungswandel hat verschiedene Ursachen und ist von verschiedener Art. Zum Beispiel bedeutet das Wort Bleistift heute ein von Holz umschlossener Grafitstift zum Schreiben. Die ursprüngliche Form Bleystefft (vom 17. Jahrhundert) zeugt davon, dass Stifte zum Schreiben aus einem anderen Material hergestellt wurden. Der Gegenstand der Bezeichnung und damit das Denotat haben sich verändert. Dasselbe Formativ bezieht sich heute auf ein verändertes Denotat, so dass man hier von der teilweisen Veränderung des Wortes Bleystefft sprechen kann.
Im 12. Jahrhundert bezog sich das Verb fließen auf die Fische, heute kann nur Wasser bzw. Flüssigkeiten fließen.
Auch in der Gegenwart enstehen der Bedeutungswandel, der oft mit den Veränderungen im gesellschaftlichen Leben zusammenhängt. So entwickelte sich auf Grund der ursprünglichen Bedeutung des Lexems Wende (‚Wendung’: eine Wendung mit dem Kopf machen) eine neue Bedeutung – ‘einschneidende Veränderung’: Der Mauerfall bedeutete für die DDR und auch für die BRD eine Wende sowohl in dem gesellschaftlichen als auch im mentalen bzw. geistlichen Leben der Menschen.
Die Entstehung neuer Bedeutungen bei den schon vorhandenen Formativen ist in der Sprache sehr verbreitet. Dabei werden diese Wörter sehr oft in der Bewertungsfunktion gebraucht. Für diesen Zweck eignen sich die Bezeichnungen der Tiere. So bedeutet das Wort Gans nicht nur eine Geflügelart, sondern auch einen dummen Menschen, meist Frauen.
Z.B.: Sie ist aber eine echt dumme Gans!
74
5.2 Ursachen des Bedeutungswandels
Die Ursachen des Bedeutungswandels können sowohl außersprachlich (extralinguistisch) als auch sprachlich (intralinguistisch) sein. Die Hauptursache des Bedeutungswandels liegt im Widerspruch zwischen der begrenzten Wortzahl jeder Sprache und der Unendlichkeit der Sachverhalte, die bezeichnet werden müssen.
Die wichtigsten extralinguistischen Ursachen sind folgende:
1)Die gesellschaftliche Entwicklung lässt neue Begriffe im politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen Leben, in der Wissenschaft, Technik, Produktion u.s.w. entstehen, die ihre eigenen Benennungen brauchen. Es geht dabei um Nominationsbedürfnisse, die durch Wortbildung, Entlehnungen und sekundäre Nomination befriedigt werden. Die Lexeme Bergfuß, Kurbelwelle, Telefonmuschel, Bevölkerungsexplosion, Schattenwirtschaft, Schmiergeld gelten als Erstbenennungen für gewisse Objekte und Erscheinungen der Wirklichkeit und sind als Wortbildungskonstruktionen und gleichzeitig als Metaphorisierungen einer Komponente entstanden.
2)Der Denotatswandel (bedingt durch Sachwandel) verursacht in sprachlichen Zeichen die Veränderung ihrer Bedeutung hervor. Als Beispiel für diesen Weg gelten die Wörter Bleistift, Feder, Diele u.a.m. Die Bedeutung ‘Schreibgerät’ entwickelte sich im Wort Feder von Vogelfeder über Gänsefeder
(als Schreibgerät) zur Stahlfeder. (Vgl. auch. Brille, Bügeleisen, Fensterscheibe). Die wichtigste intralinguistische Ursache bilden die Normen des
kommunikativen Handels, d. h. kommunikative Faktoren, die sich aus dem aktuellen Wortschatzzustand ergeben. Darunter sind:
a)der Bedarf nach neuen Mitteln der Ausdrucksverstärkung (zu diesem Zweck dienen charakterisierende Metapher und Metonymien: Waschlappen, dumme Kuh, listige Schlange, Bierbauch, Dummkopf, kluger Kopf),
b)der Bedarf nach den Mitteln der Ausdrucksabschwächung (zu diesem Zweck dienen Euphemismen: Gastarbeiter, einschlafen (für sterben), in
bescheidenen Verhältnissen leben).
75
5.3 Arten des Bedeutungswandels
Der Bedeutungswandel tritt in Wortzeichen in verschiedener Art ein. Man unterscheidet drei Hauptarten des Bedeutungswandels:
1)Bedeutungserweiterung
2)Bedeutungsverengung
3)Bedeutungsübertragung
Unter der Bedeutungserweiterung versteht man die Erweiterung des Bedeutungsumfanges eines Wortes nach dem Prozess des Bedeutungswandels. Nach der Bedeutungsextension bezieht sich das Wort auf mehrere Denotate, als zuvor.
