Добавил:
Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:

Лингвистический анализ и интерпретация художественного текста. Учебное пособие

.pdf
Скачиваний:
0
Добавлен:
12.08.2026
Размер:
889 Кб
Скачать

auf den Friedhof und erzählte: Vor zwei Wochen habe er sich hier herumgetrieben, als eine Frau im langen Mantel nach demselben Grab suchte wie ich. Damit er sie allein ließ, soll sie ihm tausend Rubel geschenkt haben.

Serjoscha irrte mit mir kreuz und quer über den Friedhof, bis ich ihm einen

Schein hinhielt. Dann zeigte er auf eine Stelle genau vor uns.

Als ich den Schnee vom Grab fegte, stieß ich überall auf Rosen. Der kleine Hügel war ganz und gar von ihnen bedeckt — ein Meer von Rosen! So etwas hast Du noch nicht gesehen.

Serjoscha will beobachtet haben, wie die Frau mit ausgebreiteten Armen niedergefallen sei. Ihr Mantel habe sich langsam gesenkt und das Grab fast vollständig bedeckt. Mehr sagte er nicht, obwohl ich ihm noch einmal tausend gab.―

Alle Wege lagen im Dunkel. Nur wer in der Mittagspause einkaufen ging, lief unter dem faden Licht, das zwischen zehn Uhr morgens und zwei Uhr nachmittags durch die Wolken sickerte. Diese hingen tief über den Dächern als natürliche Begrenzung unserer Welt nach oben. Der seltene Schnee brachte nur ein flüchtiges Hell in die Straßen. Unsere Sorge galt dem Trocknen der Schuhe und den Knöpfen am Mantel. Der Müdigkeit war nicht mit Schlaf beizukommen.

Nur bei der Arbeit oder in trüblichtigen Läden zeigten wir unsere Gesichter. Von den verhüllten Alten wußte man nie, ob sie neben dem Eingang auf ein

Almosen warteten oder auf ihresgleichen. Ihnen blieb oft nur die Wahl, zu hungern oder zu stürzen.

Die Schritte waren zu einer Art Trippeln verkommen, mit dem wir uns über vereiste Fußwege wagten. Wir rutschten aufeinander zu, stießen uns, hielten den anderen fest, schlitterten weg und warfen im plötzlichen Balanceakt Taschen und Arme in die Luft. Erst als die zerbeulten Abflußrohre ihre Eisblöcke wie abgelutschte Bonbons auf die Gehsteige spuckten, erhielten wir den eigenen

Gang zurück.

71

Wolkenloses Licht traf eine gelbe Hauswand. Wir hatten die Sonne nicht einmal mehr vermißt. Das Dunkelblau des Himmels entsprach der Weite der Prospekte. Häuser und Paläste offenbarten Farbigkeit und Proportionen. Statuen traten hervor. Aus Hofdurchfahrten und Treppenfluren krochen die Gerüche.

Der Tag bekam einen Morgen und einen Abend.

Der Fluß bewegte sich. Grünes Wasser strömte in die Adern der Stadt. Eisschollen, hell wie nackte Leiber, trieben unter den Brücken. Darüber, auf der meerzuge wandten Seite, hing eine Menschengirlande. Angler schoben Schultern und Ellenbogen vorund übereinander, ohne zu schimpfen. Andere zogen gemeinsam ein Schleppnetz in der Art, wie Matrosen den Anker einholen. Es roch nach Öl und frischen Gurken.

Tage vergingen, bis wir einsahen, daß wir die Mäntel nicht mehr brauchten. Ein

Kind legte die flache Hand auf den Asphalt und streichelte den narbigen

Riesenrücken. Mit einem Mal war der Wind aus der Metro kälter als die Luft vor der Station, die sich mit Möwen, Tauben und Fliegen füllte.

Übermütig krempelten wir die Ärmel zurück. Die Wärme saß auf Steinen und Schultern, sie verfing sich in Blättern und Haaren. Wir konnten sie greifen.

