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5. Phonologie der silbe

5.1. Definition der Silbe

5.2. Funktionen der Silbe in der Sprache

5.3. Silbe aus phonetischer und phonologischer Sicht

5.4. Silbentypen

5.5.Silbenmodelle im Deutschen

5.6. Probleme der Silbenbildung und Silbentrennung

5.7. Deutsche Phonotaktik

5.1. Definition der Silbe

Als S i l b e bezeichnet man in der Sprache die kleinste natürliche Sprecheinheit, die aus einem Kern (Gipfel) und einem oder einigen Satelliten besteht. Den Kern der Silbe bildet ein lautes Segment – in der Regel ein Vokal. Als Satelliten fungieren leisere Laute – die Konsonanten.

Die Silbe kann nur aus dem Kern bestehen (o-ben, U-fer) oder neben dem Kern einen oder mehrere Satelliten enthalten: an-neh-men, herbst-lich, Wet-ter. In einigen Sprachen (im Tschechischen, z.B., auch im Deutschen) können den Silbenkern nicht nur Vokale, sondern auch sonore Konsonanten bilden: [`fın-dn].

Für die Satelliten des Silbenkerns gibt es in der Linguistik mehrere Bezeichnungen: Onset (Silbenanlaut: Silbensegment bis zum Vokal, auch Anfangsrand genannt) am linken Rand, Silbenauslaut (Endrand) am rechten Rand (T.A. Hall), z.B.:

b lind

Onset

(Anfangsrand)

Silbenkern

Silbenauslaut

(Endrand)

5.2. Funktionen der Silbe in der Sprache

Die Silbe gehört in den europäischen Sprachen nicht zu den kleinsten phonologischen Gebilden, sie differenziert nicht die Wortbedeutungen. Diese Rolle spielen die Phoneme. Die Silbe hat aber auch in diesen Sprachen einige wichtige Aufgaben:

  • Sie wirkt konstitutiv, d.h., sie verbindet einzelne Laute miteinander, bildet aus getrennten Lauten größere Segmente für den Aufbau der Wörter.

  • Sie trägt prosodische Eigenschaften des Wortes: Betonung, Dauer, Intensität und Tonhöhe.

  • Sie ist die kleinste natürliche Sprech- und Wahrnehmungseinheit der Sprache, d.h., wir können ohne Schwierigkeiten den Text in Silben skandieren und den skandierten Text mühelos verstehen.

  • Sie ist der kleinste Rhythmusträger der Sprache, d.h., bestimmte Kombinationen von betonten und unbetonten Silben rhythmisieren den Redestrom.

  • Die Silbe zeigt alle möglichen Phonemkombinationen in der Sprache.

5.3. Silbe aus phonetischer und phonologischer Sicht

Der sprachliche Status der Silbe wird in der Linguistik bis jetzt diskutiert. Niemand leugnet dabei, dass die Silbe eine phonetische Einheit ist: Sie wird artikuliert und wahrgenommen, sie hat messbare akustische Eigenschaften, ist folglich eine Realität der Sprache. Man kann jedes Wort in Silben trennen. Das tut jeder Sprachträger mehr oder weniger sicher. Der Silbe wird jedoch von manchen Theoretikern der phonologische Status genommen, weil sie die Wortbedeutungen nicht unterscheidet.

Das stimmt: In den europäischen Sprachen wirkt die Silbe nicht wortdifferenzierend. Doch das bezieht sich nur auf Lautsprachen, nicht auf die Sprachen der Welt insgesamt. In der Welt gibt es nicht wenige große Sprachen (z.B. Chinesisch), in denen die Silben die kleinsten phonetischen Einheiten sind und die Wortbedeutungen unterscheiden. Das sind so genannte syllabische Sprachen. Die syllabischen Sprachen kennen keine Laute. Die Wörter bestehen dort aus Silben, die nicht weiter getrennt werden können. Dort besitzen die Silben die wichtigste phonologische Eigenschaft – die relevante. Deshalb müssen sie zu den phonologischen Einheiten der Sprache gezählt werden. Die Phonologen haben dafür auch andere Argumente, z.B.:

1.  Silbenmodelle bestehen, genauso wie Phoneme, nur abstrakt im Bewusstsein der Sprachträger, als mögliche Kombinationen der Laute in jeder Sprache. Erst beim Sprechen verwandeln sich die abstrakten Modelle in konkrete Sprechsegmente, genauso wie aus Phonemen beim Sprechen die Laute entstehen.

2.  Die Zahl der Silbenmodelle ist in jeder Sprache begrenzt, genauso wie die Anzahl der Phoneme. Folglich muss die Silbe als eine phonologische Größe betrachtet werden. Doch diejenigen Phonologen, denen es auf die Bedeutungsunterscheidung ankommt, weisen diese Argumente vom Tisch.

Wir sehen: Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Silben zur Phonologie gehören oder nur phonetische Gebilde sind, gibt es nicht. Es ist wohl so, dass die Silbe im Prinzip eine phonologische Einheit ist, doch sie zeigt ihr phonologisches Potential nicht in allen Sprachen. Da Deutsch zu den Lautsprachen gehört, wirkt hier die Silbe nicht wortunterscheidend. Sie dient als Baustein für bedeutungstragende Elemente der Sprache – Morpheme und Wörter. In den syllabischen Sprachen ist sie jedoch eine richtige phonologische Einheit.

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