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ivanov666
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DAS SCHLOß
wenig. Er erkannte mich sofort, er ist berühmt wegen seines
Gedächtnisses und seiner Menschenkenntnis, er zieht nur die
Augenbrauen zusammen, das genügt ihm, um jeden zu erkennen, oft auch Leute, die er nie gesehen hat, von denen er nur
gehört oder gelesen hat, mich zum Beispiel dürfte er kaum je
gesehen haben. Aber obwohl er jeden Menschen gleich erkennt, fragt er zuerst, so, wie wenn er unsicher wäre. 'Bist du
nicht Barnabas?' sagte er zu mir. Und dann fragte er: 'Du
kennst den Landvermesser, nicht?' Und dann sagte er: 'Das
trifft sich gut; ich fahre jetzt in den Herrenhof. Der Landvermesser soll mich dort besuchen. Ich wohne im Zimmer Nummer fünfzehn. Doch müßte er gleich jetzt kommen. Ich habe
nur einige Besprechungen dort und fahre um fünf Uhr früh
wieder zurück. Sag ihm, daß mir viel daran liegt, mit ihm zu
sprechen.'"
Plötzlich setzte sich Jeremias in Lauf. Barnabas, der ihn in
seiner Aufregung bisher kaum beachtet hatte, fragte: "Was
will denn Jeremias?" – "Mir bei Erlanger zuvorkommen",
sagte K., lief schon hinter Jeremias her, fing ihn ein, hing sich
an seinen Arm und sagte: "Ist es die Sehnsucht nach Frieda,
die dich plötzlich ergriffen hat? Ich habe sie nicht minder,
und so werden wir in gleichem Schritte gehen."

DAS SIEBZEHNTE KAPITEL
Vor dem dunklen Herrenhof stand eine kleine Gruppe
Männer, zwei oder drei hatten Handlaternen mit, so daß
manche Gesichter kenntlich waren. K. fand nur einen Bekannten, Gerstäcker, den Fuhrmann. Gerstäcker begrüßte
ihn mit der Frage: "Du bist noch immer im Dorf?" – "Ja", sagte K., "ich bin für die Dauer gekommen." – "Mich kümmert es
ja nicht", sagte Gerstäcker, hustete kräftig und wandte sich
anderen zu.
Es stellte sich heraus, daß alle auf Erlanger warteten. Erlanger war schon angekommen, verhandelte aber, ehe er die
Parteien empfing, noch mit Momus. Das allgemeine Gespräch
drehte sich darum, daß man nicht im Hause warten durfte,
sondern hier draußen im Schnee stehen mußte. Es war zwar
nicht sehr kalt; trotzdem war es rücksichtslos, die Parteien
vielleicht stundenlang in der Nacht vor dem Haus zu lassen.
Das war freilich nicht die Schuld Erlangers, der vielmehr sehr
entgegenkommend war, davon kaum wußte und sich gewiß
sehr geärgert hätte, wenn es ihm gemeldet worden wäre. Es
war die Schuld der Herrenhofwirtin, die in ihrem schon
krankhaften Streben nach Feinheit es nicht leiden wollte, daß
viele Parteien auf einmal in den Herrenhof kamen. "Wenn es
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DAS SCHLOß
schon sein muß und sie kommen müssen", pflegte sie zu sagen, "dann, um des Himmels willen, nur immer einer hinter
dem andern. – Und sie hatte es durchgesetzt, daß die Parteien, die zuerst einfach in einem Korridor, später auf der Treppe, dann im Flur, zuletzt im Ausschank gewartet hatten,
schließlich auf die Gasse hinausgeschoben worden waren.
