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Kapitel 10_1.doc
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27.11.2019
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☆

Vor den Auslagen eines Schuhgeschäfts.

Er konnte es einfach nicht glauben, aber sie war's wirklich im hellen Trenchcoat, ungeschminkt, einen Wuschel Haare im Gesicht, sich selbst so gar nicht wichtig nehmend und so wenig auf Beachtung bedacht. Bastian spürte Herzklopfen im Magen. Er hatte genügend Zeit, sie zu betrachten. Außer ihm fiel sie niemandem auf. "Katharina Freude", sagte er schließlich.

Sie sah sich um und sagte bloß:

"Ach Gott."

"Erinnern Sie sich noch an mich? Ich bin der, von dem Sie nichts mehr wissen wollen. Warum eigentlich nicht, Katharina, was hab' ich Ihnen getan?"

"Nichts", sagte sie, "gar nichts, wieso?"

"Ich habe Sie drei Tage nicht angerufen. Es ist mir sehr schwer gefallen. Ich war so vernünftig, wie Sie ver­langt haben." Er schaute zum Himmel. "Aber das Schicksal hat uns wieder zusammengeführt."

"Wenigstens hat es diesmal keinen Verkehrsunfall dafür inszeniert", sagte sie, und das Lächeln in ihrer Stimme machte ihm wieder Mut.

Machte ihn glücklich.

„Wie geht es Frau Schulz und Kathrinchen?"

"Ich seh' sie kaum."

"Wohnen sie nicht mehr bei Ihnen?"

"Doch. Sie schon — ."

"Und Sie?"

"Ich bin auf der Suche nach einer anderen Bleibe. Bei meinem Bruder war ich gerade. Da geht's nicht. Der hat zwar 'n Bett frei, aber eins mit Vorwürfen."

Er fummelte prüfend durch seine Taschen, um sich zu vergewissern, dass er genügend Geld bei sich hatte. Er fand nicht viel, aber es reichte für ein gemeinsames Bier.

"Gehen wir irgendwohin?"

"Ich will mir Schuhe kaufen. Um vier muss ich noch mal zum Dienst."

"Darf ich mitkommen?" Bastian hielt ihr die Tür zum Schuhgeschäft auf. "Ich kann Sie vielleicht modisch bera­ten? Ich habe einen irren Geschmack."

Oh, wie ging er Katharina schon wieder auf die Nerven! Und wie herzlich froh war sie darüber.

Sie nahmen auf zwei Sesseln nebeneinander Platz.

"Was macht das Krankenhaus?"

"Danke, wir können nicht klagen. Wir sind immer gut besucht."

Eine Verkäuferin wurde vom Geschäftsführer auf sie losgelassen. 'Was darf denn sein?"

"Fräulein, wir möchten gern ..." hub Bastian an.

"... einen festen Wanderstiefel mit möglichst starken Profilsohlen", vollendete Katharina.

"Sagen Sie bloß, Sie wandern!"

"Sie nicht?"

Bastian schaltete schnell. "Doch. Gerne. Wann?"

"Sonntag", schlug sie vor. "Ich habe zweimal Nacht­wache für einen Kollegen gemacht und dadurch den Sonn­tag frei. Sagen wir so um fünf Uhr dreißig? Ich hol' Sie ab."

Sie sah ihn während ihres Vorschlags überlegend an und freute sich plötzlich in einer Weise auf diesen gemeinsamen Wandertag, die ihn hätte stutzig machen müssen. Aber Bastian war viel zu glücklich, um etwas zu merken.

*Als Susi am Sonntag früh in die Küche tappte, um schreienden Kathrinchens Flasche vorzubereiten, erlebte sie eine große Überraschung. Auf dem Fensterbrett saß Bastian, rasiert, gekleidet und taufrisch.

"Du schon?"

Er zog neue Schnürbänder in seine Clarks (robuste halbhohe Schuhe) und er­klärte wichtig: "Ich geh' wandern."

Sie kam so nah an ihn heran wie eine Kurzsichtige ohne Brille. "Du gehst was?"

"Wandern."

"Du gehst wandern. Ich werd' verrückt!"

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