Социальная работа. Часть 2. Учебное пособие по немецкому языку
.pdf2.Wenn ich es wüsste!
3.Wenn ich es nur gewusst hätte!
4.Er habe hier niemand gesehen, der ihm gefallen hätte.
5.Wäre sie gesund, käme sie ins Konzert.
6.”Wenn ich eine Schwalbe wäre, so flög ich zu dir, mein Kind.”(Heinrich Heine).
7.Man komme pünktlich zur Versammlung.
8.Er wäre beinahe zu spät gekommen.
9.Man stehe früh auf, turne jeden Morgen und wasche sich kalt ab. 10.Wenn die Wände reden könnten!
23.Укажите, в каком времени Indikativ и Konjunktiv употреблены глаголы в следующих предложениях.
1.Mein Freund hat mir einen Brief aus Berlin geschickt.
2.Er schreibt, dass es ihm dort sehr gut gehe.
3.Er habe mehrere Monate als Fahrer gearbeitet.
4.Jetzt sei er Lehrer.
5.Der Student habe schon große Erfolge erzielt.
6.Sie könnten noch größere Erfolge haben, wenn alle noch intensiver gearbeitet hätten.
7.Das werde es für das nächste Jahr berücksichtigen.
8.Er hoffe, mir gehe es auch gut und ich sei bei guter Gesundheit.
9.Im Dezember werde er nach Hamburg kommen uns ich besuchen.
24.Из каждых двух предложений составьте сложноподчиненное предложение с союзом, указанным в скобках:
1.Er sagte; er weiß es nicht(dass)
2.Ich glaube; sie kommen nicht(dass)
3.Du siehst; er arbeitet den ganzen Tag nicht(dass)
4.Ihr hofft; es regnet morgen nicht(dass)
5.Ich fragte meine Freundin; sie war gestern Abend nicht in den Klub gekommen(warum)
25.Введите следующие предложения союзами als или wenn.
1.... der Frühling kommt, werden die Wälder und Wiesen grün.
2.... die Aufführung zu Ende war, klatschte das Publikum Beifall.
3.... die Sonne höher steigt, wird die Hitze größer.
4.Es war schon reichlich spät, ... wir im Fluss badeten.
5.... der Lehrer die Klasse verließ, gingen alle Schüler in den Korridor.
6.Das Kind freut sich sehr, ... man ihm das Spielzeug bringt.
7.... der Sommer kommt, werden wir Boot fahren.
51
26. Из каждых двух предложений составьте сложноподчиненное предложение с придаточным предложением цели, используя союз damit.
1.Der Vater schickt seine Tochter auf die Post; sie abonniert für ihn eine Zeitung.
2.Ich schreibe dir es auf; du vergisst es nicht.
3.Man baut bei uns viele neue Wohnhäuser; alle Menschen haben gute Wohnungen.
4.Unsere Universität baut einen großen Sportsaal; die Studenten können Sport treiben.
27.Вместо точек поставьте один из подходящих союзов: auch, doch, darum.
1.Er ist Maler, ... seine Tochter interessiert sich für bildende Kunst.
2.Dieser Artikel ist sehr interessant, ... lese ich ihn.
3.Ich war gestern sehr müde, ... ging ich ins Theater zur Erstaufführung des neuen Stücks von Leonow.
4.Wir wollen viel wissen, ... müssen wir viel und fleißig studieren.
5.Das neue Drehbuch gefiel dem Regisseur sehr, ... die Schauspielerlasen es mit großem Interesse.
6.Wir haben ihm keine Eintrittskarte besorgt, ... war er unzufrieden.
28.Определите вид придаточных предложений.
1.Das Theater, das wir gestern besucht haben, ist ein Opernhaus.
2.Die Wohnungen, in denen wir leben, sind mit allem Komfort.
3.Alle wissen, dass das Puschkin–Denkmal in Moskau auf dem Puschkin – Platz steht.
4.Wenn ich die Werke von Turgenew lese, bin ich immer wieder von seinem Stil entzückt.
5.Wir erfahren alle Neuigkeiten, indem wir Zeitungen und Zeitschriften lesen.
6.Gib mir das Buch, damit ich dir helfe.
7.Nachdem ich den Aufsatz umgeschrieben hatte, ging ich zu meinem Freund.
8.Wenn die Sonne scheint, taut der Schnee.
9.Warte auf mich, bis ich zurückkomme.
10.Ich lerne dieses Gedicht so, wie du es mir gesagt hast.