Und selbst das genügte ihr noch nicht. Es war ihr unerträglich, im eigenen Hause immerfort "belagert zu werden", wie
sie sich ausdrückte. Es war ihr unverständlich, wozu es überhaupt Parteienverkehr gab. "Um vorn die Haustreppe
schmutzig zu machen", hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre
Frage, wahrscheinlich im Ärger, gesagt; ihr aber war das sehr
einleuchtend gewesen, und sie pflegte diesen Ausspruch gern
zu zitieren. Sie strebte danach, und dies begegnete sich nun
schon mit den Wünschen der Parteien, daß gegenüber dem
Herrenhof ein Gebäude aufgeführt werde, in welchem die
Parteien warten konnten. Am liebsten wäre es ihr gewesen,
wenn auch die Parteienbesprechungen und Verhöre außerhalb des Herrenhofes stattgefunden hätten, aber dem widersetzten sich die Beamten, und wenn sich die Beamten ernstlich widersetzten, so drang natürlich die Wirtin nicht durch,
obwohl sie in Nebenfragen kraft ihres unermüdlichen und
dabei frauenhaft zarten Eifers eine Art kleiner Tyrannei ausübte. Die Besprechungen und Verhöre würde aber die Wirtin
voraussichtlich auch weiterhin im Herrenhof dulden müssen,
denn die Herren aus dem Schloß weigerten sich, im Dorfe in
Amtsangelegenheiten den Herrenhof zu verlassen. Sie waren
immer in Eile, nur sehr wider Willen waren sie im Dorfe, über
das unbedingt Notwendige ihren Aufenthalt hier auszudeh-
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nen hatten sie nicht die geringste Lust, und es konnte daher
nicht von ihnen verlangt werden, nur mit Rücksicht auf den
Hausfrieden im Herrenhof, zeitweilig mit allen ihren Schriften über die Straße in irgendein anderes Haus zu ziehen und
so Zeit zu verlieren. Am liebsten erledigten ja die Beamten die
Amtssachen im Ausschank oder in ihrem Zimmer, womöglich während des Essens oder vom Bett aus vor dem Einschlafen oder morgens, wenn sie zu müde waren, aufzustehen, und
sich im Bett noch ein wenig strecken wollten. Dagegen schien
die Frage der Errichtung eines Wartegebäudes einer günstigen Lösung sich zu nähern, freilich war es eine empfindliche
Strafe für die Wirtin – man lachte ein wenig darüber –, daß
gerade die Angelegenheit des Wartegebäudes zahlreiche Besprechungen nötig machte und die Gänge des Hauses kaum
leer wurden.
Über all diese Dinge unterhielt man sich halblaut unter
den Wartenden, K. war es auffallend, daß zwar der Unzufriedenheit genug war, niemand aber etwas dagegen einzuwenden hatte, daß Erlanger die Parteien mitten in der Nacht berief. Er fragte danach und erhielt die Auskunft, daß man dafür
Erlanger sogar sehr dankbar sein müsse. Es sei ja ausschließlich sein guter Wille und die hohe Auffassung, die er von seinem Amte habe, die ihn dazu bewegten, überhaupt ins Dorf
zu kommen; er könnte ja, wenn er wollte – und es würde dies
sogar den Vorschriften vielleicht besser entsprechen –, irgendeinen unteren Sekretär schicken und von ihm die Protokolle aufnehmen lassen. Aber er weigerte sich eben meistens,
dies zu tun, wolle selbst alles sehen und hören, müsse dann
aber zu diesem Zweck seine Nächte opfern, denn in seinem
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DAS SCHLOß
Amtsplan sei keine Zeit für Dorfreisen vorgesehen. K. wandte
ein, daß doch auch Klamm bei Tag ins Dorf komme und sogar
mehrere Tage hier bleibe; sei denn Erlanger, der doch nur Sekretär sei, oben unentbehrlicher? Einige lachten gutmütig,
andere schwiegen betreten, diese letzteren bekamen das
Übergewicht, und es wurde K. kaum geantwortet. Nur einer
sagte zögernd, natürlich sei Klamm unentbehrlich, im Schloß
wie im Dorf.
Da öffnete sich die Haustür und Momus erschien zwischen zwei lampentragenden Dienern. "Die ersten, die zum
Herrn Sekretär Erlanger vorgelassen werden", sagte er, "sind:
Gerstäcker und K. Sind die beiden hier?" Sie meldeten sich,
aber noch vor ihnen schlüpfte Jeremias mit einem "Ich bin
hier Zimmerkellner", von Momus lächelnd mit einem Schlag
auf die Schulter begrüßt, ins Haus. Ich werde auf Jeremias
mehr achten müssen, sagte sich K., wobei er sich dessen bewußt blieb, daß Jeremias wahrscheinlich viel ungefährlicher
war als Artur, der im Schloß gegen ihn arbeitete. Vielleicht
war es sogar klüger, sich von ihnen als Gehilfen quälen zu
lassen, als sie so unkontrolliert umherstreichen und ihre Intrigen, für die sie eine besondere Anlage zu haben schienen,
frei betreiben zu lassen.
