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Irene Gerlach lдchelt bezaubernd. „Ich bin ganz Ohr.136 Was ist es denn?"

Das Kind rutscht vom Stuhl, steht nun mitten im Zimmer und erklдrt: „Vati hat gesagt, daЯ Sie ihn heiraten wollen."

„Hat er das wirklich gesagt?" Frдulein Gerlach lacht auf. „Hat er nicht vielmehr gesagt, daЯ er mich heiraten will? Aber das ist wohl Nebensache. Also: Ja, Luise, dein Papa und ich, wir wollen uns heiraten. Und du und ich, wir werden gewiЯ sehr gut miteinander auskommen. Davon bin ich fest ьberzeugt. Du nicht? PaЯ auf, wenn wir erst einige Zeit zu­sammenwohnen, werden wir die besten Freundinnen sein. Wir wollen uns beide Mьhe geben.137 Nicht wahr?"

Das Kind weicht zurьck und sagt ernst: „Sie dьrfen Vati nicht heiraten!"

„Und warum nicht?"

„Weil Sie es nicht dьrfen!"

„Das ist keine sehr befriedigende Erklдrung", meint das Frдulein scharf. „Du willst mir verbieten, die Frau deines Vaters zu werden?"

»Ja!"

„Das ist wirklich allerhand!138" Die junge Dame ist auf­gebracht. „Ich muЯ dich bitten, jetzt nach Hause zu gehen. Ob ich deinem Vater von diesem merkwьrdigen Besuch er­zдhle, werde ich mir noch ьberlegen. Auf Wiedersehen!"

An der Tьr wendet sich das Kind noch einmal um und sagt: „Lassen Sie uns so, wie wir sind! Bitte, bitte..."

Dann ist Frдulein Gerlach allein.

Sie denkt nach. Die Heirat muЯ man beschleunigen. Und dann muЯ man dieses Kind in ein Internat stecken! Sofort! Hier kann nur die strengste Erziehung noch helfen.

„Was wollen Sie denn?" Das Stubenmдdchen steht mit einem Tablett da. „Ich bringe die Schokolade und die Waf­feln. Wo ist denn das kleine Mдdchen?"

„Scheren Sie sich zum Teufel!139"

* * *

Der Herr Kapellmeister kommt, da er in der Oper diri­gieren muЯ, nicht zum Abendbrot. Resi sitzt, wie in solchen Fдllen immer, mit dem Kind am Tisch.

„Du iЯt ja heute gar nichts", bemerkt Resi vorwurfs­voll. „Was hast du denn?140"

Lotte schьttelt den Kopf und schweigt.

Die Haushдlterin ergreift die Kinderhand. „Du hast ja Fieber! Gleich gehst du ins Bett!" Dann trдgt sie das vцllig apathische Geschцpf ins Kinderzimmer, zieht es aus und legt es ins Bett.

„Nichts dem Vati erzдhlen!" murmelt die Kleine. Ihre Zдhne klappern. Resi tьrmt Kissen und Decken ьbereinan­der.141 Dann rennt sie zum Telefon und ruft den Hofrat Strobl an.

Der alte Herr verspricht, sofort zu kommen. Er ist genau so aufgeregt wie die Resi.

Sie ruft in der Staatsoper an. „Gut!" antwortet man ihr. „In der Pause werden wir es dem Herrn Kapellmeister aus­richten."

Resi rennt wieder ins Schlafzimmer. Das Kind schlдgt um sich und stammelt unverstдndliche Worte. Die Decken und Kissen liegen am Boden.

Wenn bloЯ der Herr Doktor kдme!142 Was soll man machen? Kompressen? Aber was fьr? Welche? Kalte? HeiЯe? Nasse? Trockene?

* * *

In der Pause sitzt der Kapellmeister Palfy in der Gar­derobe der Sopranistin. Sie trinken einen Schluck Wein und reden vom Theater. Die Leute vom Theater reden immer vom Theater. Das ist nun einmal so.143 Da klopft es. „Herein!"

Ein Angestellter tritt ein. „Endlich finde ich Sie, Herr Kapellmeister!" ruft der alte Mann aufgeregt. „Man hat uns aus der RothenturmstraЯe angerufen. Das Frдulein Toch­ter ist plцtzlich krank geworden. Der Herr Hofrat Strobl ist schon bei dem Kind."

Der Herr Kapellmeister sieht blaЯ aus. „Danke schцn", sagt er leise. Der Angestellte geht.

„Hoffentlich ist es nichts Schlimmes", meint die Sдn­gerin. „Hat die Kleine schon die Masern gehabt?"

