- •I.2. Dekadenz als gegenposition zum
- •I.3.. Expressionismus als zwischenstufe
- •I.4. Dadaismus
- •I.5. Allgemeine charakteristik des modernismus
- •1.6. Literatur des postmodernismus
- •Von der Friedrichstraße
- •II.3. Friedrich Nietzsche (1844—1900)
- •II.4. Adam Karrillon (1853—1938)
- •II.5. Stefan George (1868—1933)
- •II.6. Hugo von Hofmannsthal (1874—1929)
- •Vorfrühling
- •II.7. Rainer Maria Rilke (1875—1926)
- •Im Jardin des Plantes, Paris
- •II.8. Peter Altenberg (1859—1919)
- •II.9. Arthur Schnitzler (1862—1931)
- •II.10. Robert Musil (1880—1942)
- •II.11. Hermann Broch (1886—1951)
- •II.12. Georg Trakl (1887—1914)
- •Verfall
- •Verklärter Herbst
- •II.13. Georg Heym (1887—1912)
- •II.14. Gottfried Benn (1886—1956)
- •Verlorenes Ich
- •II.15. Franz Werfel (1890 – 1945)
- •Vater und Sohn
- •II.16. Elisabeth Langgässer (1899—1950)
- •II.17. Marie Luise Kaschnitz (1901—1974)
- •II.18. Günter Eich (1907—1972)
- •Inventur
- •II.19. Paul Celan (1920—1970)
- •II.20. Wolfgang Borchert (1921—1947)
- •II.21. Ilse Aichinger (1921 )
- •II.22. Hans Carl Artmann ( 1921—2000)
- •II.23. Friederike Mayröcker (1924 )
- •II.24. Ernst Jandl (1925—2000)
- •II.25. Ingeborg Bachmann (1926—1973)
- •II..26. Hans Magnus Enzensberger (1929)
- •II.27. Thomas Bernhard (1931—1989)
- •II.28. Peter Handke (1942)
- •II.29. Elfriede Jelinek (1946)
- •II.30. Volker von Törne (1934—1980)
- •Glossar
- •Idee (f.) des Werkes
- •Idylle (f)
- •Impressionismus (m)
- •Inhalt und Form eines Kunstwerkes
- •Innerer Monolog (m.)
- •Intertextualität (f)
- •Intrige (f)
- •Inversion (f)
- •Ironie (f.)
- •Versrumpf (m.) und Versschluss (m.)
- •Verssystem (n.)
- •Verzeichnis benutzter und zu empfehlender literatur
- •Inhaltsverzeichnis
- •Vorwort 3
- •Verzeichnis benutzter und zu empfehlender
II.20. Wolfgang Borchert (1921—1947)
Wolfgang Borchert wurde als Sohn eines Lehrers und einer Heimatschriftstellerin am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren, wo er nach dem Besuch der Volksschule und der Oberschule mit 17 Jahren eine Buhhändlerlehre begann. Nach einem Jahr gab er die Lehre auf, um Schauspieler zu werden.
Im dritten Kriegsjahr wurde Borchert als Panzergrenadier an der linken Hand verwundet und wegen des Verdachts der Selbstverstümmelung angeklagt. Die Todesstrafe konnte abgewendet werden, und der Zwanzigjährige wurde zur „Frontbewährung“ in Russland eingesetzt, wo er Ende 1942 an Gelbsucht erkrankte.
Nach einem Lazarettaufenthalt hielt sich Borchert erst in Hamburg, dann in Jena auf. Im Dezember 1943 parodierte er im Kameradenkreis Joseph Goebbels und wurde daraufhin denunziert und verhaftet. Nach neun Monaten Gefängnis entließ man Borchert. 1945 geriet er in französische Gefangenschaft. Es gelang ihm zu fliehen und sich in seine Heimatstadt durchzuschlagen, wo er zwei Tage nach der deutschen Kapitulation eintraf.
Als Schwerkranker übte er für kurze Zeit eine Tätigkeit im Hamburger Schauspielhaus aus. Ab 1946 verbrachte er sein Leben im Krankenhaus bzw. zu Hause im Bett.
