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II.9. Arthur Schnitzler (1862—1931)

Wurde in Wien am fünfzehnten Mai 1862 geboren. Bereits als Neunjähriger versuchte er seine ersten Dramen zu schreiben. Nach dem Abitur studierte A. Schnitzler Medizin. 1885 wurde er Aspirant und Sekundararzt, von 1888 bis 1893 arbeitete er als Assistent seines Vaters an der Allgemeinen Poliklinik in Wien. Nach Vaters Tod eröffnete er seine Privatpraxis. Seine ersten Veröffentlichungen erschienen ab 1886. A- Schnitzler pflegte sein Leben lang Freundschaften mit H. von Hofmannsthal, F. Salten und H. Bahr. Seine Stoffe entnahm der Schriftsteller der Stadt Wien der Jahrhundertwende. Er starb in Wien am 21. Oktober 1931.

Schnitzler war kein epochemachender Schriftsteller und er war sich dessen bewusst. Und als solcher konzentrierte er sich auf Stoffe und Themen, die er gestalten konnte.In seinem Erzählen über die Menschen und Situationen in der donaumonarchie überwog das Skeptische und Elegische, denn er konnte in seiner Zeit nichtsFestes und Leitbildhaftes finden

Seine schrifstellerischen Anfänge fallen in das Ende der achtziger Jahre. In seiner unvollendeten autobjographie „Jugend in Wien“ erzählt er über seine behütete Kindheit mit Erzieherinnen und Hauslehrern, über die Jahre auf dem Gymnasium, über das Medizinstudium, überdie Jahre als Assistenz- und Militärarzt, über Liebschaften und Zerstreuungen in Cafehäusern und auf den Pferderennbahnen, über das Leben ohne bedeutende anregung, ohne großes Ziel und ohne Ideale. Solches Leben sollte ihm aber einmal zum Problem werden und zum Angelpunkt seiner analytischen Kunst. Seine Skepsis gegen die damalige österreichische Wirklichkeit ließ ihn selten und ungern mit Bekenntnissen, Kritiken oder Essays hervortreten. Im ersten Weltkrieg schrieb er keine einzige hurrapatriotische Zeile. Er war Gegner falscher gesellschaftlicher Normen und religiöser Doktrinen, ließ sich durch die Ideen des Empiriokritizismus beeindrucken und stützte sich vor allem auf seine Lebenserfahrung, die zur Voraussetzung für sein künstlerisches Schaffen wurde. Er zeigte großes Interesse für die Beziehung der Geschlechter, für die gesellschaftliche Stellung der Frau. Auch gesellschaftliche Vorurteile interessierten ihn, gleichwie der Wechsel der Zeiten. Große Probleme der Epoche oder der Menschheit wollte er nicht gestalten. Er hinterließ zwei Romane von bester Qualität und viele Erzählungen von mittlerer Länge.

Als Schriftsteller hielt sich Schnitzler an humanistische Traditionen. Menschenkenntnis war ihm Brückenschlag zwischen den Individuen. Iin seinen frühen Erzählungen „Der Fürst ist im Hause“ (1888) und „Mein Freund Ypsilon. Aus den Papieren eines Arztes“(1889) bezieht der Autor sozialkritische oder kunstkritische Positionen, denen er im Grunde sein Leben lang treu blieb.

In anderen Texten konzentrierte sich der Schriftsteller auf den Alltag und die Intimsphäre in Form von Liebesgeschichten, in denen er sich gegen gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile wandte. Es waren dies die Erzählungen: „Blumen“ (1894), „Der Empfindsame“ (1895) und „Die Frau des Weise“ (1896). In der Erzählung „Die Toten schweigen“ werden die Liebesepisoden zum Prüfstein für die Menschlichkeit der handelnden Personen. Sehr beeindruckend wirkt die große Erzählung „Frau Berta Garlan“ (1900—1901). Die Titelheldin ist eine früh verwitwete Heldin, die arbeitet und darin ihre Lebenskraft schöpft. Sie verliebt sich in ihren Jugendfreund, der aber ihren Liebestraum zerstört. In dieser Erzählung werden auch erotische Fragen behandelt, zum Beispiel sexuelle Wünsche der Frau, mit erstaunlicher Offenheit, ohne jegliche Heuchelei. Diese Episoden wirken antinaturalistisch und antidekadent zugleich.