Abends wuchsen die Schatten wie Kletterpflanzen an den Wänden empor, bis sie verlöschten, um am Nachbarhaus wieder herabwandernd aus dem Dämmer zu tauchen. Die Nacht war getilgt. Auf den Brücken blendete die Sonne noch nach elf, milderte sich am nördlichen Horizont zu weißem Licht, und umfing bald darauf die Stille als rosenfingrige Eos. Wer sie sah, fand keinen Schlaf mehr. Wenn sich Schlag zwei die Straße in den Himmel richtete, gelang uns aus dem Stand heraus ein Flug, der uns über den herabrieselnden Staub in die Luft hob, bis die Laternenpfähle unter uns verharrten, und wir ihre Spitzen mit den Händen berühren konnten. Erst morgens gegen halb sechs, im grellen Tageslicht, stand ich allein auf dem weiten Newski.

72

Lesehilfen

Die Sophienkathedrale (-n) – Софийский собор die Tankstelle (-n) - автозаправка

Der Anlass meines Schreibens aber ist ein anderer. – Но я пишу по другому поводу.

das Trinkgeld - чаевые

der Pferdeschwanz (-e) – конский хвост

der Bauwagen (-) – строительный вагончик

die Ausflüger aus Moskau - посетители из Москвы

Aufgaben zum Text 9

1.Welcher Thematik wendet sich der Autor in diesem Text zu?

2.Welcher Zeitabschnitt und welcher Ort werden im Sujet dargestellt. Wie werden die Angaben im Text markiert?

3.Was meinen Sie, stimmt der Titel mit dem geschilderten Sujet überein?

4.Nennen Sie die im Text aufgeworfenen Probleme und begründen Sie ihre Aktualität.

5.Geben Sie den Inhalt dieser Geschichte wieder.

6.Was sind die Hauptpersonen? Welche sprachlich-stilistischen Mittel verwendet der Autor zum bildlichen Ausdruck der Hauptpersonen? Versuchen Sie die Motive der Handlungen von Sonja zu deuten.

7.Untersuchen Sie den inhaltlichen Aufbau des Textes. Durch welche strukturellen Besonderheiten zeichnet er sich aus?

8. Schätzen Sie die Erzählperspektive des Textes ein.

9.Warum konzentriert der Autor die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Beschreibung des Ortes am Anfang und am Schluss des Textes? Wie ist die stilistische Färbung der Lexik, mit welcher die Handlungsorte beschrieben werden?

10.Phantasieren Sie und erfinden die Nachgeschichte.

73

Text 10

Das Wiedersehen

Peter Schneider

Der Mann am Nebentisch hielt die Zeitung so steil, daß ich mitlesen mußte. Jedesmal, wenn ich an der Zeitung vorbei auf die Straße schaute, verfing sich mein Blick in einer Schlagzeile, die man für jede fünfte oder sechste Ausgabe

Voraussagen konnte und doch immer wieder las. Irgendjemand, der schon lange gesucht wurde, war gefaßt worden, und irgendein anderer, von dem man noch nie gehört hatte, wurde jetzt gesucht. Weil mir das Warten zu lang wurde, ging ich in das Geschäft gegenüber und kaufte eine Wanderkarte des südlichen Schwarzwalds. Die Karte war so groß, daß ich den Cafetisch abräumen mußte, um sie ausbreiten zu können. Die Landschaft sah aus wie eine Zeichnung aus dem Gedächtnis. Keine Autobahnen, keine Flughäfen, keine Städte, nur winzige dörfliche Ansiedlungen, durch Wanderwege verbunden. Die Täler waren grün, die Berge braun, die Flüsse blau, alles gesehen aus der Perspektive eines Fallschirmspringers, der sich an einem sonnigen Sommertag aus der Luke stürzt. Ich suchte in den Zeichen und

Symbolen nach einem Hinweis, wo ich mit Karin hinfahren könnte. Aber jede Erklärung auf dem Kartenrand las sich wie Hohn: Mühle, Kloster, Höhle, Zahnradbahn. Dann fiel mir ein, daß die ganze grün gemalte Landschaft jetzt von

Schnee bedeckt sein mußte, der Boden festgefroren, die Äste der Laubbäume kahl und schwarz. Als ich die Karte zusammenfaltete, spürte ich den

Blick des Mannes vom Nebentisch. Ich schaute ihn an und sah einen Verdacht in seinen Augen.

