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Россияне и немцы в эпоху катастроф.docx
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  1. Siehe auch die Eintragung vom 1.9.1942: “Viertes Kriegsjahr 1942. Wie ist die Eroff- nungsbilanz? Unsere Lage ist — nicht ungiinstig. Vor einem oder gar vor zwei Jahren war sie allerdings besser, denn der Russe zeigt sich in diesem Jahr starker als je zuvor. Trotzdem schreitet unser Vormarsch fort, wenn auch langsamer. ... Unsere Gegner erhoffen alles von der Zeit, wo Amerikas machtentfaltung auf den Hohepunkt gekommen ist (wahrscheinlich 1943). Unsere groBte Chance besteht darin, daB die steigende Ausnutzung der riesigen und reichen besetzten Gebiete im Osten unsere Kraft wirtschaftlich, wehrwirtschaftlich und auch militarisch steigern kann. Aber ein Ende ist noch nicht abzusehen.” Tjadens Uberle- gungen entsprachcn in wesentlichen Punkten Hitlers eigenem wirtschaftspolitischen Den- ken, siehe Adam Tooze. The Wages оf Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Eco - поту. New York: Penguin, 2008.

  2. Siehe Thomas Kiihne. Kameradschaft: Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20.Jahrhundert. Gottingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

  3. Ausfuhrlich zu Richard Kuhns Forschungstatigkeit im Krieg: Florian Schmaltz. Kampf- stoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von Kaiser-Wilhelm-Instituten, Militarund Industrie (Gottingen, Wallstein, 2005). S. 357-562; vgl. auch Ute Deichmann. Fluchten, mitmachen und vergessen. Ckemiker und Biochermiker in der NS-Zeit (Weinheim, 2001). Konrad Henkels Kriegstatigkeit ist aus offentlichen Biografien getilgt: http://www. whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=130&RlD=l. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden nur geringe Mengen von Soman fur Testzwecke produziert. Sie wurden nach Kriegs- ende in die Sowjetunion verbracht. Wahrend des Kalten Krieges wurde der Kampfstoff (un- ter der Codebezeichnung R-55) in der Sowjetunion in groflen Mengen hergestellt. http: // de.wikipedia.org/wiki/Soman

  4. Aus Tjadens Tagebuch vom 31.12.1942: “Ein langer Brief von Enno vom 9.12. ‘Gleich am folgenden Tage, an dem ich bei meiner Truppe anlangte, ging der Tanz hier los, und fast drei Wochen kurven wir jetzt schon mit unserem Panzer in den verschiedensten Gegenden herum. ... Trotzdem fiihle ich mich sehr wohl. Keine Spur von der Niedergeschlagenheit in der Kaserne’.”

  5. Vgl. hierzu Michael Geyer, Endkampf 1918 and 1945: German Nationalism, Annihilation, and Self-Destruction, in: No Man’s Land of Violence: Extreme Wars in the 20th Century, hg. Alf Ltidke u. Bernd Weisbrod. Gottingen, 2006.

  6. Zur verbreiteten Angst in Deutschland vor Russland und dem Bolschewismus nach der deutschen Niederlage in Stalingrad, vgl. Peter Fritzsche. Life and Death in the Third Reich (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 2008). S. 266-307.

  7. Tjaden verwendet zu Anfang die indirekte Rede, um deutlich zu machen, dass er die An- sichten der “Dame” wiedergibt. Die letzten Zeilen seiner Eintragung schwenken jedoch zur direkten Rede liber und scheinen seine eigene Uberzeugung wieder zu geben. Womoglich wollte er durch die Nennung der “Dame” eine Distanz zu der geauBerten Kritik kreieren, doch lost er diese Distanz dann auf. Vielleicht schrieb Tjaden sein Tagebuch ahnlich wie seine Vertrauensberichte fur den SD und war bestrebt, den dokumentarischen Wert der Aussage ("vor einigen Tagen sagte eine Dame...”) zu unterstreichen.

  8. Bei Zischkas Buch handelt es sich um Brot fur 2 Milliarden Menschen. Der Kampf um die Nahrung der Welt. Leipzig, Wilh. Goldmann. 1938. Zu Zischka vgl. Dirk von Laak, “Energie von A bis Z: Anton Zischka erschlieBt die Welt”, in: Non Fiction. Arsenalderanderen Gattun- gen. 2. Jg. Heft 1/2007. S. 79-93.

  9. Schmaltz, 484, 497; Jeremy Paxman u. Robert Harris. A Higher Form of Killing: The Sec­ret History of Chemical and Biological Warfare (New York: Random House, 2002). S. 141, 151,179.

DIE SOWJETISCHE PROPAGANDA UND DER UMGANG MIT DEN DEUTSCHEN KRIEGSGEFANGENEN IN DER SCHLACHT UM STALINGRAD (1942-1943)

AlexanderJepifanow, Verwaltungsakademie Wolgograd

Der Roten Armee standen in der Schlacht um Stalingrad an der Sud- west-, Don- und Stalingradfront die 6. Armee und die 4. Panzerarmee der Wehrmacht, die 3. und 4. rumanische Armee sowie die 8. italieni- sche Armee gegenuber. Im Vorfeld der sowjetischen Gegenoffensive vom 19. November 1942 erhielten die sowjetischen Propagandaabteilungen — in der Regel die 7. Abteilungen der Politischen Verwaltungen der Ar­mee — die Aufgabe, den Feind mit einer Zermurbungskampagne zu iiber- ziehen, ihn moralisch zu schwachen und zur Kapitulation zu veranlassen. Die Propaganda hatte das Ziel, Soldaten und Offiziere dazu zu bewegen, sich massenhaft zu ergeben und freiwillig in die Kriegsgefangenschaft zu gehen.

Den Anfang sollten die Rumanen und Italiener machen. Die sowje- tische Propaganda wusste die nationalen Konflikte in den Reihen der Achsenmachte geschickt fur sich zu nutzen und wandte sich direkt an die mit den Deutschen verbiindeten Soldaten. Wie ein roter Faden zog sich die antideutsche Argumentation und die Behauptung, die Deutschen seien Feinde der mit ihnen alliierten Volker, durch die Aktivitaten der 7. Abteilungen. Tatsachlich kapitulierten die Kommandeure der 5. und 6. rumanischen Division schlieBlich, und mehr als 30.000 rumanische Ar- meeangehorige begaben sich, ohne Widerstand zu leisten, in Kriegsgefan­genschaft. Viele gaben an, dass die Lekture der sowjetischen Flugblatter und sowjetische Radiopropaganda sie zu diesem Schritt ermutigt hatte. Die deutschen Soldaten und Offiziere leisteten diesem Ausgang aller- dings mit ihrer Arroganz und ihrer Vernachlassigung des rumanischen Verbiindeten ungewollt Vorschub. Als Generalfeldmarschall Paulus in ei- nem seiner Befehle erklarte, die Deutschen hatten den Kessel nicht selbst verschuldet (schuld seien vielmehr die Rumanen, weil sie die Front geoff- net hatten), nutzte das die sowjetische Propaganda sofort und heizte den

Hass der Rumanen auf die Deutschen weiter an. In der Gefangenschaft kam es deshalb vor, dass sich die Rumanen an den Deutschen rachten. Ein solcher Vorfall ereignete sich, als eine groBe Gruppe deutscher und ruma- nischer Gefangener die Wolga iiberquerte. Auf der Flussmitte stiirzten sich die Rumanen auf die Deutschen. Mit der Bemerkung: “Ihr wolltet die Wolga — da habt ihr sie”, stieBen sie letztere in das eisige Wasser. Die Episode fand nicht nur im Briefwechsel der Politkommissare der Roten Armee Erwahnung. Glaubt man den Erinnerungen der einheimischen Be- volkerung und der Veteranen, so gab es zahlreiche Vorfalle dieser Art, die oft mit dem Tod deutscher Kriegsgefangener und vor allem der Offiziere unter ihnen endeten.

Im Vorfeld und dann besonders auch im Verlauf des Novemberangriffs der Roten Armee bei Stalingrad 1942 unternahmen die sowjetischen Pro- pagandaabteilungen ausgefeilte und planmaBige Aktionen, um die feind- lichen Soldaten und Offiziere dazu zu bewegen, sich freiwillig in Kriegs- gefangenschaft zu begeben. Zwecks “Zersetzung” der feindlichen Armeen versuchten sie zu drohen und zu iiberzeugen, verkniipften sie “sentimen- tale Themen” mit klassenpolitischer Argumentation und Mitteln der Desinformation.1 Mit Riicksicht auf die nationalen Besonderheiten der Armeen des Feindes brachten sowjetische Propagandisten vielfaltige Formen und Methoden der Agitation zum Einsatz. Ihre auf Divisions-, Armee- und Frontebene stattfindenden Propagandaaktionen wurden von operativen Gruppen durchgefuhrt, denen Spezialisten mit den notwendi- gen Fahigkeiten und Sprachkenntnissen angehorten. Sie verfugten iiber spezielle technische Mittel wie groBe Lautsprecher fur Schiitzengraben, Schreibmaschinen, Megaphone und Sprachrohre. Im Zeitraum zwischen November 1942 und Februar 1943 warfen sowjetische Flugzeuge iiber den Positionen der Wehrmacht im Bezirk um Stalingrad 18.131.000 Flugblatter ab, 318 Mai kamen Grofilautsprecher an der Front zum Ein­satz, mit Megaphonen und Sprachrohren erfolgten 1514 Obertragungen.2 Die sowjetischen Propagandaoffiziere entsandten 58 Gefangene (darun- ter elf Deutsche) ins gegnerische Hinterland.3 Sie hatten den Auftrag, ihre Landsleute zur Aufgabe zu uberreden. “Freiwillige Kriegsgefangen- schaft” hiefi die zentrale Botschaft der sowjetischen Propaganda. In Mas- senauflagen wurden Ausweise fur freiwillige Kriegsgefangene gedruckt und verbreitet. Auf der Riickseite des Ausweises waren die Bedingungen der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, einschlieBlich Arbeitsnormen, Umfang der Lebensmittelrationen usw. beschrieben. An der vordersten Front stellten die sowjetischen Truppen massenweise Wegweiser “zu den Versorgungs- und Aufwarmpunkten fur Gefangene” auf.4 Die sowjetische Propaganda wurde von deutschen Antifaschisten unterstiitzt, darunter dem KPD-Vorsitzenden Walter Ulbricht, dem Dichter Erich Weinert, dem Schriftsteller Willi Bredel und den kriegsgefangenen Offizieren Hadermann, Kasirius und Reyher. Die mit Lautsprecher und iiber das

Radio verbreiteten Aufrufe dieser Deutschen an ihre eigenen Landsleute sorgten fur nationales Kolorit und Emotionalitat. Die deutschen Antifa- schisten nahmen auch an der Griindung einer demokratischen Aktions- gruppe der Kriegsgefangenen teil. Sie versuchten einen direkten Kontakt zu den deutschen Soldaten im Kessel herzustellen.

Das sowjetische Oberkommando musste allerdings einraumen, dass sich trotz all dieser Anstrengungen nur eine verschwindend kleine Min- derheit der deutschen Armeeangehorigen freiwillig in Kriegsgefangen- schaft begab. Die deutschen Soldaten hofften auf die von der Wehr- machtspropaganda und der Truppenfuhrung versprochene Entsetzung des Kessels. Unterdessen, das sei hier angemerkt, prugelten sich die ru- manischen Soldaten um den Besitz der von der sowjetischen Propaganda herausgegebenen Kriegsgefangenenausweise. Der rumanische Handel mit den Ausweisen bliihte. Die Ablehnung der sowjetischen Offerten hatte ihren Grund auch darin, dass sich die deutschen Soldaten nicht sicher waren, was sie in der Kriegsgefangenschaft erwarten wurde. Der Kriegs- gefangene Wilhelm Schirbach, zuvor Soldat der 16. Panzerdivision, sagte bei einem Verhor aus, dass die Zahl der Kriegsgefangenen um ein Viel- faches groBer sein konnte. Die Deutschen wurden allerdings um ihr Leben furchten. “Untereinander sprechen die Soldaten oft davon, dass sie sich den Englandern langst ergeben hatten. Die erschieBen Kriegsgefangene nicht, heiBt es”, gab der Pionier Paul Menert bei einem Verhor zu. Viele Soldaten schenkten den Flugblattern Glauben, doch fiirchteten sie sich zugleich vor der Kriegsgefangenschaft. Taglich sprachen die deutschen Offiziere davon, dass die Russen Kriegsgefangene erschieBen wurden. Viele Soldaten und Offiziere, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren, befiirchteten uberdies, dass ihre Gefangennahme fur ihre Verwandten und Freunde in Deutschland Konsequenzen haben konnte. Unteroffi- zier Rudolf Bormann beispielsweise stellte bei einem Gesprach mit den Kriegsgefangenen die Frage: “Stimmt es, dass das Moskauer Radio taglich die Namen der Deutschen auflistet, die von der Roten Armee gefangen- genommen worden sind, wie die deutsche Propaganda behauptet?”

Je weiter sich die Hauptfrontlinie vom Kessel entfernte, desto mehr Aufmerksamkeit schenkten die deutschen Soldaten und Offizie­re im Kessel den sowjetischen Flugblattern. GroBen Eindruck hinter- liefi ein Flugblatt der zwei sowjetischen Oberbefehlshaber Rokos- sowskij (Donfront) und Jeremenko (Stalingradfront), das erstmals am 30. November 1942 verbreitet wurde.5 Rokossowskij und Jeremenko zahl- ten die Verluste der deutschen und der rumanischen Truppen in den ers- ten Tagen des Gegenangriffs auf und informierten iiber den Kessel, in den die 6. Armee und die 4. Panzerarmee geraten waren. Sie versuchten, die Eingeschlossenen davon zu iiberzeugen, dass eine Fortsetzung des Wider- stands zu weiteren groBen und sinnlosen Verlusten fuhren wurde. Sich in einer aussichtslosen Situation zu ergeben, sei keine Schande, sondern eine kluge Handlung. Wer sich ergebe, hore auf ein Feind zu sein, hieB es weiter. Damit sollte den deutschen Soldaten und Offiziere die Angst vor sowjetischen Racheakten genommen werden.

Ein zentraler Bestandteil der vom Stab des sowjetischen Oberkom- mandos erarbeiteten Plane zur Liquidierung der eingeschlossenen Hitler- truppen war das am 6. Januar 1943 an das deutsche Oberkommando ubergebene Ultimatum. Das Ultimatum forderte zur Aufgabe jeglichen Widerstands auf, zur Ergebung aller Soldaten und Offiziere sowie zur Ubergabe aller Waffen und Gerate in gutem Zustand. Entsprechend den Normen des Volkerrechts garantierte das Ultimatum den Soldaten und Offizieren im Gegenzug Leben und Sicherheit sowie nach Kriegsende die Ruckkehr nach Deutschland oder in ein anderes Land ihrer Wahl. Sie sollten ihre Uniformen, Ehrenzeichen und Orden behalten durfen ebenso wie personliche Dinge und Wertgegenstande. Offiziere sollten ihr Mes­ser behalten durfen. Allen Soldaten wurde eine normale Versorgung, den Verletzten und Kranken medizinische Hilfe garantiert.6

Wie von Hitler kategorisch verlangt, lehnte Generalfeldmarschall Paulus das Ultimatum bekanntermaBen ab. Hitlers Oberkommando ver- schwieg das Ultimatum und alle damit verbundenen Garantien fur Leib und Leben. Die sowjetische Propaganda war deshalb bestrebt, alle einge­schlossenen Soldaten und Offizieren uber das Ultimatum zu informieren. Mehr als zwei Millionen Flugblatter mit dem Text des Ultimatums wurden iiber den Soldaten abgeworfen. Mehr als 6.000 Mai gaben das Radio und Lautsprecher den deutschen Truppen das Ultimatum bekannt. Dies sei der einzige Weg ins Leben, hieB es in den Sendungen. Der russische Mar- schall der Artillerie Woronow berichtet in seinen Erinnerungen, dass dem sowjetischen Oberkommando im Januar 1943 ein Befehl der 6. Armee in die Hande fiel, der dokumentierte, wie die deutschen Generate und Offi­ziere ihre Truppen in Angst und Schrecken versetzten. In dem von Paulus unterschriebenen Befehl hieB es: “In der letzten Zeit haben die Russen mehrfach versucht, mit Armeeeinheiten zu verhandeln. Ihr Ziel ist klar. Mittels der in den Verhandlungen gemachten Versprechungen wollen sie unseren Widerstandswillen brechen. In der Gefangenschaft erwartet uns der sichere Tod, entweder durch eine feindliche Kugel oder durch Hun­ger und Leid in einem schandlichen sibirischen Lager. Wer sich ergibt und in Kriegsgefangenschaft geht, sieht seine Angehorigen nie wieder. Wir haben nur einen Ausweg — ohne Rucksicht auf Kalte und Hunger bis zur letzten Patrone zu kampfen. Deshalb sind Verhandlungen abzulehnen und die Unterhandler mit Gewehrfeuer zu verjagen. AuBerdem hoffen wir weiter fest auf die Entsetzung, die schon auf dem Wege zu uns ist.”7

In der Kriegszeit war die gesamte politisch-ideologische Arbeit der Roten Armee darauf abgestellt, gegen die Hitlerarmee den von Stalin be- fohlenen Vernichtungskrieg zu fuhren.8 Haufig iibertrug sich der den so­wjetischen Soldaten eingeimpfte HaB gegen die deutschen Soldaten auch auf die Behandlung der Kriegsgefangenen. Hinzu kam der Fanatismus und die Aggressivitat von in Gefangenschaft geratenenen deutschen Sol- daten, die den Hass der Sieger nur steigerten. Vor allem in der grausamen Schlacht um Stalingrad kam es zu vielen todlichen Zwischenfallen, wie sie beispielsweise im Kriegstagebuch des sowjetischen 76. Strafbataillons verzeichnet sind. Dieses vom 29. Dezember 1942 bis zum 12. Januar 1943 gefiihrte Bataillonstagebuch beschreibt u.a. die Kampfhandlungen in der Nahe des Flusses Tscherwlenaja. Das gegnerische deutsche 370. Infan- terieregiment befand sich bei dem Dorfchen Zibenko. Der Verfasser des Tagebuchs, ein Offizier des Bataillonsstabs, beschreibt sehr realistisch und emotional den Ablauf der Kampfe um das Dorf. AuBerdem enthalt der Bericht eine Vielzahl interessanter Beobachtungen psychologischer Kampftaktiken und des Umgangs der sowjetischen Soldaten und Kom- mandeure mit den deutschen Gefangenen. Dazu heiBt es im Tagebuch: “Am 8. Januar 1943 verfasste der Stabschef des Bataillons einen Aufruf an die Deutschen und lieB ihn dreimal per Lautsprecher durchsagen. Daraufhin antworteten die ,Fritze’ anfangs mit Kanonenfeuer, dann wurde es still. Nachts liefen zwei deutsche Soldaten ohne jede Deckung und aufrecht auf die Schutzengraben einer unserer Einheiten zu. Unse­re Soldaten hatten die Agitation ihres Vorgesetzten zu diesem Zeitpunkt allerdings langst vergessen und eroffneten das Feuer. Einer der Deut­schen wurde erschossen. Der Tote war von Wanzen iibersat, furchtbar abgemagert und in Sommeruniform .... 11. Januar 1943 ... An diesem Tag entbrannte ein schwerer Kampf um die Hohe 111,6. Die russische Attacke war schlecht vorbereitet und es kam zu groBen Verlusten. Die Besatzung eines Unterstandes verteidigte sich sehr hartnackig und kampfte solange, bis die Rotarmisten den Unterstand vollig eingekreist hatten. Von den im Unterstand gemachten Gefangenen wurden sechs an Ort und Stelle erschossen, alle anderen brachten die Rotarmisten zum Stab. Einer der gefangenen Offiziere schoss auf dem Weg zum Stab aus einer versteckten Pistole (Parabellum) auf den Anfiihrer des Konvois. Der Schuss ging da- neben. Allerdings gab daraufhin der sowjetische Soldat eine Maschinen- gewehrsalve auf die Kolonne der Kriegsgefangenen ab und erschoss elf von ihnen. Im Stab kamen somit nur drei Kriegsgefangene an. Wahrend der Kampfhandlungen zuvor war ein Offizier des Strafbataillons durch einen deutschen Maschinengewehrschiitzen am Kopf verletzt worden. Als dieser Offizier in den Stab kam, befand sich dort eine Gruppe deutscher Gefangener, darunter drei Offiziere. Einer von ihnen, blaue Augen und dunkelblonder Haarschopf, ein reinbliitiger Deutscher, hatte sich bis zur letzten Minute verteidigt. Die Rotarmisten, denen er in die Hande fiel, wollten ihm sofort den Garaus machen, lieBen ihn aber als Informanten am Leben. Diesen Gefangenen erblickte der verletzte sowjetische Offi­zier im Stab. Er glaubte, dass es sich um den Schiitzen handelte, der ihn am Kopf verletzt hatte. Auf seine Bitte hin gab der Bataillonskomman- deur den Deutschen heraus, und der Offizier fiihrte ihn an den Rand einer Schlucht.”

Die dann folgenden Ereignisse schildert der Autor des Tagebuchs wie folgt:

“Auf dem gegeniiberliegenden Flussufer, an einer kleinen Schlucht blieb der Leutnant stehen:

  • Auf die Kniel

Der Offizier kniete nieder.

  • Dreh dich zu mir! Heb die Fresse! Sieh mich an! Genau so!

Der Leutnant entsicherte die Pistole.