1947 wurde Borchert noch in das Clara-Spital nach Basel gebracht, wo er am 20. November starb.
Im der kurzen Zeit zwischen Frühjahr 1946 und seinem Tod entstanden die meisten Werke Wolfgang Borcherts, vor allem das Drama „Draußen vor der Tür“ und seine Kurzprosa. Die Veröffentlichung der 12 Geschichten in der Sammlung „Die Hundeblume“ erlebte der Dichter noch im April 1947, die neunzehn Geschichten im Zyklus „An diesem Dienstag“ erschienen wenige Tage nach seinem Tod.
In „Draußen vor der Tür“ wird die Tragödie des Heimkehrers Beckmann gezeigt, der in der Heimat keine Heimat mehr finde. Sein Lebensgefühl ist typisch für Hunderttausende deutscher Kriegsteilnehmer. Wie er fragten viele in Deutschland im Nachkrieg: „Soll ich mich weiter morden lassen und weiter morden? Wohin soll ich denn? Wovon soll ich leben? Mit wem? Für was? Wohin sollen wir denn auf dieser Welt?“ All diese Fragen veranschaulichen die sinnlosigkeit des Krieges und die moralische Stumpfheit des Milieus
Im Drama überwiegen düstere Farben und Töne der Verzweiflung. Und trotzdem bleibt das Hauptanliegen des Textes durchaus humanistisch. Allerdings bleibt die Darstellungsweise im Werk nicht historisch konkret und realistisch, sondern eher expressionistisch. Expressionistische Darstellungsmittel zeigen sich vor allem in Typisierung, Allegorie und grotesken Visionen. Das humanistische Bekenntnis durchdringt auch die Kurzerzählungen des Schriftstellers sowie seine Lyrik:
Ich möchte Leuchtturm sein
In Nacht und Wind –
Für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not!
Borcherts Kurzgeschichten stehen häufig im Schatten seines einzigen Dramas „Draußen vor der Tür“. Die zeitgenössischen Literaturkritiker warfen ihm Nihilismus vor, nicht zuletzt, weil er sich selbst mehr als einmal als „Neinsager“ bezeichnete. Man übersah dabei, dass Borcherts „Nein“ Protest war, was im folgenden Zitat klar zutage tritt: „Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der Toten – denn wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt. Dies Deutschland lieben wir nun. Und jetzt am meisten. Und um Deutschland wollen wir nicht sterben. Um Deutschland wollen wir leben.“
Das Schicksal der einfachen deutschen Menschen, der dem Grauen des Krieges Entronnenen bleibt immer das Hauptthema seiner Kurzerzählungen. Die Hauptfiguren dieser Texte agieren in alltäglichen Situationen, die im Resultat der Sprach- und Gestaltungskraft poetische Überhöhung erfahren. Zu den bekanntesten Werken dieser Artgehören: „Bleib doch, Giraffe“, „die Kegelbahn“, „Mein bleicher Bruder“
Im Nachlass des Dichters fanden sich noch eine Reihe weiterer Kurzgeschichten, so auch „Das Brot“. Während „Das Brot“ bereits 1949 herausgegeben worden war, erschien „Das Holz für morgen“ erst 1962.
Das Brot
Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.
Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg.
„Ich dachte, hier wär’ was“, sagte er und sah in der Küche umher. „Ich habe auch was gehört“, antwortete sie und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.
„Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuss auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch.“
Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren.
„Ich dachte, hier wäre was“, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andre, „ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was“.
„Ich hab auch was gehört. Aber es war wohl nichts.“ Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke.
„nein, es war wohl nichts“, echote er unsicher.
Sie kam ihm zu Hilfe: „Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen.“
Er sah zum Fenster hin. „Ja, das muss wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre hier.“
Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. „Komm man“, sagte sie und machte das Licht aus, „das war wohl draußen. Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappert sie immer.“
Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße platschten auf den Fußboden.