11.Wir gehen dahin spazieren, wo wir mit meinen Eltern gewesen sind.
52
Тексты для самостоятельной работы студентов
Задания для самостоятельной работы с текстами: 1.Прочитайте следующие тексты и переведите их на русский язык с помощью словаря.
2.Составьте не менее 10 вопросов к каждому тексту.
3.Кратко изложите содержание текста на немецком языке.
4.Выразите Ваше мнение к темам, затронутым в текстах.
Text 6. Die Erhöhung der Geburtenzahl als strategische Aufgabe Russlands
Eine der Hauptaufgaben, die in der Jahresbotschaft des russischen Präsidenten formuliert sind, besteht darin, die die Geburtenzahl zu steigern und so die demographische Krise im Lande zu überwinden.
MOSKAU, 11. Mai (Juri Filippow, RIA Novosti). «Für wen tun wir das alles?», fragte Wladimir Putin in seiner Jahresbotschaft an die Föderalversammlung. Obwohl die Antwort anscheinend auf der Hand liegt und lautet: Jede Generation arbeitet für die Nachkommenschaft, ist diese rhetorische Frage für Russland keineswegs einfach. Und Putin hat sie nicht von ungefähr als die Wichtigste bezeichnet.
Seit schon reichlich zehn Jahren geht die Bevölkerung des Landes jedes Jahr um durchschnittlich 700 000 zurück. Die hohe Sterbeziffer und eine Geburtenzahl, die sie nicht überbieten kann, haben dazu geführt, dass der reine Verlust der russischen Bevölkerung im vergangenen Jahr beispielsweise 680 000 Menschen betrug. Wie der Föderale Dienst für staatliche Statistiken (Rosstat) behauptet. Sind in Russland weniger als 143 Millionen ständige Einwohner verblieben.
Angesichts der bestehenden Tendenzen fallen die Zukunftsprognosen pessimistisch aus: Die 100 Millionen im Jahr 2050, wovon in der Staatsduma gesprochen wird, sind das bei weitem nicht das schlechteste Szenario. Russland droht ein Bevölkerungsschwund mit völlig unvoraussagbaren politischen und sonstigen Folgen. «Die Bewahrung des Volkes», worüber der von Putin zitierte Nobelpreisträger Solschenizyn ständig spricht, ist wahrhaft eine gesamtnationale Priorität, vor deren Hintergrund alles andere verblasst.
Kann der Staat aber die Krise überwinden? Offensichtlich wird von Putin in allem Ernst gerade dieses Ziel formuliert, und zwar in einer soliden langfristigen Perspektive. Worin besteht die vom Präsidenten konzipierte Strategie, die sich in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren in Tausenden von Gesetzgebungs – , Finanz– , Verwaltungs– und sonstigen
53
staatlichen Beschlüssen manifestieren soll? Bemerkenswert ist, dass der Präsident, auf die Demographie eingehend, eine «durchdachte Immigrationspolitik» nur oberflächlich erwähnte. Russland, das ein Siebentel des Festlandes einnimmt, wird selbst seine neuen Generationen zur Welt bringen müssen – zwar hat sich Putin nicht genau so geäußert, aber der tiefere Sinn seiner Rede ist völlig klar.
Die Senkung der Sterbeziffer hat bei all der Dringlichkeit dieser Aufgabe (die durchschnittliche Lebenserwartung bei den Männern in Russland liegt seit langem bei der grauenhaften Marke von 57 bis 58 Jahren) in der Jahresbotschaft des Präsidenten nur etwas mehr Platz eingenommen und ist ebenfalls nicht in den Vordergrund gerückt.
Für die Lösung der demographischen Probleme Russlands kommt es laut Putin vor allem darauf an, die Geburtenzahl von Grund auf zu steigern. Ein zweites, ja ein drittes Kind bekommen – das wäre ein würdiges Ziel für Millionen russischer Familien. Der Staat ist seinerseits bereit, seine bisherige ultraliberale Tendenz zu korrigieren und die Kinderzeugung nicht mehr als eine rein private Angelegenheit der Bürger zu betrachten. Das «Erdölgeld», das seit mehreren Jahren die Staatskasse reichlich auffüllt, wird bald genutzt – es soll helfen, die Zahl der neuen russischen Bürger zu erhöhen.
Text 7. Augenblicke
Walter Helmut Fritz
Kaum stand sie vor dem Spiegel im Badezimmer, um sich herzurichten, als ihre Mutter aus dem Zimmer nebenan zu ihr hereinkam, unter dem Vorwand, sie wolle sich nur die Hände waschen.
