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Балладный жанр. Генезис и поэтика. Учебно-методическое пособие к спецкурсу «Стилистические особенности немецких балладных текстов»

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«Wir satteln nur um Mitternacht. Weit ritt ich her von Böhmen. Ich habe spät mich aufgemacht, Und will dich mit mir nehmen.» –

«Ach, Wilhelm, erst herein geschwind! Den Hagedorn durchsaust der Wind, Herein, in meinen Armen, Herzliebster, zu erwarmen!» –

«Laß sausen durch den Hagedorn, Laß sausen, Kind, laß sausen!

Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn. Ich darf allhier nicht hausen.

Komm, schürze, spring und schwinge dich Auf meinen Rappen hinter mich!

Muß heut noch hundert Meilen Mit dir ins Brautbett eilen.» –

«Ach! wolltest hundert Meilen noch Mich heut ins Brautbett tragen?

Und horch! es brummt die Glocke noch, Die elf schon angeschlagen.» –

«Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell. Wir und die Toten reiten schnell.

Ich bringe dich, zur Wette, Noch heut ins Hochzeitbette.» –

«Sag an, wo ist dein Kämmerlein? Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?» –

«Weit, weit von hier! – Still, kühl und klein! – Sechs Bretter und zwei Brettchen!» –

«Hat's Raum für mich?» – «Für dich und mich! Komm, schürze, spring und schwinge dich! Die Hochzeitgäste hoffen;

Die Kammer steht uns offen.» –

Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang Sich auf das Roß behende;

Wohl um den trauten Reiter schlang Sie ihre Liljenhände;

Und hurre hurre, hopp hopp hopp! Ging's fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben, Und Kies und Funken stoben.

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Zur rechten und zur linken Hand, Vorbei vor ihren Blicken,

Wie flogen Anger, Heid und Land! Wie donnerten die Brücken! –

«Graut Liebchen auch? – Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?» – «Ach nein! – Doch laß die Toten! –

Was klang dort für Gesang und Klang? Was flatterten die Raben? –

Horch Glockenklang! horch Totensang: «Laßt uns den Leib begraben!»

Und näher zog ein Leichenzug, Der Sarg und Totenbahre trug. Das Lied war zu vergleichen Dem Unkenruf in Teichen.

«Nach Mitternacht begrabt den Leib, Mit Klang und Sang und Klage!

Jetzt führ ich heim mein junges Weib. Mit, mit zum Brautgelage!

Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor, Und gurgle mir das Brautlied vor!

Komm, Pfaff, und sprich den Segen, Eh wir zu Bett uns legen!» –

Still, Klang und Sang. – Die Bahre schwand. – Gehorsam seinem Rufen,

Kam's, hurre hurre! nachgerannt, Hart hinter's Rappen Hufen.

Und immer weiter, hopp hopp hopp! Ging's fort in sausendem Galopp, Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links, Gebirge, Bäum und Hecken!

Wie flogen links, und rechts, und links Die Dörfer, Städt und Flecken! –

«Graut Liebchen auch? – Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?» – «Ach! Laß sie ruhn, die Toten!» –

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Sieh da! sieh da! Am Hochgericht Tanzt' um des Rades Spindel Halb sichtbarlich bei Mondenlicht, Ein luftiges Gesindel. –

«Sasa! Gesindel, hier! Komm hier! Gesindel, komm und folge mir! Tanz uns den Hochzeitreigen, Wann wir zu Bette steigen!» –

Und das Gesindel husch husch husch!

Kam hinten nachgeprasselt,

Wie Wirbelwind am Haselbusch

Durch dürre Blätter rasselt.

Und weiter, weiter, hopp hopp hopp!

Ging's fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Wie flog, was rund der Mond beschien, Wie flog es in die Ferne!

Wie flogen oben über hin Der Himmel und die Sterne! –

«Graut Liebchen auch? – Der Mond scheint hell! Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?» – «O weh! Laß ruhn die Toten!» –

«Rapp'! Rapp'! Mich dünkt der Hahn schon ruft. – Bald wird der Sand verrinnen –

Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft – Rapp'! Tummle dich von hinnen! – Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf! Das Hochzeitbette tut sich auf!