„Wind ist ja“, meinte er. „Wind war schon die ganze Nacht.“ Als sie im Bett lagen, sagte sie: „ Ja Wind war schon die ganze Nacht. Es war doch die Dachrinne.“
„Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne.“ Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre. Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log. „Es ist kalt“, sagte sie und gähnte leise, „ich krieche unter die Decke. Gute Nacht.“
„Nacht“, antwortete er und noch: „ja, kalt ist es schon ganz schön.“
Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war. Aber sein Kauen war so regelmäßig, dass sie davon langsam einschlief.
Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können.
„Du kannst ruhig vier essen“, sagte sie und ging von der Lampe weg. „Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iß du man eine mehr. Ich vertrag es nicht so gut.“
Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.
„Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen“, sagte er auf seinen Teller.
„Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iß man. Iß man.“
Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.
Fragen und Aufgaben zum Text:
I.
1. Charakterisieren Sie den Aufbau der Kurzgeschichte.
2. Was soll der unvermittelte Einstieg im Text („plötzlich“)? 3. Wie bewerten Sie die Beschreibung der Küche aus der Sicht der Frau? 4. Welchen Eindruck macht auf Sie der quälende gedehnte Dialog ohne Inhalt, nach der peinlichen Enthüllung, bis zur Unerträglichkeit ausgeweitet? 5. Schätzen Sie den absurden Dialog im Bett ein, 6. Was soll der Zeitsprung und der offene Schluss im Text bedeuten? Etwa die Krise der zwischenmenschlichen Beziehung?.
7. Was können Sie zum Erzählverhalten in der Geschichte sagen?
8. Wie schätzen Sie den Wechsel vom neutralen zum personalen Erzählverhalten ein? 9. Was können sie von der Art des Beschreibens äußerer und innerer Vorgänge im Text sagen? 10. Kann man die Gedanken des Mannes (fast ein innerer Monolog) und die Gegenüberstellung der Gedanken der beiden Figuren als Perspektivewechsel betrachten?
11. Soll die innere Beklemmung der Figuren deutsche Tragik in den Nachkriegsjahren veranschaulichen? Ironie. Schmuckloser Stil.
12. Charakterisieren Sie die Figuren der Kurzgeschichte.
13. Was sollen die Personalpronomen „er“ und „sie“ anstatt der Eigennamen?
14. Wie schätzen Sie die nicht unmittelbar evidente Aussageabsicht des Verfassers ein?
15. Warum fehlen im Text moralisierende Kommentare? 16. Erfolgt im Text die Charakterisierung von Figuren und Geschehnissen direkt oder indirekt?
17. Was macht Ihrer Meinung nach das ideelle Zentrum der Kurzgeschichte aus? Etwa das Gespräch der beiden alten Eheleute? 18. Schätzen Sie den Versuch der Rechtfertigung des alten Mannes als unbeholfene Lüge oder als Not-Lüge ein? 19. Ist das gemeinsame Wegschauen vom Tisch für die beiden handelnden Personen eine Art Rettungsanker? 20. Gewinnt Ihrer Ansicht nach der Dialog gelegentlich groteske Züge?
21. Kann man das Motiv der Verdrängung als Lüge aus Barmherzigkeit verstehen?
22. Lässt sie die Erzähltechnik im Text eventuell als filmtechnische Montage bewerten?
23. Welche Erzählform verwendet der Autor in seinem Text?
24. Welcherart Erzählerfigur tritt im Text hervor?
25. Welches Erzählverhalten überwiegt im Text?
26. Spielt das szenische; dramatische Darstellen im Text eine große Rolle?
27. Welchen Platz nehmen in der Erzähltechnik dieses Textes die Innen- und Außensicht ein?
28. Was kann man von der Erzählhaltung in der Kurzgeschichte sagen?
29. Welchen Charakter hat der Titel der Erzählung und welche assoziativen Verbindungen zum „Brot“ lassen sich im Zusammenhang damit herstellen: etwa symbolische, kultische oder historisch-politische?
II.