Also doch! Wie immer, wie fast immer.
Elsas Mund krampfte sich zusammen. Ihre Finger spannten sich. Ihre Augen wurden schmal. Ruhig bleiben!
Sie hatte darauf gewartet, dass ihre Mutter auch dieses Mal hereinkommen würde, voller Behutsamkeit, mit jener scheinbaren Zurückhaltung die durch ihre Aufdringlichkeit die Nerven freilegt. Sie hatte
– behext, entsetzt, gepeinigt – darauf gewartet, weil sie sich davor fürchtete.
«Komm, ich mach' dir Platz», sagte sie zu ihrer Mutter und lächelte
ihr zu.
«Nein, bleib nur hier, ich bin gleich soweit», antwortete die Mutter und lächelte.
54
«Aber es ist doch so eng», sagte Elsa und ging rasch hinaus, über den Flur, in ihr Zimmer. Sie behielt einige Augenblicke länger als nötig die Klinke in der Hand, wie um die Tür mit Gewalt zuzuhalten. Sie ging auf und ab, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür. Vorsichtig öffnete ihre Mutter. „Ich bin schon fertig», sagte sie. Elsa tat. als ob ihr inzwischen etwas anderes eingefallen wäre, und machte sich an ihrem Tisch zu schaffen.
«Du kannst weitermachen», sagte die Mutter. «Ja, gleich».
Die Mutter nahm die Verzweiflung ihrer Tochter nicht einmal als Ungeduld wahr.
Wenig später allerdings verließ Elsa das Haus, ohne ihrer Mutter adieu zu sagen. Mit der Tram fuhr sie in die Stadt, in die Gegend der Post. Dort sollte es eine Wohnungsvermittlung gehen, hatte sie einmal gehört. Sie hätte zu Hause im Telefonbuch eine Adresse nachsehen können. Sie hatte nicht daran gedacht, als sie die Treppen hinuntergeeilt war.
In einem Geschäft für Haushaltungsgegenstände fragte sie, ob es in der Nähe nicht eine Wohnungsvermittlung gebe. Man bedauerte. Sie fragte in der Apotheke, bekam eine ungenaue Auskunft. Vielleicht im nächsten Haus. Dort läutete sie. Schilder einer Abendzeitung, einer Reisegesellschaft, einer Kohlenfirma. Sic läutete umsonst.
Es war später Nachmittag, Samstag, zweiundzwanzigster Dezember. Sie sah in eine Bar hinein. Sie sah den Menschen nach, die vorbeigingen. Sie trieb mit. Sie betrachtete Kinoreklamen. Sie ging Stunden umher. Sie würde erst spät zurückkehren. Ihre Mutter würde zu Bett gegangen sein. Sie würde ihr nicht mehr gute Nacht zu sagen brauchen.
Sie würde sich, gleich nach Weihnachten, eine Wohnung nehmen. Sie war zwanzig Jahre alt und verdiente. Kein einziges Mal würde sie sich mehr beherrschen können, wenn ihre Mutter zu ihr ins Bad kommen würde, wenn sie sich schminkte. Kein einziges Mal.
Ihre Mutter lebte seit dem Tod ihres Mannes allein. Oft empfand sie Langeweile. Sie wollte mit ihrer Tochter sprechen. Weil sich die Gelegenheit sehen ergab (Elsa schützte Arbeit vor), suchte sie sie auf dem Flur zu erreichen oder wenn sie im Bad zu tun hatte. Sie liebte Elsa. Sie verwöhnte sie. Aber sie, Elsa, würde kein einziges Mal mehr ruhig bleiben können, wenn sie wieder zu ihr ins Bad käme.
Elsa floh. Über der Straße künstliche, blau, rot, gelb erleuchtete Sterne. Sie spürte Zuneigung zu den vielen Leuten, zwischen denen sie ging.
55
Als sie kurz vor Mitternacht zurückkehrte, war es still in der Wohnung. Sie ging in ihr Zimmer, und es blieb still. Sie dachte daran, dass ihre Mutter alt und oft krank war. Sie kauerte sich in ihren Sessel, und sie hätte unartikuliert schreien mögen, in die Nacht mit ihrer entsetzlichen Gelassenheit.
