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Аналитическое чтение. Учебное пособие для студентов третьего курса факультета иностранных языков

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engen Kontakt zur 8.b herstellen wird, da er über sein Wissen und Können gut Bescheid weiß.

Der ganze Textauszug lässt sich inhaltlich in folgende Abschnitte gliedern:

1. Das Gespräch zwischen Just und dem stellvertretenden

Schuldirektor.

2.Die Ordnung in der Schule.

3.Die Aufregung der beiden Kollegen.

4.Überlegungen über den Lehrerberuf.

Diese Abschnitte sind semantisch abgeschlossene Bruchstücke des

Textes.

Der lexikalische Aspekt

In dem von uns gewählten Auszug wird eine Szene aus dem

Schulleben behandelt, aber die Wahl der thematisch gebundenen Lexik ist nicht groß: die Klasse, die Pädagogen, der Kollege Direktor, das Klingelzeichen, die Disziplinübung, das Schulleben, die 8.b, der Klassenlehrer, unterrichten, der Klassenraum. Andere tragende Lexik ist mit dem Thema „Schule“ wenig verbunden, doch gelingt es dem Autor, die Atmosphäre zu widerspiegeln, die in der Schule herrschte. Zum Beispiel: „Es war erstaunlich, wie schnell Stille auf dem Flur und in den Klassenräumen eintrat. Darauf war ich stolz, das war ein Ergebnis unserer Arbeit, darauf bestand Karl hartnäckig seit Jahren, auf dieser Disziplinübung, dass mit dem Klingelzeichen die Arbeit beginnt und Ruhe einzuziehen hat. Jeder, der nur ein wenig Ahnung hat vom Schulleben und von seinen Problemen, weiß, dass diese Forderung durchzusetzen eine Kraftübung darstellt, Konsequenz verlangt und Unnachsichtigkeit...“

Aus diesem Textbruchstück wählen wir einige Wörter und betrachten sie unter dem semantischen Aspekt. Dabei hilft uns das Agricola-

Wörterbuch („Wörter und Wendungen“, Leipzig, 1965).

1. eintreten – ist polysemantisch, es hat 8 Bedeutungen:

1.1.einziehen – sich Dorn, Nagel in den Fuß eintreten

1.2.dem Fuß anpassen (die neuen Schuhe)

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1.3.hineingehen (in ein Zimmer)

1.4.durch Tritte zerstören (eine Tür)

1.5.beitreten (in eine Partei)

1.6.beginnen (ins 50. Lebensjahr)

1.7.geschehen (ein Zwischenfall)

1.8.verteidigen, vertreten (für j-n eintreten)

In unserem Fall wurde das Verb in der Bedeutung „beginnen“ gebraucht.

2. 'durchsetzen

2.1.durch'setzen (behaupten, erreichen) seine Ansicht, Meinung, seinen Willen usw.

2.2.durchsetzen (einstreuen) das Gestein, der Flusssand ist mit Gold durchsetzt).

In unserem Text hat das Verb „durchsetzen“ die erste Bedeutung „behaupten“.

3. die Konsequenz:

mit äußerster K. (Zielstrebigkeit, Folgerichtigkeit) vorgehen; einen

Kampf

bis zur letzten K. (bis zum äußersten) fuhren; etw. bis zur letzten K. ausfechten; in der letzten K. (im Grunde) bedeutet das ein Versagen; die

Konsequenz(en) aus etw. ziehen (das Nötige tun); du musst die

Konsequenzen auf dich nehmen.

In unserem Text hat das Substantiv „die Konsequenz» die Bedeutung „Zielstrebigkeit».

Es wäre empfehlenswert, diese angeführte Arbeit an dem Wortschatz durch folgende Wörter zu ergänzen:

1. verfahren, 2. übertragen, 3. aussehen, 4. sicher, 5. grau, 6. der Start,

7.das Ding.

Jetzt stellen wir lexikalische Mittel zusammen, mit deren Hilfe der

Autor Just’ Vermutung über das Lehrerkollektiv und seine Bräuche zum

Ausdruck bringt. Hier gebraucht er eine ganze Reihe von Phraseologismen: es j-m übel nehmen, etw. persönlich nehmen, das A und 0.