„Nein", sagt er und steht auf. „Entschuldige!" Als sich die Tьr hinter ihm geschlossen hat, rennt er aus allen Krдf­ten. Wo ist ein Telefon? Er telefoniert: „Hallo, Irene!"

„Ja, Liebling? Ist denn schon SchluЯ? Ich bin noch nicht fertig zum Ausgehen."

Er berichtet hastig, was er eben gehцrt hat. Dann sagt er: „Ich fьrchte, wir kцnnen uns heute nicht sehen!"

„Natьrlich nicht. Hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Hat die Kleine schon _die Masern gehabt?"

„Nein", antwortet er ungeduldig. „Ich rufe dich morgen frьh wieder an." Dann legt er den Hцrer auf.

Ein Signal ertцnt. Die Pause ist zu Ende. Die Oper und das Leben gehen weiter.

* * *

Endlich ist die Oper aus! Der Kapellsmeister rast in der RothenturmstraЯe die Treppe hinauf.

Resi цffnet ihm. Sie hat noch den Hut auf, weil sie in der Nachtapotheke war.

Der Hofrat sitzt am Bett.

„Wie geht's ihr denn?144" fragt der Vater flьsternd.

„Nicht gut", antwortet der Hofrat. „Aber Sie kцnnen ruhig laut sprechen. Ich habe ihr eine Spritze gegeben."

Lottchen liegt im Bett. Ihr Gesicht glьht, sie atmet schwer. Sie hat das Gesicht verzogen, als tue ihr der kьnst­liche Schlaf sehr weh.145

„Masern?"

„Keine 3pur146", brummt der Hofrat.

Resi kommt ins Zimmer und schluchzt leise.

„Nun nehmen Sie endlich den Hut ab!" sagt der Kapell­meister nervцs.

„Ach ja! Entschuldigen Sie!" Resi nimmt den Hut ab und behдlt ihn in der Hand.

Der Hofrat schaut die beiden fragend an. „Das Kind macht offenbar eine schwere seelische Krise durch", meint er. „Wissen Sie davon? Haben Sie wenigstens eine Vermu­tung?147"

Resi sagt: „Ich weiЯ freilich nicht, ob das damit verbun­den ist, aber ... Heute nachmittag ist sie ausgegangen. Weil sie jemanden sprechen muЯte! Und ehe sie ging, hat sie ge­fragt, wie sie am besten zur Koblenzallee kommt."

„Zur Koblenzallee?" fragt der Hofrat und schaut zu dem Kapellmeister hin.

Palfy geht rasch zum Apparat und telefoniert. „War Luise heute nachmittag bei dir?"

„Ja", sagt eine Frauenstimme. „Aber wieso erzдhlt sie dir das?"

Er gibt darauf keine Antwort, sondern fragt weiter: „Und was wollte sie?"

Frдulein Gerlach lacht дrgerlich. „Sie kann dir das selbst erzдhlen!"

„Antworte, bitte!"

Ein Glьck, daЯ sie sein Gesicht nicht sehen kann!

„Sie kam, um mir zu verbieten, deine Frau zu werden!" erwidert sie gereizt.

Er murmelt etwas und legt den Hцrer auf.

„Was fehlt ihr denn?148" fragt Frдulein Gerlach. Dann merkt sie, daЯ das Gesprдch getrennt ist. „So ein kleines

Biest", sagt sie halblaut, „kдmpft mit allen Mitteln! Legt sich hin und spielt krank.149"

* * *

Der Hofrat verabschiedet sich und gibt noch einige An­weisungen. Der Kapellmeister hдlt ihn an der Tьr zurьck. „Was fehlt dem Kind?"

„Nervenfieber. Ich komme morgen frьh wieder. Gute Nacht wьnsche ich."

Der Kapellmeister geht ins Kinderzimmer, setzt sich neben das Bett und sagt zu Resi: „Ich brauche Sie nicht mehr. Schlafen Sie gut!"

„Aber es ist doch besser..."

Er schaut sie an.

Sie geht. Sie hat den Hut noch immer in der Hand.

Er streichelt das kleine, heiЯe Gesicht. Das Kind er­schrickt im Fieberschlaf und wirft sich wild zur Seite.

Der Vater sieht sich im Zimmer um. Der Schulranzen liegt fertiggepackt150 auf dem Pult. Daneben sitzt Christi, die Puppe.

Er steht leise auf, holt die Puppe, lцscht das Licht aus und setzt sich wieder ans Bett.

Nun sitzt er im Dunkeln und streichelt die Puppe, als wдre sie das Kind151. Ein Kind, das vor seiner Hand nicht erschrickt.