  • Und jetzt rechnen wir ab. Heute friih hast du mir mit dem Maschi- nengewehrin den Kopf geschossen. Du wolltest mich, meine Kampfer, die russischen Genossen umbringen und unsere Familien verskiaven! Du bistge- kommen, um unser Land auszurauben und seine Ehre zu beschmutzen. Mit Gewalt wolltest du Lebensraum im Osten erobem. Jetzt reicht es. In meinem Kopf drohnt es und mir ist schwarz vorAugen. Ich kann nicht mehr. Da hast du deinen Lebensraum...

Dann war ein Schuss zu horen”

Am 2. Februar 1943 berichtete das sowjetische Radio liber die Kapi- tulation der letzten Hitlertruppen im nordlichen Stadtbezirk von Sta­lingrad. Die sowjetischen Propagandisten erstellten zwei Flugblatter, die nicht nur iiber der sowjetisch-deutschen Front, sondern auch liber dem deutschen Territorium abgeworfen wurden. Eines der Flugblatter enthielt einen Aufruf “An das deutsche Volk!” sowie in Kurzform die Mitteilung des Sowjetischen Informationsbiiros (Sowinformbiiro) iiber die Liquidierung der 6. Armee und der 4. Panzerarmee der Wehrmacht bei Stalingrad. AuBerdem berichtete es iiber die Gefangennahme von Generalfeldmarschall Paulus und gab den Tod von 240.000 deutschen Armeeangehorigen sowie die Gefangennahme von weiteren 91.000 deut­schen Soldaten bekannt. Das zweite Flugblatt informierte detailliert iiber die Gefangennahme von 2.725 Offizieren, darunter 200 Unteroffizieren und 24 Generalen (unter Aufzahlung ihrer Namen und Dienstgrade). Da- ruber hinaus wurden alle feindlichen Einheiten, die kapituliert hatten, sowie die erbeuteten Waffen und Gerate aufgelistet. Aus den Darstellun- gen des Flugblatts wurde schlieBlich der Schluss gezogen, dass die Lage der Hitlerarmee hoffnungslos sei und Deutschland den Krieg verloren habe. Davon seien auch die Offiziere und Generale iiberzeugt, die sich in Gefangenschaft begeben hatten.9

Experten schatzen die sowjetische Propaganda unter den gegebenen Umstanden als recht erfolgreich ein.10 Bei der Bewertung muss jedoch auch die Meinung der unmittelbar am Krieg Beteiligten beriicksichtigt werden. Im April 1943 fand eine Beratung aller Leiter der Propaganda- abteilungen der Politischen Verwaltungen der Roten Armee statt. Auf der Konferenz zogen die Propagandisten eine Bilanz ihrer Aktivitaten zur

moralischen “Zersetzung” des Feindes. Ungeachtet der groBen Zahl deut- scher Kriegsgefangener schatzte ein Teilnehmer die Resultate auBerst kritisch ein. “Wir hatten ideale Bedingungen. Trotzdem ist es uns nicht gelungen, die Kampfeinsatze unserer Soldaten auf grundlegende Art zu unterstiitzen. Das wird schon allein daran deutlich, dass die Deutschen solange kampften, bis ihnen die Munition und die Lebensmittel ausgin- gen.”I II

AbschlieBend ist anzumerken, dass viele wichtige Aspekte der Tatig- keit der sowjetischen Propagandaabteilungen in den Jahren des GroBen Vaterlandischen Krieges bislang noch nicht untersucht worden sind. Das trifft vor allem auf die Zeit der Schlacht um Stalingrad zu. Die wis- senschaftliche Aufarbeitung dieses Themas hat groBe Bedeutung fiir die Rekonstruktion der objektiven Geschichte des GroBen Vaterlandischen Krieges wie auch fur die Vervollkommnung der Arbeit analoger ideolo- gisch-propagandistischer Institutionen in der heutigen Zeit.

DIE KRIEGSGEFANGENEN IN DEN STALINGRADER LAGERN 1943 BIS 1954

Sergej Sidorow, Staatliche Universitat Wolgograd

Am 5. September 2010 beging Wolgograd feierlich den 421. Jahres- tag seiner Griindung. Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass Stalingrad, eine Stadt mit 500.000 Einwohnern, vor 68 Jahren fast vollstandig aus- geloscht wurde. Nach der Schlacht um Stalingrad lag die Stadt in Schutt und Asche. 90 Prozent der Wohnhauser und die gesamte stadtische Infra- struktur waren zerstort. Nicht ein einziger der 126 Industriebetriebe war erhalten geblieben, 48 Werke brannten bis auf die Grundmauern ab oder wurden zerbombt. Der Eisenbahnknotenpunkt Stalingrad, die Kultur- und Bildungseinrichtungen der Stadt hatten aufgehort zu existieren. Der materielle Schaden betrug insgesamt 9 Milliarden Rubel. Am 2. Februar 1943 lebten in der Stadt nur noch 32.181 Menschen.1 Nachdem der Kriegs- larm der Schlacht verhallt war, machten sich die Einwohner Stalingrads mit Unterstiitzung freiwilliger Jugendbrigaden aus alien Teilen des Lan­des und unter unvorstellbaren Bedingungen an den Wiederaufbau. Da es an Arbeitskraften mangelte, wurden auch deutsche Kriegsgefangene und internierte deutsche Zivilisten eingesetzt. Archivdokumente geben Aus- kunft iiber die Zahl der eingesetzten Kriegsgefangenen, die Organisation ihrer Verwendung und den Umfang ihrer Produktionstatigkeit.2 Sie zei- gen, dass der Einsatz der Kriegsgefangenen sich iiber die Jahre wandelte und dementsprechend drei Zeitabschnitte zu betrachten sind: erstens die Zeit des Wiederaufbaus in den Kriegsjahren, zweitens die Zeit nach dem Krieg bis zum Ende der Repatriierung 1950 und drittens der Zeitraum, der durch den Arbeitseinsatz gerichtlich verurteilter Kriegsverbrecher gepragt war (1950-1955).

Das erste Stalingrader Arbeitslager (Beketowka Nr. 108) entstand im Mai 1943 aus dem zuvor aufgelosten Durchgangs- und Verwaltungslager Nr. 108. Am 1. Juni waren im Lager 1.270 Kriegsgefangene untergebracht. Bereits im Februar 1943 wird in den Dokumenten erstmals der massen- hafte Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen erwahnt: 3.000 ehemalige Sol- daten des Feindes verlegten die Eisenbahnstrecke Panschino-Kalatsch.3 Ebenfalls im Februar 1943 beschloss das Stalingrader Verteidigungs- komitee, Kriegsgefangene beim Wiederaufbau der Produktionshallen des Werkes Nr. 264 einzusetzen. Hier wurden Panzerwannen hergestellt und Panzer repariert. AuBerdem sollten die Kriegsgefangenen nach Leichen deutscher Soldaten und Offiziere suchen und sie aus der Stadt bringen. Kriegsgefangene Ingenieure und Spezialisten entscharften in Spezial- kommandos Minenfelder, Munition und Flugzeugbomben auf dem Terri- torium der Stadt und des Gebiets.

Allerdings waren zunachst nur wenige Kriegsgefangene der deut- schen 6. Armee arbeitsfahig. Zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme be- fanden sie sich in einem sehr schlechten korperlichen Zustand, und die Todesrate war hoch. Die vollig unvorbereiteten sowjetischen Truppen und deren Organisationen im Hinterland konnten die Evakuierung, Auf- nahme und Unterbringung der vielen Kriegsgefangenen nicht bewalti- gen. Das dokumentiert ein Dienstbericht des Stellvertretenden Volks- kommissars des Inneren der UdSSR, Iwan Serow, an Lawrentij Berija vom 30. Dezember 1942. Hier der vollstandige Inhalt:

“Die Verschickung der bei den erfolgreichen Kampfen der Roten Ar­mee an der Siidwestfront, der Stalingrader Front und der Donfront ge- fangengenommenen Soldaten hat mit groBen Problemen zu kampfen. Deshalb ist die Todesrate unter den Kriegsgefangenen sehr hoch. Als Hauptursachen wurden festgestellt:

  1. Vor ihrer Gefangennahme haben die rumanischen und italienischen Kriegsgefangenen sechs bis sieben, ja sogar zehn Tage keine Nahrungs- mittel erhalten. Die Versorgung fur die Front ging vor allem an die deut- schen Einheiten.

  2. Bei der Gefangennahme treiben unsere Truppen die Kriegsgefange­nen 200 bis 300 Kilometer bis zur Eisenbahn. Die Versorgung durch Ein­heiten der Roten Armee im Hinterland ist nicht organisiert worden, und die Kriegsgefangenen erhalten zwei bis drei Tage keine Nahrungsmittel.

  3. Die Sammelpunkte fur Kriegsgefangene und auch die Aufnahme- punkte des NKWD sollen vom Hinterlandstab der Roten Armee mit Le- bensmitteln und Bekleidung fur den Transport in die Lager versorgt wer- den. Das geschieht in Wirklichkeit nicht; in einer Reihe von Fallen wird bei der Abfertigung der Transporte anstelle von Brot Mehl ausgegeben. Geschirr gibt es nicht.

  4. Die von den Stellen des Militartransports der Roten Armee bereit- gestellten Waggons fur den Abtransport der Kriegsgefangenen sind nicht mit Liegen und Ofen ausgestattet. In jeden Waggon werden fiinfzig bis sechzig Menschen verladen. AuBerdem hat ein groBer Teil der Kriegs­gefangenen keine warme Kleidung. Trotz der Anweisungen des Genossen Chruljew verteilen die Dienste der Hinterlandfront und der Armee er- beutetes Eigentum nicht.

Auf dem Weg zu den Aufnahmepunkten werden die Kriegsgefangenen nur von zwei bis drei Soldaten begleitet, deshalb laufen sie in den Orten auseinander.

Und als letzter Punkt. Entgegen der Instruktion iiber die Behandlung der Kriegsgefangenen des Rats der Volkskommissare der UdSSR und der Anweisung der Hauptsanitatsverwaltung der Roten Armee nehmen die Kriegslazarette keine kranken Kriegsgefangenen auf, sondern schicken die Kranken in die Aufnahmelager.

Die oben angefiihrten Umstande fiihren zur physischen Erschopfung der Kriegsgefangenen und zu ihrem Tod, noch bevor sie ins Hinterland verschickt werden oder auf dem Weg dorthin. Auf dem Wege vom Lager- punkt Nr. 55 der Donfront zum Lager Nr. 74 des Gebietes Gorki beispiels- weise starben 800 Kriegsgefangene.

Ich bitte um entsprechende Anweisungen an Genossen Chruljew.” 4

Die niedrigen Lebensmittelrationen der Kriegsgefangenen trugen ebenfalls nicht eben zur Verbesserung ihres korperlichen Zustands bei. Als sich die Verteidigungsschlacht um Stalingrad zuspitzte, gab der NKWD am 25. August 1942 die Direktive Nr. 353 heraus und schaffte die differenzierten Lebensmittelrationen ab. Unabhangig vom Gesundheits- zustand erhielten alle Kriegsgefangenen die gleiche Grundration Lebens- mittel. Lediglich an arbeitende Kriegsgefangene wurden zusatzlich taglich 100 Gramm Graubrot verteilt.5 Die Lebensmittelrationen waren ein- deutig zu niedrig angesetzt. Die Tagesration eines Kriegsgefangenen be- trug 1.750 Kilokalorien (die Ration eines arbeitenden Kriegsgefangenen 1.945 Kilokalorien).6 Die entsprechende Menge an Nahrungsmitteln hat- te nicht einmal ausgereicht, um den Energieverbrauch eines korperlich nicht belasteten Menschen abzudecken. Die Kriegsgefangenen erkrank- ten an Dystrophie und Avitaminose. 70 Prozent aller Krankheitsfalle und 80 Prozent aller Todesfalle waren darauf zuriickzufiihren.7 Infolge der oben genannten Griinde starben von 293.343 Kriegsgefangenen laut Zah- lungen des NKWD 219.644 Menschen oder 74,8 Prozent (Stand vom 1. Juli 1943).

In den Kriegsjahren wurden die Gefangenen nur begrenzt beim Wiederaufbau Stalingrads eingesetzt. In der zerstorten und ausge- pliinderten Stadt war es unmoglich, fur normale Lebensbedingungen und ausreichend Lebensmittelsmittelrationen zu sorgen oder die me- dizinische Versorgung abzusichern. In dieser Zeit war die Arbeit der Kriegsgefangenen schlecht organisiert, die Kommunikation zwischen den Lagerleitungen und den Betrieben funktionierte nicht. Die Lager- verwaltungen waren iiberfordert. Die Kriegsgefangenen arbeiteten in groflen Gruppen von fiinfzig bis hundert Mann, und es war schwierig, die individuelle Arbeitsleistung jedes Einzelnen einzuschatzen. Hinzu kam die Arbeitsunwilligkeit vieler Kriegsgefangener. Das fuhrte dazu, dass 35 Prozent der Gefangenen des Lagers Nr. 108 im Jahr 1943 die Arbeits- norm nicht erfiillten, im Jahr 1944 waren es 44 Prozent.8 Die Gesamtzahl der arbeitenden Kriegsgefangenen blieb lange Zeit gering. Erst im dritten Quartal 1944 stieg ihre Zahl im Lager Nr. 108 auf 2.770 Menschen. Das waren knapp 50 Prozent des Lagerkontingents.9 In der Stadt entstand ein weiteres Lager — das Priwolschskoe Lager Nr. 163 (ab August 1945 unter dem Namen Traktorlager bekannt). Ende September 1944 befanden sich dort 8.000 Gefangene.10

Im November 1944 hielten sich im Gebiet Stalingrad bereits 27.545 Kriegsgefangene auf, davon waren 76,6 Prozent Deutsche, 12,3 Prozent Rumanen, 2,3 Prozent Ungarn und 8,8 Prozent Angehorige anderer Nationalitaten.11 Am 31. Juli 1944 forderte der Stellvertretende Volkskommissar fur Inneres der UdSSR, Sergej Kruglow: “Die von den Verwaltungen durch die Arbeit der Kriegsgefangenen erwirtschafteten Einnahmen miissen die Ausgaben fur deren Unterhaltung vollstandig de- cken.” Die Lagerleiter wurden ffir die Planerfullung personlich in Haftung genommen. Die Zahl der Kriegsgefangenen, die im Lager-Innendienst zum Einsatz kamen, hieB es weiter, musse auf ein Minimum reduziert werden. Nicht weniger als 80 Prozent der arbeitsfahigen Kriegsgefangenen sollten bezahlte Produktionsarbeit fur die Volkswirtschaft des Landes verrich- ten.12 Ab dem Herbst 1944 zeigten sich erste Erfolge. Die Arbeitsorganisa- tion verbesserte sich. Fur alle Arbeiten wurden Arbeitsnormen aufgestellt. In Abhangigkeit von deren Erfiillung erhielten die Kriegsgefangenen dif- ferenzierte Lebensmittelrationen. Kriegsgefangene, die nicht nur in der Produktion, sondern auch intern in der Lagerwirtschaft, in den Garten und in den Werkstatten des Lagers eingesetzt wurden, erhielten eine um 25 Prozent hohere Lebensmittelration. Der Reorganisation folgte eine hohere Rentabilitat der Lager. Bereits im dritten Quartal des Jahres 1944 uberstieg der Wert der von den Kriegsgefangenen verrichteten Arbeit die Summe der Ausgaben fur den Unterhalt des Lagers um 19 Prozent.1 *

Nach dem Ende des GroBen Vaterlandischen Krieges erreichte der Umfang des Einsatzes von Kriegsgefangenen sein groBtes AusmaB. Mog- lich wurde diese Entwicklung durch die zwischen GroBbritannien, der UdSSR, den USA und Frankreich geschlossenen Abkommen liber die Behandlung der fruheren Militarangehorigen des Gegners. Die deutsche Kapitulationserklarung, unterzeichnet am 5. Juni 1945, erklarte de facto alle Angehorigen der Wehrmacht oder der von Deutschland kontrollier- ten Streitkrafte zu Kriegsgefangenen. Millionen gegnerischer Armee- angehoriger gerieten in die Hande der Alliierten.14 Der Beschluss Nr. 8921 “Uber die MaBnahmen zum Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen und zur materiell-technischen Versorgung der Kriegsgefangenenlager” des Staatlichen Verteidigungskomitees (GKO) vom 4. Juni 1945 erteilte den Auftrag, Amtern und Wirtschaftsverwaltungen 2.100.000 Kriegsgefan­gene (die schon eingesetzten Kriegsgefangenen eingeschlossen) fiir den Arbeitseinsatz zur Verfiigung zu stellen. Diese Forderung konkretisier- te der Befehl Nr. 00 698 des GKO vom 15. Juni 1945. Der Befehl legte MaBnahmen zur Verteilung, zur Erhohung der Arbeitsproduktivitat und zum maximalen Einsatz der Kriegsgefangenen in der Volkswirtschaft des Landes fest.15 Die Zahl der Kriegsgefangenen erhohte sich sprung- haft. Auch im Gebiet Stalingrad entstanden neue Produktionslager.16 Die Zahl der Kriegsgefangenen stieg im August 1945 auf 32.671 Menschen.17 Das entsprach einem Anteil von 13 Prozent der Stadtbevolkerung, die 250.000 Einwohner zahlte.

Die zweite Phase des Einsatzes der Kriegsgefangenen beim Wieder- aufbau Stalingrads zeitigte bessere Resultate als die vorangegangene. Die Wirtschaftsverwaltungen der Lager konnten auf die in den letz- ten Kriegsjahren gesammelten Erfahrungen zuriickgreifen. Zur wich- tigsten Arbeitseinheit wurden die jeweils auf bestimmte Arbeiten spezialisierten Brigaden. Die Lebensmittelversorgung besserte sich er- heblich. Die Lagerverwaltungen sorgten fur die Ausbildung von Spezi- alisten und achteten darauf, dass die Kriegsgefangenen entsprechend ihrer Fachkenntnisse und Zivilberufe zum Einsatz kamen. Die Fach- leute wurden in den besten Baracken untergebracht, erhielten bevor- zugt Bettwasche und Decken, gute Schuhe und Kleidung. Sie beka- men einen hoheren Lohn und groBere Lebensmittelrationen. Im Jahr 1945 erzielten die Lager noch bessere Resultate als zuvor. Insgesamt 3,4 Millionen Arbeitstage waren die Kriegsgefangenen in der Produktion beschaftigt. Der Bruttolohn betrug 45,4 Millionen Rubel. 76,5 Prozent der Kriegsgefangenen erfiillten und iibererfiillten die Arbeitsnorm. Im Durchschnitt lag die Produktion bei 105,9 Prozent.18

Im Jahr 1945 belasteten allerdings die Aufwendungen fur den Lager- bau und der schlechte korperliche Zustand der Lagerneuzugange die Produktion. Die Neuankommlinge aus den Frontlagern hatten einen schweren und entbehrungsreichen Weg hinter sich. AuBerdem mussten die Lagerverwaltungen zunachst die Kommunikation und Abstimmung mit den Unternehmen in Gang bringen. Ende 1945 waren diese Probleme im GroBen und Ganzen geregelt. Im Jahr 1946 erhohte sich die Produk- tionssumme der von den Kriegsgefangenen erstellten Giiter auf mehr als 77 Millionen Rubel.19 85 bis 87 Prozent der Arbeiter erfiillten die Arbeits­norm. Im Vergleich zur Kriegszeit stieg die Zahl der Betriebe, in denen Kriegsgefangene beschaftigt waren. Es gab kein groBeres Werk und keine wichtige Bauorganisation, die nicht auf die Arbeit der Kriegsgefangenen angewiesen war.20 Der Anteil Kriegsgefangener an der Belegschaft betrug in vielen Betrieben 10 bis 30 Prozent, in einzelnen Werken sogar bis zu 50 Prozent und mehr.21

In der Nachkriegszeit anderte sich die nationale Zusammensetzung der Stalingrader Kriegsgefangenenlager. Von den 25.222 ehemaligen Soldaten des Gegners waren 72,1 Prozent Deutsche, 16,9 Prozent Os- terreicher und 4,8 Prozent Ungarn.22 Es gab in Stalingrad nicht nur die gewohnlichen Lager. Die Kriegsgefangenen des Sonderarbeitsbataillons (ORB) Nr. 412 beispielsweise unterstanden direkt dem Verteidigungs- ministerium der UdSSR. Das Bataillon kam imjuni 1946 auf dem Bahnhof Kotluban der Stalingrader Eisenbahn an. Es zahlte 505 Kriegsgefangene (475 Deutsche, 30 Osterreicher) aus der Stadt Kowel und existierte bis Ende 1947.23 Neben den Kriegsgefangenen wurden im Stalingrader Pet- row-Werk seit April 1945 auch internierte deutsche Zivilisten zur Arbeit herangezogen. Die Produktionstatigkeit des Lagers Nr. 2021 war jedoch schlecht organisiert. Verantwortlich fur die Versorgung der Bataillone und den Arbeiteinsatz waren diejenigen Volkskommissariate, denen die entsprechenden Einsatzbetriebe unterstellt waren. Sie hatten fur Un- terbringung, medizinische Versorgung, Heizmittel, Nahrungsmittel, Be- kleidung, Bettwasche und Decken sowie fur die Organisation und Be- zahlung der Arbeit, Arbeitsschutz, Arbeitskleidung und Werkzeuge zu sorgen. Die Leitung des Petrow-Werks war nicht in der Lage, normale Lebensbedingungen zu sichern und die medizinische Versorgung zu orga- nisieren. Wahrend des Aufenthalts des Bataillons in Stalingrad verringer- te sich die Zahl der Gefangenen fast um die Halfte. Am 25. August zahlte das Bataillon noch 420 Menschen.24 Insgesamt gehorten dem Bataillon 1.137 Internierte an. Die Halfte von ihnen kam in Stalingrad urns Leben. Am 3. Oktober 1946 lehnte der Leiter der Bau- und Montageverwaltung-1 des Unternehmens Neftemaschstroj den Einsatz der Internierten auf den Baustellen des Werkes ab. Ende 1946, vor der Riickkehr in die Heimat, zahlte das Bataillon nur noch 182 internierte Frauen.25

Wie aus russischen Archivdokumenten hervorgeht, verbesserte die Fiihrung der UdSSR im Zuge des Wiederaufbaus die Lebensbedingun­gen, die Lebensmittelversorgung und die medizinische Versorgung der Kriegsgefangenen, stellten sie doch fur den Aufbau dringend benotigte Arbeitskrafte. Zahlreiche Augenzeugenberichte26 und Archivdokumente27 zeigen, dass die vorgeschriebenen Normen in den Lagern jedoch oft nicht eingehalten wurden. Diebstahl und minderwertiger Ersatz fur die unter- schlagenen Lebensmittel, ein Defizit an Medikamenten, das Fehlen fur die Unterbringung geeigneter Raumlichkeiten und die schwere korperli- che Arbeit fuhrten zur Arbeitsunfahigkeit.