Der Beginn der Arbeit wird hier als „der Start“ bezeichnet. Das Wort wirkt expressiv. Das Modalwort „anscheinend“ zeugt von der Art, wie der

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neue Lehrer spricht. Er ist vorsichtig bei seinen Äußerungen und will niemanden kränken. Beim Sprechen gebraucht er bewertende Epitheta; „freimütig, „mangelnd. Durch die Figurensprache schuf der Autor das sprachliche Porträt seines Helden Just. Seine Sprache ist leicht fassbar, anschaulich und bildlich, was von seiner Intelligenz zeugt.

Nicht zufälligerweise gebraucht der Autor das Kompositum „das Lampenfieber“ zweimal im Auszug. Das Wort bedeutet „starke nervöse Erregung“, und charakterisiert deutlich den Gemütszustand von Just vor der ersten Stunde.

Der stilistische Aspekt

Im ganzen Textauszug wird hauptsächlich allgemeingebräuchliche Lexik einfach-literarischer Prägung gebraucht. Das ist funktional-neutrale Lexik die in beliebigen Stilen verwendet werden kann, z.B. die Arbeit, j-n vorstellen, verstehen, der Lehrer usw. Solche Lexik dominiert im Text. An manchen Stellen werden die Wörter so gebraucht, dass sie vom neutralen

Stil abstechen und stilistisch markiert wirken. Bald geschieht es in der Richtung zum Gehobenen, bald zum Umgangssprachlichen. Jetzt wollen wir das Gesagte mit entsprechenden Belegstellen nachweisen. „Pardon, sagte er, Sie sehen, ich bin ungeduldig. Ran an die Arbeit! ist die Losung“.

Das veraltende französische Wort „pardon» wirkt hier feierlich, gehoben. Das zeugt davon, dass Lehrer Just mit seinem Hospitanten offiziell sprechen möchte. Dann sagt er plötzlich „ran an die Arbeit» und das ist schon typisch für den Alltag. Die Mischung der Stile beweist die große Aufregung des

Lehrers. Im Satz „Und wie wollen wir jetzt verfahren!“ wirkt das sonst neutrale Verb „verfahren» expressiv gefärbt. Weiter gebraucht Lehrer Just umgangssprachliche Elemente „mal“, „bloß“, „doch“, „übelnehmen“, „blöd“.

Wenn wir weiterhin bei stilistischem Aspekt bleiben möchten, so können wir noch bemerken, dass der Aufwand an Mitteln der Bildlichkeit in diesem Auszug sehr gering ist. Der Wortschatz ist schlicht, aber er

überzeugt den Leser durch treffenden Ausdruck der Gedanken. Die Autorensprache ist von Epitheta und Metaphern sowie anderen Mitteln der

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Bildlichkeit nicht überladen, aber seine seltenen Epitheta, solche wie

„unberechenbar“ über die Überraschungen, „eigentümlich“ über das Gefühl eines Lehrers, wenn er in eine unbekannte Klasse geht, sind genau und gut gewählt.

Die Einmalbildungen des Autors „die Disziplinübung“, „die Kraftübung“ widerspiegeln das Wesentliche in der Lehrertätigkeit.

Das französische Wort „Premiere“ in der Figurensprache am Ende des Auszuges ist auch Abweichung vom neutralen Stil. Die expressive

Färbung des Gebrauchs dieses Wortes tritt hier auch als Ausdruck des emotionalen Zustandes des Helden auf.