1. Charakterisieren Sie den Satzbau., die Satzlänge des Textes und bestimmen Sie ihre Funktion darin.
2. Erinnert Sie die Schreibweise in diesem Text an das amerikanische „understatement“?
3. Finden Sie im Text Beispiele für die Klimax , Anapher, Anadiplose und andere Arten von Aufzählung und Wiederholung und bestimmen Sie deren Funktionen.
4. Was können Sie von der Wortwahl und deren Funktion in der Erzählung sagen?
5. Was soll das Symbol der Lampe im Text?
Das Holz für morgen
Er machte die Etagentür hinter sich zu. Er machte sie leise und ohne viel Aufhebens hinter sich zu, obgleich er sich das Leben nehmen wollte. Das Leben, das er nicht verstand und in dem er nicht verstanden wurde. Er wurde nicht von denen verstanden, die er liebte. Und gerade das hielt er nicht aus, dieses Aneinandervorbeigehen mit denen, die er liebte.
Aber es war noch mehr da, das so groß wurde, dass es alles überwuchs und das sich nicht wegschieben lassen wollte.
Das war, dass er nachts weinen konnte, ohne dass die, die er liebte ihn hörten. Das war, dass er sah, dass seine Mutter, die er liebte, älter wurde und dass er das sah. Das war, dass er mit anderen im Zimmer sitzen konnte, mit ihnen lachen konnte und dabei einsamer war als je. Das was, dass die anderen es nicht schießen hörten, wenn er es hörte. Dass sie das nicht hören wollten. Das war dieses Aneinandervorbeisein mit denen, die er liebte, das er nicht aushielt. Nun stand er im Treppenhaus und wollte zum Boden hinaufgehen und sich das Leben nehmen. Er hatte die ganze Nacht überlegt, wie er das machen wollte, und er war zu dem Entschluss gekommen, dass er vor allem auf den Boden hinaufgehen müsse, denn da wäre man allein und das war die Vorbedingung für alles andere. Zum Erschießen hatte er nichts und Vergiften war ihm zu unsicher. Keine Blamage wäre größer gewesen, als dann mit Hilfe eines Arztes wieder in das Leben zurückzukommen und die vorwurfsvollen mitleidigen Gesichter der anderen, die so voll Liebe und Angst für ihn waren, ertragen zu müssen. Und sich ertrinken, das fand er zu pathetisch, und sich aus dem Fenster stürzen, das fand er zu aufgeregt.
Nein, das Beste würde sein, man ginge auf den Boden. Da war man allein. Da war es still. Da war alles ganz unauffällig und ohne viel Aufhebens. Und da waren vor allem die Querbalken vom Dachstuhl. Und der Wäschekorb mit der Leine. Als er die Etagentür leise hinter sich zugezogen hatte, fasste er ohne zu zögern nach dem Treppengeländer und ging langsam nach oben. Das kegelförmige Glasdach über dem Treppenhaus, das von ganz feinem Maschendraht wie von Spinnengewebe durchzogen war, ließ einen blassen Himmel hindurch, der hier oben dicht über dem Dach am hellsten war.
Fest umfasste er das saubere hellbraune Treppengeländer und ging leise und ohne viel Aufhebens nach oben. Da entdeckte er auf dem Treppengeländer einen breiten weißen Strich, der vielleicht auch etwas gelblich sein konnte. Er blieb stehen und fühlte mit dem Finger darüber, dreimal, viermal. Dann sah er zurück. Der weiße Strich ging auf dem ganzen Geländer entlang. Er beugte sich etwas vor. Ja, man konnte ihn bis tief in die dunkleren Stockwerke nach unten verfolgen. Dort wurde er ebenfalls bräunlicher, aber er blieb doch einen ganzen Farbton heller als das Holz des Geländers. Er ließ seinen Finger ein paar Mal auf dem weißen Strich entlang fahren, dann sagte er plötzlich: Das hab ich ganz vergessen.
