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Das Schloß

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DAS SCHLOß
wenig. Er erkannte mich sofort, er ist berühmt wegen seines Gedächtnisses und seiner Menschenkenntnis, er zieht nur die Augenbrauen zusammen, das genügt ihm, um jeden zu erken­nen, oft auch Leute, die er nie gesehen hat, von denen er nur gehört oder gelesen hat, mich zum Beispiel dürfte er kaum je gesehen haben. Aber obwohl er jeden Menschen gleich er­kennt, fragt er zuerst, so, wie wenn er unsicher wäre. 'Bist du nicht Barnabas?' sagte er zu mir. Und dann fragte er: 'Du kennst den Landvermesser, nicht?' Und dann sagte er: 'Das trifft sich gut; ich fahre jetzt in den Herrenhof. Der Landver­messer soll mich dort besuchen. Ich wohne im Zimmer Num­mer fünfzehn. Doch müßte er gleich jetzt kommen. Ich habe nur einige Besprechungen dort und fahre um fünf Uhr früh wieder zurück. Sag ihm, daß mir viel daran liegt, mit ihm zu sprechen.'"
Plötzlich setzte sich Jeremias in Lauf. Barnabas, der ihn in seiner Aufregung bisher kaum beachtet hatte, fragte: "Was will denn Jeremias?" – "Mir bei Erlanger zuvorkommen", sagte K., lief schon hinter Jeremias her, fing ihn ein, hing sich an seinen Arm und sagte: "Ist es die Sehnsucht nach Frieda, die dich plötzlich ergriffen hat? Ich habe sie nicht minder, und so werden wir in gleichem Schritte gehen."
DAS SIEBZEHNTE KAPITEL
Vor dem dunklen Herrenhof stand eine kleine Gruppe Männer, zwei oder drei hatten Handlaternen mit, so daß manche Gesichter kenntlich waren. K. fand nur einen Be­kannten, Gerstäcker, den Fuhrmann. Gerstäcker begrüßte ihn mit der Frage: "Du bist noch immer im Dorf?" – "Ja", sag­te K., "ich bin für die Dauer gekommen." – "Mich kümmert es ja nicht", sagte Gerstäcker, hustete kräftig und wandte sich anderen zu.
Es stellte sich heraus, daß alle auf Erlanger warteten. Er­langer war schon angekommen, verhandelte aber, ehe er die Parteien empfing, noch mit Momus. Das allgemeine Gespräch drehte sich darum, daß man nicht im Hause warten durfte, sondern hier draußen im Schnee stehen mußte. Es war zwar nicht sehr kalt; trotzdem war es rücksichtslos, die Parteien vielleicht stundenlang in der Nacht vor dem Haus zu lassen. Das war freilich nicht die Schuld Erlangers, der vielmehr sehr entgegenkommend war, davon kaum wußte und sich gewiß sehr geärgert hätte, wenn es ihm gemeldet worden wäre. Es war die Schuld der Herrenhofwirtin, die in ihrem schon krankhaften Streben nach Feinheit es nicht leiden wollte, daß viele Parteien auf einmal in den Herrenhof kamen. "Wenn es
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schon sein muß und sie kommen müssen", pflegte sie zu sa­gen, "dann, um des Himmels willen, nur immer einer hinter dem andern. – Und sie hatte es durchgesetzt, daß die Partei­en, die zuerst einfach in einem Korridor, später auf der Trep­pe, dann im Flur, zuletzt im Ausschank gewartet hatten, schließlich auf die Gasse hinausgeschoben worden waren. Und selbst das genügte ihr noch nicht. Es war ihr unerträg­lich, im eigenen Hause immerfort "belagert zu werden", wie sie sich ausdrückte. Es war ihr unverständlich, wozu es über­haupt Parteienverkehr gab. "Um vorn die Haustreppe schmutzig zu machen", hatte ihr einmal ein Beamter auf ihre Frage, wahrscheinlich im Ärger, gesagt; ihr aber war das sehr einleuchtend gewesen, und sie pflegte diesen Ausspruch gern zu zitieren. Sie strebte danach, und dies begegnete sich nun schon mit den Wünschen der Parteien, daß gegenüber dem Herrenhof ein Gebäude aufgeführt werde, in welchem die Parteien warten konnten. Am liebsten wäre es ihr gewesen, wenn auch die Parteienbesprechungen