Der grammatische Aspekt

Bei der Gestaltung eines Sachverhalts haben auch grammatische Mittel ihre bestimmten Ausdrucks werte. Der Satztyp steht im engen Zusammenhang mit der inneren Verfassung des Helden. Zum Beispiel zeigt der Autor die Unsicherheit und Verlegenheit seines Ich-Erzählers vor dem neuen Kollegen durch den Gebrauch der Entscheidungsfrage im inneren

Monolog: „War das Ironie?“

Um innere Gespanntheit seines Helden darzustellen, bedient sich der

Autor nicht nur eines starken expressiven Wortes „Lampenfieber“, das den Hauptsinn des Absatzes trägt, sondern auch eines komplizierten Satzbaus und zweier Arten der Rededarstellung. Er gebraucht einen mehrfach zusammengesetzten Satz mit Unterordnung zweiten und dritten Grades. Der einzige Satz dehnt sich über den ganzen Absatz, aber gerade das gibt dem Autor die Möglichkeit, den Inhalt eindrucksvoll zu entfalten: „Da übertrug sich auch auf mich dieses eigentümliche Gefühl, das jeder Lehrer empfindet, wenn er eine neue, ihm unbekannte Klasse übernimmt, dieses Lampenfieber, das nicht zu unterdrücken ist, das man auch nicht unterdrücken sollte, weil es zu einem Lehrer gehört, der seine Sache ernst meint, der über seine Möglichkeiten Bescheid weiß und auch über die unberechenbaren Überraschungen, denen er ausgesetzt ist in seinem Beruf, weil er es mit Menschen zu tun hat!“ Der Absatz beginnt in der Form des inneren Monologs, der schon bei dem Attributsatz „das jeder Lehrer empfindet» in

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erlebte Rede mündet. Der Autor identifiziert sich mit dem Helden, er hat dieselbe Meinung über das Verhalten eines echten Lehrers zu seiner Arbeit. Das Objekt „dieses Gefühl“ im Hauptsatz wird über einen Abstand präzisiert. Das wird durch „dieses Lampenfieber“ gemacht, was Emotionalität des Ausdrucks erhöht. Im vorletzten Nebensatz wird die Präpositionalgruppe „in seinem Beruf“ ausgerahmt, es dient zur stilistischen Hervorhebung eines eigentümlichen Berufs.

Im übrigen Text sind zusammengesetzte Sätze vorherrschend. Sie tragen zur vollständigeren und dynamischen Darstellung einer alltäglichen

Szene aus dem Schulleben bei.

Aufgaben zum Text

Arbeiten Sie an dem Kommentar, stellen Sie fest, mit welchen Thesen,

Argumenten, Begründungen Sie völlig einverstanden sind, mit welchen nur teilweise, welche Positionen Sie völlig ablehnen oder eine vermittelnde Stellung einnehmen! Versuchen Sie zu erklären, warum nicht alles Sie überzeugt. Formulieren Sie Ihre Gedanken, indem Sie auch auf andere, Ihrer Ansicht nach nicht berücksichtigte, aber interessante Aspekte des Textes eingehen, z.B.: Es scheint mir, dass der explizierte Inhalt zu ausführlich formuliert wurde, solche Sätze wie „Er war blass, seine Gesichtshaut wurde grau“ oder „Vor dem Klassenraum zog er seine Krawatte und sein Hemd zurecht, rühr mit dem Kamm durch das Haar und strich glättend über die Aufschläge der Lederjacke“ würde ich mir ersparen usw.! Versuchen Sie die einzelnen Aspekte zu integrieren.

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I.W. GOETHE 1749-1832

Der lange Lebensweg des größten deutschen Dichters, wie auch sein geniales dichterisches Schaffen, waren kompliziert und widerspruchsvoll.

Auf diese Widersprüche hat Engels hingewiesen und ihre historische Gesetzmäßigkeit erklärt. „Goethe verhält sich in seinen Werken“, schreibt Engels, „auf eine zweifache Weise zur deutschen Gesellschaft seiner Zeit.

Bald ist er ihr feindselig; er sucht der ihm widerwärtigen zu entfliehen, wie in der Iphigenie und überhaupt während der italienischen Reise, er rebelliert gegen sie als Götz, Prometheus und Faust, er schüttelt als Mephistopheles seinen bittersten Spott über sie aus. Bald dagegen ist er ihr befreundet, schicktʼ sich in sie, wie in der Mehrzahl der zahmen Xenien und vielen prosaischen Schriften, feiert sie, wie in den Maskenzügen, ja verteidigt sie gegen die andrängende geschichtliche Bewegung, wie namentlich in allen Schriften, wo er auf die Französische Revolution zu sprechen kommt. Es sind nicht nur einzelne Seiten des deutschen Lebens, die Goethe anerkannt gegen andre, die ihm widerstreben. Es sind häufiger verschiedene Stimmungen, in denen er sich befindet; es ist ein fortwährender Kampf in ihm zwischen dem genialen Dichter, den die Misere seiner Umgebung anekelt, und dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind, bzw. Weimarer