Fur die Kranken mussten die arbeitenden Kriegsgefangenen mit ih- rem Lohn aufkommen. Reichte der Lohn dafiir nicht aus, schoss der Staat zu. Um weniger Mittel fur die Arbeitsunfahigen ausgeben zu miissen und die Todesrate gering zu halten, wurden die arbeitsunfahigen Kriegs­gefangenen in die Heimat repatriiert. Die Zahl der Kriegsgefangenen verringerte sich deshalb standig. 1947 befanden sich in Stalingrad 21.917 Kriegsgefangene, 1948 12.370 Kriegsgefangene. 1949 waren es 8.171.28 Die Verringerung der Zahl der Kriegsgefangenen und neue Arbeitsaufga- ben fuhrten zu einer Reorganisation der fur die Kriegsgefangenen verant- wortlichen Verwaltungen. Im Sommer 1946 wurden die Verwaltungen der Lager Nr. 163 und Nr. 361 aufgelost ebenso wie Teile der Lagerabtei- lungen. Eine Abteilung wurde den Lagerverwaltungen der Lager Nr. 108 und Nr. 362 unterstellt. Im August 1948 wurde das Lager Nr. 108 reorga- nisiert. Es beherbergte 8.000 sonderverwaltete Kriegsgefangene, die beim Bau des Wolga-Don-Kanals eingesetzt wurden. Im Lager wurden Kon- tingente aus Georgien, Aserbaidschan, Armenien, der Tatarischen ASSR, dem Bezirk Krasnodar, der Krim, der Gebiete Kujbitschew, Saratow u. a. untergebracht. Die Repatriierung der Arbeitsunfahigen und die Ver- besserung der Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen hatten groBe Auswirkungen auf die Produktionszahlen. Das Lager Beketowka Nr. 108 erreichte mit 77 bis 86 Prozent des Personalfonds einen maximalen Ein- satz der Kriegsgefangenen in der Produktion. Die Arbeitsproduktivitat betrug 113 bis 130 Prozent, die Arbeitsnorm wurde zu 75 bis 97 Prozent erfullt.29 Die Gruppenabrechnung und Wettbewerbe um das Recht, als erste in die Heimat zuriickkehren zu diirfen, steigerten die Arbeitspro- duktivitat. Die Kriegsgefangenen leisteten nicht nur in groBem Umfang Bau- und Wiederaufbauarbeiten. Sie arbeiteten auch in der Produktion vieler Betriebe, darunter im STS, im “Roten Oktober”, in der metallver- arbeitenden Fabrik (Metis), im Holzverarbeitenden Kombinat, im Gips- werk, auf der Schiffswerft u. a.

Laut unvollstandigen Angaben erbrachten die fiinf Produktionslager 1943 bis 1949 Arbeitsleistungen im Wert von 300 Millionen Rubel.30 Wird beriicksichtigt, dass der Anteil des Lohns am Wert der Arbeiten und der Produktion damals in der Industrie etwa 38,5 Prozent und in der Bau- industrie etwa 28,6 Prozent betrug31, dann entspricht der Wert der von den Kriegsgefangenen verrichteten Arbeit etwa 900 Millionen Rubel.32 Die Kriegsgefangenen in Stalingrad errichteten Betriebe, Wohnhauser, Schulen, Krankenhauser, Hotels, StraBen und andere Objekte. Insgesamt kam der Wert der von den Kriegsgefangenen und Internierten geleisteten Arbeit fur zehn Prozent des wahrend der Schlacht um Stalingrad entstan- denen Schadens auf.

Nicht alle Kriegsgefangenen sahen 1949 ihre Heimat wieder. Auf Be- fehl des MWD der UdSSR vom 14. Oktober entstanden in den Repub- liken, Bezirken und Gebieten Kommissionen, die sich mit den von der Repatriierung ausgeschlossenen Kriegsgefangenen befassten, das belas- tende Material gegen sie sichteten und sie dem Kriegstribunal iiberga- ben.33 Die Kommissionen kamen zu dem Schluss, dass nicht gegen alle re- gistrierten Kriegsgefangenen kompromittierendes Beweismaterial vorlag. Das MWD, das MSB (Ministerium fiir Staatssicherheit) und die Staats- anwaltschaft der UdSSR ignorierten diesen Umstand und verboten Ende November die Repatriierung aller Offiziere, die in der SS, im SD, in der Ge­stapo und in den Strafabteilungen der Polizei gedient hatten, unabhangig davon, ob konkrete Hinweise auf die ihnen zur Last gelegten Verbrechen vorlagen oder nicht.34 Auslandische und russische Forscher sind zu Recht der Ansicht, dass ein Teil der Kriegsgefangenen unrechtmaBig verurteilt wurde.33 Anfang 1950 befanden sich in der UdSSR etwa 31.000 deutsche Kriegsgefangene. Viele von ihnen waren, obwohl entsprechende konkrete Beweise fehlten, nach formellen Kriterien verurteilt worden. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die Fiihrung der UdSSR dem MWD empfahl, nicht mehr als 15.000 Kriegsverbrecher in den Lagern zu behalten.36

Mit dem Abschluss der Repatriierung loste das MWD der UdSSR die Kriegsgefangenlager auf, darunter das Lager Nr. 108. Die gerichtlich verurteilten Kriegsgefangenen und die Internierten wurden in Zentren zusammengelegt. Eines dieser Zentren war Stalingrad. In dem hier ent- standenen operativen Lager Nr. 362 entstanden Mitte der 1950er Jahre vier Abteilung mit insgesamt 5.000 Kriegsgefangenen, die in den GroB- betrieben “Stalingradmetallurgstroj”, “Glawstalingradstroj” und SMU- 53 arbeiteten. Ende September stieg die Zahl der Kriegsgefangenen im Lager Nr. 362 auf 5.635 Menschen.37 Die gerichtlich verurteilten Kriegs­verbrecher waren in Betrieben unterschiedlicher ministerieller Unterstel- lung konzentriert.38

Kriegsverbrecher waren eine neue und besondere Gruppe von Kriegs­gefangenen. Deshalb anderte das Innenministerium der UdSSR (MWD) die gesetzlichen Vorgaben zur Durchfiihrung des Arbeitseinsatzes und des Unterhalts. Die als Verbrecher verurteilten Kriegsgefangenen verrichte- ten fast ausschlieBlich schwere korperliche Arbeit. Das MWD verscharfte die Aufsicht in den Wohnzonen und an den Produktionsobjekten. Alle Gefangenen wurden zur Arbeit eingesetzt. Eine Ausnahme machten le- diglich Kranke und Arbeitsunfahige sowie Gefangene, die zeitweise in den Arrestzellen in Einzelhaft saBen. Selbst die gerichtlich verurteilten Generate und Offiziere mussten arbeiten. Die Gefangenen formierten sich zu Arbeitsbrigaden von nicht weniger als zwanzig Mann. In jeder Brigade bildeten sich Abteilungen von vier bis fiinf Arbeitern mit einem Altesten an der Spitze. Die Altesten waren dem Brigadier unterstellt. Die tagliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden. Die Gefangenen hatten vier Tage im Monat frei, einschlieBlich der Feiertage. Die Arbeitsorte wurden beson- ders scharf bewacht und von der Bevolkerung und anderen Arbeitern vol- lig abgeschirmt. Waren diese Bedingungen nicht erfullt, dann schrieb das MWD vor, die Kriegsgefangenen nicht zur Arbeit zu schicken.39 Fur die Kriegsverbrecher galten die gleichen Arbeitsnormen wie fur die Arbei- ter der entsprechenden Industriezweige. Erfullten die Schwerarbeiter die Norm, dann erhielten sie zur Belohnung 85 Prozent des Lohnanteils, der die 456 Rubel uberstieg, die fur den Unterhalt des Verurteilten gezahlt wurden, jedoch nie mehr als 200 Rubel. Fur alle anderen gait, dass sie zur Belohnung 70 Prozent des Lohnanteils erhielten, der iiber dem Unterhalt lag, jedoch nicht mehr als 150 Rubel/'I

Anfang der 1950er Jahre stieg die Rentabilitat der Kriegsgefangenen- lager. Die Arbeit war bedeutend besser durchorganisiert als in den Jahren zuvor. Die Rentabilitat der Stalingrader Lagerabteilungen betrug 1951 117,7 Prozent.41 Trotzdem hatten die Arbeitsleistungen der Kriegsgefan- genen fur die Entwicklung der Stadtwirtschaft kaum noch Bedeutung, denn ihre Zahl war gering. Auf Befehl des Innenministers der UdSSR, S. N. Kruglow, wurden im Januar 1951 3.000 Kriegsgefangene aus dem Lager Nr. 362 in die Stadt Asbest (Gebiet Swerdiowsk) verlegt, wo sie in der Asbestindustrie arbeiteten. Zwei Lagerabteilungen und die Lager- verwaltung des Lagers Nr. 362 wurden aufgelost. Die iibrigen Abteilungen wurden direkt der Verwaltung fur Kriegsgefangene und Internierte der Verwaltung des Innenministeriums fur das Gebiet Stalingrad unterstellt. Unter den 1953 nach Ostdeutschland repatriierten 5.380 Deutschen wa- ren 1.027 Kriegsgefangene aus den Stalingrader Lagern. Drei Monate spater, im Januar 1954, wurden die letzten Kriegsverbrecher und Inter- nierten in das Gebiet Swerdiowsk und in das Lager Nr. 476 uberfiihrt. Die entsprechende Verwaltung der Innenministeriums im Gebiet Stalingrad wurde liquidiert.

Viele Kriegsgefangene iiberlebten die Stalingrader Lager nicht und kehrten nie nach Hause zuriick. Allein in den Lagern Nr. 108 und Nr. 362 starben in den Jahren 1944 bis 1949 2.122 Menschen.42 Die Verluste 1943, in der Zeit der Schlacht um Stalingrad und kurz danach, gehen in die Zehntausende. Die furchtbaren Zahlen wie auch die gesamte Geschich- te des Aufenthalts der Kriegsgefangenen im Gebiet Stalingrad sind eine Mahnung. Sie warnen vor der Anwendung von Gewalt bei der Losung zwischenstaatlicher Konflikte.

Die Bevolkerung zahlte einen hohen Preis fur die Verbrechen ihrer Re- gierung. Die realen Umstande des Arbeitseinsatzes der in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten sind zudem ein Beleg dafiir, dass unter den Bedingungen globaler Konlikte und knapper Ressourcen weder die Ver- sorgung der eigenen Bevolkerung gewahrleistet werden kann, geschwei- ge denn eine gewissenhafte Einhaltung der Normen des internationalen Kriegsgefangenenrechts. Die Weltgemeinschaft sollte alles dafiir tun, um den Einsatz militarischer Mittel bei Konfliktlosungen zu vermeiden. 1

  1. Vgl. Sidorow S. G. Trud wojennopJennych w SSSR, 1939-1956 gg. Wolgograd, 2001. S. 71-82.

  2. RGWA. F. 47p. Op. 22. D. 1. L. 19, 23.

  3. RGWA. F. Ip. Op. 11a. D. 8. L. 107.

  4. RGWA. F. 47p. Op. 24. D. 1. L. 4.

  5. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 11a. D. 4. L. 136f.

  6. Wojennoplennyje w SSSR. S. 587f.

  7. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 1 la. D. 8. L. 1 lOf.

  8. Vgl. Sidorow S. G. Trud wojennoplennych w SSSR. S. 162.

  9. Wojennoplennyje w SSSR. S. 610-612.

  10. Das Lager Kamyschin des NKWD № 409 existierte nur sehr kurze Zeit, von Oktober 1945 bis Dezember 1945. Die Kriegsgefangenen des Lagers sollten beim Bau und der Aus- besserung von StraBen eingesetzt werden. Spater konzentrierte das NKWD der UdSSR die Kriegsgefangenen fur wichtige StraBenbauprojekte, zu denen die StraBen des Gebiets Stalingrad nicht zahlten. Das Lager № 409 wurde Ende 1945 liquidiert. Die mehr als 1.000 Kriegsgefangenen des Lagers wurden in andere Lager der Bauhauptverwaltung des NKW fiir den Chausseebau iiberfiihrt.

  11. RGWA. F. 47p. Op. 14. D. 19. L. 2.

  12. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 3i. D. 13. L. 53-63.

  13. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 15a. D. 280. L. 38. F. 47p. Op. 22. D. 1.

L. 34.

  1. Vgl. RGWA. F. Ip. Op. 4i. D. 5. L. 270ff.

2' Sehe die statistischen Angaben in: Wojennoplennyje w Stalingrade. S. 399.

  1. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 5i. D. 33. L. 131.

  2. RGWA. F. 47p. Op. 14. D. 42. L. 51.

  3. RGWA. F. 47p. Op. 14. D. 20. L. 155-157.

  4. RGWA. F. Ip. Op. 15a. D. 280. L. 96, 100.

  5. Vgl.: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges / hrsg. E. Maschke. Bd. 2-8. Miinchen, 1965-1974; Erwin P„ Epifanow F. E. Stalins Kriegsgefan- gene: Ihr Schicksal in Erinnerungen und nach russischen Archiven / Ervin Peter; Alexander E. Epifanow. Graz: Stoker, 1997 u.a.

  6. Im RGWA befinden sich zahlreiche Dokumente, die MaBnahmen gegen den Diebstahl von Lebensmitteln sowie gegen andere negative Erscheinungen in den Lagem betreffen, darunter Falle, bei denen Mitarbeiter der Lagerverwaltungen zur Verantwortung gezogen wurden, weil sie gegen die Befehle des MWD der UdSSR uber den Arbeitseinsatz und den Unterhalt der Kriegsgefangenen verstoBen hatten.

  7. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 15a. D. 280. L. 38. F. 47p. Op. 22. D. 1. L. 34.

  8. RGWA. F. 47p. Op. 22. D. 1. L. 34.

  9. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 15a. D. 280. L. 38f. F. 47p. Op. 22. D. 1. L. 34.

  10. Wojennoplennyje w SSSR. S. 720.

  11. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 3i. D. 13. L. 53, 57, 58, 60, 63. Op. 15a. D. 116. L. 39. F. 47p. Op. 22. D. 1. L. 34.

  12. Wojennoplannyje w SSSR. S. 777.

  13. Ebenda. S. 780, 874.

  14. Konasow W. B. Sudby nemezkich w SSSR: diplomatitscheskije, prawowyje i politit- scheskije aspekty problemy: Otscherki i dokumenty. Wologda: Izdatelstwo Wologods- kogo instituta powyschenija kwalifikacii ped. Kadrow, 1996. S. 156-160; Epifanow A. E., Mayer H. Die Tragodie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von 1942 bis 1956 nach russischen Archivunterlagen / A. E. Epifanow, Hein Majer. Osnabriick: Biblio-Verl.,

1996. S. 71-93; Hilger A. Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion 1941-1956: Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerung / Andreas Hilger. Essen: Klartext-Verlag, 2000. S. 283-301 u.a.

  1. GA RF F. 9401. Op. 2 D. 270. L. 2.

  2. RGWA. F. Ip. Op. lOi. D. 6. L. 47, 195.

  3. Fur nahere Angaben siehe die russische Fassung dieses Vortrags sowie RGWA. F. Ip. Op. 4i. D. 5. L. 270-272. Op. 5i. D. 33. L. 131. Op. 12i. D. 2. L. 41-46.

  4. RGWA. F. Ip. Op. 21a. D. 4. L. 231-233; Gosudarstwennyj Achiw Rossijskoj Federazii (GA RF). F. 9401. Op.l. D. 1174. L. 56.

  5. RGWA. F. Ip. D.21.L. 112f.

  6. Wojennoplennyje Stalingrada. S. 1096.

  7. Berechnung des Autors nach: RGWA. F. Ip. Op. 15a. D. 280. L. 35.

DIE ROLLE DES NATIONALKOMITEES “FREIES DEUTSCHLAND” IN DER HISTORISCHEN LEGITIMATION DER DDR

JorgMorre, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlhorst

Die Deutsche Demokratische Republik verstand sich seit ihrer Grundung im Oktober 1949 als erster antifaschistischer Staat auf deut- schem Boden. Zu dieser Selbstwahrnehmung trug wesentlich bei, dass die politisch Fuhrendenden personlich in diesen Kampf gegen den Fa- schismus involviert waren. Dabei lassen sich zwei einander ablosende Legitimationsmuster unterscheiden, die eng mit den Biographien der beiden fur die Dauer des Bestehens der DDR maBgeblichen General- sekretare der SED, Walter Ulbricht und Erich Honecker, verkniipft sind. Ulbricht, der als kommunistischer Reichstagsabgeordneter 1933 vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen musste, verbrach- te den groBten Teil seines politischen Exils in der Sowjetunion, aus dem er bei Kriegsende als “Moskau-Kader” zuruckkehrte und zielstre- big eine sozialistische Gesellschaft aufbaute, die in die Diktatur der DDR mundete. Honecker wurde als kommunistischer Jungfunktio- nar zehn Jahre von den Nationalsozialisten inhaftiert und beteiligte sich nach seiner Befreiung im April 1945 sofort am Aufbau eben je- nes antifaschistisches Staates, den er ab 1971 erst als Partei-, und we- nig spater auch als Regierungschef fast bis zu dessen Ende leitete. Im Mittelpunkt der im folgenden angestellten Betrachtung steht die Be- teiligung deutscher Exilkommunisten, darunter Walter Ulbricht, am Nationalkomitee “Freies Deutschland”, das 1943 in der Sowjetunion als antifaschistische Sammlungsbewegung gegrundet wurde. Daruber liefl sich im Nachkriegsdeutschland, insbesondere in dem sowjetisch besetzten Teil des Landes eine moralische Legitimation fur politisches Handeln ableiten. Allerdings, und das ist die These des folgenden Bei- trages, diente in der DDR die Berufung auf das NKFD ausschliefilich der Legitimation der SED-Diktatur und nicht einer historischen Wurdigung seiner Mitglieder.

Entstehung des Nationalkomitees “Freies Deutschland”

Als sich im Juli 1943 21 kriegsgefangene Wehrmachtsoldaten mit 12 Exilkommunisten unter der Bezeichnung “Nationalkomitee Freies Deutschland” zu einem nationalen Befreiungskomitee zusammenschlos- sen und in ihrem Manifest zum Sturz Hitlers sowie zur sofortigen Be- endigung des Krieges aufforderten, war das in vielerlei Hinsicht eine weltpolitische Sensation. Kommunisten, die vor nationalsozialistischer Verfolgung ins sowjetische Exil geflohen waren, kooperierten mit Solda- ten der faschistischen Wehrmacht. Sie taten das ganz offensichtlich mit sowjetischer Unterstiitzung. Die Zeitungen des Landes berichteten uber das Ereignis, und das Komitee entfaltete bis Kriegsende eine umfangrei- che propagandistische Tatigkeit, die ideell und materiell von der Sowjet- union unterstutzt wurde. Es gab einen Sender “Freies Deutschland”, der auch in Deutschland zu horen war, eine gleichnamige Zeitung, die vor- nehmlich in den Kriegsgefangenenlagern verteilt wurde, und an der Front eine aufwandig betriebene Lautsprecher- und Flugblattpropaganda des Nationalkomitees, deren Logistik von der Roten Armee getragen wurde. Auch wenn am Ende das Nationalkomitee seine Ziele nicht erreichte, die Investition von sowjetischer Seite war enorm.1

Die Entstehung des Nationalkomitees hatte zu groflen Teilen mit “Stalingrad” zu tun. Die vollstandige Niederlage der in Stalingrad einge- kesselten 6. Armee der Wehrmacht fiihrte zum ersten Mai zu einer gro- Beren Anzahl deutscher Kriegsgefangener in sowjetischem Gewahrsam. Darunter waren zahlreiche hohere Offiziere, Generale und Generalfeld- marschall Paulus, der Oberbefehlshaber der 6. Armee. Stalingrad fiihrte bei einigen der kriegsgefangenen Wehrmachtoffizieren zu einem Nach- und teilweisen Umdenken, ohne das ihre spatere Beteiligung am Natio­nalkomitee nicht moglich gewesen ware. Immerhin hatten die Offiziere ihre Soldaten in militarisch aussichtsloser Situation zum Durchhalten gezwungen. Nach der Niederlage suchten einige der unmittelbar Verant- wortlichen nach Grunden, die sie unter anderem in der unnachgiebigen Haltung ihres obersten Kriegsherrn Adolf Hitler sahen, auf den person- lich sie ihren militarischen Eid geschworen hatten. Das damit eingegan- gene Treubiindnis war fur die meisten Offiziere ein groBes Hemmnis, sich von Hitler zu distanzieren, d.h. ihre Loyalitat aufzugeben und ihren Eid zu brechen. Aber manche machten diesen Schritt und schlossen sich dem Nationalkomitee an.2

Die Stalingrader Schlacht war zudem von einer massiven Frontpropa- ganda der Roten Armee unter Einbeziehung deutscher Exilanten beglei- tet worden. Erstmals wurden Deutsche als Propagandisten an die Front geschickt; darunter Kommunisten wie Walter Ulbricht wie auch vorher “antifaschistisch” geschulte Kriegsgefangene. Dabei konnte auf die noch schwachen Anfange der so genannten antifaschistischen Bewegung un­ter den — damals noch wenigen — Kriegsgefangenen in der Sowjetunion

zurtickgegriffen werden. Unter dem Dach der Komintern batten Exil- kommunisten in den Lagern nach kooperationswilligen Kriegsgefan- genen gesucht, die sie ab Mai 1942 in einer eigens dafiir eingerichteten Kriegsgefangenenschule als Propagandisten ausbildeten. Nach dem Krieg weiteten sich diese Anfange zu einem weitverzweigten System von so ge- nannten Antifa-Schulen aus.3 Der Propagandaeinsatz in Stalingrad war der Anfang einer von Deutschen betriebenen, obgleich logistisch immer von der Roten Armee getragenen, Frontpropaganda. Diese Aktivisten der ersten Stunde waren der Kern des ein halbes Jahr spater gegrundeten Na- tionalkomitees.