Text 8. Masken
Max von der Grün
Sie fielen sich unsanft auf dem Bahnsteig 3a des Kölner Hauptbahnhofs in die Arme und riefen gleichzeitig: «Du?!» Es war ein heißer Julivormittag, und Renate wollte in den D– Zug nach Amsterdam über Aachen, Erich verließ diesen Zug, der von Hamburg kam. Menschen drängten aus den Wagen auf den Bahnsteig, Menschen vom Bahnsteig in die Wagen, die beiden aber standen in dem Gewühl, spürten weder Püffe noch Rempeleien und hörten auch nicht, dass Vorübergehende sich beschwerten, weil sie ausgerechnet vor den Treppen standen und viele dadurch gezwungen wurden, um sie herumzugehen. Sie hörten auch nicht, dass der Zug nach Aachen abfahrbereit war, und es störte Renate nicht, dass er wenige Sekunden später aus der Halle fuhr.
Die beiden standen stumm, jeder forschte im Gesicht des anderen. Endlich nahm der Mann die Frau am Arm und führte sie die Treppen hinunter, durch die Sperre, und in einem Café in der Nähe des Doms tranken sie Tee.
„Nun erzähle, Renate. Wie geht es dir? Mein Gott, als ich dich so plötzlich sah ... du ... ich war richtig erschrocken. Es ist so lange her, aber als du auf dem Bahnsteig fast auf mich gefallen bist ...“.
„Nein», lachte sie, du auf mich».
„Da war es mir, als hätte ich dich gestern zum letzten Mal gesehen, so nah warst du mir. Und dabei ist es so lange her...“
„Ja», sagte sie. „Fünfzehn Jahre.”
„Fünfzehn Jahre? Wie du das so genau weißt. Fünfzehn Jahre, das ist ja eine Ewigkeit. Erzähle, was machst du jetzt? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Wo fährst du hin?“
„Langsam Erich, langsam, du bist noch genau so ungeduldig wie vor fünfzehn Jahren. Nein, verheiratet bin ich nicht, die Arbeit, weißt du. Wenn man es zu etwas bringen will, weißt du, da hat man eben keine Zeit für Männer.“
„Und was ist das für Arbeit, die dich von den Männern fernhält?“
56
Er lachte sie an, sie aber sah aus dem Fenster auf die Tauben. „Ich bin jetzt Leiterin eines Textilversandhauses hier in Köln, du kannst dir denken, dass man da von morgens bis abends zu tun hat und ...“
„Donnerwetter!“ rief er und klopfte mehrmals mit der flachen Hand auf den Tisch. „Donnerwetter! Ich gratuliere.“
„Ach“, sagte sie und sah ihn an. Sie war rot geworden.
„Du hast es ja weit gebracht, Donnerwetter, alle Achtung. Und jetzt? Fährst du in Urlaub?“
„Ja, vier Wochen nach Holland. Ich habe es nötig, bin ganz durchgedreht ... Und du, Erich, was machst du? Erzähle. Du siehst gesund aus“.
Schade, dachte er, wenn sie nicht so eine Bombenstellung hätte, ich würde sie jetzt fragen, ob sie mich noch haben will. Aber so? Nein, das geht nicht, sie würde mich auslachen, wie damals.
„Ich?“ sagte er gedehnt, und brannte sich eine neue Zigarette an. „Ich
... ich ... Ach weißt du, ich habe ein bisschen Glück gehabt. Habe hier in Köln zu tun. Habe umgesattelt, bin seit vier Jahren Einkaufsleiter einer Hamburger Werft, na ja, so was Besonderes ist das nun wieder auch nicht“.
„Oh“, sagte sie und sah ihn starr an, und ihr Blick streifte seine großen Hände, aber sie fand keinen Ring. Sie erinnerte sich, dass sie vor fünfzehn Jahren nach einem kleinen Streit auseinandergelaufen waren, ohne sich bis heute wiederzusehen. Er hatte ihr damals nicht genügt, der schmalverdienende und immer ölverschmierte Schlosser. Er sollte es erst zu etwas bringen, hatte sie ihm damals nachgerufen, vielleicht könne man später wieder darüber sprechen. So gedankenlos jung waren sie damals. Ach ja, die Worte waren im Streit gefallen und trotzdem nicht böse gemeint. Beide aber fanden danach keine Brücke mehr zueinander. Sie wollten und wollten doch nicht. Und nun? Nun hatte er es zu etwas gebracht.