Auch das Thema der Arbeit als Kriterium für die Bewertung des Menschen wurde vom Schriftsteller nicht selten durchaus erfolgreich aufgegriffen. Dieses Thema ließ die Charakteranalyse allseitig und evident werden. Er unterschied ganz klar zwischen tätigen und untätigen Menschen. Aristokratische und bürgerliche Schmarotzer aus Wien werden in manchen Erzählungen positiv gezeichneten berufstätigen Menschen entgegengesetzt. Die ersteren streben aus Langeweile nach Lebensgenuss, begehen allerlei Unmenschlichkeiten, während die zweiteren Charakterstärke und bewundernswerte Lebenskraft an den Tag legen. So ist die Schauspielerin aus „Ein Ehrentag“ (1897), so sind auch die Kellner und Fuhrleute in „Der blinde Geronimo und sein Bruder“(1900).

Auch die Analyse des Persönlichkeitszerfalls, ein Hauptthema moderner bürgerlicher Literatur, nimmt in den Texten Arthur Schnitzlers großen Raum ein. Ein treffliches Beispiel dafür ist „Leutnant Gustl“ (1900). Als Darbietungsform spielt in diesem Werk des Schriftstellers der innere Monolog, der auf die satirisch zugespitzte und vielschichtige Entlarvung der entleerten Persönlichkeit zielt. Ähnlich, aber noch schärfer und aggressiver wirkt die Erzählung „Ein Erfolg“ (1900), in der ein machtbesessener Untertan angeprangert wird.

1907 erscheint im Druck der Roman „Der Weg ins Freie“, in dem der Autor versucht, eine Bilanz der Epoche zu ziehen. Er lässt darin die österreichische Vorkriegsgesellschaft in großer Breite Revue passieren. Als Figuren des Romans treten hier Literaten, liberale Politiker, ein jüdischer Bourgeois und sogar eine sozialdemokratische Agitatorin auf. Das Problem des Antisemitismus, der im Vorkriegsösterreich ziemlich spürbare Ausbreitung fand, wird hier ebenfalls angeschnitten. Trotzdem zeigt der Roman die Grenzen der Möglichkeiten des Autors. Worin der „Weg ins Freie“ besteht, bleibt ziemlich unklar, denn die handelnden Personen des Romans erweisen sich im Grunde als „Dilettanten des Lebens“.

Die Werke des letzten Lebensjahrzehnts des Schriftstellers bringen in thematischer Hinsicht im Grunde nichts Neues. „ Fräulein Else“ (1923) zeichnet sich durch die Perfektionierung des inneren Monologs aus, aber die Konfliktanlage des Textes bleibt vielfach antiquiert-sentimental. Auch der späte Roman „Therese“, in dem der rasche Verfall einer altösterreichischen Offiziersfamilie geschildert wird, hat seine weltanschaulich –künstlerischen Grenzen.

Geschichte eines Genies

„So wär’ ich denn auf die Welt gekommen“, sagte der Schmetterling, schwebte über einen braunen Zweig hin und her und betrachtete die Gegend. Milde Märzsonne war über dem Park, drüben auf den Hängen lag noch einiger Schnee, und feucht glänzend zog die Landstrasse zu Tal. Zwischen zwei Gitterstäben flog er ins Freie. „Dieses also ist das Universum“, dachte der Schmetterling, fand es im Ganzen bemerkenswert und machte sich auf die Reise. Es fror ihn ein wenig, aber da er so rasch als möglich weiterflog und die Sonne immer höher stieg, wurde ihm allmählich wärmer.

Anfangs begegnete er keinem lebendigen Wesen. Später kamen ihm zwei kleine Mädchen entgegen, die sehr erstaunt waren, als sie ihn gewahrten, und in die Hände klatschten.