Als ich Karin hereinkommen sah, wurde es unwichtig, wo wir hinfahren würden.

Erst einmal hinaus aus der Stadt, sich schieben lassen von der Musik aus dem Heck, anhalten, wenn es dunkel ist. Ich sah ihr zu, wie sie sich setzte, eine

Zigarette anzündete, mich mit spöttischem Erstaunen ansah, als ich ablehnte,

74

Seit Mittwoch habe ich keine mehr angefaßt! - Du bist der häufigste Nichtraucher, den ich kenne!, sah ihr beim Reden zu. Hatten sich die Falten um die Mundwinkel etwas tiefer gegraben oder bildete ich mir das ein? Den kleinen Pickel über der Oberlippe hatte ich vergessen, aber sie benutzte denselben Lippenstift, immer noch oder schon wieder: violettrot. Ich will künstlich aussehen, wenn ich mich schminke, und nicht so idiotisch natürlich! Sie machte den Mund weit auf beim Reden, überhaupt ihre Bereitschaft, den Mund aufzumachen: beim Lachen,

Küssen, Trinken, Singen. Auch ich redete nur über die letzten drei Stunden, als hätten wir uns gestern zuletzt gesehen. Aber während ich sprach, fühlte ich mich angeschaut von demselben vergleichenden Blick. Sollte ich ihr sagen, daß ich mich gestern betrunken hatte? Aber wollte ich damit widerlegen, was sie an mir sah?

Natürlich würde sie auch momentane Veränderungen in meinem Gesicht als längst geschehen betrachten, jede Abweichung hatte in diesem Augenblick etwas

Endgültiges. Was ist ein Jahr? 15 Kilometer Autobahn, wenn man die gerauchten

Zigaretten aneinanderlegt, bei dir etwas mehr, eine halbe Liebesgeschichte, auf den Monatsdurchschnitt gerechnet, bei mir etwas weniger. Einen Moment lang sahen wir uns wieder an mit dem ersten Blick, als wir Gründe und Absichten nicht gelten ließen. Jetzt war es noch möglich, einfach aufzustehen und zu gehen, das ganze Treffen für einen sentimentalen Irrtum zu erklären. Ohne Erklärung, fast ohne

Schmerz.

Ich verzeihe dir nicht, wie du jetzt aussiehst! - Ich will mich an diese eine Geste von dir gar nicht gewöhnen!

Ich wollte ihren Blick von mir ablenken, ich rief den Kellner und sah ihr zu, wie sie mit langen dunkelroten Fingernägeln eine neue Zigarette aus der Packung fischte.

Ich bin die mit den zu kleinen Händen, erinnerst du dich?

Ich wollte ihr widersprechen, aber es war kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur Spott. Habe ich das gesagt?

Als wir aus der Stadt hinaus waren, spürten wir den Wind. Er trieb uns kleine

Ästchen, Kieselsteine und Blätter entgegen, die wie ein Schwarm winziger Tiere

75

auf uns zuliefen und direkt vor den Vorderrädern seitlich davonstoben. An immer anderen Stellen fielen Lichtbündel aus den niedrig fliegenden Wolken auf einzelne

Punkte der Landschaft. Vor den Wolkenmassen, die am Horizont die blauschwarze

Färbung der Berge annahmen, erschien das Licht gelb und staubig, die Landschaft, in der manchmal ein beschneiter Hügel oder ein nasses Ziegeldach aufleuchtete, sah aus wie gemalt. Während ich mit beiden Händen das Steuer festhielt und mit einem TEE um die Wette fuhr, ließ Karin die Kassette immer wieder an den Anfang desselben Liedes zurücklaufen.