Er setzte sich auf die Treppe. Und jetzt wollte ich mir das Leben nehmen und hatte das beinahe vergessen. Dabei war ich es doch. Mit der kleinen Feile, die Karlheinz gehörte. Die habe ich in die Faust genommen und dann bin ich in vollem Tempo die Treppe runtergesaust und habe dabei die Feile tief in das weiche Geländer gedrückt. In den Kurven habe ich besonders stark gedrückt, um zu bremsen. Als ich unten war, ging über das Treppengeländer vom Boden bis zum Erdgeschoß eine tiefe, tiefe Rille. Das war ich. Abends würden alle Kinder verhört. Die beiden Mädchen unter uns, Karlheinz und ich. Und der nebenan. Die Hauswirtin sagte, das würde mindestens vierzig Mark kosten. Aber unsere Eltern wussten sofort, dass es keiner von uns gewesen war. Dazu gehörte ein ganz scharfer Gegenstand, und den hatte keiner von uns, das wussten sie genau. Außerdem verschandelte doch kein Kind das Treppengeländer in seinem eigenen Haus. Und dabei war ich es. Ich mit der kleinen spitzen Feile. Als keiner von den Familien die vierzig Mark für die Reparatur des Treppengeländers bezahlen wollte, schrieb die Hauswirtin auf die nächste Mietrechnung je Haushalt fünf Mark mehr darauf für Instandsetzungskosten des stark demolierten Treppenhauses. Für dieses Geld wurde dann gleich das ganze Treppenhaus mit Linoleum ausgelegt. Und Frau Daus bekam ihren Handschuh ersetzt, den sie sich an dem aufgesplitterten Geländer zerrissen hatte. Ein Handwerker kam, hobelte die Ränder der Rille glatt und schmierte sie dann mit Kitt aus. Vom Boden bis zum Erdgeschoss. Und ich, ich war es. Und jetzt wollte ich mir das Leben nehmen und hatte das beinahe vergessen.
Er setzte sich auf die Treppe und nahm einen Zettel. Das mit dem Treppengeländer war ich, schrieb er drauf. Und dann schrieb er oben drüber: An Frau Kaufmann, Hauswirtin. Er nahm das ganze Geld aus seiner Tasche, es waren zweiundzwanzig Mark, und faltete den Zettel da herum. Er steckte ihn oben in die kleine Brusttasche. Da finden sie ihn bestimmt, dachte er, da müssen sie ihn ja finden. Und er vergaß ganz, dass sich keiner mehr daran erinnern würde. Er vergaß, dass es schon elf Jahre her war, das vergaß er. Er stand auf, die Stufe knarrte ein wenig. Er wollte jetzt auf den Boden gehen. Er hatte das mit dem Treppengeländer erledigt und konnte jetzt nach oben gehen. Da wollte er sich noch einmal laut sagen, dass er es nicht mehr aushielte, das Auseinandervorbeisein mit denen, die er liebte, und dann wollte er es tun. Dann würde er es tun.
Unten ging eine Tür. Er hörte, wie seine Mutter sagte: Und dann sag ihr, sie soll das Seifenpulver nicht vergessen. Dass sie auf keinen Fall das Seifenpulver vergisst. Sag ihr, dass der Junge extra mit dem Wagen los ist, um das Holz zu holen, damit wir morgen waschen können. Sag ihr, das wäre für den Vater eine große Erleichterung, dass er nicht mehr mit dem Holzwagen los braucht und dass der Junge wieder da ist. Der Junge ist extra los heute. Vater sagt, das wird ihm Spaß machen. Das hat er die ganzen Jahre nicht tun können. Nun kann er Holz holen. Für uns. Für morgen zum Waschen. Sag ihr das, dass er extra mit dem Wagen los ist und dass sie mir nicht das Seifenpulver vergisst.
Er hörte eine Mädchenstimme antworten. Dann wurde die Tür zugemacht und das Mädchen lief die Treppe hinunter. Er konnte ihre kleine, rutschende Hand das ganze Treppengeländer entlang bis unten verfolgen. Dann hörte er nur ihre Beine noch. Dann war es still. Man hörte das Geräusch, das die Stille machte.