Als K. an Momus vorüberkam, tat dieser, als erkenne er
erst jetzt in ihm den Landvermesser. "Ah, der Herr Landvermesser", sagte er, "der, welcher sich so ungern verhören läßt,
drängt sich zum Verhör. Bei mir wäre es damals einfacher
gewesen. Nun freilich, es ist schwer, die richtigen Verhöre
auszuwählen." Als K. auf diese Ansprache hin stehenbleiben
wollte, sagte Momus: "Gehen Sie, gehen Sie! Damals hätte
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ich Ihre Antworten gebraucht, jetzt nicht." Trotzdem sagte
K., erregt durch des Momus Benehmen: "Ihr denkt nur an
Euch. Bloß des Amtes wegen antworte ich nicht; weder damals noch heute." Momus sagte: "An wen sollen wir denn
denken? Wer ist denn sonst noch hier? Gehen Sie!" Im Flur
empfing sie ein Diener und führte sie den K. schon bekannten Weg über den Hof, dann durch das Tor und in den niedrigen, ein wenig sich senkenden Gang. In den oberen Stockwerken wohnten offenbar nur die höheren Beamten, die
Sekretäre dagegen wohnten an diesem Gang, auch Erlanger,
obwohl er einer ihrer obersten war. Der Diener löschte seine
Laterne aus, denn hier war helle elektrische Beleuchtung.
Alles war hier klein, aber zierlich gebaut. Der Raum war
möglichst ausgenutzt. Der Gang genügte knapp, aufrecht in
ihm zu gehen. An den Seiten war eine Tür fast neben der
anderen. Die Seitenwände reichten nicht bis zur Decke, dies
wahrscheinlich aus Ventilationsrücksichten, denn die Zimmerchen hatten wohl hier in dem tiefen, kellerartigen Gang
keine Fenster. Der Nachteil dieser nicht ganz schließenden
Wände war die Unruhe im Gang und notwendigerweise
auch in den Zimmern. Viele Zimmer schienen besetzt zu
sein, in den meisten war man noch wach, man hörte Stimmen, Hammerschläge, Gläserklingen. Doch hatte man nicht
den Eindruck besonderer Lustigkeit. Die Stimmen waren gedämpft, man verstand kaum hier und da ein Wort, es schienen auch nicht Unterhaltungen zu sein, wahrscheinlich
diktierte nur jemand etwas oder las etwas vor, gerade aus
den Zimmern, aus denen der Klang von Gläsern und Tellern kam, hörte man kein Wort, und die Hammerschläge er-
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DAS SCHLOß
innerten K. daran, was ihm irgendwo erzählt worden war,
daß manche Beamte, um sich von der fortwährenden geistigen Anstrengung zu erholen, sich zeitweilig mit Tischlerei,
Feinmechanik und dergleichen beschäftigen. Der Gang
selbst war leer, nur vor einer Tür saß ein bleicher, schmaler,
großer Herr im Pelz, unter dem die Nachtwäsche hervorsah;
wahrscheinlich war es ihm im Zimmer zu dumpf geworden,
so hatte er sich herausgesetzt und las da eine Zeitung, aber
nicht aufmerksam, gähnend ließ er öfters vom Lesen ab,
beugte sich vor und blickte den Gang entlang; vielleicht erwartete er eine Partei, die er vorgeladen hatte und die zu
kommen säumte. Als sie an ihm vorübergekommen waren,
sagte der Diener in bezug auf den Herrn zu Gerstäcker: "Der
Pinzgauer!" Gerstäcker nickte. "Er ist schon lange nicht unten gewesen", sagte er. "Schon sehr lange nicht", bestätigte
der Diener.
Schließlich kamen sie vor eine Tür, die nicht anders als
die übrigen war und hinter der doch, wie der Diener mitteilte, Erlanger wohnte. Der Diener ließ sich von K. auf die Schulter heben und sah oben durch den freien Spalt ins Zimmer.
"Er liegt", sagte der Diener herabsteigend, "auf dem Bett, allerdings in Kleidern, aber ich glaube doch, daß er schlummert. Manchmal überfällt ihn so die Müdigkeit, hier im Dorf,
bei der geänderten Lebensweise. Wir werden warten müssen.