Daß du das Lied nicht kennst! Wir tanzen schon ein halbes Jahr danach!

Wir hatten nicht mehr dieselben Freunde, aber wir mochten immer noch dieselbe

Musik. Das Lied kam wie aus großer Tiefe, die Töne klangen, als würden sie durch Wasser gepreßt. Ich sah die ganze Gruppe auf dem Meeresgrund sitzen: grinsend und mit der Lockerkeit betrunkener Wassermenschen spielten sie ihre Instrumente, mit trägen, durch das Wasser gemilderten Bewegungen. Jedesmal, wenn der

Refrain kam, schlug Karin den Rhythmus auf den Autositz und sang aus

Leibeskräften mit. Die Zeit da draußen, die Zeit unserer Begegnung im Cafe lag Jahre hinter uns. Jetzt galt nur die Zeit in dem Auto, und sie wurde durch Anfang und Ende des Liedes gemessen.

Als es zu dämmern begann, bog ich von der Autobahn ab. Die Berge zur Linken waren der Autobahn näher gekommen, die breiten, jetzt schattenlosen Abhänge verschwanden nach oben in weißen Nebelfetzen. Ich nahm die Straße zum Schauinsland. Rechts und links der Serpentinenstraße sahen wir vereinzelte Schneeflecken, die sich allmählich ausdehnten und das hügelige Gelände einebneten. Auf ein-mal war es, als führen wir nur noch in ein flaches Bild hinein, das durch den Rahmen der Frontscheibe begrenzt wurde. Der Nebel, der uns jetzt einhüllte, nahm dem Raum alle Tiefe und schien auch Karins Körper flach gegen die Rückenlehne zu pressen. Karin hatte den Recorder ausgestellt und sprach nicht mehr, ich setzte mich steil auf und näherte den Kopf so weit wie möglich der Frontscheibe, um die Sichtstrecke ein paar Zentimeter zu verlängern. Nur sekundenlang, wenn das Licht eines nahen Hauses wie ein Atemstoß den Nebel

76

zerteilte, war der Rand des Schneeaufwurfs an einer feinen Rußschicht von den darüber liegenden Dunstschwaden zu unterscheiden.

Glaubst du, daß wir hier etwas finden, fragte Karin.

Ich weiß nicht, wir müssen fragen, sagte ich.

Wie lange hast du eigentlich Zeit?

Bis Montag früh.

Ich dachte, wir hätten einen Tag länger.

Ein Wegweiser, den der Scheinwerfer plötzlich aus dem Nebel löste, zeigte den

Weg zu einem Hotel, das ich kannte. Das Dach des Hotels senkte sich tief in eine

Schneewächte hinab. Als wir ausstiegen, hörten wir den Wind, als hätten wir soeben eine schalldichte Tür aufgemacht. Unmittelbar über uns verfing er sich in den Wipfeln von Bäumen, die wir nicht sahen, aber wir hörten nicht nur das peitschende Geräusch aneinanderschlagender Nadelzweige, sondern auch ein gefährliches Splittern und Krachen von tiefer her aus den Stämmen. Die Tür unter dem überdachten Eingang war aus schwerem Holz, und der Wind drückte so stark dagegen, daß ich sie kaum aufbekam. Wie Karin mich an der Tür reißen sah, begann sie zu lachen. Klingt unheimlich echt, dieser Wind, Vollstereo!