Das Nationalkomitee ist aber nicht ausschlieBlich ein Produkt, der durch Stalingrad entstandenen Situation. Bereits im Fruhjahr 1942 gab es Uberlegungen, nationale Befreiungskomitees auf sowjetischem Bo- den zuzulassen, die dann wieder fallen gelassen wurden. Die Auflosung der Komintern im Mai 1943 schlieBlich machte politisch den Weg frei fiir scheinbar eigenstandige nationale Befreiungskomitees, die sich auf sowjetischem Boden formieren konnten. Nicht unerheblich wird es zu- dem gewesen sein, dass die Sowjetunion im Sommer 1943 nach wie vor allein den Krieg gegen Deutschland, noch dazu im eigenen Land, fiihren musste, weil die Kriegsverbundeten Grofibritannien und die USA die ge- forderte zweite Front noch nicht eroffnet batten. Mit der Aktivitat des Nationalkomitees verband die Sowjetunion lange Zeit — im Grunde bis Ende 1944 — die Hoffnung, doch noch zu Waffenstillstandsverhandlun- gen mit der Wehrmacht zu kommen oder zumindest durch erfolgreiche Frontpropaganda die deutsche Kampfkraft zu schwachen.4

Auf sowjetisches Betreiben wurde das Nationalkomitee, das bei seiner Grundung im Juli 1943 personell noch auf schwachen Beinen stand, um den Bund Deutscher Offiziere (BDO) erweitert. 95 Wehrmachtoffiziere, in der Mehrzahl Stalingrad-Gefangene, schlossen sich im September

  1. zu einem Offiziersbund zusammen, der dann sogleich mit dem Nationalkomitee fusionierte. Fur die moralische Legitimation gegenuber der Wehrmacht, die ja mit der Propaganda in der Hauptsache erreicht werden sollte, war das unabdingbar, um die Erfolgschancen des Komitees zu wahren. General von Seydlitz, President des Offiziersbundes, wurde zweimal personlich zu Propagandaeinsatzen an die Front gefahren. Und nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944, an dem ja Wehrmacht­offiziere maBgeblich beteiligt waren, schloss sich Generalfeldmarschall Paulus der so genannten Bewegung Freies Deutschland an. Im Dezember

  2. waren es 50 Generate, die aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft ei- nen Aufruf des Nationalkomitees zum Sturz Hitlers und der Beendigung des Krieges unterschrieben.5 Die Hoffnung auf Erfolg waren so gesehen nicht ganz unbegrundet, auch wenn am Ende das NKFD seine Ziele nicht erreichte. Die Wehrmacht kapitulierte erst nach dem Selbstmord Hitlers und im Angesicht einer totalen Niederlage. Zusammen mit ihren Kriegs- verbundeten besetzte die Rote Armee nahezu das komplette deutsche Territorium. Deutschland wurde nach der bedingungslosen Kapitulati- on in Besatzungszonen aufgeteilt, wodurch die politische Entwicklung in Europa bis 1989/90 festgeschrieben wurde.

Moskau-Kader

Ende April 1945 kehrte Walter Ulbricht an der Spitze so genanter Ini- tiativgruppen nach Deutschland zurtick. Das waren in Moskau zusammen- gestellte Gruppen aus Kriegsgefangenen und Exilkommunisten, die der Roten Armee beim Aufbau einer Besatzungsverwaltung helfen sollten. Sie sollten die Verwaltungs- und Infrastruktur des zerstorten Landes wieder in Gang bringen, ohne dabei auf die alten Eliten des NS-Staates zurtick- greifen zu miissen. Die Gruppen hatte keinen politischen Auftrag, aber dadurch dass der Auswahl der Initiativgruppen eine intensive Uberpru- fung und Schulung vorausgegangen war, bestanden sie weitestgehend aus Kommunisten. Hinzu kam, dass die Ziele des Nationalkomitees, das formal noch bis November 1945 existierte, nicht mehr verbreitet werden sollten. Die sowjetischen Vorgaben wurden als “Richtlinien der KPD” ausge- geben, was zusatzlich den Eindruck verstarkte, dass nicht das National- komitee sondern deutsche Exilkommunisten aktiv wiirden.6 Ulbricht, der Anfang Juni 1945 in Moskau Stalin tiber den Erfolg der Initiativgruppen berichtete, liefi keinen Zweifel daran, dass er mit der Ruckkehr von “Mos- kau-Kadern” nach Deutschland die KPD als die bestimmende gesell- schaftliche Kraft im Nachkriegsdeutschland aufbauen wollte.7 Wahrend die Exilkommunisten — zumindest die in Moskau ansassigen ehemaligen Funktionare der Komintern — schnell nach Deutschland zuriickkehrten und in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) Verwaltungsfunktionen iibernahmen, gait das fur die kriegsgefangenen Mitglieder des National­komitees nicht automatisch. Nur wer eine Antifa-Schulung in der Sow- jetunion durchlief oder sich in den Kriegsjahren in der Zusammenarbeit mit der Roten Armee deren Vertrauen erworben hatte, konnte auf baldige Heimkehr rechnen. Aber insbesondere Angehorige des Offiziersbundes, die sich meistens einer Schulung verschlossen, blieben noch mindestens bis 1948 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.8

Exemplarisch lasst sich das an den Lebenswegen von den Generalen von Seydlitz und Paulus ablesen. Seydlitz zog sich 1945 enttauscht ob des Misserfolges des NKFD zuriick und kritisierte offen die sowjetische Deutschlandpolitik. Er wunschte — auch aus familiaren Grunden — in seine Heimatstadt Verden in der britischen Besatzungszone respektive die BRD repatriiert zu werden. Eine Ubersiedlung in die SBZ respek­tive DDR schloss er aus. 1950 verurteilte ihn ein sowjetisches Militar- tribunal als Kriegsverbrecher; 1955 kehrte er als “Spatheimkehrer” nach Westdeutschland zuriick, wo er bis zu seinem Tode zuriickgezogen lebte.9

Paulus weiterer Weg dagegen war anders. Er stellte sich, obgleich er sich immer unpolitisch gab, 1946 als Zeuge der sowjetischen Anklage im Niirn- berger Militartribunal zur Verfugung. Seiner Repatriierung in die DDR 1953 verschloss er sich nicht und verbrachte dort die letzten Jahre seines Lebens geehrt von der SED-Fuhrung und mit Privilegien ausgestattet.10

Einbindung der Aktivisten des Nationalkomitees

In Deutschland angekommen, wurden die ehemaligen Mitglieder des Nationalkomitees bzw. des Offiziersbundes anfangs wenig beachtet. Wer in die Westzonen zuriickkehrte, zog sich ins Privatleben zurtick, zumal im Westen die Mitglieder des Nationalkomitees vorwiegend als “Verrater” wahrgenommen wurden. Dieser Kritik mochte sich keiner aussetzen. In der SBZ/DDR entwickelte sich die gesellschaftliche Wahrnehmung des NKFD anders. Innerhalb der staatlich gelenkten Parteienlandschaft wurde 1948 die Nationaldemokratische Partei Deutschlands gegrundet, die ausdrucklich ein Auffangbecken fur ehemalige NSDAP-Mitglieder, Vertriebene und Wehrmachtoffiziere, darunter eben auch die ehemali­gen Mitglieder des Offiziersbundes, sein sollte. Parteivorsitzender wurde Lothar Bolz, einer der deutschen Exilkommunisten, die aktiv im Natio­nalkomitees mitgearbeitet hatten; Vizevorsitzender Vincenz Miiller, der sich als kriegsgefangener Wehrmachtsgeneral dem Bund Deutscher Offi- ziere angeschlossen hatte. Eine eigenstandige Erwahnung des National­komitees, eine offentliche Wiirdigung seiner Arbeit oder Ehrung seiner Mitglieder aber gab es nicht.

Erst zehn Jahre spater, 1958, wurde auch die Arbeitsgemeinschaft ehe- maliger Offiziere (AeO) gegrundet. Vorsitzender war Otto Korfes, ehe- maliger Wehrmachtgeneral, Stalingradkampfer und Mitbegrunder des Offiziersbundes. Korfes war 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in die SBZ repatriiert worden, arbeitete dort anfangs im Archivwesen und war dann noch einige Jahre aktiver General der Kasernierten Volks- polizei, d. h. dem Vorlaufer der Nationalen Volksarmee der DDR.11 In der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere sammelte er die Mitstreiter aus dem Offiziersbund im NKFD um sich, die sich in die SBZ/DDR hatten repatriieren lassen und schon langere Zeit im Staatsapparat integriert waren. Von der SED bekam die AeO den politischen Auftrag, Einfluss auf ehemalige Wehrmachtoffiziere in der BRD zu nehmen, insbesondere auf diejenigen, die sich der neu geschaffenen Bundeswehr zur Verfugung gestellt hatten. Damit war die Arbeitsgemeinschaft Instrument der SED in der Propaganda gegen die Wiederaufrustung der BRD und ihre Ein­bindung in das transatlantische Militarbundnis NATO.12 Es wurde damit der Versuch unternommen, historische Verdienste im Kampf gegen das NS-Regime fur die Politik der SED im Kalten Krieg nutzbar zu machen.

Nahezu zeitgleich (1957) veroffentlichte Erich Weinert, Exilkom- munist und President des Nationalkomitees, den von ihm bereits nach Kriegsende verfassten Tatigkeitsbericht des NKFD. Kurz darauf folgten Erinnerungsberichte von der Frontpropaganda des NKFD und schlieB- iich 1963 zum 20. Jahrestag der Grundung des Nationalkomitees eine groBe wissenschaftliche Konferenz mit Tagungsband und flankiert von weiteren Publikationen. Allerdings wurde in diesen Veroffentlichungen immer auf die so genannte fuhrende Rolle der KPD verwiesen, d. h. alle Aktivitaten des NKFD wurden so dargestellt, als ob sie immer auf die Initiative der Exilkommunisten zuruckzufiihren gewesen seien.13 Das fiel insofern leicht, als unmittelbar nach Kriegsende nur die kommunistischen Mitglieder des Nationalkomitees bzw. diejenigen, die sich deren Politik beugten, in Deutschland in Erscheinung treten konnten. Die kriegsgefan- genen Mitglieder kam in der Regel ab 1948 aus der Gefangenschaft nach Hause. Und sie mussten sich fur eine der beiden Seiten, d.h. die sowjetisch besetzte oder die Westzonen entscheiden.

Die Parteinahme fur die eine oder andere Seite wurde in den ab den 1960er Jahren in der DDR publizierten Memoiren ehemaliger, kriegs- gefangener Mitglieder des NKFD bzw. des Offiziersbundes haufig als eine Katharsis dargestellt. Die Enttauschung tiber die Niederlage und die Schwere der Gefangenschaft lassen dabei den Autor erkennen, dass er vom Faschismus, von Hitler fehl geleitet worden war. Da ihm aber die Sowjetunion im Kriegsgefangenenlager die Gelegenheit zum Selbststudi- um gab und aufrechte Exilkommunisten in Gesprachen ihn vorsichtig den Weg zur Erkenntnis wiesen, konnte er den verantwortungsvollen Schritt zur Mitarbeit im Nationalkomitee machen, das moralisch selbstverstand- lich von denjenigen gefuhrt wurde, die die Verirrung in den National- sozialismus nicht mitgemacht hatten — den Kommunisten.14

Die Verengung der Wahrnehmung des NKFD auf die Rolle deutscher Exilkommunisten hatte zweifelsohne damit zu tun, dass seine Grundungs- mitglieder Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck die fuhrenden politischen Rollen im gesellschaftlichen Gefuge der SBZ/DDR iibernahmen. Ihre moralische Integritat wurde daruber hergeleitet, dass sie lange gegen den Nationalsozialismus gekampft hatten, und sie sich insofern zu den Siegern dieses Kampfes zahlten, als sie auf Seiten einer der Siegermachte standen. Das aber konnten viele aus dem Exil zuruckgekehrte Deutsche fur sich reklamieren. In der SBZ jedoch entwickelte sich die Gesellschaft weg von einer pluralistischen Offentlichkeit. Ein vorbehaltloses Bekenntnis zur sowjetischen Deutschlandpolitik wahrend und nach dem Krieg war das Entscheidende, um in der SBZ politisch iiberleben zu konnen. Ulbricht setzte das zudem auch innerhalb der SED fur die Durchsetzung seiner Vorstellungen durch. Zum Beispiel verschwanden Anton Ackermann und Rudolf Herrnstadt, beide kommunistische Mitbegriinder des National­komitees, aus ihren einflussreichen politischen Positionen, nachdem sie zu kritisch gegeniiber Ulbricht aufgetreten waren. Kulminationspunkt dieser parteiinternen Auseinandersetzungen war die Legitimationskrise der SED im Juni 1953, als der Volksaufstand in der DDR nur durch das gewaltsame sowjetische Eingreifen niedergeschlagen werden konnte.15

Die Einengung des Widerstandsbegriffes in der SBZ/DDR auf die Politik der KPD-Fiihrung im sowjetischen Exil musste sich in der SBZ/ DDR gegeniiber einem breiten Spektrum des Widerstandes auBerhalb, aber vor allem auch innerhalb der KPD durchsetzen. Schliefilich hatte es zahlreiche Kommunisten gegeben, die in Deutschland gegen den Faschis- mus gekampft und dafiir Verfolgung und Haft hatten erdulden mtissen; von den Toten nicht zu reden. Das war ein langerer Prozess, der 1958 zu einem Endpunkt kam. Angehorige des NKFD erhielten nun den Status von “ Verfolgten des Naziregimes” wie auch das Nationalkomitee insgesamt aufgewertet wurde. Anders als der in Deutschland unter schwierigsten Bedingungen geleistete Widerstandes gait nun nur der im sowjetischen Exil scheinbar gradlinig unter weitsichtiger Fiihrung der Exil-KPD — Walter Ulbricht — geleistete Kampf gegen den Faschismus als iiber jeden Zweifel erhaben. Alle anderen hatten erst den Beweis zu erbringen, dass sie nicht die kommunistische Idee verraten hatten.16

Diese zur Staatsdoktrin erhobene, offizielle Haltung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus anderte sich mit dem Machtwechsel in der DDR von Walter Ulbricht zu Erich Honecker, der im Mai 1971 zum Ers- ten Sekretar der SED gewahlt wurde. Vor dem Hintergrund seiner eige- nen Verfolgungsbiographie betonte Honecker den Widerstand deutscher Kommunisten innerhalb Deutschlands. Die von Ulbricht gepflegte Tra- ditionslinie zum NKFD brach ab. Im September 1971 wurde die Arbeits- gemeinschaft ehemaliger Offiziere aufgelost. Auch wurde der vierzigste Jahrestag der Griindung des Nationalkomitees 1983 auf unmittelbaren Wunsch Honeckers nicht besonders hervorgehoben.17 Aber Honecker en- gagierte sich fur die Schaffung eines “Museums deutscher Antifaschisten” in Krasnogorsk, einem Stadtchen im Moskauer Umland, in dem sich da- mals die Antifa-Schule befand, in der das NKFD aus der Taufe gehoben wurde. Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes bzw. des Sieges iiber den Fa­schismus wurde das Museum eroffnet. Damit war die Verschiebung der Traditionslinie klar. Das von der DDR intendierte Museum griff zwar die Beztige zum eigenen Beitrag des Kampfes gegen den Faschismus auf, stellte sich aber bewusst in die sowjetische Traditionslinie.18 Mit vierzig Jahren Abstand verschwand die Geschichte des Nationalkomitees im Mu­seum.

Wenig spater fand auch in der BRD das Nationalkomitee Aufnahme in die Konzeption der Gedenkstatte Deutscher Widerstand. Mit entspre- chendem zeitlichen Abstand war das Thema, obgleich politisch immer noch umstritten, so historisiert, dass es seinen Platz im Museum bekam.19 Allerdings dauerte es auch eben diese vierzig Jahre, um einzelne Akteure im Nationalkomitee wahrzunehmen, ihren individuellen Motivationen nachzuspuren und sie unabhangig von politischen Grundhaltungen zu wiirdigen. Die pauschale Achtung in der BRD erfolgte sicherlich auch vor dem Hintergrund der skrupellosen Instrumentalisierung des NKFD fur die Legitimation der SED unter Ulbricht. Dabei wurde verkannt, dass diese Geschichtsklitterung sich nicht nur gegen Mitglieder des Offiziers- bundes richtete sondern ebenfalls kommunistische Mitstreiter wie Acker- mann oder Herrnstadt betraf, sobald sie dem politischen Kurs Ulbrichts widersprachen. Insgesamt wurde damit den Mitgliedern des National- komitees lange Zeit eine Wiirdigung ihres Engagements verwehrt. I II

  1. Jens Ebert. “Erziehung vor Stalingrad”. Die Schlacht in der ostdeutschen Mentalitatsge- schichte, in: Peter Jahn (hg.). Stalingrad erinnern. Stalingrad im deutschen und russischen Gedachtnis. Berlin, 2003. S. 17 ff.

  2. Zum 17. Juni allgemein siehe Peter Bruhn. 17. Juni 1953. Bibliographie. Berlin, 2003; auch unter www.ib.hu-berlin.de/bkunst/juni.htm (abgerufen am 15.7.2011).

  3. Olaf Groehler. Verfolgten und Opfergruppen im Spannungsfeldder politischen Auseinan- dersetzungen in der SBZ und in der DDR, in: Jurgen Danyel (hg.). Die geteilte Vergangen- heit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Berlin, 1995. Insbesondere S. 29.

  4. Ebd. S. 174 f.

  5. Sabine Rosemarie Arnold. Das Museum der Deutschen Antifaschisten in Krasnogorsk, in: Das Nationalkomitee. S. 188 ff.

  6. Peter Steinbach, Zwischen Verrat und Widerstand. Der Streit um NKFD und BDO bei der Presentation in der Ausstellung der Gedenkstatte Deutscher Widerstand als geschichts- politisches Symptom, in: Das Nationalkomitee. S. 15 ff.

ROBERT HAVEMANN: EINE BIOGRAFIEIM WIDERSTAND GEGEN ZWEIDIKTATUREN IN DEUTSCHLAND

Manfred Wilke, Institut fur Zeitgeschichte, Munchen

Der 1910 in Munchen geborene Robert Havemann lebte im Wider- stand gegen die zwei unterschiedlichen Diktaturen in Deutschland im 20. Jahrhundert. Er studierte physikalische Chemie und habilitierte sich in diesem Fach 1943 an der Berliner Universitat; im gleichen Jahr ver- urteilte ihn der Volksgerichtshof des Roland Freisler fiir seinen aktiven Widerstand zum Tode. Er tiberlebte im Zuchthaus Brandenburg die Hin- richtungen seiner Freunde. Dort befreite ihn im April 1945 die sowjeti- sche Armee.

Nach 1945 zahlte er zu den Aktivisten beim Aufbau der DDR, war Mit- glied der Volkskammer, der SED, Professor an der Humboldt-Universitat und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Der linientreue Kom- munist wandelte sich nach dem XX. und dem XXII. Parteitag der KPdSU zum Reformkommunisten. Er wollte die Entstalinisierung der DDR 1963/64, wie sie dann 1968 in Prag Josef Smyrkowski und Jiri Pelikan anstrebten. Er forderte die Ruckkehr zur Demokratie im Sozia- lismus, die, wie er glaubte, durch Stalin in den kommunistischen Parteien und in den sozialistischen Staaten beseitigt worden war. Er verlor alle Amter und war bis zu seinem Tod 1982 die international beachtete Stim- me der “anderen DDR” in Staat der SED-Diktatur.