Er ging langsam die Treppe abwärts, langsam Stufe um Stufe abwärts. Ich muss das Holz holen, sagte er, natürlich, das hab ich ja ganz vergessen. Ich muss das Holz holen, für morgen.
Er ging immer schneller die Treppen hinunter und ließ seine Hand dabei kurz hintereinander auf das Treppengeländer klatschen. Das Holz, sagte er, ich muss das Holz holen. Für uns. Für morgen. Und er sprang die letzten Stufen mit großen Sätzen abwärts.
Ganz oben ließ das dicke Glasdach einen blassen Himmel hindurch. Hier unten aber mussten die Lampen brennen. Jeden Tag. Alle Tage.
Fragen und Aufgaben zum Text:
I.
1. Erzählen Sie das Sujet der Erzählung nach und bestimmen Sie dessen technische, thematisch-kompositorische Besonderheiten.
2. Welcher Bezug besteht zwischen Zeit und Raum in der Erzählung? ( 10-15 Minuten?). 3. Bestimmen Sie das Verhältnis von Ezählzeit und erzählter Zeit im Text.
4. Welchen Sinn hat der unvermittelter Handlungsbeginn (die Etagentür fällt ins Schloss)?
5. Kann man die Selbstmordabsicht des Jungen als tiefe innere Krise deuten?
6. Verleihen die Selbstmordgedanken dem Text tragisches Pathos? 7. Bestimmen Sie die Art des Konflikts und die Problematik des Textes.
8. Bedeutet die Rechtfertigung der Todesart die erste Retardierung (замедление) im Handlungsverlauf?
9. Und wo findet die zweite Retardierung des Handlungsverlaufs statt? Etwa mit dem Satz: „Das hab ich ja ganz vergessen“?
10. Kann man den Rückblick in die elf Jahre zurückliegende Kindheit erzähltechnisch als Rückblende oder als Rückgriff bezeichnen?
11. Bedeuten die Ungewissheit über den Ausgang der Geschichte, die Spannung und der Entschuldigungsbrief erzähltechnisch eine Zeitdehnung?
12. Wo tritt der Wendepunkt der Geschichte ein? Etwa mit dem Satz: „Unten ging die Tür auf.“? 13. Kann man die Worte der Mutter als Lösung betrachten? Zeugen sie von der alltäglichen Bewährung der wirklichen Liebe?
14. Wie ist die äußere Handlung im Text dynamisch oder eher spärlich?
15. Welches Erzählverhalten prägt den Text der Geschichte? 16. Charakterisieren Sie die Erzählerfigur des Werkes. 17. Wie verläuft der Perspektivwechsel im Text?
18. Wie realisiert sich die Charaktergestaltung in der Geschichte? Durch die Psychologisierung, das Porträt oder durch andere Kunstgriffe?
19. Gehört die Beschreibung der Zweifel des jungen Mannes zu seiner Charakteristik?
20. Kann man die Wortverbindung „blasser Himmel“ als symbolischen Ausdruck seiner Todessehnsucht begreifen? 21. Welche Rolle spielt das Motiv des Todes in der Geschichte? 22. Wie realisiert sich in dem Text das Motiv der Liebe?
23. Wie werden im Text die Raum- und Zeitverhältnisse gestaltet? 24. Welche Kunstgriffe verwendet der Autor, um die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darzustellen?
25. Wie ist die Erzählhaltung in der Geschichte?
26. Welche Erzählform setzt der Autor in seinem Werk ein?
27. Welche Darbietungsarten werden in dieser Geschichte vom Autor verwendet?
28. Was können Sie von den Arten der Rededarstellung im Text sagen?
II.
1. Charakterisieren Sie die Satzstruktur und die Satzlänge in der Geschichte.
2. Wie bewerten Sie die Wortwahl des Textes?
3. Von welchen Stilmitteln wird der vorliegende Text dominiert?
4. Bestimmen sie die symbolische Bedeutung des Wortes „Holz“ im Werk.
4. Welchen Eindruck hat auf Sie der ideell-thematische Inhalt, die künstlerische Form der Geschichte und deren sprachliche Ausgestaltung gemacht?