Die Toten reiten schnelle!

Wir sind, wir sind zur Stelle.» –

Rasch auf ein eisern Gittertor

Ging's mit verhängtem Zügel.

Mit schwanker Gert' ein Schlag davor

Zersprengte Schloß und Riegel.

Die Flügel flogen klirrend auf,

Und über Gräber ging der Lauf.

Es blinkten Leichensteine

Rundum im Mondenscheine.

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Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,

Huhu! ein gräßlich Wunder!

Des Reiters Koller, Stück für Stück,

Fiel ab, wie mürber Zunder.

Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,

Zum nackten Schädel ward sein Kopf;

Sein Körper zum Gerippe,

Mit Stundenglas und Hippe.

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp',

Und sprühte Feuerfunken;

Und hui! war's unter ihr hinab

Verschwunden und versunken.

Geheul! Geheul aus hoher Luft,

Gewinsel kam aus tiefer Gruft.

Lenorens Herz, mit Beben,

Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz, Rundum herum im Kreise,

Die Geister einen Kettentanz, Und heulten diese Weise:

«Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht! Mit Gott im Himmel hadre nicht!

Des Leibes bist du ledig; Gott sei der Seele gnädig!»

(1773)

Fragen zur Ballade:

1.Welche Merkmale der Ballade weist dieses Gedicht auf?

2.Nennen Sie epische, lyrische und drammatische Elemente der Komposition.

3.Um welche Typologie der Ballade handelt es sich hier?

4.Analysieren Sie den Textbau der Ballade.

5.Welche Geschehnisse widerspiegelt die Ballade?

6.Welche Elemente des Textes lassen auf die historische Epoche schließen?

7.Sind diese historische Geschehnisse das Hauptthema der Ballade?

8.Formulieren Sie die Hauptidee der Ballade und das Anliegen des Dichters.

9.Erläutern Sie die sprachlichen Mittel (Semantik der Verben, syntaktische Strukturen), in denen sich die dynamisch-dramatisch gebalte Handlung realisiert.

10.Sprechen Sie über den Gebrauch der Zeitformen in der Ballade, gehen sie dabei von der Komposition aus.

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Die numinosen (naturmagischen) Balladen

Die Aufgabestellung: Vergleichen Sie die Ballade «Erlkönig» mit der aus dem Dänischen stammenden Ballade «Erlkönigs Tochter» in Herders Übersetzung. Welche Parallelen in den Gehalten und Strukturen weisen diese Balladen auf?

Johann Gottfried von Herder

Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit,

Zu bieten auf seine Hochzeitsleut;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,

Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

«Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier? Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.»

«Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag, Frühmorgen ist mein Hochzeittag.»

«Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir, Zwei güldne Sporne schenk ich dir.

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,

Meine Mutter bleicht's mit Mondenschein.»

«Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag, Frühmorgen ist mein Hochzeitstag.»

«Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir, Einen Haufen Goldes schenk ich dir.»

«Einen Haufen Goldes nähm ich wohl; Doch tanzen ich nicht darf noch soll.»

«Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir, Soll Seuch und Krankheit folgen dir.»

Sie tät einen Schalg ihm auf sein Herz,

Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

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Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd. «Reit heim nun zu deine'm Fräulein wert.»

Und als er kam vor Hauses Tür,

Seine Mutter zitternd stand dafür.

«Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich, Wie ist dein' Farbe blaß und bleich?»

«Und sollt sie nicht sein blaß und bleich, Ich traf in Erlenkönigs Reich.»

«Hör an, mein Sohn, so lieb und traut, Was soll ich nun sagen deiner Braut?»

«Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund, Zu proben da mein Pferd und Hund.»

Frühmorgen und als es Tag kaum war, Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

«Sie schenkten Met, sie schenkten Wein; Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?»

«Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund, Er probt allda sein Pferd und Hund.»

Die Braut hob auf den Scharlach rot,

Da lag Herr Oluf, und er war tot.