und Verhöre außer­halb des Herrenhofes stattgefunden hätten, aber dem wider­setzten sich die Beamten, und wenn sich die Beamten ernst­lich widersetzten, so drang natürlich die Wirtin nicht durch, obwohl sie in Nebenfragen kraft ihres unermüdlichen und dabei frauenhaft zarten Eifers eine Art kleiner Tyrannei aus­übte. Die Besprechungen und Verhöre würde aber die Wirtin voraussichtlich auch weiterhin im Herrenhof dulden müssen, denn die Herren aus dem Schloß weigerten sich, im Dorfe in Amtsangelegenheiten den Herrenhof zu verlassen. Sie waren immer in Eile, nur sehr wider Willen waren sie im Dorfe, über das unbedingt Notwendige ihren Aufenthalt hier auszudeh-
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nen hatten sie nicht die geringste Lust, und es konnte daher nicht von ihnen verlangt werden, nur mit Rücksicht auf den Hausfrieden im Herrenhof, zeitweilig mit allen ihren Schrif­ten über die Straße in irgendein anderes Haus zu ziehen und so Zeit zu verlieren. Am liebsten erledigten ja die Beamten die Amtssachen im Ausschank oder in ihrem Zimmer, womög­lich während des Essens oder vom Bett aus vor dem Einschla­fen oder morgens, wenn sie zu müde waren, aufzustehen, und sich im Bett noch ein wenig strecken wollten. Dagegen schien die Frage der Errichtung eines Wartegebäudes einer günsti­gen Lösung sich zu nähern, freilich war es eine empfindliche Strafe für die Wirtin – man lachte ein wenig darüber –, daß gerade die Angelegenheit des Wartegebäudes zahlreiche Be­sprechungen nötig machte und die Gänge des Hauses kaum leer wurden.
Über all diese Dinge unterhielt man sich halblaut unter den Wartenden, K. war es auffallend, daß zwar der Unzufrie­denheit genug war, niemand aber etwas dagegen einzuwen­den hatte, daß Erlanger die Parteien mitten in der Nacht be­rief. Er fragte danach und erhielt die Auskunft, daß man dafür Erlanger sogar sehr dankbar sein müsse. Es sei ja ausschließ­lich sein guter Wille und die hohe Auffassung, die er von sei­nem Amte habe, die ihn dazu bewegten, überhaupt ins Dorf zu kommen; er könnte ja, wenn er wollte – und es würde dies sogar den Vorschriften vielleicht besser entsprechen –, ir­gendeinen unteren Sekretär schicken und von ihm die Proto­kolle aufnehmen lassen. Aber er weigerte sich eben meistens, dies zu tun, wolle selbst alles sehen und hören, müsse dann aber zu diesem Zweck seine Nächte opfern, denn in seinem
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Amtsplan sei keine Zeit für Dorfreisen vorgesehen. K. wandte ein, daß doch auch Klamm bei Tag ins Dorf komme und sogar mehrere Tage hier bleibe; sei denn Erlanger, der doch nur Se­kretär sei, oben unentbehrlicher? Einige lachten gutmütig, andere schwiegen betreten, diese letzteren bekamen das Übergewicht, und es wurde K. kaum geantwortet. Nur einer sagte zögernd, natürlich sei Klamm unentbehrlich, im Schloß wie im Dorf.
Da öffnete sich die Haustür und Momus erschien zwi­schen zwei lampentragenden Dienern. "Die ersten, die zum Herrn Sekretär Erlanger vorgelassen werden", sagte er, "sind: Gerstäcker und K. Sind die beiden hier?" Sie meldeten sich, aber noch vor ihnen schlüpfte Jeremias mit einem "Ich bin hier Zimmerkellner", von Momus lächelnd mit einem Schlag auf die Schulter begrüßt, ins Haus. Ich werde auf Jeremias mehr achten müssen, sagte sich K., wobei er sich dessen be­wußt blieb, daß Jeremias wahrscheinlich viel ungefährlicher war als Artur, der im Schloß gegen ihn arbeitete. Vielleicht war es sogar klüger, sich von ihnen als Gehilfen quälen zu lassen, als sie so unkontrolliert umherstreichen und ihre Int­rigen, für die sie eine besondere Anlage zu haben schienen, frei betreiben zu lassen.