So hatte machen als ein westgermanisches Wort ursprünglich die Bedeutung ‘kneten, formen, zusammenfügen (beim Lehmbau)’, (Vrg. mit verwandten Wörtern make (engl.), massein (‘kneten’) (griech.), мазать (russ.). Später entwickelte sich die Bedeutung „zurechtmachen, in Ordnung bringen“. Die Bedeutung hat sich weiter verallgemeinert, so dass heute machen zu den Lexemen mit erweiterter semantischer Grundlage gehört.
Das Wort fertig als Ableitung abgeleitet vom Substantiv Fahrt bedeutete im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen ‘zur Fahrt bereit, reisefertig’. Mit der Zeit erweiterte sich die Bedeutung bis zu ‘bereit’ im Allgemeinen, die zur Entstehung der Bedeutung ‚zu Ende gebracht’, führte.
Bei dem Prozess der Bedeutungserweiterung geht es um die Entwicklung der Bedeutung vom Konkreten zum Abstrakten, vom Einzelnen zum Allgemeinen.
(Vgl.: gehen, Ding, Sache, Rinde, deutsch, Reise)
Die Bedeutungsverengung ist ein Gegenprozess der Bedeutungserweiterung und besteht darin, dass ein Wort mit einem ursprünglichen breiten Bedeutungsumfang später nur noch einen Teil der Bedeutung aufweist. Als Ergebnis bezieht sich das Wort nur auf einen Teil der ursprünglichen Denotate.
Das Wort fahren bezeichnete ursprünglich jede Art der Fortbewegung, was folgende Redewendungen illustrieren: fahrendes Volk, der Fuchs fährt aus dem Bau, mit der Hand über das Gesicht fahren. Heute bezeichnet das Wort die
76
Fortbewegung mit bestimmten Transportmitteln: mit Wagen (Autos, Büssen, Omnibüssen), Schiffen, mit der Bahn (Straßenbahn, Eisenbahn).
(Vgl.: Bein, Bild, Gast, Gift, ledig, Miete)
Bedeutungsübertragung ist das Resultat der sekundären Nomination, bei der Sachverhalte mit bereits vorhandenen Formativen auf Grund einer Ähnlichkeit bzw. einer Assoziation benannt werden. Das Lexem entwickelt in diesem Fall eine neue (übertragene) Bedeutung. Je nach der Art der Übertragung unterscheidet man Metapher und Metonymie. Die Ähnlichkeit zwischen zwei Begriffen ergibt die Metapher, eine unmittelbare Beziehung zwischen zwei Begriffen ergibt die Metonymie.
Metapher (meta – ‚über’, phero – ‚trage’) ist die Übertragung der
Namensbezeichnung von einem Denotat auf ein anderes auf Grund einer assoziativen äußeren, inneren oder funktionellen Ähnlichkeit.
Das Wort Schlange in der Bedeutung ‘eine lange Reihe wartenden Menschen’ ist eine metaphorische Übertragung der Bezeichnung Schlange
(Schuppenkriechtier) auf Grund äußerer Ähnlichkeit.
Die Metapher ist als ein mentaler und sprachlicher Prozess und auch als Resultat dieses Prozesses zu verstehen.
Die Metaphern sind polyfunktional. Sie können
- eine rein benennende Funktion erfüllen: Heizschlange (змеевик), Kopf eines Nagels, Rücken eines Messers, eines Buches, Brustkorb, Augapfel;
- eine charakterisierende bzw. wertende (oft abwertende) Funktion: Du, falsche Schlange!, (Vgl. die Funktion der Tiermetapher: Kamel, Hund, Gans, Schwein; der verbalen Metaphern: äffen, eseln, ochsen, fuchsen).
Die Metaphorisierung kann auch auf Grund einer funktionellen Ähnlichkeit erfolgen. (Vgl.: Feder, Wagen)
Eine Sonderart der Metapher ist Synästhesie, d.h. die Übertragung von einem Sinnesbereich auf einen anderen, z.B.: von akustischer zur optischer Wahrnehmung: schreiende Farben, von optischer zur akustischen Wahrnehmung: eine helle Stimme. (Vgl.: trockene Worte, seidene Stimme).
77
Die Synästhesie gehört zu denjenigen Erscheinungen in der Sprache, die als Universalien zu betrachten sind.
Die Erweiterung des Bedeutungsumfanges der Lexeme, d. h. die Bildung neuer Sememe und damit die Bereicherung des Wortbestandes durch metaphorische Bezeichnungsübertragung ist in der Gegenwartsprache sehr produktiv.
Metonymie (griech. meta – ‘über’, onoma – ‚Name’: Umbenennung) ist eine Art von Bezeichnungsübertragung auf Grund mannigfaltiger logischer Bedeutungsbeziehungen. Das sind räumliche, zeitliche, kausale Beziehungen, Beziehung zwischen Handlung und Resultat. So haben räumliche (lokale) Bedeutungsbeziehungen den Bedeutungswandel in folgenden Wörtern verursacht:
Die letzte Bank passt nicht auf. (= die Schüler der letzten Bank)
Das ganze Hotel wurde wach. (= Hotelgäste)
Die ganze Universität nahm an der Demonstration teil. (= die Studenten und Lehrkräfte der Universität)
Kausale Bedeutungsbeziehungen verursachen die Bedeutungsübertragung im Fall, wenn der Name des Erfinders für die Erfindung selbst gebraucht wird.