Geheimrat, der sich genötigt sieht, Waffenstillstand mit ihr zu schließen und sich an sie zu gewöhnen. So ist Goethe bald kolossal, bald kleinlich; bald

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trotziges, spottendes, weltverachtendes Genie, bald rücksichtsvoller, genügsamer, enger Philister. Auch Goethe war nicht imstande, die deutsche

Misere zu besiegen; im Gegenteil, sie besiegt ihn, und dieser Sieg der

Misere über den größten Deutschen ist der beste Beweis dafür, dass sie, von innen heraus' gar nicht zu überwinden ist“.

Diese Bemerkungen von Engels über Goethe sind weitbekannt geworden. Engels hat in knappen Worten dem großen klassischen Dichter eine erstaunlich tiefe und treffende Charakteristik gegeben.

Der literarische Nachlass des Dichters ist ungeheuer reich. Wir kennen

Goethe als Schöpfer vieler poetischer, prosaischer und wissenschaftlicher

Schriften.

In diesem Buch ist Goethe mit dreien seiner Werke vertreten: mit einem Abschnitt aus dem Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, einem lyrischen Gedicht und einem Passus aus dem „Faust“.

„Die Leiden des jungen Werthers“ ist, neben „Götz von Berlichingen», das wichtigste Werk des Dichters aus seiner Sturm-und-Drang-Periode, das erste, das Goethes Namen berühmt machte.

„Werther“ ist eine ganz eigentümliche Erscheinung in der gesamten deutschen Literatur des Sturm und Drang. Mit diesem Roman hat Goethe ein schönes Buch über Menschen und Natur geschrieben, er kontrastierte die Harmonie der Natur mit den Verhältnissen in der Gesellschaft und zeigte, dass die Gesellschaft der damaligen Zeit voller Dissonanzen war.

Dieser in Briefform geschriebene Roman, in dem vielfältige autobiographische Bezüge zu finden sind, blieb dem Verfasser auch in seinen späteren Jahren sehr teuer und nah. Goethe selbst sagte, er habe „Werther“… „mit dem Blute seines eigenen Herzens geschrieben“.

Der Held des Werkes ist ein Stürmer und Dränger in einem besonderen Sinne – liebevoll und mitleiderfüllt steht er den Menschen und der Natur gegenüber. Der Fabel des Romans scheint knapp zu sein, knapp und anspruchslos, nichts weiter als eine unglückliche Liebesgeschichte. Doch ist der Inhalt dieses Werkes tief und reich. Werther repräsentiert das junge deutsche Bürgertum, das über keine sozialen und politischen Rechte verfügte, aber von ihnen träumte, dessen innerer Werdegang und Bewusstsein sich rasch entwickelten. Die reiche Gefühlswelt Werthers,

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dieses begabten jungen Bürgers, verlangt nach Entfaltung der Fähigkeiten und Möglichkeiten seines Geistes in gesellschaftlicher Aktivität. Sie scheitert aber an den engen Grenzen der starren feudalen Konvention.

Am Anfang des Werkes finden wir Werther in einer neuen Umgebung, frisch aus dem elterlichen Hause, lebenslustig und hoffnungsvoll. Erst nach und nach umwölkt sich sein Horizont, eine peinliche, verbotene Liebe zu der Braut seines Freundes hat ihn gefesselt. Werther versucht, sich vor der aussichtslosen Liebe zu retten. Er nimmt eine Anstellung an, die ihm widerstrebt, was ihm nur Unannehmlichkeiten bringt und seine Einsamkeit verschärft.

DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHERS

Den 15. März

Ich habe einen Verdruß gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirschte mit den Zähnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's! nun habt ihr's! Und daß du nicht wieder sagst, meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast du hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das aufzeichnen würde.