Wenn er aufwacht, wird er läuten. Es ist allerdings schon vorgekommen, daß er seinen ganzen Aufenthalt im Dorf verschlafen hat und nach dem Aufwachen gleich wieder ins
Schloß zurückfahren mußte. Es ist ja freiwillige Arbeit, die er
hier leistet." – "Wenn er jetzt nur schon lieber bis zu Ende
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schliefe", sagte Gerstäcker, "denn wenn er nach dem Aufwachen noch ein wenig Zeit zur Arbeit hat, ist er sehr unwillig
darüber, daß er geschlafen hat, sucht alles eilig zu erledigen,
und man kann sich kaum aussprechen." – "Sie kommen wegen der Vergebung der Fuhren für den Bau?" fragte der Diener. Gerstäcker nickte, zog den Diener beiseite und redete leise zu ihm; aber der Diener hörte kaum zu, blickte über
Gerstäcker, den er um mehr als Haupteslänge überragte, hinweg und strich sich ernst und langsam das Haar.

DAS ACHTZEHNTE KAPITEL
Da sah K., wie er ziellos umherblickte, weit in der Ferne an
einer Wendung des Ganges Frieda; sie tat, als erkenne sie ihn
nicht, blickte nur starr auf ihn, in der Hand trug sie eine Tasse mit leerem Geschirr. Er sagte dem Diener, der aber gar
nicht auf ihn achtete – je mehr man zu dem Diener sprach,
desto geistesabwesender schien er zu werden –, er werde
gleich zurückkommen, und lief zu Frieda. Bei ihr angekommen, faßte er sie bei den Schultern, so, als ergreife er wieder
von ihr Besitz, stellte einige belanglose Fragen und suchte dabei prüfend in ihren Augen. Aber ihre starre Haltung löste
sich kaum, zerstreut versuchte sie einige Umstellungen des
Geschirrs auf der Tasse und sagte: "Was willst du denn von
mir? Geh doch zu den – nun, du weißt ja, wie sie heißen. Du
kommst ja gerade von ihnen, ich kann es dir ansehen." K. lenkte schnell ab; die Aussprache sollte nicht so plötzlich kommen und bei dem Bösesten, bei dem für ihn Ungünstigsten
anfangen. "Ich dachte, du wärest im Ausschank", sagte er.
Frieda sah ihn erstaunt an und fuhr ihm dann sanft mit der
einen Hand, die sie frei hatte, über Stirn und Wange. Es war,
als habe sie sein Aussehen vergessen und wollte es sich so
wieder ins Bewußtsein zurückrufen, auch ihre Augen hatten
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FRANZ KAFKA
den verschleierten Ausdruck des mühsam Sich-Erinnerns.
"Ich bin für den Ausschank wieder aufgenommen", sagte sie
dann langsam, als sei es unwichtig, was sie sage, aber unter
den Worten führte sie noch ein Gespräch mit K., und dies sei
das wichtigere. "Diese Arbeit taugt nicht für mich, die kann
auch eine jede andere besorgen; jede, die aufbetten und ein
freundliches Gesicht machen kann und die Belästigung durch
die Gäste nicht scheut, sondern sie sogar noch hervorruft, eine jede solche kann Stubenmädchen sein. Aber im Ausschank,
da ist es etwas anderes. Ich bin auch gleich wieder für den
Ausschank aufgenommen worden, obwohl ich ihn damals
nicht sehr ehrenvoll verlassen habe; freilich hatte ich jetzt
Protektion. Aber der Wirt war glücklich, daß ich Protektion
hatte und es ihm deshalb leicht möglich war, mich wieder
aufzunehmen. Es war sogar so, daß man mich drängen mußte,
den Posten anzunehmen; wenn du bedenkst, woran mich der
Ausschank erinnert, wirst du es begreifen. Schließlich habe
ich den Posten angenommen. Hier bin ich nur aushilfsweise.
Pepi hat gebeten, ihr nicht die Schande anzutun, sofort den
Ausschank verlassen zu müssen, wir haben ihr deshalb, weil
sie doch fleißig gewesen ist und alles so besorgt hat, wie es
nur ihre Fähigkeiten erlaubt haben, eine vierundzwanzigstündige Frist gegeben." – "Das ist alles sehr gut eingerichtet", sagte K., "nur hast du einmal meinetwegen den Ausschank verlassen; und nun, da wir kurz vor der Hochzeit sind,
kehrst du wieder in ihn zurück?" – "Es wird keine Hochzeit
geben", sagte Frieda. "Weil ich untreu war?" fragte K.; Frieda
nickte. "Nun sieh, Frieda", sagte K., "über diese angebliche
Untreue haben wir schon öfters gesprochen, und immer hast
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