„Ei“, dachte der Schmetterling, “ich werde mit Beifall begrüßt, offenbar seh’ ich nicht übel aus.“ Dann begegnete er Reitern, Maurergesellen, Rauchfangkehrern, einer Schafherde, Schuljungen, Bummlern, Hunden, Kindermädchen, Offizieren, jungen Damen; und über ihm in der Luft kreisten Vögel aller Art.

„Dass es nicht viel meinesgleichen gibt“, dachte der Schmetterling, „das hab’ ich vermutet, aber dass ich der einzige meiner Art bin, das das übertrifft immerhin meine Erwartungen.“

Er segelte weiter, wurde etwas müde, bekam Appetit und ließ sich zum Erdboden nieder; aber nirgends fand er Nahrung.

„Wie wahr ist es doch“, dachte er, „dass es das Los des Genies ist, Kälte und Entbehrungen zu leiden. Aber nur Geduld, ich werde mich durchringen.“

Indes stieg die Sonne immer höher, dem Schmetterling wurde wärmer, und mit neuen Kräften flog er weiter. Nun erhob sich die Stadt vor ihm, er schwebte durchs Tor, über Plätze und Straßen, wo sich viele Menschen ergingen; und alle, die ihn bemerkten, waren erstaunt, lächelten einander vergnügt zu und sagten: „Nun will es doch Frühling werden.“ Der Schmetterling setzte sich auf den Hut eines jungen Mädchens, wo eine Rose aus Samt ihn anlockte, aber die seidenen Staubfäden schmeckten ihm durchaus nicht. „Daran sollen es sich andere genügen lassen“, dachte er, „ich für meinen Teil will weiter hungern, bis ich einen Bissen finde, der meines Gaumens würdig ist.“

Zimmer, wo Vater, Mutter und drei Kinder bei Tische saßen.

Die Kinder sprangen auf, als der Schmetterling über den Suppentopf geflattert kam, der große Junge haschte nach ihm und hatte ihn gleich bei den Flügeln.

„Also auch das muss ich an mir erfahren“, dachte der Schmetterling nicht ohne Bitterkeit und Stolz, „dass ein Genie Verfolgungen preisgegeben ist.“ Diese Tatsache war ihm ebenso bekannt wie alle übrigen, denn da er ein Genie war, hatte er die Welt antizipiert(предвосхитил).

Da der Vater dem Jungen einen Schlag auf die Hand gab, ließ er den Schmetterling los, und dieser flog eiligst wieder ins Freie, nicht ohne den Vorsatz, seinen Retter bei nächster Gelegenheit fürstlich zu belohnen.

Durch das Stadttor flatterte er wieder auf die Landstrasse hinaus. „Nun wäre es wohl genug für heute“, dachte er. „Meine Jugend war so reich an Erlebnissen, dass ich daran denken muss, meine Memoiren zu diktieren.“

Ganz in der Ferne winkten die Bäume des heimatlichen Gartens. Immer heftiger wurde die Sehnsucht des Schmetterlings nach einem warmen Plätzchen und nach Blütenstaub. Da gewahrte er mit einemmal irgend etwas, das ihm entgegengeflattert kam und im übrigen genauso aussah wie er selbst. Einen Augenblick lang stutzte er, gleich aber besann er sich und sagte: „Über diese höchst sonderbare Begegnung hätte sich ein anderer wahrscheinlich gar keine Gedanken gemacht. Für mich aber ist sie der Anlass zu der Entdeckung, dass man in gewissen durch Hunger und Kälte erzeugten Erregungszuständen sein eigenes Spiegelbild in der Luft zu gewahren vermag.“

Ein Junge kam gelaufen und fing den neuen Schmetterling mit der Hand. Da lächelte der erste und dachte: „Wie dumm die Menschen sind. Nun denkt er, er hat mich, und er hat nur mein Spiegelbild gefangen.“