Der Graf von С.. liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben an dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herrn und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nicht gedacht habe, auch mir nie aufgefallen ist, daß wir Subalternen (der Subalterne (lat) – der Untergebene, der Untergeordnete (im Amt)) nicht hineingehören. Gut. Ich speise bei dem Grafen, und nach Tische gehn wir in dem großen Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Obristen (der Obrist (veralt) – der Oberst) B.., der dazukommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S.. mit ihrem Herrn Gemahle und wohlausgebrüteten Gänslein Tochter, mit der flachen

Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant (passant (franz) – im

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Vorübergehen, nebenbei) ihre hergebrachten hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein В.. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dachte ich, und war angestochen und wollte gehen, und doch blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch ein gut Wort von ihr hoffte und – was du willst. Unterdessen füllt sich die

Gesellschaft. Der Baron F.. mit der ganzen Garderobe von den

Krönungszeiten Franz des Ersten her, der Hofrat R.., hier aber in qualitate Herr von R.. genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übel fournierten J.. nicht zu vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen Lappen ausflickt, das kommt zuhauf, und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ich dachte – und gab nur auf meine В.. acht. Ich merkte nicht, daß die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren flüsterten, daß es auf die Männer zirkulierte, daß

Frau von S.. mit dem Grafen redete (das alles hat mir Fräulein В.. nachher erzählt), bis endlich der Graf auf mich losging und mich in ein Fenster nahm.

– Sie wissen, sagte er, unsere wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehen; ich wollte nicht um alles – Ihro

Exzellenz, fiel ich ein, ich bitte tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken sollen, und ich weiß, Sie vergeben mir diese Inkonsequenz; ich wollte schon vorhin mich empfehlen, ein böser Genius hat mich zurückgehalten, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. – Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte. Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein Kabriolett und fuhr nach M.., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinhirten bewirtet wird. Das war alles gut.

Des Abends komme ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der Gaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen. Da kommt der ehrliche A.. hinein, legt seinen Hut nieder,

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indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: Du hast Verdruß gehabt?

– Ich? sagte ich. – Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen. – Hole sie der Teufel! sagt ich, mir war's lieb, daß ich in die freie Luft kam. – Gut, sagte er, daß du es auf die leichte Achsel nimmst. Nur verdrießt mich's, es ist schon überall herum. – Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu Tische kamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab böses Blut.

Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre, daß meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mit den Übermütigen hinausginge, die sich ihres bißchen Kopfs überhöben und glaubten, sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen, und was des Hundegeschwätzes mehr ist – da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren; denn man rede von Selbständigkeit, was man will ich sehen, der dulden kann, daß Schurken über ihn reden, wenn sie einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr Geschwätze leer ist, ach, da kann man sie leicht lassen.

ERLÄUTERUNGEN

Der vorliegende Brief vom 15. März berichtet von den Begebenheiten im Hause des Grafen von C.. In diesem Brief wird der soziale Inhalt des

Romans besonders evident, hier offenbart sich der Zusammenstoß zweier sozialen Stände. Zwei Lebenshaltungen – die demokratische Tendenz des Bürgertums und die Überheblichkeit des Adels – prallen in einem direkten Konflikt aufeinander. Ein Bürgerkind wagt es, selbstbewußt und würdevoll in der adeligen Gesellschaft aufzutreten, ohne die ständischen

Abgrenzungen zu beachten. Diese Frechheit verzeiht man ihm nicht.

Gereizt und verzweifelt verlässt Werther das Haus des Grafen und die

Stadt. In dieser Form protestiert Werther gegen die Ungerechtigkeit. Sein

Protest geht aber nicht weiter, er kämpft nicht für seine Rechte, verlangt nichts, er tritt zurück. Die Erlebnisse seiner hoffnungslosen Liebe zu Lotte, die Beleidigung im Hause des Grafen lassen ihm seine Lage ganz aussichtslos erscheinen, und er nimmt sich das Leben.

Der angeführte Brief zeigt Werthers Empörung unmittelbar nach der

Begebenheit im Gastzimmer, seinen Zorn und sein Entsetzen.

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