Havemann zahlt zu den Deutschen des vergangenen Jahrhunderts, die sich als Sozialisten den zwei Diktaturen in Deutschland entgegenstellten; damit gehort er zu einer kleinen Minderheit. Historisch gesehen stand er mit seinem Handeln auf der richtigen Seite — das war die der Freiheit. In ihm personifizierte sich die Tragik des deutschen Widerstands gegen Hitler — dieser war viel zu schwach, um die nationalsozialistische Dik- tatur aus eigener Kraft zu sturzen. Die zwei ernsthaften Versuche von Johann-Georg Elser 1939 und Oberst Schenk Graf von Stauffenberg von 1944 den Tyrannen durch ein Attentat zu beseitigen scheiterte. Der 20. Juli 1944 blieb ein Fanal fiir die Existenz des anderen Deutsch­land in der NS-Diktatur zu dem — wenn auch aus ganz anderer Posi­tion kommend — auch Havemann zahlte. Das Deutsche Reich wurde durch die Anti-Hitler-Koalition militarisch besiegt. Es waren vor allem sowjetische, polnische, britische, franzosische und amerikanische Solda- ten, die auch fur die Befreiung Deutschlands von dieser Diktatur starben — das sollte am Ort der Stalingrader Schlacht kein deutscher Wissenschaft- ler vergessen.

Im Unterschied zur von aufien besiegten nationalsozialistischen Dik­tatur wurde die diktatorische Herrschaft der SED durch die erste gelun- gene friedliche Revolution der deutschen Geschichte beendet. Robert Havemann starb 1982. Er gehort zu deren Wegbereitern. Noch vor sei- nem Tod formulierte er die programmatischen Grundforderungen dieser demokratischen Revolution und forderte die Wiederherstellung der Ein- heit Deutschlands.

Dieser Aufsatz konzentriert sich auf die zwei widerstandigen Leben Havemanns: das erste gegen die Hitler-Diktatur im Krieg gerichtet, das andere war die reformkommunistische Wende eines lange linientreuen Stalinisten und dessen offener Streit mit der SED um die Demokratisie- rung der DDR.

Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur

Gegen Hitler

Als Havemann 1929 mit seinem Studium in Miinchen begann, war er ziemlich unpolitisch. Im Lowenbraukeller erlebte er Hitler als Redner und das fiihrte bei ihm zur Ablehnung der Nazis, wegen ihres “Antisemitismus und ihrer reaktionaren Ansichten.”1 Beziehungen zur Linken und zu den Kommunisten entwickelte er erst 1931, als er zum Studium nach Berlin umzog. 1933 wurde er in die illegale Arbeit einer Widerstandsgruppe von “Neu Beginnen”2 integriert und lernte Georg Groscurth kennen.Beide be- trieben ein kleines Laboratorium in einem Berliner Krankenhaus in dem Havemanns seine Forschungen iiber “Hamoglobin und Blut und iiber alle moglichen medizinischen und physiologischen Probleme”3 begann eben- so, wie die Zusammenarbeit mit den Heereswaffenamt. Als die Gestapo die Widerstandsgruppe zu der Havemann gehorte zerschlug.blieb er, “wie durch ein Wunder verschont.”4 Ende der dreiBiger Jahre sammelten Havemann, der Oberarzt Groscurth, der Architekt Herbert Richter- Luckian und der Dentist Paul Rentsch einen Kreis von Personen, die die Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus einte.

Eines der Mitglieder des Kreises, der litauische Sprachwissenschaftler Meir (Miron, Wladimir) Broser ging im Friihjahr 1941 in die sowjetische Botschaft in Berlin, um vor dem bevorstehenden Oberfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zu warnen. Er gab Offizieren im Ober- kommando des Heeres Russisch-Unterricht und hatte dabei von dem ge- planten Angriff erfahren. Brosers Warnung wurde von Chruschtschow in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 als ein Bei- spiel erwahnt, um Stalin anzuklagen, dass er alle Warnungen vor Hitlers Angiffsvorbereitungen ignoriert habe — was viele russische Soldaten und Zivilisten mit ihrem Leben bezahlen mussten.

1943 entstand aus diesem Kreis heraus die Widerstandsgruppe Euro- paische Union, deren geistiger Kopf Havemann war. Die Gruppe leistete vornehmlich humanitaren Widerstand und versteckte von der Deportati­on bedrohte Juden. Sie beschaffte Unterkunfte, zum Teil in ihren eigenen Wohnungen und Grundstiicken, gefalschte Personalpapiere, Kennkarten, Reisebescheinigungen und Lebensmittel.

Daruber hinaus gelang es der Gruppe ab 1942, Kontakte zu illegalen Organisationen auslandischer Fremd- und Zwangsarbeiter sowie Kriegs- gefangener aufzubauen, die sie mit Kurierdiensten in ihre Heimatlander unterstiitzten, vor Razzien in den Lagern warnten, mit Informationen uber den Kriegsverlauf unterrichteten und mit Lebensmitteln und Medi- kamenten versorgten. Der tschechische Chemiker Konstantin Zadkevicz, zu dem Havemanns Kreis Ende 1942 Kontakt bekam, hatte bereits tsche­chische, sowjetische, franzosische und belgische Gruppen miteinander in Verbindunggebracht. Im Friihjahr 1943 kam die ukrainische Lagerarztin Galina Romanowa in Kontakt zu Groscurth.

Die “Europaische Union ”

Wenige Jahre nach dem Krieg beschrieb Robert Havemann Entste- hung und Selbstverstandnis der Europaischen Union: “Die vorlaufig noch sehr tastenden Versuche, eine illegale Organisation zu entwickeln, nah- men im Jahre 1942 konkrete Gestalt an, als es meinem Freund Groscurth gelungen war, zu groBeren Gruppen auslandischer Zwangsarbeiter in Deutschland Beziehungen zu bekommen. Nach zahlreichen Besprechun- gen und Beratungen mit Vertretern organisierter Gruppen von auslandi- schen Arbeitern beschlossen wir die Grundung einer auslandischen Ver- bindungsorganisation und nannten die gesamte Bewegung ,Europaische Union’. Die Gruppe sah ihre Basis in den Massen der auslandischen Ar- beiter und verzichtete von vornherein auf jede breitere Massenpropagan- da in der deutschen Bevolkerung.”5 Der “Volksgerichtshof” begriindete sein Todesurteil vom 16.12.1943 gegen Havemann mit dessen Motivati­on zur Grundung dieser Gruppe. Indirekt kommt hier die Schlacht um Stalingrad zur Sprache. “Er habe besonders seit etwa einemjahrgeglaubt, Deutschland werde den Krieg verlieren; aber befurchtet, daB Deutsch­land dann Schauplatz des Kampfes zwischen den Bolschewisten und den Angelsachsen und von beiden zerrissen werden wtirdej...] Er habe es fur unverantwortlich gehalten, nicht an die Niederlande zu denken und nicht fur den Fall der Niederlage vorzusorgen.”6

Havemann wollte “vorsorgen” fiir den Tag nach Hitler. Die Europa- ische Union sollte Menschen organisieren, die nicht als Anhanger der nationalsozialistischen Partei belastet waren und somit den ktinftigen Siegermachten unbelastet von den Verbrechen der Nazis entgegentreten konnten. Havemann hatte Zeit seines Lebens immer den morgigen Tag im Blick, und darauf grundete er seine politische Einmischung in eigenen Angelegenheiten, ohne die damit verbundenen Risiken zu scheuen.

In Havemanns Erinnerungsbericht beschrieb er auch die konkrete Widerstandstatigkeit der Europaischen Union. Sie half vom Naziregime verfolgten Personen, “so besonders Juden. Wir haben hierbei auch zahl- reiche falsche Ausweise beschafft und zum Teil selbst hergestellt. Die Entwicklung einer ausreichenden Praxis in der Herstellung von gefalsch- ten Ausweispapieren war abgesehen von der Hilfe an Verfolgten, von praktischem Wert fiir die Tatigkeit jeder illegalen Organisation. Zur Be- schaffung von Nahrungsmittel habe ich bei meinen Freunden in Munchen eine ununterbrochene Sammlung von Lebensmittelkarten organisiert, die mir monatlich zugesandt wurden. So war es moglich, einen groBeren Kreis verfolgter Personen mit Lebensmitteln zu versorgen. Leider waren bei dem Auffliegen unserer Gruppe einige solcher untersttitzten Leute mitbetroffen.”7 Der “Volksgerichtshof” hielt in seinem Todesurteil gegen Robert Havemann, Georg Groscurth, Herbert Richter-Luckian und Paul Rentsch diese Solidaritat fiir besonders verwerflich: “Wie schamlos die Gesinnung der vier Angeklagten ist, ergibt sich auch daraus, daB sie gera- dezu systematisch illegal lebende Juden unterstiitzten, ja sogar masteten; aber nicht nur das, sie verschafften ihnen sogar falsche Ausweise, die sie vor der Polizei tarnen sollten, als waren sie nicht Juden sondern Deut­sche.”8

Nach Robert Havemanns eigenen Angaben gehorten zur Europaischen Union etwa 50 bis 60 Deutsche. Die Gesamtzahl der in kleinen Gruppen organisierten Zwangsarbeiter schatzte er auf 20.000 bis 50.000 Mitglieder. Diese Angabe erscheint sehr hoch. Sie kann eine Selbstprojektion sein oder das Potential umschreiben, das von den Mitgliedern der Europaischen Union in den Zwangsarbeitslagern erreicht wurde. Im September 1943 wurde die Europaische Union durch einen Gestapo-Spitzel aufgedeckt, und die Verhaftungen und die Prozesse vor dem “Volksgerichtshof’ be- gannen.9 Der Name der Gruppe war keine AnmaBung, das bestatigen al- lein die Prozesse gegen Mitglieder der Gruppe vor dem“Volksgerichtshof ’ und die von ihm verhangten Todesstrafen. Allgemein bekannt war bisher der ProzeB gegen ihre deutschen Grunder Havemann, Groscurth, Richter- Luckian und Rentsch. Nach 1990 miissen weitere elf Prozesse hinzugeffigt werden. Zu den schon bekannten vier Todesurteilen kommen weitere elf hinzu. Es sind die Tschechen Konstantin Zadkevicz, Paul Hatschek und seine deutsche Ehefrau Elli, geb. Lotz und ihre Tochter Krista Lavicka, der in der franzosischen Emigration lebende geburtige Russe Wladimir Boisselier und der Franzose Jean Cochon, die Ukrainer Nikolai S. Roma­nenko und Galina F. Romanowa und die Deutschen Heinz Schlag, Alex­ander Westermayer und Kurt Muller.10

Die programmatischen Vorstellungen der Gruppe sind in vier Flug- blattern iiberliefert, die hauptsachlich von Robert Havemann verfaBt sind. Aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur er- wartete Havemann vor allem von den nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern und nicht von der deutschen Bevolkerung. Eine fried- liche Nachkriegsgesellschaft war fur ihn nur in einer gesamteuropaischen Dimension denkbar. Diese europaische Programmatik, die den National- staat als Ordnungsprinzip iiberwinden wollte, unterscheidet die Europa­ische Union besonders deutlich von anderen Widerstandsgruppen. Die von Havemann formulierte Vorstellung der Gruppe lief auf ein geeintes, sozialistisches Europa hinaus, in dem die Freiheit des Individuums und soziale Gerechtigkeit gewahrt sein sollten. Diese politische Programma­tik wurde in den Veroffentlichungen in der DDR nur selektiv erwahnt, da sie mit dem in der SED gepflegten ideologischen Leitbild des von der KPD geleiteten antifaschistischen Widerstandes nicht ubereinstimmten.

Die Rettung Havemanns vor der Hinrichtung

Robert Havemann und Heinz Schlag konnten ihre Todesurteile iiber- leben. EinfluBreichen befreundeten Wissenschaftlern von der Berliner Universitat, den Professoren Gunther, Heubner und Dr. Wolfgang Wirth, zugleich Oberstabsarzt im Heereswaffenamt, und Dr. Fritz Bergmann, mit dem Havemann schon vor seiner Verhaftung am Pharmakologischen Institut zusammen gearbeitet hatte, gelang es, fur Havemann einen Hin- richtungsaufschub zu erwirken.11 Der Auftrag aus dem Heereswaffenamt an Havemann war selbst ein Akt des Widerstands seiner Fachkollegen, denn im fiinften Kriegsjahr machten sie sich mit ihrem Eintreten fur ei­nen zum Tode verurteilten Widerstandskampfer selber verdachtig. Have­manns Leben konnte auf diese Weise gerettet werden, das seines Freundes Groscurth nicht. Er starb am 8. Mai 1944 zusammen mit Rentsch und Richter im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil.

Als Chemiker sollte Havemann im Zuchthaus Brandenburg, in ei­ner aus Mitteln des Heereswaffenamtes eingerichteten Laborzelle und in dessen Auftrag, eine Methode zur Bestimmung kleinerer Mengen des Elementes Fluor finden. Der Hintergrund dieser Forschungen war der Entwicklungsstand auf dem Gebiet der chemischen Kampfstoffe. So war in Deutschland ein Nervengift entwickelt worden, “das eine Fluorverbin- dung war.”12 Ein Nachweisverfahren fur sehr geringe Mengen Fluor konn­te fur die Herstellung, die praktische Handhabung und die Entwicklung des Wirkungsmechanismus dieses Giftgases von Bedeutung sein. Es war eine Forschung die im Heereswaffenamt “oberste Prioritat” besaB. Auf- grund dieser als “kriegswichtig” eingestuften Forschung konnte Wirth uberhaupt nur die Aussetzung der Vollstreckung des Todesurteils zu- nachst um ein halbes Jahr erreichen, die dann immer wieder um zwei Mo- nate verlangert wurde; so konnte Havemanns Leben gerettet werden.13

Ubrigens: Keine der kriegsfiihrenden Machte hat im Zweiten Welt- krieg Giftgas auf dem Schlachtfeld eingesetzt, aber sie waren alle auf die- sen Ernstfall vorbereitet.

In der Laborzelle bastelte Robert Havemann aus eingeschmuggelten Bauteilen einen Rundfunkempfanger und vervielfaltigte die Nachrichten iiber den Kriegsverlauf mit der Schreibmaschine. Diese illegale Zeitung machte im Zuchthaus Brandenburg unter den politischen Haftlingen die Runde und war besonders wichtig kurz vor der Befreiung des Zuchthauses durch sowjetische Truppen. Die politischen Gefangenen muBten befurch- ten, beim Riickzug der Wehrmacht von der SS umgebracht zu werden. Auch fur diesen auBersten Fall sorgte Havemann 1945 vor. Er bestellte fur seine Forschungsarbeit Chemikalien, aus denen er zur Verteidigung der Haftlinge Reizstoffschwelkerzen und Sprengstoff herstellte.

Die in der DDR unterdriickte Geschichte der Gruppe

“Europ'aische Union ”

Die Geschichte der Widerstandsgruppe Europaische Union konnte erst nach dem Ende der DDR und der Offnung der Archive der Staats- sicherheit geschrieben werden. 1965 brach die SED mit Havemann, und das MfS bekam den Auftrag, seine politische Biografie als Kampfer gegen den Faschismus zu diskreditieren. Die Akten von Gestapo und Volks- gerichtshof wandelten sich unter der Hand des MfS zu Ermittlungsak- ten.

Der MfS-Vorgang AS 91/67 der HA IX/1114 gehorte zu den zahlrei- chen VerfolgungsmaBnahmen der SED, um Havemann zu isolieren und zum Schweigen zu bringen. Es sollte strafrechtlich und zumindest propa- gandistisch gegen ihn verwendbares Material aus seiner Biographie wah- rend des Nationalsozialismus gesucht oder notfalls mit Zeugenaussagen konstruiert werden, um seine politische und menschliche Glaubwurdig- keit als kommunistischer Kritiker der realsozialistischen Machtausubung der SED zu erschiittern.

Das MfS ermittelte vor allem mit dem Ziel, Beweise und Moglichkei- ten fur eine Strafverfolgung Havemanns zu schaffen; es wollte zweierlei “beweisen”: erstens, daB seine Forschungsarbeit in der Todeszelle objek- tiv Hitlers Krieg unterstiitzt hatte und zweitens, dass er Mitgefangene an die Gestapo verraten habe. Der MfS-Major Erich Kramer kam bei der “strafrechtlichen Einschatzung des H. bezuglich begangener Nazi- und Kriegsverbrechen” vom 7. 8. 1968 zu einem negativen Ergebnis sei­ner Ermittlungen. Wollte man ein Verfahren gegen ihn er offnen, mufite bewiesen werden, daB Havemann “in Kenntnis des Verwendungszweeks seines Forschungsauftrages gehandelt hat”. Negativ ist auch das Resul- tat im Zusammenhang mit den Verhaftungen und Verurteilungen von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Europaische Union. Kramer schrieb: “Um strafrechtliche MaBnahmen gegen H. einleiten zu konnen, ware es erforderlich,... den Nachweis zu erbringen, daB H. die angegebenen Perso- nen denunzierte und aus diesem Grund die Verfolgung und Aburteilung dieser erfolgte.”15 Ein knappes Jahr spater, in einem Bericht der MfS- Hauptabteilung IX vom 25. 6. 1969, stellte Hauptmann Zank fest: “Der Beweis eines derartigen Verrats lafit sich jedoch nicht erbringen.”16

Obwohl die verantwortlichen MfS-Angehorigen immer wieder fest- stellen muBten, daB sich die gewiinschten Beweise weder erbringen noch konstruieren lieBen, weil sie allzuweit von der Wahrheit entfernt waren, wurden solche Ermittlungen und Versuche noch jahrelang fortgefuhrt. Das MfS wertete die Materialien aller in der DDR befindlichen Archi­ve aus, beschaffte die Volksgerichtshofs- und Gestapo-Akten, stellte An- fragen an den sowjetischen und bulgarischen Geheimdienst und befrag- te Zeitzeugen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus, aber auch ehemalige Gestapo-Angehorige. Die Ermittlungen des MfS fiillen 81 Aktenbande mit einem Gesamtumfang von weit tiber 10.000 Blatt. Wahrend dieser Zeit blieben die Akten iiber die Europaische Union fiir die wissenschaftliche Forschung gesperrt.

Demokratisierung des Sozialismusm — Frieden — deutsche Einheit

Die Trias Demokratisierung der DDR, Sorge um den europaischen Frieden und Ruckgewinnung der deutschen Einheit sind die Themen Havemanns in seinem Kampf um die Veranderung des SED-Staates. Es war geistiger Widerstand, was er betrieb. Der Konflikt wurde von Have­mann in aller Offentlichkeit ausgetragen, fiir seine Kritik und Reform- vorstellungen nutzte er die Medien der Bundesrepublik und unterlief die Zensur im SED-Staat.

Entscheidungfiir den Osten

Die deutsche Niederlage in Krieg hatte er vorausgesehen. Nach ihrer Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg empfing Walter Ulbricht in Berlin die politischen Haftlinge. Ulbricht und seine Gruppe deutscher Kommunisten aus dem sowjetischen Exil,halfen im Auftrag der politi­schen Hauptverwaltung der sowjetischen Armee bei der Wiederaufbau der Berliner Stadtverwaltung. Die befreiten Haftlinge wurden nun mit den Realitaten im besetzten Deutschland konfrontiert. “Ulbricht hielt eine Rede, in der er rucksichtslos erklarte, dab die Deutschen ftir ihre Ver- brechen als Volk bestraft werden mussten. Es war unangenehm, das alles von einem deutschen Politiker zu horen.”17

Havemann beteiligte sich aktiv am Wiederaufbau der Berliner Uni- versitat und wurde 1946 als Professor dorthin berufen. 1949 wurde er Mitglied der Volkskammer und 1950 der SED. Er war damals “felsen- fest davon iiberzeugt, dab der Weg, der in der DDR unter der Fuhrung der Sowjetunion und unserer Einheitspartei von Sozialdemokraten und Kommunisten eingeschlagen worden war, der einzig richtige war und dab nicht die Russen und nicht der ‘Osten’, nicht die Kommunisten Deutsch­land gespalten hatten, sondern dafi die Spaltung vom Westen ausging.”18

Bis 1956 war Havemann ein linientreuer Kommunist, der aktiv die Politik der SED zum Aufbau des Sozialismus in der DDR in ihrem Wis- senschaftsbetrieb umsetzte und ihren antifaschistischen Charakter mit seiner Biografie offentlich bezeugte.

Entstalinisierung

Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, in der er einen Teil der Verbrechen Stalins gegenuber der eigenen Partei enthiillte und verurteilte, wurde zu Havemanns Damaskus-Erlebnis. Er wandelte sich zum Reformkommunisten.

Einige kurze Anmerkungen zur Bedeutung dieser Jahrhundertrede fur die weitere Entwicklung in den kommunistischen Parteien und den sozi- alistischen Gesellschaften sind notwendig.