Die Frau an der Rezeption sagte Grüß Gott! und sah uns verwundert an, als wir nach einem Zimmer fragten. Ob wir vergessen hätten, daß Heiligabend sei, alle Zimmer seien längst besetzt oder reserviert. Es war ihr lästig, daß sie doch noch ein Doppelzimmer fand, zu dem sie uns den Schlüssel aushändigte. Wir holten die

Sachen aus dem Auto und sahen uns in dem holzverkleideten Zimmer um. Eine

Glastür führte in einen unbeheizten Wintergarten. Davor erkannte ich den dunklen

Umriß einer Baumgruppe, vielleicht ein Fichtenwäldchen, das frühere

Generationen als Windfang in die kahle Senke gepflanzt hatten. Ich öffnete das

Fenster, und wieder hörten wir das unwirklich laute Reißen und Toben da draußen. Ich sagte Karin, daß wir uns dicht unter dem höchsten Punkt der Umgegend befänden. Der Satz traf im Augenblick auf nichts zu. Als ich das Fenster schloß, war es, als hätte ich uns im Zimmer eingeschlossen. Die plötzliche Abwesenheit des Nebels und der Geräusche rief ein Dröhnen in mir hervor. Es störte mich, daß

77

uns jetzt nichts mehr ablenkte. Ich sah Karin zu, wie sie auspackte, und sagte, wir sollten hinaufgehen, noch etwas essen. Sie sah mich an wie jemanden, der sich auf der Flucht befindet.

Geh schon vor, ich möchte mir noch etwas anderes anziehen!

Ich setzte mich an den grünen Kachelofen auf die Eckbank. Die Gäste am

Nebentisch sprachen leise und

hörten ganz auf, als ich den Kellner um die Speisekarte bat. Zu spät! sah ich in ihren Augen, da kommt einer am Weihnachtsabend zum Essen zu spät! Sie warteten, bis sie das Echo ihres Gedankens aus dem Mund des Kellners hörten und wischten sich das Fett aus den Mundwinkeln, als ich etwas Kaltes bestellte:

Schwarzwälder Schinken und Sekt. Erst als sie unmittelbar vor mir stand, merkte

Karin, daß sie mit ihrem Gang durch die Gaststube eine Prüfung vor einer schweigenden Jury abgelegt hatte.

Ist es immer so still im Schwarzwald?

In ihrem dunklen ausgeschnittenen Samtkleid sah sie als einzige festlich aus. Sie hatte die Lippen mit dem violetten Stift nachgezogen und sich die Augenlider mit Silbersternchen besprenkelt, von denen einige auf ihre nackten Schultern gefallen waren. Aber in dieser Stille, in der jedes laute Wort zum Gebrüll wurde, wirkte ihre Erscheinung wie eine Drohung. Ich war in diesem Moment stolz auf sie, auf ihre Bereitschaft, aufzufallen. Auf den Wind da draußen!

Auf Eric Clapton!

Auf das kleine Jesuskind, weil es die Weihnachtsferien erfunden hat.

Wir suchten mit den Sektgläsern die Stelle, wo sie klingen, und machten uns an den Schinken. Ein Besteck klirrte auf den Boden, und ein Kind wurde getadelt.

Unter dem Tisch neben uns entstand ein kurzer Zweikampf zwischen den Händen des Kindes und denen des Kellners: wer würde das Besteck als erster auf den Tisch zurückbefördern?

Was ist hier eigentlich los?

Sie schauen dich an, als ob sie dich kennen. Sie blättern im Geist irgendwelche

Steckbriefe durch.

78

Ich glaube, sie trauen uns allerhand zu.

Was gehen uns eigentlich diese Leute an?

Gar nichts.

Warum reden wir dann darüber?

Es war das alte Gefühl der Gemeinsamkeit, das durch Abgrenzung gegen Dritte entsteht. Wir erzielen eine Übereinstimmung, die uns nichts kostet. - Oder: Wir haben uns im Gespräch meistens besser verstanden als im Bett! - Ich sah Karin beim Essen zu. Sie bereitete jeden Bissen sorgfältig vor und hielt, wenn sie ihn heruntergeschluckt hatte, einen gewissen Abstand zum nächsten ein. Auch bevor sie das Sektglas nahm, wartete sie ein Weilchen, bis ihr Gaumen frei war für ein neues Gefühl, und trennte dann jeden Schluck vom nächsten.