„Dann haben wir ja beide Glück gehabt“, sagte sie und dachte, dass er immer noch gut aussieht. Gewiss, er war älter geworden, aber das steht ihm gut. Schade, wenn er nicht so eine Bombenstellung hätte, ich würde ihn fragen, ja, ich ihn, ob er noch an den dummen Streit von damals denkt und ob er mich noch haben will. Ja, ich würde ihn fragen. Aber jetzt?
„Jetzt habe ich dir einen halben Tag deines Urlaubs gestohlen“, sagte er und wagte nicht, sie anzusehen.
„Aber Erich, das ist doch nicht so wichtig, ich fahre mit dem Zug um fünfzehn Uhr. Aber ich, ich halte dich bestimmt auf, du hast gewiss einen Termin hier“.
57
„Mach dir keine Sorgen, ich werde vom Hotel abgeholt. Weißt du, meinen Wagen lasse ich immer zu Hause, wenn ich längere Strecken fahren muss. Bei dem Verkehr heute, da kommt man nur durchgedreht an“.
„Ja“, sagte sie. „Ganz recht, das mache ich auch immer so“. Sie sah ihm nun direkt ins Gesicht und fragte: „Du bist nicht verheiratet? Oder lässt du Frau und Ring zu Hause?“ Sie lachte etwas zu laut für dieses vornehme Lokal.
„Weißt du“, antwortete er, „das hat seine Schwierigkeiten. Die ich haben will, sind nicht zu haben oder nicht mehr, und die mich haben wollen, sind nicht der Rede wert. Zeit müsste man eben haben. Zum Suchen meine ich. Zeit müsste man haben“. Jetzt müsste ich ihr sagen, dass ich sie noch immer liebe, dass es nie eine andere Frau für mich gegeben hat, dass ich sie all die Jahre nicht vergessen konnte. Wie viel? Fünfzehn Jahre? Eine lange Zeit. Mein Gott, welch eine lange Zeit. Und jetzt? Ich kann sie doch nicht mehr fragen, vorbei, jetzt wo sie so eine Stellung hat. Nun ist es zu spät, sie würde mich auslachen, ich kenne ihr Lachen, ich habe es im Ohr gehabt, all die Jahre. „Fünfzehn? Kaum zu glauben.“
„Wem sagst du das?“ Sie lächelte. „Entweder die Arbeit oder das andere“, echote er.
Jetzt müsste ich ihm eigentlich sagen, dass er der einzige Mann ist, dem ich blind folgen würde, wenn er mich darum bäte, dass ich jeden Mann, der mir begegnete, sofort mit ihm verglich. Ich sollte ihm das sagen. Aber jetzt? Jetzt hat er eine Bombenstellung, und er würde mich nur auslachen, nicht laut, er würde sagen, dass ... ach ... es ist alles so sinnlos geworden.
Sie aßen in demselben Lokal zu Mittag und tranken anschließend jede zwei Kognaks. Sie erzählten sich Geschichten aus ihren Kindertagen und später aus ihren Schultagen.
Dann sprachen sie über ihr Berufsleben, und sie bekamen Respekt voneinander, als sie erfuhren, wie schwer es der andere gehabt hatte bei seinem Aufstieg.
„Ja, ja“ sagte sie; „genau wie bei mir“, sagte er.
„Aber jetzt haben wir es geschafft“, sagte er laut und rauchte hastig. „Ja“, nickte sie. „Jetzt haben wir es geschafft“.
Hastig trank sie ihr Glas leer.
Sie hat schon ein paar Krähenfüßchen, dachte er. Aber die stehen ihr nicht einmal schlecht.
Noch einmal bestellte er zwei Schalen Kognak, und sie lachten viel und laut.
58
Er kann immer noch so herrlich lachen, genau wie früher, als er alle Menschen einfing mit seiner ansteckenden Heiterkeit. Um seinen Mund sind zwei steile Falten, trotzdem sieht er wie ein Junge aus, er wird immer wie ein Junge aussehen, und die zwei steilen Falten stehen ihm nicht einmal schlecht. Vielleicht ist er jetzt ein richtiger Mann, aber nein, er wird immer ein Junge bleiben.
Kurz vor drei brachte er sie zum Bahnhof.
„Ich brauche den Amsterdamer Zug nicht zu nehmen“, sagte sie. „Ich fahre bis Aachen und steige dort um. Ich wollte sowieso schon lange einmal das Rathaus besichtigen“.
Wieder standen sie auf dem Bahnsteig und sahen aneinander vorbei. Mit leeren Worten versuchten sie die Augen des anderen einzufangen, und wenn sich dann doch ihre Blicke trafen, erschraken sie und musterten die Bögen der Halle.