Chruschtschow zog mit seiner Verurteilung Stalins einen Trennungs- strich zum terroristischen Regime seines Vorgangers in der Sowjet­union.19

Stalin fiihrte den Terminus “ Volksfeind” ein; hiersetzte Chruschtschow mit seiner Kritik ein, denn dieses morderische Wort war die Blankovoll- macht zur terroristischen Willkiir. “Dieser Terminus befreite umgehend von der Notwendigkeit, die ideologischen Fehler eines oder mehrerer Menschen, gegen die man polemisiert hatte, nachzuweisen; er erlaubte die Anwendung schrecklichster Repressionen, wider alle Normen der re- volutionaren Gesetzlichkeit, gegen jeden, der in irgendetwas mit Stalin nicht ubereinstimmte, der nur gegnerischer Absichten verdachtig[t], der einfach verleumdet wurde.”20 Dieser willkiirliche Terror, der ohne Vor- warnung jeden treffen konnte, fiihrte zu einem Klima des Misstrauens, des Schweigens und der Vorsicht, das Gesprach und erst recht die Debatten verstummten. Chruschtschow umschrieb diese Folgen mit den Worten: “Dieser Begriff, Volksfeind’ schloss im Grunde genommen schon von sich aus die Moglichkeit irgendeines ideologischen Kampfes oder der Darle- gung der eigenen Ansichten zu dieser oder jener Frage auch praktischen

Inhalts aus.”21 An anderer Stelle nahm Chruschtschow das Thema der Wirkung des Terrors in der Gesellschaft noch einmal auf: “Massenverhaf- tungen und Deportationen vieler tausend Menschen, Vollstreckung ohne Gerichtsurteil und ohne normale Untersuchung riefen einen Zustand der Unsicherheit und der Furcht, sogar der Verzweiflung hervor.”22

Selbst fur die Anwendung der Folter bei den Verhoren machte er Stalin verantwortlich. Dieser hatte 1939 eine Telegramm an die Unter- gliederungen der Partei gerichtet, in dem es hieB: “Das ZK der KPdSU (B.) erklart, dass die Anwendung physischer Einwirkung in der Praxis der NKWD seit 1937 mit Erlaubnis des ZK der KPdSU (B.) zugelassen ist.”23

Fiir Akademiemitglied Andrej Sacharow 1968 war diese Jahrhundert- rede der Beginn “der Reinigung von dem Ubel des Stalinismus” und “wir ‘pressen tropfenweise den Sklaven aus uns heraus’ (wie A. Tschechow ge- sagt hat), lernen es, unsere Meinung zu auBern, ohne der Obrigkeit auf den Mund zu sehen und ohne Angst um unser Leben.”24

Der Sturz ihres Idols und die Verurteilung seiner terroristischen Mit- tel durch die KPdSU loste in der kommunistischen Weltbewegung eine tiefe Glaubenskrise aus. Die KPdSU selbst hatte das Idol Stalin, dem als “Baumeister des Sozialismus” gehuldigt wurde, von Sockel gestoBen, und seine “Baustoffe” Massenrepressalien und Terror verurteilt.

Diese Mittel waren von den Kommunisten gerechtfertigt worden mit ihrem humanen Endziel. Mit der Verurteilung des Terrors hatte Chru­schtschow aber auch in den kommunistischen Parteien, vor allem unter ihren Intellektuellen, Schriftstellern und Kiinstlern, eine neue Diskussion iiber die Dialektik von Ziel und Mitteln beim Aufbau des Sozialismus in Gang gebracht. “Das Ziel diente seinerzeit als moralischer Deckmantel fiir die Anwendung jedes Mittels. Der Verzicht auf die Anwendung solcher Mittel wird Zweifel am Ziel selbst wecken. Milovan Djilas diagnostizierte schon 1957 zutreffend die Folgen von Chruschtschows Schritt: “Sobald Mittel, die einem bestimmten Ziel dienen sollen, sich als schlecht erweisen, wird sich das Ziel als unrealisierbar herausstellen. Denn das Wesentliche in jeder Politik sind in erster Linie die Mittel.”25 Damit war ein zentrales Thema der Reformkommunisten und der Dissidenten in den sozialisti- schen Staaten von der KPdSU selbst gesetzt worden. Das Verhaltnis von Mitteln und Zielen der regierenden Kommunisten wurde zu einem zent- ralen Ausgangspunkt in der Entwicklung innenpolitischer Auseinander- setzungen in den sozialistischen Staaten. Nach dem XX. Parteitag priiften selbstkritisch kommunistische Intellektuelle ihre eigene Glaubigkeit an die Partei. Analog zu Sacharow verband Havemann seine ideologische Selbstbefreiung mit diesem XX. Parteitag.

“Stalin war fiir mich der bedeutendste, damals lebende Marxist. Seine Worte waren unwiderleglich. Ich konnte mich nur bemiihen, ihn zu ver- stehen. Wenn es mir nicht gelang, lag es nicht an Stalin, sondern an mir.... Heute erscheint mir die Geistesverfassung, in der ich mich damals befand, als geradezu lacherlich. Damals war sie das aber keineswegs. Sie war fur ei- nen guten Kommunisten eigentlich selbstverstandlich...., bis im Jahre 1956 der XX. Parteitag der KPdSU kam. Unter den StoBen dieses Erdbebens brach das Bauwerk meines Glaubens zusammen. Was ich heute denke, was ich heute schreibe, das ist Wiederaufbau aus den Trummern.’’26

Sozialismus und Demokratie

Den Bau der Berliner Mauer 1961 verteidigte Havemann noch offent- lich als notwendige Sicherung des Sozialismus in der DDR. 1964 begann er als Naturwissenschaftler den Streit mit den Parteiideologen iiber die Frage, ob der von der Partei vertretene dialektische Materialismus iiber- haupt noch in der Lage ist, die Erkenntnisse der modernen Physik philoso- phisch zu interpretieren. In seiner Vorlesung “Naturwissenschaftliche As- pekte philosophischer Probleme” an der Humboldt-Universitat 1963/64 zeigte er: die Parteiideologen waren nicht nur nicht auf dem letzten Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnisse; er zeigte auch, das der “DIAM AT” iiberholt sei. Er forderte Forschungsfreiheit fur Naturwissenschaftler und offenen unzensierten wissenschaftlichen Meinungsstreit. Die Freiheit zur offenen Debatte begrenzte er nicht allein auf den Wissenschaftsbetrieb, sondern er sah darin ein Gestaltungsprinzip fur den Aufbau des Sozia­lismus in der DDR. Er forderte ihre Demokratisierung: “Was notwendig ist, was zum Sozialismus als Lebensbedingung dazugehort und was in der Periode des Stalinismus verloren gegangen war, das ist die Demokratie. Sozialismus ist ohne Demokratie nicht zu realisieren.”27

In diese Grundsatzdebatte begab sich Havemann unter Berufung auf die Entstalinisierung in der Sowjetunion. “Der XX. und der XXII. Partei­tag der KPdSU waren groBe, entscheidende Schritte auf diesem Wege zur Wiederherstellung der sozialistischen Demokratie.”28 Er veroffentlichte das Manuskript seiner Vorlesungen ohne Druckgenehmigung der DDR in der Bundesrepublik. Die SED-Fiihrung bewertete seine Gedanken als “Revisionismus” und schloss ihn aus der Partei aus und er verlor seine Professur.

Havemann ist ein Beispiel geworden fur die Hoffnung, die die Ent­stalinisierung bei kritischen Kommunisten ausgelost hatte. Die Macht- demonstration des Parteiapparates weckte in ihm seine widerstandige Selbstbehauptung.

Hoffnung setzte er auf den Prager Friihling 1968 im Nachbarland. Dort wagten es Reformkommunisten an der Spitze der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, die stalinistischen Strukturen zu iiberwin- den um Sozialismus und Demokratie miteinander zu verbinden. Die Ab- schaffung der Zensur war eine der ersten MaBnahmen der Fiihrung von Alexander Dubcek. Reformkommunistische Politik dachte die Verande- rungen als Aktion der Partei von oben. Der Botschafter der DDR in Prag, Peter Florin hatte bereits im Marz die Reformen als “Konterrevolution” gebrandmarkt.29 Havemann dagegen sah, dass “zum ersten Mai der Ver- such gemacht [wird], Sozialismus und Demokratie in Obereinstimmung zu bringen. Bisher gab es in sozialistischen Landern wohl verschiedene Ansatze, den Teufelskreis des Stalinismus durch eine schleichende De- mokratisierung zu durchbrechen. Aber das Bleigewicht der Parteiburo- kratie hat die wenigen hoffnungsvollen Versuche stets wieder gelahmt und zum Stillstand gebracht.”30 Mit der Besetzung der Tschechoslowa- kei durch Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 geschah genau dies auch mit diesem Reformversuch. “Die Faust des Stalinismus, der sich international durch die Ausstrahlungen des Prager Friihlings bedroht fiihlte, hatte riicksichtslos zugeschlagen.”31 Trotzdem sah Have­mann in der Niederschlagung des “Prager Friihlings” durch die sowjeti- sche Intervention “eine entscheidende Wende in der Entwicklung der gesamten revolutionaren Bewegung in der Welt, [...] und zwar nicht nur gegen die Sowjetunion, sondern auch in der Sowjetunion.”32 Nun miissen Sozialisten und Kommunisten sagen welche Freiheiten sie auch in den sozialistischen Staaten konkret fordern. Fiir ihn waren es vier Grundfrei- heiten: 1. Freiheit der Rede, 2. Freiheit der Information, 3. Freiheit der Wahl des Arbeitsortes, der Arbeitsplatzes und der Arbeit und 4. Freiheit der Bildung von Vereinigungen, Organisationen und Parteien. In der Sa- che verabschiedete sich Havemann von seinen reformkommunistischen Hoffnungen und betrat programmatisch den Boden der sich formierenden Menschenrechts- und Biirgerrechtsbewegungen in den sozialistischen Staaten. Statt um den verbesserlichen Sozialismus ging es nun um Bur­ger — und Menschenrechte und damit um Demokratisierung der DDR.

Das Programm Demokratischer Reformen in der DDR

Dieser Trend wurde befordert durch die Unterzeichnung der Schluss- akte der Konferenz fiir Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975 in Helsinki. Das Ereignis war eine Zasur der europaischen Nach- kriegsgeschichte. Auch die zwei deutschen Staaten unterschrieben diesen Verhaltenskodex von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen, der Krieg als Mittel der Politik in Europa dauerhaft verhindern sollte. Die Konfrontationen im Systemgegensatz zwischen Ost und West sollten der Kooperation weichen, ohne den Systemgegensatz aufzuheben.

Havemann publizierte 1976 seine Vorschlage zur Demokratisierung der DDR:

Die erste Forderung betraf die fiir die innergesellschaftliche Atmo- sphare so driickende hermetische Abriegelung gegeniiber Westdeutsch- land und West-Berlin: “Schrittweiser Abbau der Mauer; schrittweise Herabsetzung der Altersgrenze fiir Westreisen.”33 Die zweite Forderung schloB an die erste an: “Bildung eines Reisedevisenfonds fiir Auslandsrei- sen der DDR-Biirger, in dem Fond sollten alle Deviseneinnahmen aus dem Zwangsumtausch der Besucher aus der Bundesrepublik, aus West- Berlin und dem kapitalistischen Ausland eingezahlt werden.” 3. “General- amnestie fiir alle politischen Gefangenen einschlieBlich der Grenzver- letzer.”34

4. Die “Aufhebung des verfassungswidrigen Paragraphen 106 des Strafgesetzbuches der DDR tiber die staatsfeindliche Hetze, (...) alle Ur- teile nach Paragraph 106 sind nachtraglich zu kassieren, die Betroffenen miissen entschadigt werden.” Es war die Forderung nach Aufhebung der Zensur und der Herstellung von Meinungsfreiheit in der DDR.

Havemann verlangte 5. die “Wiedereinfiihrung des Streikrechts, das in der ersten Verfassung der DDR noch garantiert war, in der zweiten, jetzt giiltigen, jedoch nicht mehr vorkommt.”

Damit Meinungsfreiheit auch praktiziert werden konnte, forderte er 6. die “Zulassung einer unabhangigen Zeitung, in der an Partei und Re- gierung und alien gesellschaftlichen Erscheinungen Kritik geiibt werden kann.”

Die siebte und achte Forderung bezog sich auf die Demokratisierung des politischen Systems. Er forderte die “Zulassung mehrerer, von der Na- tionalen Front und der SED unabhangiger Bewerber fiir jedes Volkskam- mermandat;” und die “Zulassung wenigstens einer unabhangigen Opposi- tionspartei.” Diese Vorschlage zur Demokratisierung der DDR schlossen mit einer rhetorischen Frage: “Glauben die Anhanger des realen Sozialis- mus wirklich, dass bei Befolgung dieser Vorschlage der Sozialismus in der DDR in Gefahr geriete? Ja, es mag unter ihnen einige Blinde geben, die das meinen.”

Die “Blinden” fiihrten aber die SED und mit der Ausbiirgerung von Biermann und der Vertreibung kritischer Schriftsteller und Kiinstler aus der DDR stellten sie unter Beweis: mit ihnen wiirde es eine Demokratisie­rung ihres Staates nicht geben!

Als dieser Text im Oktober 1976 in der Bundesrepublik erschien, wur- de die Ausbiirgerung seines Freundes, des Liedermachers Wolf Biermann von der SED-Fiihrung vorbereitet und im November durchgefiihrt. Der Schriftsteller Jiirgen Fuchs und andere, die gegen diese Ausbiirgerung protestierten, wurden verhaftet. Havemann forderte in den Medien der Bundesrepublik die Riicknahme dieses Willkiiraktes. Die SED-Fiihrung erwog seine Verhaftung, entschied sich aber angesichts seines Gesund- heitszustandes fiir einen Hausarrest, der auch seine Familie traf und bis zum Mai 1979 dauerte. Seine Stimme sollte verstummen.

Diese Rechnung der SED-Spitze ging nicht auf.

Aus seiner Isolation heraus und trotz Kontaktverbot zu westlichen Journalisten publizierte er 1978 ein Buch in der Bundesrepublik und sag- te gegen das Urteil fast aller DDR- Forscher im Westen den Untergang des SED- Regimes voraus. “Ich denke ja gar nicht daran, die DDR zu ver- lassen, wo man wirklich auf Schritt und Tritt beobachten kann, wie das Regime alien Kredit verliert und schon verloren hat und es eigentlich nur noch weniger auBerer Anlasse und Ereignisse bedarf, um das Politburo zum Teufel zu jagen.”35 Was aber sollte nach dem Zusammenbruch der DDR kommen? Mi der Frage, des Untergangs eines deutschen Staates hatte er sich schon einmal auseinandersetzten miissen und zwarl942. Sei­ne Konsequenz war damals die Griindung der “Europaischefn] Union”. Auf diese offene Frage in Bezug auf die DDR gab seine letzte politische Aktion eine Antwort.

Europaischer Friede und deutsche Einheit

Havemanns letzte Rolle war die des auBenpolitischen Vordenkers der DDR-Opposition und des Entwerfers eines

“Berliner Appells”. Das war seine letzte politische Aktion vor dem Tod im April 1982. Der Appell war zugleich Vermachtnis und Ubergabe der Verantwortung fur die Zukunft an eine neue Generation.

Havemann und Rainer Eppelmann, die Autoren des Appells verban- den die Verhinderung eines auf Europa begrenzten atomaren Krieges mit der Losung der offenen deutschen Frage. Diese Verkniipfung der Frage des Friedens mit der der deutschen Einheit war damals in Deutschland singular. Aus der westdeutschen auBerparlamentarischen Friedensbewe- gung, die gegen den NATO-Doppelbeschluss protestierte, entstand kein vergleichbares Dokument.

Gefordert wurde, Deutschland sollte der Blockkonfrontation ent- zogen werden. Dieses auBenpolitische Ziel, das Havemann formulierte, wurde mit den Bitten um Frieden und eine “Welt ohne Waffen” verbun- den, die Pfarrer Eppelman vertrat. Diese Vision war in der evangelischen Kirche in der DDR sehr popular. Der Appell nahm die Diskussionen in den Friedenskreisen in der DDR auf, und setzte sogleich Aktivitaten frei. Unterschriften wurden fur ihn gesammelt, das Verbot von Kriegsspiel- zeug wurde gefordert und eine Volksabstimmung liber die Abschaffung der Wehrpflicht vorgeschlagen.

Seine politischen Aktionen, um den “Appell” vorzubereiten, begann Havemann mit zwei Briefen, einen an Helmut Schmidt und einen an Leonid I. Breschnew.

Der Bundeskanzler war fur Havemann der geeignete Adressat, wenn es erneut um das Schicksal Deutschlands ging. Allein schon dieser Schritt, sich an den westdeutschen Bundeskanzler zu wenden, wiirde offentlich den Eindruck zerstoren, die Bevolkerung in der DDR stehe geschlossen hinter der Politik der SED-Fuhrung in dem Streit urn die Mittelstre- ckenraketen. Dartiberhinaus bestritt Havemann mit diesem Schritt der SED-Fuhrung ihre Fahigkeit, deutsche Interessen in dieser Auseinander- setzung wahrzunehmen. Dieses Kalkiil unterstrich er in seinem Brief. Er bezog sich auf Kurt Schumacher, der Konrad Adenauer 1951 vorgeworfen hatte, er sei ein “Kanzler der Alliierten”, um Schmidt aufzufordern: “als ein Kanzler der Deutschen”36 zu handeln.

Der Kanzler war der einzige Politiker der beiden deutschen Teilstaa- ten, der geniigend Handlungsfreiheit besaB, anders als die Regierung der DDR. Was er mittlerweile von der Regierung der DDR hielt, hatte er 1979 skandinavischen Zeitungen offen gesagt: “Unsere Regierung ist eine Quisling-Regierung — ich wahle diese Bezeichnung, um zu unterstrei- chen, dass dies nicht ein spezielles deutsches Phanomen ist — eine Regie- rung, die von russischen Gnaden lebt.”37 Er untermauerte dieses Urteil mit seiner Einschatzung iiber die Stimmung der DDR-Bevolkerung: “Aber zwei Dinge sollten unseren Herren im Politburo Stoff zum Nachdenken geben, namlich, dass die Nazis mehr Anhanger hatten — als sie haben und dass heute viel mehr Leute als vor 10 Jahren eine Wiedervereinigung mit Westdeutschland wiinschen — in einem kapitalistischen Staat.”38 Diese Aufierung priifte das MfS unter strafrechtlichen Gesichtspunkten, dieser Priifbericht wird zum AbschluB zitiert.

Havemann bleibt in der Mittelstreckenkontroverse misstrauisch ge- geniiber der Politik der Vereinigten Staaten und auBert sich besorgt ge- geniiber Schmidt, dass die Bundesrepublik, “ die mit weiteren [weitem?] Abstand grofite Militarbasis der USA im Ausland “39 ist. Dieses Urteil gait auch fur das Verhaltnis der Sowjetunion zur DDR, aber diesen Befund formuliert Havemann nur indirekt: “Die beiden deutschen Staaten, jeder Angriffsspitze und Militarbasis einer der beiden Supermachte, werden oh- nehin die ersten Opfer sein, wenn es zu einer militarischen Konfrontation [...] in Europa kommen sollte.”40 Er sah nur einen Weg, um die “todliche Bedrohung von uns abzuwenden: Abriistung, schrittweise Entfernung aller atomaren Waffen vom Territorium der beiden deutschen Staaten, Abzug der auslandischen Besatzungstruppen aus beiden Teilen Deutsch- lands, Entmilitarisierung und Neutralisierung Deutschlands.”41 Die Ver- kniipfung der Losung der offenen deutschen Frage mit dem europaischen Frieden, konnte nach Lage der Dinge nur der Bundeskanzler der Bun­desrepublik als Kanzler der Deutschen auf den Weg bringen. Der Brief erreichte Helmut Schmidt und wurde von ihm beantwortet und im Sep­tember 1981 offentlich bekannt.

Der Zeitpunkt des Briefes war sorgsam gewahlt, denn der sowjetische Parteichef Breschnew wurde im Oktober 1981 zu Gesprachen in Bonn erwartet. Gegeniiber Schmidt sprach Havemann diesen Besuch auch an, um ihn an die sowjetischen Sicherheitsinteressen zu erinnern.

Sein nachster Schritt baute auf diesem Brief an den Bundeskanzler auf. Havemann richtete einen “Offenefn] Brief an den Vorsitzenden des Presidiums des Obersten Sowjets der UdSSR Leonid Breschnew”. Er er- innerte Breschnew an die friiheren sowjetischen Positionen zur Losung der deutschen Frage: “Es gilt insbesondere die beiden Teile Deutschlands der Blockkonfrontation zu entziehen. In diesem Zusammenhang sei da- ran erinnert, dass die Sowjetunion sich bis in die sechziger Jahre immer wieder fur die Entmilitarisierung und Neutralisierung ganz Deutschlands ausgesprochen hat. 36 Jahre nach Ende des Krieges ist es jetzt zur drin- genden Notwendigkeit geworden, die Friedensvertrage zu schlieBen und alle Besatzungstruppen aus beiden Teilen Deutschlands abzuziehen. [...] Wie wir Deutschen unsere nationale Frage dann losen werden, muss man uns schon selbst iiberlassen und niemand sollte sich davor mehr fiirchten, als vor dem Atomkrieg.”42

Der Schritt wurde als gesamtdeutsche Initiative organisiert und diese Initiative sollte eine Briicke zwischen der Friedensbewegung in der Bun- desrepublik und den Friedenskreisen in der DDR schlagen. Der Pfarrer und ehemalige Regierende Biirgermeister von Berlin Heinrich Albertz, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz und der Historiker Peter Brandt, Sohn von Willy Brandt riefen in der Bundesrepublik zu einer Unter- schriftenaktion auf. In der DDR unterschrieben Gerd Poppe und Rainer Eppelmann den Brief. Havemann iibersandte ihn am 5. Oktober an den sowjetischen Botschafter in der DDR Pjotr Abrassimow und bat ihn, den Brief weiterzuleiten. Gleichzeitig kiindigte er ihm eine Pressekonferenz in Bonn an, auf der dieser Brief der Offentlichkeit vorgestellt wiirde43.

