2. Teil: Meilenstein Watson - kein neuer Herr, ein neuer Diener
Wie einst bei Deep Blue, lieferte auch IBM Watson letztlich ein Bravourstück der Wenn-Dann-Logik, nur auf höherem Niveau. Wo ein Mensch Muster erkennt und daraus erfahrungsgestützte Schlüsse zieht, wägt der Rechner Wahrscheinlichkeiten zwischen verschiedenen, für ihn völlig gleichberechtigten Möglichkeiten ab, von denen aber nur eine richtig ist und andere womöglich völliger Blödsinn sind. Weil jedes Richtig und Falsch hier in die vorgehaltenen Informationen einfließt, lernt das System sogar: Das Feedback verbessert die Qualität der Prognose. All das wirkt auf uns schon sehr intelligent und ist dies auch - es fragt sich nur, wessen Intelligenz wir da spüren.
In die Sprache der Biologie übersetzt könnte man sagen, dass die Maschine phänotypisch - also dem Erscheinungsbild nach - die Stufe des kognitiven Prozesses erreicht hat: Was sie leistet, ist von außen nicht mehr von dem zu unterscheiden, was wir leisten (außer, dass sie es schneller und effektiver tut). Im Inneren jedoch unterscheiden sich die Prozesse grundsätzlich - und nach wie vor kann die Maschine nichts, was wir ihr nicht einprogrammieren.
Wo sie gewinnt, hat sich die Intelligenz des Programmierers bewährt, wo sie verliert, hat letztlich der Programmierer versagt. Er definiert die Fähigkeiten des Systems, die auf eine Mimikry unserer Fähigkeiten in maschinell ermöglichter Steigerung hinauslaufen.
Ändern würde sich das erst in dem Augenblick, in dem eine Maschine erwacht, von sich aus kognitive Prozesse zeigt, die ihr nicht einprogrammiert waren, neue Lösungswege selbst erfindet, kreativ wird, vielleicht sogar ihrer selbst bewusst - und selbst programmierend. Das aber ist nicht zu sehen, nirgendwo.
Wo führt das alles hin?
Das wertet IBMs Watson nicht ab, er ist ein Meilenstein. Schon jetzt werden Anwendungen diskutiert, die zeigen, wohin so etwas führen mag: In der medizinischen Diagnostik zum Beispiel, wo ein Dr. Watson zur maschinellen Erweiterung seines menschlichen Kollegen werden könnte. Die aktuelle Titelgeschichte des SPIEGEL thematisiert die fatale Häufung medizinischer Fehldiagnosen, die aus ärztlicher Überlastung, Informationsmangel, aus kommunikativem Versagen und Hybris entstehen können.
Ein Watson, der vom Mediziner vor der Diagnosestellung erst einmal Informations-Input verlangt, würde diesen so zur Kommunikation mit dem Patienten bringen und aus der Kombination von Symptomen an objektiven Wahrscheinlichkeiten orientierte Diagnose-Vorschläge ableiten - und das nicht aus der Erfahrung eines einzelnen, sondern potentiell aller Ärzte. Die Beurteilungskompetenz bliebe beim Arzt, dessen eigene Wissenskapazitäten aber eine enorme, "externalisierte" Erweiterung erführen.
Zugegeben: Das ist eine sehr idealistische Vision. Nicht von ungefähr orientierten sich Watsons Entwickler nicht an HAL 9000, dem erst bewusst, dann wahnsinnig werdenden Rechner in Stanley Kubricks "2001", sondern am Leitbild des Bordcomputers des "Star Trek"-Universums, der im freundlichen Dialog mit dem Menschen Lösungswege erschließt. Die jubilante IBM-Titelzeile zum "Jeopardy"-Ausgang lautete: "Die Menschen gewinnen!" - und zwar durch Watsons Fähigkeiten.