Als K. an Momus vorüberkam, tat dieser, als erkenne er erst jetzt in ihm den Landvermesser. "Ah, der Herr Landver­messer", sagte er, "der, welcher sich so ungern verhören läßt, drängt sich zum Verhör. Bei mir wäre es damals einfacher gewesen. Nun freilich, es ist schwer, die richtigen Verhöre auszuwählen." Als K. auf diese Ansprache hin stehenbleiben wollte, sagte Momus: "Gehen Sie, gehen Sie! Damals hätte
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ich Ihre Antworten gebraucht, jetzt nicht." Trotzdem sagte K., erregt durch des Momus Benehmen: "Ihr denkt nur an Euch. Bloß des Amtes wegen antworte ich nicht; weder da­mals noch heute." Momus sagte: "An wen sollen wir denn denken? Wer ist denn sonst noch hier? Gehen Sie!" Im Flur empfing sie ein Diener und führte sie den K. schon bekann­ten Weg über den Hof, dann durch das Tor und in den nied­rigen, ein wenig sich senkenden Gang. In den oberen Stock­werken wohnten offenbar nur die höheren Beamten, die Sekretäre dagegen wohnten an diesem Gang, auch Erlanger, obwohl er einer ihrer obersten war. Der Diener löschte seine Laterne aus, denn hier war helle elektrische Beleuchtung. Alles war hier klein, aber zierlich gebaut. Der Raum war möglichst ausgenutzt. Der Gang genügte knapp, aufrecht in ihm zu gehen. An den Seiten war eine Tür fast neben der anderen. Die Seitenwände reichten nicht bis zur Decke, dies wahrscheinlich aus Ventilationsrücksichten, denn die Zim­merchen hatten wohl hier in dem tiefen, kellerartigen Gang keine Fenster. Der Nachteil dieser nicht ganz schließenden Wände war die Unruhe im Gang und notwendigerweise auch in den Zimmern. Viele Zimmer schienen besetzt zu sein, in den meisten war man noch wach, man hörte Stim­men, Hammerschläge, Gläserklingen. Doch hatte man nicht den Eindruck besonderer Lustigkeit. Die Stimmen waren ge­dämpft, man verstand kaum hier und da ein Wort, es schie­nen auch nicht Unterhaltungen zu sein, wahrscheinlich diktierte nur jemand etwas oder las etwas vor, gerade aus den Zimmern, aus denen der Klang von Gläsern und Tel­lern kam, hörte man kein Wort, und die Hammerschläge er-
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innerten K. daran, was ihm irgendwo erzählt worden war, daß manche Beamte, um sich von der fortwährenden geisti­gen Anstrengung zu erholen, sich zeitweilig mit Tischlerei, Feinmechanik und dergleichen beschäftigen. Der Gang selbst war leer, nur vor einer Tür saß ein bleicher, schmaler, großer Herr im Pelz, unter dem die Nachtwäsche hervorsah; wahrscheinlich war es ihm im Zimmer zu dumpf geworden, so hatte er sich herausgesetzt und las da eine Zeitung, aber nicht aufmerksam, gähnend ließ er öfters vom Lesen ab, beugte sich vor und blickte den Gang entlang; vielleicht er­wartete er eine Partei, die er vorgeladen hatte und die zu kommen säumte. Als sie an ihm vorübergekommen waren, sagte der Diener in bezug auf den Herrn zu Gerstäcker: "Der Pinzgauer!" Gerstäcker nickte. "Er ist schon lange nicht un­ten gewesen", sagte er. "Schon sehr lange nicht", bestätigte der Diener.
Schließlich kamen sie vor eine Tür, die nicht anders als die übrigen war und hinter der doch, wie der Diener mitteil­te, Erlanger wohnte. Der Diener ließ sich von K. auf die Schul­ter heben und sah oben durch den freien Spalt ins Zimmer. "Er liegt", sagte der Diener herabsteigend, "auf dem Bett, al­lerdings in Kleidern, aber ich glaube doch, daß er schlum­mert. Manchmal überfällt ihn so die Müdigkeit, hier im Dorf, bei der geänderten Lebensweise. Wir werden warten müssen. Wenn er aufwacht, wird er läuten. Es ist allerdings schon vor­gekommen, daß er seinen ganzen Aufenthalt im Dorf ver­schlafen hat und nach dem Aufwachen gleich wieder ins Schloß zurückfahren mußte. Es ist ja freiwillige Arbeit, die er hier leistet." – "Wenn er jetzt nur schon lieber bis zu Ende
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schliefe", sagte Gerstäcker, "denn wenn er nach dem Aufwa­chen noch ein wenig Zeit zur Arbeit hat, ist er sehr unwillig darüber, daß er geschlafen hat, sucht alles eilig zu erledigen, und man kann sich kaum aussprechen." – "Sie kommen we­gen der Vergebung der Fuhren für den Bau?" fragte der Die­ner. Gerstäcker nickte, zog den Diener beiseite und redete lei­se zu ihm; aber der Diener hörte kaum zu, blickte über Gerstäcker, den er um mehr als Haupteslänge überragte, hin­weg und strich sich ernst und langsam das Haar.