Am deutschen Schicksalstag, dem 9. November, bewertete das MfS in einer Expertise 1981 diese beiden Briefe. Zu den Inhalten auBerten sich die Tschekisten nur aus der Perspektive des politischen Strafrechts: “In diesem Offenen Brief (an Schmidt, M. W.) ist bereits teilweise die demagogische Gleichsetzung der Verteidigungspolitik der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten mit der Aufriistung der NATO — insbesondere den USA — enthalten, wie sie besonders in dem am 7.10.1981 veroffentlichten sogenannten Offenen Brief an den Vorsitzen­den des Presidiums des Obersten Sowjets der UdSSR”44 zum Ausdruck gebracht wurde. Strafrechtlich ist das Verhalten von Havemann fur das Untersuchungsorgan MfS klar: die Verbindung mit “den als feindlich ta- tigen Personen “Jiirgen Fuchs und Manfred Wilke” war “ungesetzliche Verbindungsaufnahme“ nach § 219 StGB, und es bestand der Verdacht der “landesverraterischen Nachrichtenubermittlung und der staats- feindlichen Hetze gemaB §§ 98 und 106 StGB.”45 Diese Bewertung von Havemanns Aktivitaten bedeutete in der Konsequenz Verhaftung und Untersuchungshaft. Von diesen MaBnahmen riet das MfS aber aus drei Grunden ab:

  1. seien friihere vergleichbare Straftaten Havemanns nicht geahn- det worden,

  2. miissten die nach Westen iibermittelten Informationen und Positionen Havemanns zum Gegenstand des Verfahrens werden und schlieBlich,

  3. den “Organen”, wie sich das MfS nach seinem sowjetischen Vor- bild gern selbst nannte, lagen die letzten arztlichen Befunde vor. Einen Todkranken konnte man nicht inhaftieren.

Vorgeschlagen wurde, Havemann zu isolieren, um weitere “feindliche Aktivitaten” zu unterbinden.

Dieses Spiel mit dem MfS kannte Havemann schon seit 1965. Diesmal wusste er, ihm blieb nicht mehr viel Zeit. In den beiden offenen Briefen waren grundsatzliche Positionen fur eine Friedensbewegung in der DDR von ihm formuliert worden; nun gait es, eine solche Bewegung in der DDR zu initiieren und ihr eine politische Plattform zu liefern. Der “Berliner Ap- pell” war das Instrument, um dieses Ziel zu erreichen. Havemann dachte in den Realitaten des geteilten Deutschland — um sie zu verandern. Der “Berliner Appell” forderte die Einberufung einer Friedenskonferenz, “auf der die Regierungen der beiden deutschen Staaten mit den Siegermach- ten des Zweiten Weltkrieges die Friedensvertrage abschlieBen und den Abzug der Besatzungstruppen und die Garantie der Nichteinmischung in ihre inneren Angelegenheiten vereinbaren.”46

Die Zeit fur Zwei plus Vier-Verhandlungen zur Losung der deutschen Frage war aber 1982 noch nicht gekommen — sie fanden erst 1990 statt.

Die Rekonstruktion der Entstehung des “Berliner Appells erinnert an Havemanns politische Bedeutung und seinen Beitrag im Kampf um Frieden und Demokratie gegen die SED-Diktatur. Er versetzt uns zu- gleich zuriick in den zweiten kalten Krieg, wie manche Historiker den Zeitabschnitt zwischen 1979 und 1985 nennen. Natiirlich widersprach Havemanns Vorstellung, die Sicherung des europaischen Friedens durch Entmilitarisierung und Neutralisierung Deutschlands zu losen, der Poli- tik aller damaligen Akteure im geteilten Deutschland und den Interessen der Sowjetunion und auch denen der Vereinigten Staaten.

Ein kurzer abschlieBender Blick auf die Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschlusses von 1979 soil diese Feststellung unterstrei- chen. Bundeskanzler Schmidt setzte mit anderen europaischen Politikern den NATO-Doppelbeschluss im Biindnis durch, um der sicherheitspoliti- schen Erpressung Westeuropas durch die sowjetischen SS 20 Mittelstre- ckenraketen-Vorriistung zu begegnen. Der Beschluss bestand aus zwei Teilen, zunachst sollten die USA mit der Sowjetunion iiber den Abbau der SS 20-Raketen verhandeln. Sollten diese Verhandlungen scheitern, wurde die NATO amerikanische Mittelstreckenraketen in Europa statio- nieren — vor allem in der Bundesrepublik.

Die Etablierung einer von den Griinen dominierten auBerparlamen- tarischen Friedensbewegung gegen die NATO-Nachriistung veranderte das Parteienspektrum der Bundesrepublik. Die Griinen etablierten sich in Abgrenzung zur Sicherheitspolitik des SPD-Kanzlers als neue Partei. Dieser Druck auf die SPD kostete den Kanzler in seiner Partei die Unter- stiitzung fur seine Sicherheitspolitik. Dieser Positionswechsel der SPD unter dem Druck der auBerparlamentarischen Aktionen der Friedens­bewegung war ein wesentlicher Faktor fur seinen Sturz 1982.

Die SED tat alles, urn nach sowjetischen Vorgaben die Friedensbewe­gung in der Bundesrepublik durch die westdeutschen Kommunisten zu starken. Das Ziel war eindeutig, es gait ein innenpolitisches Klima zu be- fordern, in dem die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen politisch nicht mehr durchsetzbar war.47

Diese Strategie hatte eine ungeplante Nebenwirkung in der DDR selbst. Die propagandistische Unterstiitzung der westdeutschen Frie­densbewegung durch die Medien der DDR, beforderte das Entstehen von Friedenskreisen in der DDR, denen der “Berliner Appell” eine politische Plattform bieten wollte.

Bundeskanzler Helmut Kohl setzte ab 1982 die Politik seines Vor- gangers im Amt fort. Nach dem Scheitern der sowjetisch-amerikanischen Abriistungsverhandlungen 1983 stimmte der Bundestag der Stationie­rung zu.

Fiir Helmut Kohl ist die Standhaftigkeit der Bundesrepublik im Kon- flikt um die Mittelstreckenraketen eine der wichtigsten Voraussetzungen fur die Riickgewinnung der deutschen Einheit 1990. 1982 gab es zwei deutsche Staaten, und vor der Einheit lag der Sturz der SED-Herrschaft in der DDR. Der “Berliner Appell” beforderte in der DDR das Entstehen einer Friedensbewegung, und mit ihr entstanden informelle Strukturen einer Opposition, die sich 1989 im Herbst politisch organisierte und die SED-Diktatur stiirzen sollte. Die gelungene friedliche Revolution in der DDR war die erste demokratische Revolution in Deutschland und die zweite Voraussetzung fur die Losung der deutschen Frage in Frieden und Freiheit und Havemann gehort unzweifelhaft zu ihnen Wegbereitern. I

  1. Robert Havemann: Lebensbericht 1933-45. Undatiert, zit. nach: Manfred Wilke / Wer­ner Theuer: “Der Beweis eines Verrats lasst sich nicht erbringen”. Robert Havemann und die Widerstandsgruppe Europaische Union, in: Deutschland Archiv, Heft 6/1999, S. 899.

  2. Volksgerichtshof, l.Senat [President des VGH Roland Freisler], Todesurteil gegen Ro­bert Havemann und andere.10.12.1943, in: Andreas W. Mytze (Hrsg.), Robert Havemann 70. Europaische Ideen. Berlin, Heft 48/1980, S. 22.

  3. Robert Havemann: Lebensbericht, S. 901.

  4. Todesurteil gegen Robert Havemann und andere, S. 26.

  5. Zu den einzelnen Prozessen vgl. Simone Hannemann, Robert Havemann und die Wider­standsgruppe “Europaische Union”. Berlin 2001, S. 81-88.

  6. Vgl. zu den Biografien der Mitglieder der Gruppe: Ebenda, S.148-171.

  7. Vgl. Robert Havemann, Fragen, Antworten, Fragen. Aus der Biografie eines deutschen Marxisten. Miinchen 1970, S. 90-91.

  8. Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist, S. 59.

  9. Ebenda.

  10. Die Hauptabteilung IX war das “Untersuchungsorgan" S. NFS und der Teilung war di- rekt dem Minister fur Staatssicherheit unterstellt und zu ihren Aufgaben gehorte es auch, bei Verdacht auf “Nazi- und Kriegsverbrechen" zu ermitteln.

  11. Zit. nach: Manfred Wilke / Werner Theuer: “Der Beweis eines Verrats lasst sich nicht erbringen”, S. 912.

  12. Ebenda, S. 912.

  13. Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist, S. 67.

  14. Ebenda, S. 71-72.

  15. Vgl. Die Geheimrede Chruschtschows. Berlin [Ost] 1990. Erstveroffentlichung in der DDR.

  16. Ebenda, S. 16.

  17. Ebenda, S. 16-17.

  18. Ebenda, S. 18-19.

  19. Ebenda, S. 42.

  20. Andrej D.Sacharow, Memorandum Gedanken iiber Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit. Frankfurt am Main 1968, S. 28f.

  21. Vgl. Milovan Djilas, Die Neue Klasse. Miinchen 1957, S. 220. Das Buch entstand in einem jugoslawischen Gefangnis.

  22. Robert Havemann, “Ja, ich hatte unrecht”. Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde, in: Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist, S. 111-112.

  23. Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma?, Reinbek 1964, S. 155.

  24. A.a.O„ S. 156.

  25. Lutz Priefl, Vaclav Kural, Manfred Wilke, Die SED und der “Prager Friihling" 1968. Ber­lin 1996; Robert Havemann, Fragen, Antworten, Fragen, S. 58-60.

  26. Robert Havemann, Sozialismus und Demokratie, Mai 1968, zit. nach: Lutz Priefl, Vaclav Kural, Manfred Wilke: Die SED und der “Prager Fruhling" 1968. Berlin 1996, S. 139-140.

  27. Robert Havemann, Fragen, Antworten, Fragen, S.256.

  28. Ebenda, S. 253.

  29. Robert Havemann, Volksfront im Westen - Sozialismus im Osten: Ein Widerspruch? in: Derselbe, Berliner Schriften. Miinchen: 1977, S. 161-162, alle weiteren Zitate aus dieser Quelle.

  30. A. a. O., S. 162.

  31. Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist. S. 29. Der Rowohlt-Verlag schlug mir als Herausgeber damals vor, diesen Satz aus dem Manuskript zu streichen, da Havemann in seiner Isolation eine Fehlwahrnehmung der Wirklichkeit der DDR habe und er seinen ver-

standlichen Wunschdenken erlegen sei. Der Satz, der damals eine kiihne Spekulation war, erwies sich 1989 als zutreffende Prognose.

  1. Robert Havemann, Offener Brief an den Bundeskanzler Helmut Schmidt, Manuskript, Robert-Havemann-Archiv Berlin, S. 3.

  2. Strafrechtliche Einschatzung zu von Robert Havemann nach seiner Verurteilung durch das Kreisgericht Fiirstenwalde begangenen Handlungen. Berlin. 9.11.1981, Kopie: BStU, Robert-Havemann-Archiv Berlin, S. 3.

w Ebenda.

w Offener Brief an den Bundeskanzler Helmut Schmidt, Manuskript, Robert-Havemann- Archiv, Berlin, S.l.

1(1 Ebenda.

  1. Ebenda.

  2. Offener Brief an den Vorsitzenden des Presidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, Leonid Breschnew, Manuskript, Robert-Havemann-Archiv Berlin.

  3. Robert Havemann, Brief an Abrassimow, Griinheide, den 5. Oktober 1981, Robert-Have­mann-Archiv Berlin.

  4. Strafrechtliche Einschatzung, a.a.O., S. 11.

  5. A.a.O., S. 12.

  6. Rainer Eppelmann / Robert Havemann: Berliner Appell: Frieden schaffen ohne Waffen, Manuskript, S. 1.

  7. Vgl. Michael Ploetz / Hans-Peter Muller: Ferngelenkte Friedensbewegung. DDR und UdSSR im Kampfgegen den NATO-Doppelbeschluss. Munster 2004.

DIE ERINNERUNGEN EINES STALINGRADER JUNGEN

Tatjana Jewdokimowa, Wolgograder Staatliche PMagogische University

Die Geschichte des GroBen Vaterlandischen Krieges ist ein untrenn- barer Bestandteil des historischen Gedachtnisses unseres Volkes, der Fa- milienerinnerungen, der individuellen Erinnerungen und des nationalen Gedenkens. Hervorzuheben sind die Erinnerungen der Kinder Stalin- grads, die Zeugen der Kampfe urn die Stadt wurden und Schweres durch- gemacht haben.1 Neunzig Lehrer und vierzig Studenten des Wolgograder Padagogischen Instituts nahmen als Soldaten und Offiziere an der Vertei- digung Stalingrads teil. Nur fiinf der Lehrkrafte uberlebten die Schlacht, von den Kindern der Lehrer nur neunzehn. Dieser Aufsatz ist dem Schick- sal eines dieser Kinder gewidmet: Wladislaw Iwanowitsch Mamontow, geboren im Jahr 1936.2

Wladiks Familie wohnte in StraBe Newskaja nicht weit vom Iliodor- Kloster entfernt. Mit Kriegsbeginn ging der Vater, Offizier und Kaval- lerist der Roten Armee, an die Front. Die Mutter arbeitete als Telefo- nistin bei der Eisenbahn. Das zweistockige Haus der Familie hatte einst der UrgroBvater Schmied, Andrej Merkulowitsch Mamontow, errichtet. Eine wichtige Bezugsperson fur den kleinen Wladik war seine GroBmut- ter, eine hervorragende Schneiderin, die auf ihrer “Singer” Frauenkleider nahte.

Die Bombardierungen vom 23. August 1942 hat Wladik nie vergessen konnen. Zu jener Zeit waren in der Stadt 750.000 Menschen3.250.000 Ein- wohner versteckten sich in Graben. Zweihundert Bombenschutzkeller waren hergerichtet worden. Neunzig Prozent der Bebauung bestand aus Holz.

Gegen vier Uhr morgens waren deutsche Flugzeuge zu horen, die Tau- sende von Flugblattern fiber der Stadt verteilten. Darin hieB es, Stalingrad sei vollkommen eingeschlossen und wtirde bald fallen. Die Einwohner sollten sich ergeben und keinen Widerstand leisten. Wladislaw Iwano­witsch erinnerte sich daran, “wie plotzlich mit ohrenbetaubendem Larm Maschinengewehre und Flakgeschutze losgingen. Uber dem Mamajew-

Htigel war das Motorengebrumm der Flugzeuge zu horen. Und wir sahen, wie nicht weit voneinander entfernt und in geringer Hohe ohne Ende schwere deutsche Flugzeuge im Anflug waren ... Ich wurde unter einen schweren, alten Tisch geschoben. Tante und GroBmutter schiitzen mich mit ihrem Korper vor herumfliegenden Splittern. Sie sprachen leise Ge- bete und bekreuzigten sich nach jedem Einschlag... Das grauenvolle Bild, das Heulen der Flugzeuge und Pfeifen der Bomben werde ich nie verges- sen.” Nach der Bombardierung “kamen unter den Trummern des Bom- benkraters, der einst ein Unterstand war, die Leichen unserer Bekannten, von Frauen, Alten und Kindern zum Vorschein. Zwolf Menschen starben durch den gezielten Bombentreffer. Sie waren sofort tot. Von diesem Tag an stand unser Haus leer. Die gesamte Familie zog in einen Unterstand, wo wenigstens eine geringe Chance bestand, eine Bombardierung oder den Beschuss zu iiberleben.” Am Tag des schrecklichsten Bombarde- ments, dem 23. August, starben in drei Stadtbezirken 40.000 Menschen. Die schwersten Angriffe galten an jenem Tag der Stadtverwaltung und der Zivilbevolkerung. Insgesamt 2.000 Bomberfliige absolvierten die Pi- loten des 8. Flugzeuggeschwaders unter dem Kommando von Wolfram von Richthofen. Der Neffe des “Roten Barons” (Manfred von Richthofen) hatte zuvor schon Guernica, Warschau und Sewastopol bombardiert. Die Bomber starteten von einem Flugplatz unweit der Siedlungen Tazinskaja und Morozowskaja im Gebiet Rostow.

In keiner anderen Stadt der UdSSR wurden die Wohngebie- te so massiv bombardiert wie in Stalingrad zwischen dem 23. und dem 29. August 1942 (Auf einen Quadratkilometer Stadtgebiet fielen je- weils 5.000 bis 7.000 groBkalibrige Sprengbomben). 142 Tage dauerten die StraBenkampfe an, die von fast unaufhorlichen Bombardierungen und Artilleriebeschuss begleitet wurden. Die Wolgograder Historike- rin T. A. Pawlowa hat errechnet, dass die Zahl der Bombenopfer im Au­gust 1942 mehr als 50,7 Prozent der infolge des Atombombenabwurfs in Hiroshima zu beklagenden Menschenleben betrug (140.000). Von den 200.000 Einwohnern, die zwischen September 1942 und Februar 1943 unter deutsch-faschistische Besatzung geraten, kamen 104.232 Menschen urns Leben (51,2 %)4.

Als die Deutschen in den von den Mamontows bewohnten Stadtteil eindrangen, “...waren alle in angstlicher Erwartung und in furchtbarer Verfassung. Alle fragten sich besorgt und verzweifelt, was jetzt geschehen und welches Schicksal sie treffen wurde.” Die Erinnerungen des Jungen spiegeln die Elemente der Nazi-Ideologie in den Fragen der Deutschen genau wider: “Sind hier russische Soldaten? Oder Kommissare? Bol- schewiki, Juden?” Oder es hieB “Stalin — kaputt! Stalingrad bald kaputt! Uberall herrscht jetzt die neue Ordnung!” “... An die Hauserwande und Zaune hangten die Deutschen Befehle des Kommandanten ... lange Ver- botslisten, Anweisungen, wie man sich zu verhalten habe ... Allen fiel eine

Bemerkung in den Befehlen auf, die besagte, dass jede Grobheit der deut- schen Soldaten gegenuber den Einwohnern dem Kommandanten gemel- det werden solle. Er wtirde entsprechende MaBnahmen ergreifen.”

Die deutschen Soldaten, die alles in ihre Ranzen steckten, was ihnen gefiel, straften die “neue Ordnung” Lugen. Um ihr Eigentum zu retten, hoben die Einwohner Gruben aus und versteckten darin Kisten mit ihrer Habe. Wladik Mamontow war ein bemerkenswerter Zwischenfall in Erinnerung geblieben. Soldaten fanden eine der Kisten und teilten die gefundenen Sachen unter sich auf. Ein alter Mann beschwerte sich beim Kommandanten dartiber. Der rief den Offizier zu sich und zwang ihn, die Sachen zuruckzugeben. “Der Offizier wandte sich an die Frauen und sprach sie auf Deutsch an”, erinnert sich Wladislaw Iwanowitsch, “kei- ner verstand ihn, bis auf den russisch gesprochenen Satz, es gebe die neue Ordnung. Die Einwohner bedankten sich. Naturlich verlieBen sie sich nicht auf die ,neue Ordnung’. Sie legten die Sachen in die Kiste zuruck und vergruben sie erneut. Am nachsten Tag kamen die Soldaten wieder. Als die Frauen ihnen mit dem Kommandanten drohen wollten, lachten sie und sagten: “Geht, geht ruhig zum Kommandanten. Der hat heute dienst- frei.”

Mamontow Erinnerung halt viele Ereignisse fest, die sich zwischen den Deutschen, der Zivilbevolkerung und den Kindern abspielten, dar- unter den Abriss des Elternhauses durch die deutschen Soldaten. Fur den Bau von Verteidigungsanlagen und Unterstanden nahmen die Deutschen das Haus auseinander. Wladiks Mutter versuchte, die Soldaten aufzuhal- ten und wenigstens die Reste des Erdgeschosses zu retten. Sie brachte ihren Sohn zu den Soldaten und begann auf sie einzureden. Wo solle die Familie mit dem Kleinkind im Winter denn wohnen? Der deutsche Kom- mandeur sagte ihr in schlechtem Russisch, dass die Soldaten nur Befeh- le des Vorgesetzten ausfiihrten. Dann hob er seinen Ranzen auf, offnete ihn und zog ein WeiBbrot heraus, nahm sein Taschenmesser und schnitt genau eine Halfte ab. Die gab er der verzweifelten Mutter und zeigte auf den Jungen: “Kinder, Kinder!”

Ein anderes Mai, als Wladik mit dem Bruder unterwegs war, trafen sie einen essenden Soldaten und baten ihn: “Herr, gib uns Bruto, Herr, gib uns Bruto.”5 Zur Antwort bekamen sie: “Weg, weg, russische Schwein!” Ein Soldat warf ihnen dann aber doch die Reste seines Butterbrots zu. “Lange schmeckte das weiBe, gesauerte Brot mit dem aufgesogenen Fett im Mund nach.” Eine Suppe aus “verbranntem Getreide” war Luxus. In der Besatzungszeit gab es kein Salz. Zwischen den Angriffen lief man zur Schlucht, um Wasser zu holen. Im Winter wurde der Schnee getaut.

Die Situation gestaltete sich noch komplizierter, als die Deportatio- nen begannen. Die Deutschen brachten viele Einwohner tiber Sammel- punkte in Woroponowo und Karpowka in den Ort Belaja Kalitwa. Dort befand sich ein riesiges Durchgangslager fiir die Bevolkerung der besetz- ten Gebiete. Als erstes trieben sie die Kinder fur den Marsch zusammen. Der kleine Wladik hatte Gluck im Ungluck. Ihn rettete eine Lungen- entzundung vor der Verschleppung. Die Verwandten sagten den Solda- ten, er hatte Typhus.

Der Guterzug, mit dem die Stalingrader abtransportiert wurden, hielt plotzlich an einem Kiefernwald bei der Kosakensiedlung Obliwskaja im Gebiet Rostow. Die Wachleute stieBen alle Frauen und Kinder aus dem Zug in den Schnee hinaus. Hier verbrachten sie einen Hungerwinter.