Z.B.: Röntgen (=Strahlen) wurde so nach dem Physiker Röntgen genannt (sie wurden ursprünglich X – Strahlen genannt).
(Vgl.: Ohm, Gobelin, Guillotine, Schrebergarten) Bedeutungsbeziehungen zwischen Produkt und Herstellungsort:
Champagner – nach der französischen Provinz Champange,
Tüll – nach der französischen Stadt Tulle.
(Vgl.: Baldachin, Mokka, Portwein, Pfirsich, Boston)
Eine besondere Art der Metonymie bilden Bedutungsbeziehung „pars pro toto“ (ein Teil für das Ganze) – diese Erscheinung hat in der Sprache ihre eigene Bezeichnung – Synekdoche:
Maske – für maskierte Person,
ein heller (kluger) Kopf – für einen klugen Menschen, eine Glatze – für einen Menschen mit Glatze,
78
Blaustrumpf – scherzhaft für eine gelehrte Frau.
Ein relativ neuer Typ des semantischen Sprachwandels ist der
Euphemismus (griech. eu ‘gut’, pheme ‚rede’). Euphemismen sind Wörter, die zu
einer verhüllenden, mildernden, beschönigenden Ausdrucksweise dienen. Der
Anlass für den Gebrauch von Euphemismen kann verschieden sein:
a)Furcht vor natürlichen oder übernatürlichen Wesen in alter Zeit, das sind so genannte Tabuwörter:
der Allwissende statt „Gott“,
der Böse, der Schwarze statt „Teufel“, der Braune statt „Bär“.
b)Zartgefühl in unangenehmen bzw. traurigen Situationen:
einschlafen, entschlafen, einschlummern für „sterben“;
Unwohlsein statt „Krankheit“
unwohl (krank).
c)Prüderie (bei heiklen Themen):
Freundin statt „Geliebte“,
ein Verhältnis haben statt „eine Liebesbeziehung haben“
Das Kind zur Welt bringen statt „gebären“.
d)Höfflichkeit, Scherz, Ironie:
eine starke Frau für „eine dicke Frau“,
Zweitfrisur für „Perücke“,
dritte Zähne für künstliches Gebiss.
(Vgl.: in der gesellschaftlich-politischen Lexik: Sozialdienst, Sozialarbeit
(Armenpflege), Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Gastarbeiter.)
5.4 Bedeutungswandel und das lexikalisch-semantische System
Die sprachlichen Gründe des Bedeutungswandels hängen mit der Systemhaftigkeit des Lexikons zusammen. Das Lexikon bildet eine Struktur, d. h. eine geordnete Schichtung der Lexeme. Die Entwicklung der sprachlichen Zeichen wird ständig von der Anordnung der Lexeme in verschiedenen lexikalisch-
79
semantischen Gruppen und von den Wechselbeziehungen zwischen ihnen beeinflusst und geregelt. Die Wechselbeziehungen zwischen dem allgemeinen Wortschatz und dem Fach – und Sonderwortschatz bestimmen die Prozesse der Spezialisierung und Generalisierung.
Spezialisierung der Bedeutung erfolgt beim Wechsel eines Wortes aus der Allgemeinsprache in die Gruppensprachen (Maus, Speicher, abrufen, speichern in der Computersprache bzw. EDV).
Generalisierung (Verallgemeinerung) der Bedeutung tritt beim Übergang eines Wortes aus der Berufsprache in die Allgemeinsprache ein. Neue Bedeutungen kommen dabei
-aus Technik und Produktion:
schalten, zünden (ugs.) (= begreifen, reagieren): Er hat nicht schnell genug geschaltet. Endlich hat es bei ihm gezündet.;
-aus Medizin:
wirtschaftlicher Kollaps, politische Kurzsichtigkeit, Wahlstress, Verkehrsinfarkt;
-aus dem Sport:
Sprungbrett (Er benutzte seine Stelle als Sprungbrett für eine Kariere.).
Die Prozesse der Generalisierung und Spezialisierung sind nicht isolierte Prozesse, sondern Folgeerscheinungen der Veränderungen in den synonymischen Reihen. Die Bedeutungsspezialisierung tritt auch dann ein, wenn die synonymische Reihe durch neue Lexeme gleichen Sachverhalts aufgefüllt wird.
So war Genosse im ahd. ein polysemes Lexem. Seit der Entlehnung der Wörter Kollege, Kamerad, Kumpan entwickelte sich in diesem Wort eine spezialisierte Bedeutung ‚Gesinnungsgenosse’.
Bedeutungsspezialisierung des Wortes Weib und zwar die Verschlechterung des Wortes erfolgte seit der Auffüllung der synonymischen Reihe durch die Lexeme Frau, Frauenzimmer. Im Althochdeutschen war wib neutral.
80