Wenn ich jetzt ein Wort sagen würde, dachte er, dann...
„Ich muss jetzt einsteigen“, sagte sie. „Es war schön, dich wieder einmal zu sehen. Und dann so unverhofft“.
„Ja, das war es.“ Er half ihr beim Einsteigen und fragte nach ihrem Gepäck.
„Als Reisegepäck aufgegeben“. „Natürlich, das ist bequemer“, sagte er.
Wenn er jetzt ein Wort sagen würde, dachte sie, ich stiege sofort wieder aus, sofort.
Sie reichte ihm aus einem Abteil erster Klasse die Hand. „Auf Wiedersehen, Erich ... und weiterhin ... viel Glück“.
Wie schön sie immer noch ist. Warum nur sagt sie kein Wort. „Danke, Renate. Hoffentlich hast du schönes Wetter“.
„Ach, das ist nicht so wichtig. Hauptsache ist das Faulenzen, das kann man auch bei Regen ...“
Der Zug ruckte an. Sie winkten nicht, sie sahen sich nur in die Augen, solange dies möglich war.
Als der Zug aus der Halle gefahren war, ging Renate in einen Wagen zweiter Klasse und setzte sich dort an ein Fenster. Sie weinte hinter einer ausgebreiteten Illustrierten.
Wie dumm von mir. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich immer noch die kleine Verkäuferin bin. Ja, in einem anderen Laden, mit zweihundert Euro mehr als früher, aber ich verkaufe immer noch Herrenoberhemden, wie früher, und Socken und Unterwäsche. Alles für den Herrn. Ich hätte ihm das sagen sollen. Aber dann hätte er mich ausgelacht, jetzt, wo er ein
59
Herr geworden ist. Nein, das ging doch nicht. Aber ich hätte wenigstens nach seiner Adresse fragen sollen. Wie dumm von mir, ich war aufgeregt wie ein kleines Mädchen, und ich habe gelogen, wie ein kleines Mädchen, das imponieren will. Wie dumm von mir.
Erich verließ den Bahnhof und fuhr mit der Straßenbahn nach Ostheim auf eine Großbaustelle.
Dort meldete er sich beim Bauführer. „Ich bin der neue Kranführer“.
„Na, sind Sie endlich da? Mensch, wir haben schon gestern auf Sie gewartet. Also dann, der Polier zeigt Ihnen Ihre Bude, dort drüben in den Baracken. Komfortabel ist es nicht, aber warmes Wasser haben wir trotzdem. Also dann, morgen früh, pünktlich sieben Uhr“.
Ein Schnellzug fuhr Richtung Deutz. Ob der auch nach Aachen fährt? Ich hätte ihr sagen sollen, dass ich jetzt Kranführer bin. Ach, Blödsinn, sie hätte mich nur ausgelacht, sie kann so verletzend lachen. Nein, das ging nicht, jetzt, wo sie eine Dame geworden ist und eine Bombenstellung hat.
Text 9. Ich will nicht, dass du stirbst
Peter Bichsel
Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen: ein Familienfest bei meinem Großeltern, die Erwachsenen saßen noch am Tisch, die Kinder tobten in der Stube herum, ein Ball wurde geworfen, eine Scheibe ging in Brüche. Ein kleiner Splitter traf meinen Vater an der Wange. Die Verletzung muss gering gewesen sein, auf der Wange erschien nur ein kleiner Blutstropfen.
Ich glaube, jener Blutstropfen war der erste große Schrecken in meinem Leben. Ich dachte, mein Vater müsse nun sterben. Ich ging den ganzen Tag immer wieder zu ihm hin und schaute ihn an.
Ich selbst war damals Verletzungen schon gewohnt, aufgeschürfte Knie waren mir selbstverständlich, und ich wusste auch, dass ich nicht sterben muss wegen einer kleinen Schürfung. Meinen Vater aber hielt ich für unverletzlich. Ich verließ mich darauf, dass er unverletzlich ist. Er war der, der mit meinen Verletzungen umgehen konnte, also durfte er selbst nicht verletzbar sein.
Ich wusste bestimmt nichts oder nur ganz wenig davon, dass man einen Vater braucht als Ernährer. Ich wusste nichts davon, dass der Verlust des Vaters bittere materielle Not bedeuten kann. Ich brauchte ihn als kleines Kind nur, um ihn lieben und um ihn restlos vertrauen zu können. Ich war
60