Johann Wolfgang Goethe

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. –

Mein Sohn, was bringst du so bang dein Gesicht? – Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? – Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

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« Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir; Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand;

Meine Mutter hat manch’ gülden Gewand.»

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise verspricht? –

Sei ruhig, mein Kind!

In dürren Blättern säuset der Wind. –

«Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Und wiegen und tanzen und singen dich ein.»

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am dünstern Ort? –

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau; Es scheinen die alten Weiden so grau. –

«Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.» – Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot24.

Fragen zum «Erlkönig»:

1.Versuchen Sie die etymologische Bedeutung des Wortes «Erlkönig» zurückzuverfolgen. Woher kommt dieser Name?

2.Warum zählt man diese Ballade zu den «naturmagischen» Balladen? Sind Sie auch dieser Meinung?

3.Analysieren Sie die unterschiedlichen Ebenen des Gesprächs in der Ballade.

4.Welche stilistische Mittel werden gebraucht, um das Widerspiel von Lockung und Abwehr dem Leser und Hörer näher zu bringen. Beachten Sie dabei die Rolle der wechselnden Dialoge und die klangliche Ebene.

5.Vergleichen Sie diese Ballade mit der Ballade von Annette von DrosteHülshoff «Der Knabe im Moor». Worin zeigt sich das «Realistische» ihres Vorgehens im Unterschied zum «Erlkönig» Goethes?

24 Hausbuch deutscher Ballade. Op. cit. S. 49.

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Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1 4 )

Der Knabe im Moor

O, schaurig ists, übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt –

O, schaurig ists, übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt, als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind –

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstige Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre;

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor',

Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,

Voran, als woll' es ihn holen!

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

Es pfeift ihm unter den Sohlen

Wie eine gespenstige Melodei;

Das ist der Geigenmann ungetreu,

Das ist der diebische Fiedler Knauf,

Der den Hochzeitheller gestohlen!

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Da birst das Moor, ein Seufzer geht Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret: «Ho, ho, meine arme Seele!»

Der Knabe springt wie ein wundes Reh; Wär nicht Schutzengel in seiner Näh, Seine bleichenden Knöchelchen fände spät Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimatlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war's fürchterlich,

O, schaurig war's in der Heide!

Die Aufgabe zur selbstständiger Arbeit: Vergleichen Sie auch die Vorgehensweisen von J. W. Goethe und F. Schiller in folgenden Balladen. Welche Unterschiede in der Themenbehandlung können Sie feststellen?

Johann Wolfgang Goethe

Der Fischer

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,

Ein Fischer saß daran,

Sah nach dem Angel ruhevoll,

Kühl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,

Teilt sich die Flut empor:

Aus dem bewegten Wasser rauscht

Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: «Was lockst du meine Brut

Mit Menschenwitz und Menschenlist Hinauf in Todesglut?

Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund,

Du stiegst herunter, wie du bist, Und würdest erst gesund.

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Labt sich die liebe Sonne nicht,

Der Mond sich nicht im Meer?

Kehrt wellenatmend ihr Gesicht

Nicht doppelt schöner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht.

Das feuchtverklärte Blau?

Lockt dich dein eigen Angesicht

Nicht her in ew'gen Tau?»

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Netzt' ihm den nackten Fuß;

Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll Wie bei der Liebsten Gruß.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn;

Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehn.

(1779)

Aufgaben:

1.Analysieren Sie die Struktur der Ballade.

2.Auf welche Weise wird die Spannung zwischen Mensch und Natur angekündigt?

3.Welche dramatische Elemente enthalten die zweite und die dritte Strophe?

4.Welche Wirkung haben die Verben als Formungsmittel in der ersten und letzten Strophen auf den Leser und Hörer (akustische, visuelle)

5.Welche Rolle spielen in der ersten Zeile lyrische Stilmittel der Wiederholung und Lautmalerei.

Friedrich Schiller

Der Taucher

«Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in diesen Schlund?

Einen goldnen Becher werf ich hinab, Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund. Wer mir den Becher kann wieder zeigen,

Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.»

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