DAS ACHTZEHNTE KAPITEL
Da sah K., wie er ziellos umherblickte, weit in der Ferne an einer Wendung des Ganges Frieda; sie tat, als erkenne sie ihn nicht, blickte nur starr auf ihn, in der Hand trug sie eine Tas­se mit leerem Geschirr. Er sagte dem Diener, der aber gar nicht auf ihn achtete – je mehr man zu dem Diener sprach, desto geistesabwesender schien er zu werden –, er werde gleich zurückkommen, und lief zu Frieda. Bei ihr angekom­men, faßte er sie bei den Schultern, so, als ergreife er wieder von ihr Besitz, stellte einige belanglose Fragen und suchte da­bei prüfend in ihren Augen. Aber ihre starre Haltung löste sich kaum, zerstreut versuchte sie einige Umstellungen des Geschirrs auf der Tasse und sagte: "Was willst du denn von mir? Geh doch zu den – nun, du weißt ja, wie sie heißen. Du kommst ja gerade von ihnen, ich kann es dir ansehen." K. lenk­te schnell ab; die Aussprache sollte nicht so plötzlich kom­men und bei dem Bösesten, bei dem für ihn Ungünstigsten anfangen. "Ich dachte, du wärest im Ausschank", sagte er. Frieda sah ihn erstaunt an und fuhr ihm dann sanft mit der einen Hand, die sie frei hatte, über Stirn und Wange. Es war, als habe sie sein Aussehen vergessen und wollte es sich so wieder ins Bewußtsein zurückrufen, auch ihre Augen hatten
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den verschleierten Ausdruck des mühsam Sich-Erinnerns. "Ich bin für den Ausschank wieder aufgenommen", sagte sie dann langsam, als sei es unwichtig, was sie sage, aber unter den Worten führte sie noch ein Gespräch mit K., und dies sei das wichtigere. "Diese Arbeit taugt nicht für mich, die kann auch eine jede andere besorgen; jede, die aufbetten und ein freundliches Gesicht machen kann und die Belästigung durch die Gäste nicht scheut, sondern sie sogar noch hervorruft, ei­ne jede solche kann Stubenmädchen sein. Aber im Ausschank, da ist es etwas anderes. Ich bin auch gleich wieder für den Ausschank aufgenommen worden, obwohl ich ihn damals nicht sehr ehrenvoll verlassen habe; freilich hatte ich jetzt Protektion. Aber der Wirt war glücklich, daß ich Protektion hatte und es ihm deshalb leicht möglich war, mich wieder aufzunehmen. Es war sogar so, daß man mich drängen mußte, den Posten anzunehmen; wenn du bedenkst, woran mich der Ausschank erinnert, wirst du es begreifen. Schließlich habe ich den Posten angenommen. Hier bin ich nur aushilfsweise. Pepi hat gebeten, ihr nicht die Schande anzutun, sofort den Ausschank verlassen zu müssen, wir haben ihr deshalb, weil sie doch fleißig gewesen ist und alles so besorgt hat, wie es nur ihre Fähigkeiten erlaubt haben, eine vierundzwanzig­stündige Frist gegeben." – "Das ist alles sehr gut eingerich­tet", sagte K., "nur hast du einmal meinetwegen den Aus­schank verlassen; und nun, da wir kurz vor der Hochzeit sind, kehrst du wieder in ihn zurück?" – "Es wird keine Hochzeit geben", sagte Frieda. "Weil ich untreu war?" fragte K.; Frieda nickte. "Nun sieh, Frieda", sagte K., "über diese angebliche Untreue haben wir schon öfters gesprochen, und immer hast
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