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Zum Seminar 5. Syntax aus stilistischer Sicht

1. Stilistische Wortfolge Begriffe: Lockerung der Satzmuster, Absonderung, Isolierung (Parzellierung oder absolute Absonderung), nominale Ausklammerung / Auflockerung.

2. Prolepse, Nachtrag, Parenthese

Die Prolepse (-n) (=Neuansatz; пролепсис). Darunter versteht man Wiederaufnahme eines vorangestellten Substantivs durch ein Pronomen oder Adverb: Der Mann, der dachte in seinem Sinn: Die Reden, die sind gut (aus Volkslied). Die Prolepse kommt vor allem in der Alltagsrede, im Volkslied vor, in der Sachprosa ist nicht zulässig. Sie verleiht der Rede Ungezwungenheit, emotionale Färbung, einen gewissen Rhythmus.

Der Nachtrag (присоединение) ist Gegenstück zur Prolepse. Im weiteren Sinn ist das ein nachträgliches Anfügen eines Redeteils an einen bereits abgeschlossenen Satz: Die Freiheit reizte mich und das Vermögen (Schiller). Im engeren Sinn versteht man unter dem Nachtrag Wiederaufnahme eines Pronomens durch ein Substantiv am Satzschluß:

Oh, daß sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe. (Schiller)

Noch ein Beispiel: Ich kann sie stundenlang schildern, diese eine Stunde.

Der Nachtrag und die Prolepse dienen der nachdrücklichen Betonung einer Aussage.

Die Parenthese (=Dazwischenschalten, =die Einschaltung, =der Einschub; парентеза, вводное предложение), das heißt Unterbrechung eines geschlossenen Satzes durch ein Wort, eine Wortgruppe oder einen Satz. Unter Parenthese versteht man Schaltsätze, -gruppen, -wörter, die mitten in den Satz eingefügt werden, ohne formelle Verbindungselemente mit dem übrigen Teil des Satzes. Sie werden intonatorisch und graphisch abgegrenzt. Die Parenthese kann expressiv und nicht expressiv sein. Die Parenthese ist oft das Ergebnis eines plötzlichen Einfalls, eines assoziativen Denkens. In der mündlichen Rede verlangt die Parenthese eine tiefere Stimmlage im Vortragston, in der schriftlichen Fixierung – eine Kennzeichnung durch Gedankenstriche, Klammern oder Kommata. Z. B.: Die stolze Amalie, es war unglaublich, glaubte auch das Unglaubhafteste. Bei den parenthetischen Fügungen fehlt die Kongruenz mit dem Bezugswort (der Nominativ bei dem Substantiv oder die kurze Form des Adjektivs):

Ranko, 19-jährig, hochgewachsen, blitzende Perlenzähne, braune, schelmische Augen, studiert in Belgrad.

Das Porträt, durch kleine grelle Striche gemalt, steht vor unseren Augen.

Die wichtigsten Funktionen der Parenthese sind: Ergänzung, Kommentar, Bewertung, Spannung u.a. Manchmal kontrastieren „Stammsatz“ und „Gastsatz“, indem der Einschub das Geschehen des Hauptsatzes satirisch beleuchtet:

und auf dem dortigen Observatorium zeigt man noch einen überaus künstlichen Einschachtelungsbecher von Holz, den er [Kurfürst Jan Wilhelm] selbst in seinen Freistunden – er hatte deren täglich 24 – geschnitzelt hat (H. Heine).

3. Asyndeton und Polysyndeton

Das Asyndeton (асиндетон) ist die konjunktionslose Anreihung mehrerer Wörter und Sätze („unverbunden“): O Erd, o Sonne, o Glück, o Lust! (Goethe).

Das Polysyndeton (полисиндетон) ist die mehrfache Verwendung von Konjunktionen:

Und es wallet und siedet

und braust und zischt (Schiller).

Beiden Verbindungsarten sind zwei Merkmale eigen: Emotionalität und Dynamik. Unterschied: das Asynd. dient zum Ausdruck einer stoßweise vorrückenden Bewegung, das Polys. dagegen widerspiegelt meist eine gleichmäßig-rhythmische Bewegung (da die Konjunktionen die Verbindung befestigen, „zementieren“).

(A) Bei dem Asyndeton verspürt man eine innere Hast (die den Sprechenden auf die Bindeelemente verzichten läßt). An Stelle der Konjunktion tritt die Pause, die Stimme bleibt im Hochton.

Goethes Ballade „Erlkönig“ ist im Asyndeton gehalten, entsprechend der ganzen Tönung des Gedichtes: jagender Ritt, peitschende Angst, Erregung:

Dem Vater grauset‘s, er reitet geschwind,

Er hält in Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not,

In seinen Armen das Kind war tot.

Die unverbunden aneinandergereihten Sätze ziehen blitzschnell am Leser vorbei.

Durch das Asynd. wird die Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit der dargestellten Handlungen, Erscheinungen, Gegenstände untermalt, z.B. bei der Beschreibung des menschlichen Schicksals in knapper Form einer Aufzählung (jeder Begriff symbolisiert eine Lebensetappe oder gewinnt eine verallgemeinernde Bedeutung):

Unter dem Vordach des Bahnhofs wartete Josef, der Dienstmann. Die rote Dienstmütze saß streng militärisch auf dem kahlen Haupt. Was hatte Josefs Rücken gebeugt? Die Koffer der Reisenden, das Gepäck der Jahrzehnte, ein halbes Jahrhundert Brot im Schweiß des Angesichts, Adams Fluch, Märsche in Knobelbechern, die Knarre über der Schulter, das Koppel, der Sack mit den Wurfgranaten, der schwere Helm, das schwere Töten (Koeppen, Tauben im Gras).

Der semantische Gipfel liegt in der letzten Wortfügung. Dank der asynd. Verknüpfung gewinnt jede Wortgruppe relative Selbständigkeit und größeres semantisches Gewicht.

(B) Die polysyndetische Verbindung wird verwendet, wenn der Erzähler ruhig dem Gang der Ereignisse nachgeht (Kindermärchen, -erzählung – „Und-dann-Stil“). Z.B.: Und dann gingen sie in den Wald; und dann sahen sie eine Hütte, und dann klopften sie an der Tür …

Die polys. Kettenbildung ist häufig in den Texten archaistischer Prägung (in der Bibel) anzutreffen. Sie verleiht dem Text / Satz einen feierlichen, fast hymnischen Ton:

Und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, all die Kräfte unergründlich. Und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geschlechter der Geschöpfe all, und alle, alless bevölkert mit tausendfachen Gestalten, und die Menschen dann sich in Häuslein zusammen sichern und sich annisten, und herrschen in ihrem Sinn über die weite Welt! (Goethe; Werther ist vom beglückenden Gefühl der Allverbundenheit erfaßt).

Das Polysynd. kann auch den Abstand zwischen den aufgezählten Begriffen betonen (wie Asynd.) und ihnen dadurch ein größeres semantisches Gewicht verleihen:

Vorbei sind die Kinderspiele,

Und alles rollt vorbei,-

Das Geld und dei Welt und die Zeiten,

Und Glauben und Lieb‘ und Treu! (Heine).

Im Großkontext fällt dem Polys. die Aufgabe zu, einzelne Erzählteile zu verknüpfen, das Hauptthema des Abschnitts zu entwickeln, kurzum die Montage zu verwirklichen.

Der Wechsel von As. und Ps. kann den veränderten Rhythmus und die andersartige Sehweise andeuten. Die Konjunktion betont die Einheitlichkeit der Darstellung, aber auch Abstand.

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