Es flimmerte ihm vor den Augen und er wurde immer matter. Und als er gar nicht mehr weiter konnte, legte er sich an den Rand des Wegs, um zu schlummern. Die Kühle, der Abend kam, der Schmetterling schlief ein. Die Nacht zog über ihn hin, der Frost hüllte ihn ein. Beim ersten Sonnenstrahl wachte er noch einmal auf. Und da sah er vom heimatlichen Garten her Wesen herbeigaukeln, eines ... zwei... drei... immer mehr, die alle so aussahen wie er und über ihn hinwegflogen, als bemerkten sie ihn nicht. Müde sah der Schmetterling zu ihnen auf und versank in tiefes Sinnen. „Ich bin groß genug“, dachte er endlich, „meinen Irrtum einzusehen. Gut denn, es gibt im Universum Wesen, die mir ähnlich sind, wenigstens äußerlich.“

Auf der Wiese blühten die Blumen, die Falter ruhten auf den Kelchen aus, nahmen herrliche Mahlzeiten ein und flatterten weiter.

Der alte Schmetterling blieb auf dem Boden liegen. Er fühlte eine gewisse Verbitterung in sich aufsteigen. „Ihr habt es leicht“, dachte er. „Nun ist es freilich keine Kunst, zur Stadt zu fliegen, da ich euch den Weg gesucht habe und mein Duft euch auf der Straße voranzieht. Aber das tut nichts. Bleib’ ich nicht der einzige, so war ich doch der erste. Und morgen werdet ihr am Rande des Weges liegen, gleich mir.“

Da kam ein Wind über ihn geweht, und seine armen Flügel bewegten sich noch einmal sanft hin und her. „Oh, ich beginne mich zu erholen“, dachte er erfreut. „Nun wartet nur, morgen flattere ich so über euch hin, wie ihr heut über mich geflogen seid.“ Da sah er etwas Riesiges, Dunkles immer näher an sich herankommen. „Was ist das?“ dachte er erschrocken. „Oh, ich ahne es. So erfüllt sich mein Los. Ein ungeheures Schicksal naht sich, um mich zu zermalmen.“ Und während das Rad eines Bierwagens über ihn hinwegging, dachte er mit einer letzten Regung seiner verscheidenden Seele: „Wo werden sie wohl mein Denkmal hinsetzen?“

Fragen und Aufgaben zum Text:

I.

1. Erklären Sie den Begriff „das Genie“.

2. Welche Stilrichtung vertritt der vorliegende Text?

3. Interpretieren Sie den Titel der Kurzgeschichte.

4. Bestimmen Sie das Pathos des Erzählten.

5. Finden Sie die Pointe im Text.

6. Formulieren Sie die Hauptidee und verbinden Sie sie mit dem Titel.

7. Nehmen Sie Stellung zu der Gestalt des Erzählers.

8. Wie sind im Text die Raum- und Zeitverhältnisse gestaltet?

10. Was können sie von den Darstellungsarten und Arten der Rededarstellung im Text sagen?

11. Äußern Sie sich zu der Figurensprache im Text.

12. Erklären Sie die Besonderheiten der rhythmischen Organisation des Textes.

II.

1. Charakterisieren Sie die Mittel der Bildhaftigkeit und Bildlichkeit in der Kurzgeschichte und bestimmen sie deren Funktionen.

2. Bestimmen Sie die Satzlänge im Text.

3. Was können sie von der Wortwahl im vorliegenden Text sagen?

.

Nehmen Sie Stellung zu den Worten von Franz Werfel:

Zwei hohe Eigenschaften panzerten Schnitzlers weiche und gütige Natur gegen das Land: seine Unbestechlichkeit und seine Einsamkeit. Unbestechlich war er so sehr, dass er nicht einmal durch sich selbst bestochen werden konnte. Der Kriegsschauplatz seines Lebens lag nicht in der Außenwelt, sondern in seinem Gewissen. Welch ein Vorbild in unseren grausamen und wehleidigen Tagen, da jeder seine persönliche Schuld am liebsten auf die sozialen oder wirtschaftlichen Umstände abwälzen möchte.“

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