Hast du dich denn gefreut, fragte sie.

Ja, sehr. Aber mir war auch ein bißchen mulmig.

Jetzt immer noch?

Nein, jetzt nicht mehr.

Du hast dich verändert. Du schaust anders.

Ich hab gestern zu viel getrunken.

Du schaust offener, dein Gesicht ist irgendwie deutlicher geworden.

Der Kellner löschte das Licht im Vorraum und schlug mit einem Handtuch die Krümel von den Tischen.

Als er die Sektflasche wegräumen wollte, nahm Karin sie ihm aus der Hand. Es war noch ein Rest darin.

Noch eine Flasche.

Wir schließen jetzt gleich.

Macht nichts. Wir möchten noch eine Flasche.

Sie sah ihn streitlustig an, schenkte sich das Glas voll und gab ihm die leere

Flasche. Ihr war warm geworden vom Trinken, ihr Gesicht glühte vor

Unternehmungslust.

Was willst du eigentlich in drei Tagen herausfinden, fragte sie.

Bevor ich hergekommen bin, hab ich’s gewußt.

79

Hast du „Harold und Maude― gesehen? Es ist ein ziemlich alberner Film, aber es gibt eine Stelle darin, wegen der ich noch einmal hineingehen würde. Der Knabe Harold sitzt mit seiner achtzigjährigen Geliebten am Meer und schenkt ihr einen

Ring. Maude betrachtet ihn lange, dann wirft sie ihn mit einer ganz schnellen und jungen Bewegung ins Meer. Jetzt weiß ich wenigstens immer, wo er ist, sagt sie. In diesem Moment war der ganze Kinosaal in der Luft, ja wir flogen alle, als diese alte Frau eine lächerliche oder langweilige Zukunft wegwarf, um einen Augenblick ganz zu haben.

Wir entkorkten die neue Flasche und redeten weiter, bis der Kellner uns hinauswarf. Als wir unten im Zimmer vor dem gewaltigen Ehebett standen, war plötzlich eine Kälte zwischen uns. Ich trat auf Karin zu, aber sie spürte die

Unsicherheit meiner Berührung und wendete sich ab. Ich vermied es, ihr zuzusehen, wie sie sich mit raschen, gleichgültigen Bewegungen auszog. Nur jetzt nicht Stellung nehmen müssen zu einem anderen Körper, die Anstrengung vermeiden, über eine Zimmerbreite hinweg, Lust zu zeigen. Wir hatten getrunken, wir hatten uns durch den Nebel gearbeitet, wir waren schwer vom Reden und

Essen, wir hatten ein Recht darauf, nichts weiter als müde zu sein. Wir wollten einfach nur schlafen.

Karin zündete sich eine Zigarette an, setzte sich ins Bett und stellte den Recorder an. Ich setzte mich neben sie und hörte zu. Es war nur ein winziger Lautsprecher an dem Gerät, und die Musik übertönte nur schwach das Brausen des Windes.

Elektronisch verzerrte Stimmen, von einem Sitarspieler begleitet, flüchtige

Botschaften von einem anderen Planeten, die nur wir auffangen konnten, dicht unter dem höchsten Punkt der Umgegend. Ich lehnte mich ganz zurück und gab das Gewicht meines Körpers an die Wand ab. Allmählich hatte ich ein sickerndes

Gefühl in den Gliedern, weiße Lichtkreise schwammen von der Lampe unter der Holzdecke durch das Zimmer, legten sich als gleißende Linien um alles Sichtbare, sanken ins Dunkle am Fußende des Bettes. Karins Gesicht war jetzt von einer durchsichtigen Klarheit und leicht nachzuzeichnen, ein schwarzer, halboffener

Mund unter der hellen, durchlässigen Stirn, hör einfach zu und versuche, die

80

Соседние файлы в предмете [НЕСОРТИРОВАННОЕ]