Die Kinder fanden wieder einen Ausweg. Laut den Erinnerungen von Wladislaw Iwanowitsch hielten sie sich dort auf, wo ein deutscher Offizier einquartiert war, und setzten sich neben sein Zimmer. Kam der junge Ad­jutant mit den abgegessenen Tellern heraus, sagten sie ihm leise: “Hans, gib Bruto”. “Anfangs blieb er erstaunt stehen”, erinnerte sich W. I. Mamon- tow, “dann wischte er mit einem Stuck Brot den Teller ab und gab es ihnen. Wir sagten ,danke schon1 und teilten das Stuck zwischen uns auf. Spater warf er uns, ohne zu fragen, mit einem Loffel oder einem Stuck Brot die Essensreste in die hingehaltenen Hande.” War der Offizier auBer Haus, gab er uns auch schon einmal zwei Stuck Brot mit Margarine, hol- te seine Brieftasche heraus, umarmte uns und zeigte uns die Fotos seiner Verwandten: Mutter, Vater, Kinder.”

Das Kindergedachtnis fixierte die unvergessliche Riickkehr in das zer- storte Stalingrad. “Die diistere Trtimmerlandschaft war grausig, beson- ders dort, wo einst die Stein- und Holzhauser der Altstadt standen. Aus den Steinhaufen ragten vereinzelt Kaminreste heraus, Streben oder Wan- de der mehrstockigen Hauser, ohne Zwischendecken, Dacher, Fenster- rahmen ... Der StraBenverlauf war nur an den rechteckigen Umrissen der zerstorten Hauser zu erraten oder an erhalten gebliebenen Wanden, um die herum zerschlagene Ziegelsteine, Putz, verbogene Armaturen, verros- tete Dachreste aufgeschuttet waren oder an denen Warnschilder hingen: ,Achtung Minengefahr!' oder: ,Vermint!‘”

Ein wichtiges Ereignis war fiir den kleinen Wladik der Einzug in das legendare Pawlow-Haus6. Der aus dem Krieg zuruckgekehrte Vater hat­te dort ein Zimmer zugewiesen bekommen. Die Tscherkassowa-Brigade hat das Haus wiederaufgebaut. Die Frontseite wirkte bis zur Verputzung mit Zement zunachst bunt zusammengewurfelt. Sie war mit weiBen und roten Backsteinen gebaut worden, denn die Frauen der Tscherkassowa- Brigade verwendeten Steine, die sie aus den Trummern um das Gebaude herum zusammengesammelt hatten. Wadiks Familie zog 1944 in das Haus ein. Anfang 1945 wurde das schlusselfertige Pawlow-Haus feierlich an die neuen Bewohner iibergeben. Das Femsehen und Reporter waren gekom- men. Wladik Mamontow war auch dabei, aber bei der Aufnahme mit der Filmkamera drangelten ihn die Erwachsenen in die zweite Reihe.

Die Kinder verwandelten die “Steinwiiste” um das Pawlow-Haus in einen groBen Abenteuerspielplatz. “Wir stiegen auf den Betonrohren herum und kletterten auf die Spitze der Gerhardt-Mtihle, wir kraxelten auf Mauerresten von einer Ecke des Hauses zur anderen, klammerten uns mit den Fingern an den Ausbuchtungen oder in Ritzen fest. Unter uns die dunkle Kellergrube. Das war fur uns Jungs der Gipfel der Kiihnheit”, erinnerte sich spater Wladislaw Iwanowitsch.

Nach der Schlacht von Stalingrad, als sich in der Stadt die deutschen Kriegsgefangenen befanden, anderte sich die Einstellung gegentiber den Deutschen. Anfangs fiirchteten sich alle vor ihnen. Die Furcht wurde schnell von einer herablassenden Akzeptanz abgelost. Man machte Witze tiber sie, beschimpfte sie. Spater erweckten die Gefangenen Mitleid. Etwas nordlich von der Gerhardt-Mtihle, am Uferabhang zur Wolga, befand sich ein Kriegsgefangenenlager. Durch den Zaun des Lagers sah Mamontow Flachbaracken, einen Platz mit Verwaltungsgebauden, und dann auch die Lagergefangenen selbst. Die neugierigen Kinder beobachteten, wie sich die Deutschen in Begleitung der Rotarmisten taglich auf den Weg zur Arbeit machten. Sie sammelten aus Steinhaufen die verwendbaren Back- steine heraus und schichteten sie sauberlich in Pyramiden auf. Die Steine wurden auf einen LKW geladen und zum Bau abtransportiert. AuBerdem mussten die Deutschen Hausreste einreiBen. Dann hockten sie in den zu- sammengesttirzten Mauerresten und schlugen den Putz von den Steinen.

“Ich kam an ihnen (den Kriegsgefangenen, Anm. T. E.) vorbei, wenn ich mit meinen kleinen Eimer Wasser vom Hydranten holte, der sich di- rekt auf der StraBe befand”, erzahlte Wladislaw Iwanowitsch. “Manchmal baten sie mich um Wasser.... Ab und zu gingen sie zu den Kindern, stri- chen ihnen tiber den Kopf, neckten sie. Scheinbar hatten sie Sehnsucht nach ihren Familien. Manchmal kramte einer die Fotografien seiner Ver- wandten und Kinder im fernen Deutschland hervor.”

Die neugierigen Kinder, die sich immer an den Brennpunkten der Er- eignisse einfanden, waren nattirlich standige Zuschauer, als in den StraBen der zerstorten Stadt der Kinofilm “Die Schlacht um Stalingrad” (Regis- seur: N. E. Wirt) gedreht wurde.7 Auch eine Gruppe von Deutschen be- obachtete die Aufnahmen. Sie waren nicht weit entfernt mit der Bearbei- tung von Steinen beschaftigt. Auf der Sowjetskaja-Strasse befand sich wie erwahnt der einzige Hydrant, der die umliegenden Stadtteile versorgte. Hier wuschen sich die Deutschen und ftillten ihre Wasserflaschen. “Und hierher kam nach einer Filmaufnahme auch eine aufgeregte, laute Schau- spielertruppe, um Wasser zu trinken und eine Zigarettenpause zu ma- chen. Die deutschen Kriegsgefangenen trafen auf die Pseudo-Deutschen (die als deutsche Soldaten verkleideten sowjetischen Schauspieler, T. E.). Die Schauspieler machten Witze tiber die Deutschen. Plotzlich lief ein Deutscher auf einen jungen Schauspieler in Offiziersuniform zu. Er zeigte mit dem Finger auf die Abzeichen, Aufnaher und Orden, redete auf ihn ein, gestikulierte. Offensichtlich hatten unsere Kosttimschneider es zu einigen Ungenauigkeiten kommen lassen. Der Schauspieler antwortete dem Deutschen: “Fritz, was verstehst du schon davon!” — und bot ihm lachend eine Zigarette an.

Die Kinderjahre der Kriegszeit hinterlieBen bleibende Spuren. Im Al­ter von sieben Jahren nahm Mamontow erstmals an einem Konzert fur Kriegsversehrte teil. Anfang der 1960er Jahre spielte er sogar in einem Film des Wolgograder Fernsehens einen deutschen Offizier. Die Vorlage fur den gleichnamigen Film lieferte Aleksej Arbusows Stuck “Die Nacht vor der Unsterblichkeit”. AuBerdem sollte er in dem Film “Die barfuBige Garnison” einen Deutschen spielen. Aber er war zu jener Zeit auf einer archaologischen Expedition und schlug das Engagement aus.

Mamontow ist heute Professor am Lehrstuhl fur russische Geschich- te der Wolgograder Padagogischen Universitat. 1963 organisierte er den Archaologie-Jugendklub “Legenda”. 2.000Jungen und Madchen sind bzw. waren Mitglieder des Klubs. Im Jahr 1964 erhielt Mamontow erstmals die Erlaubnis, im Wolgograder Gebiet Ausgrabungen durchfiihren zu durfen. Viele seiner Jugendlichen beteiligten sich spater an der Tatigkeit des Wolgograder Suchdienstes “Poisk”. Die Organisation entdeckte in den Jahren 1993 bis 2008 auf dem Gelande, auf dem die Schlacht einst tobte, die Leichen von etwa 20.000 gefallenen Verteidigern von Stalingrad. Das Fernsehteam des “Wolgograd-TRW” von Ljudmila Gawriljuk drehte da- raufhin den Dokumentarfilm “Wer das Schwert gegen uns zieht... “ Der Hauptdarsteller im Film ist der Urenkel von Bismarck, der deutsche Graf Heinrich von Einsiedel, dessen Flugzeug am 28. August 1942 fiber dem Flugplatz Beketowka abgeschossen wurde. W. I. Mamontow traf sich mit ihm und gab ihm zu bedenken: “Sie werden hier kaum herzliche Worte zu horen bekommen, solange die Verteidiger der Stadt, die Kinder von Stalingrad, die das Grauen der Bombardierungen, Hunger und Kalte er- lebt haben, noch am Leben sind. Erst mit unseren eigenen Kindern wird sich das andern.”

Wladislaw Mamontows Erinnerungen stehen stellvertretend fin- die Erfahrungen und Werte einer gesamten Gesellschaft, die eine sehr schwere Zeit durchgemacht hat. Dank seines Berichts konnen Leser und Forscher historische Ereignisse sehr personlich wahrnehmen. Um sich zu retten, folgt der Mensch in Extremsituationen in der Regel dem Selbsterhaltungstrieb und verhalt sich wie ein biologisches Wesen. Die Geschichten der Uberlebenden von Stalingrad hingegen geben ein Bei- spiel fiir Werte wie Solidaritat, Geduld, Kollektivgeist, Humor, Mitleid, ruhrende Besorgnis und Freundschaft. Sie symbolisieren Willensstarke und die Kraft der Wahrheit.

Die individuelle Erinnerung wird “zu einem Teil der durch Kommu- nikation hergestellten kollektiven Erinnerung”8. Es ist dringend geboten, sich der Aufzeichnung und Bewahrung der Kriegserinnerungen der Kin-

der von Stalingrad zu widmen, solange diese noch in der Lage sind, ihre Erinnerungen mitzuteilen. I

DAS HISTORISCHE GEDACHTNIS DES GROBEN VATERLANDISCHEN KRIEGES UND SEINE GEDENKORTE

Tatjana Timofejewa, Moskauer Staatliche Lomonossow-Universitat

Der in der deutschen Geschichtswissenschaft und der politischen Bil- dung durchgangig verwendete Begriff der Erinnerungskultur (“kultura pamjati”) hat im russischen wissenschaftlichen Diskurs kein Gegenstiick. Einen adaquaten, jedoch nicht vollkommen identischen Ersatz bietet der russischer Begriff “historisches Gedachtnis” (istoritscheskaja pamjat). Damit ist das mehr oder weniger fokussierte historische Bewusstsein eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen gemeint. Der Be­griff spiegelt die besondere Bedeutung und die Aktualitat historischer Informationen in Bezug auf die Gegenwart und die Zukunft wider. Das historische Gedachtnis ist nicht identisch mit personlichen Erinnerungen an einzelne Ereignisse, sondern umfasst den gesamten Prozess der Orga­nisation, Bewahrung und Rekonstruktion der kollektiven Erfahrung und zwar mit Riicksicht auf die funktionale Steuerung von Erinnerung und die Legitimierung von Politik.

In Russland ist das historische Gedachtnis haufig ubermaBig politi- siert und selektiv, es legt den Akzent auf bestimmte historische Ereignisse, wahrend andere ignoriert werden. Doch kann das historische Gedachtnis nicht nur einseitig funktional konzipiert werden. Es hat die erstaunliche Eigenschaft, die wichtigsten historischen Ereignisse der Vergangenheit im Bewusstsein der Menschen festzuhalten, selbst mittels Mythologi- sierung, Legendenbildung, Marchen und Sagen. Eine Besonderheit des historischen Gedachtnisses ist die Uberbewertung bestimmter Ereignisse der Vergangenheit. Deshalb beschreibt es weniger die Vergangenheit, als vielmehr deren Bewertung, indirekte Vermittlung und Wahrnehmung.

Wie Umfragen des Zentrums zur Untersuchung der offentlichen Mei- nung (WZIOM) zeigen, ist der GroBe Vaterlandische Krieg (der Zweite Weltkrieg) fur die russische Bevolkerung das zentrale historische Ereig- nis in der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 70 Prozent der vom WZIOM Befragten schlieBen sich dieser Bewertung des Krieges an. Wa- rum vermag kein anderes Ereignis, eventuell jiingeren Datums und “neu- traler”, d.h. weniger tragisch, im Bewusstsein der Menschen den Platz des Waffengangs in den 1940er Jahren einzunehmen?1

Darauf gibt es mehrere Antworten. Erstens hat der GroBe Vaterlan- dische Krieg in jeder Familiengeschichte Spuren hinterlassen und sich auf die wesentlichsten und intimsten Lebensbereiche der Menschen aus- gewirkt. Zweitens bestimmte der Krieg nicht nur die Zukunft unseres Landes, er veranderte die gesamte Welt. Dieser Umstand wird ebenso be- wusst wie intuitiv akzeptiert und wahrgenommen. Drittens sind der Gro­Be Vaterlandische Krieg und der Sieg fur das ganze Volk, alle Schichten und Bevolkerungsgruppen zu einem Symbol geworden, zu einem Element positiver kollektiver Identitat. Angesichts der komplexen und uneindeu- tigen Prozesse der letzten Jahrzehnte und der Suche nach einer neuen na- tionalen Idee ist der GroBe Vaterlandische Krieg eines der historischen Ereignisse, die es den modernen Russen erlauben, sich einem Volk zuge- horig zu fiihlen, das Taten von Weltbedeutung zu vollbringen vermag. Im Bewusstsein der Russen ist das Ereignis ein kollektiver Akt und zugleich eine GroBtat fur die gesamte Menschheit. Diese Bedeutung hat einen kaum zu iiberschatzenden Einfluss auf das nationale Empfinden.

Das “Kriegsbewusstsein” beherrschen der allgemeine und gerechte Stolz auf den militarischen Sieg, der Patriotismus sowie das frenetische Heldentum der Kriegsjahre und des begeisterten Wiederaufbaus der Nachkriegszeit. Nach den ideologischen Briichen und Metamorphosen der letzten Jahrzehnte ist eine positive Legitimation fur den russischen Staat und die russische Politik von besonderer Bedeutung, deshalb ist es naheliegend, dass man sich der positiven sozialen Erfahrung zuwen- det. Russland hat zu keinem Zeitpunkt das ererbte Image der UdSSR als “Land der Sieger, das die Menschheit vor dem Faschismus gerettet hat”, abgelehnt. Das historische Gedachtnis hat die Erinnerung an den GroBen Vaterlandischen Krieg als eines der “eindeutigen” historischen Motive fast unverandert aus dem sowjetischen offentlichen Diskurs ubernommen. Sie nimmt heutzutage einen zentralen Platz in der Geschichtsdarstellung des 20. Jahrhunderts ein. Zudem fallt auf, dass der Krieg, der in der Re­gel mit den Jahresdaten 1941-1945, nicht 1939-1945, bezeichnet wird, in der sowjetischen und postsowjetischen Kultur sowie im gesellschaftli- chen Bewusstsein sehr selten als Weltkrieg figuriert. Im Bewusstsein der Russen gehort der Krieg in erster Linie zur russischen Geschichte.2 Die Heldentat und die Opfer des sowjetischen Volkes gelten in diesem Be­wusstsein im Vergleich zu den Leistungen der anderen Staaten der Anti- Hitler-Koalition als einzigartig.

In den letzten Jahren wird der GroBe Vaterlandische Krieg in den Kontext weltweiter Kriegserfahrungen eingebettet. Deshalb gewinnen die Kategorien der “GroBe” und der Einzigartigkeit des russischen Bei- trags argumentativ an Bedeutung. “Dieser furchtbarste aller Kriege des 20. Jahrhunderts wird in vielen postsowjetischen Staaten lediglich mit dem Begriff Zweiter Weltkrieg beschrieben.... Fur uns wird er immer der GroBe Vaterlandische bleiben.”3 Dieses Zitat aus einer russischen Tages- zeitung verdeutlicht nicht nur die Funktion der “GroBe”, sondern aufier- dem, warum das Bild des siegreichen Krieges von der alteren Generation in einem Atemzug mit dem Trauma des Zerfalls der Sowjetunion genannt wird und weshalb das Ende des sowjetischen Imperiums in den Kontext der sowjetischen militarischen Heldentaten gerat: “In den 1990er Jahren verloren wir das Land, fur das wir in den 1940er Jahren unser Leben lie- Ben.” Daher riihrt auch das politische Engagement der Veteranenbewe- gung und ihre scharfe Kritik an einem Staat und einer Gesellschaft, die den Kriegsteilnehmern und der Heldengeneration zu wenig Aufmerksam- keit zuteil werden lassen. So ist die sowjetische Militargeschichte dank staatlicher Bemiihungen und dem Engagement der Bevolkerung auch 60 Jahre nach dem Sieg weiterhin aktuell. Sie dient als Orientierung und letzter unumstrittener Stiitzpfeiler des nationalen Bewusstseins.

Die Erinnerung an den GroBen Vaterlandischen Krieg und den Sieg iiber den Faschismus ist ein strukturbildendes Element der Geisteshal- tung des Volks. Sie vereint und mobilisiert das Volk, um die vorhande- nen Missstande zu uberwinden und die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen zu meistern. Das heutige Lebensniveau erscheint im Vergleich zur Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre als posi­tives Resultat fortgesetzter und angestrengter Arbeit. Mangel und Miss­stande wirken angesichts dieser Erfolge unbedeutend und konnen in glei- cher Weise durch Einschrankung und Arbeit uberwunden werden. Das historische Gedachtnis ist ein bestimmendes Element der patriotischen Erziehung, der Herausbildung und Festigung des Verteidigungsbewusst- seins. Letzterem wird in Russland in den letzten Jahren groBe Bedeutung beigemessen. Der Staat ist um die Konstruktion einer Kontinuitat his- torischer und aktueller aufienpolitischer Erfolge bemiiht, einschliefilich des russisch-georgischen militarischen Konflikts im August 2008 und der Versuche, Russlands Position in der Welt zu starken. Ein nicht unbedeu- tender Teil der Bevolkerung fasst diese Entwicklungen als positives Sig­nal auf. Sie dienen demnach der Wiederherstellung der einstigen “Macht und GroBe” Russlands, das durch den Zerfall der UdSSR 1991geschwacht worden ist und seinen Status als Supermacht verloren hat.

In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen und Tendenzen zu ver- zeichnen. Fur Teile der Bevolkerung und vor allem fur die Jugend ist der GroBe Vaterlandische Krieg nicht mehr das zentrale historische Ereignis. Die Erinnerung an den Krieg verblasst fortwahrend; sie wird immer we- niger “lebendig”, in dem Mafie, in dem die Kriegsjahre sich weiter von der Gegenwart wegentfernen. Zeitgenossen der Ereignisse, die ihre Erfahrun- gen miindlich weitergeben konnten, scheiden aus dem Leben und nehmen ihre Erinnerung mit ins Grab. Hinzukommt eine politisch-ideologische

Distanz zu den Kriegsjahren, die mit einer Neu- oder Uberbewertung vie- ler erst in den letzten Jahren bekannt gewordener Aspekte des GroBen Vaterlandischen Krieges zusammenhangt. Der alltagliche Uberlebens- kampf im postsowjetischen Russland, die weit verbreitete Apathie in der Gesellschaft und daneben auch das Streben nach Wohlstand, Reichtum und personlicher Entfaltung verdrangen die Erinnerung an den Krieg.

Im historischen Kriegsgedachtnis sind das “lebendige”, unmittelbare Gedachtnis des Volkes und das universelle, rekonstruierte und zudem mythologisierte Gedachtnis (historische Literatur, Geschichtslehrbiicher, Fernsehen, Kunstwerke, Kinofilme) miteinander verflochten. Das “leben­dige” Gedachtnis bezeichnet die Darstellung individueller Geschichten, Familiengeschichten, die nicht nur davon handeln, was geschah, sondern auch wie etwas geschah, oft allerdings ohne eine vorgegebene Bewertung. Nicht selten widerspricht dieses “lebendige” Gedachtnis der verallgemei- nerten Erinnerung, dem rekonstruierten, systematischen Gedachtnis. Es ist vielschichtiger, konkreter, bunter. Die eklektische geistige und ideo- logische Situation im modernen Russland scheint auch in anderer Hin- sicht voller Widerspriiche zu sein. Die Politik ist an der Kultivierung und Bewahrung des Volksgedachtnisses interessiert ebenso wie an einer rea- listischen Darstellung der Kriegsereignisse. Die unvermeidlich kritische Sicht auf die sozialistische Vergangenheit zieht jedoch subjektiv gesehen auch Zweifel am Bild vom GroBen Vaterlandischen Krieg nach sich, der Quelle des Volkspatriotismus und des Volksheldentums. In der Folge kommt es gewollt oder ungewollt zu Abweichungen von der offiziellen Interpretation, zu Verzerrungen oder wie es heifit, “Falsifizierungen” der Kriegsereignisse, zur Relativierung der Verdienste der Veteranen. Des- halb miissen prasidiale Geschichtskommissionen eingesetzt werden zur Wiederherstellung der “richtigen” Geschichte...

Die Dynamik des historischen Gedachtnisses ist durch die Konkur- renz zwischen dem “lebendigen”, ereignisorientierten Volksgedachtnis einerseits und dem staatlich konstruierten Gedachtnis andererseits ge- pragt. Die Trager der “Wahrheit iiber jenen Krieg” werden aus naturli- chen Griinden, sprich aufgrund des Generationenwechsels, immer we- niger. GroBvater und GroBmutter scheiden aus dem Leben und finden sich auf den Seiten des Familienfotoalbums wieder. Ihren Platz nehmen Bildungseinrichtungen, das Kino, Theater und Literatur ein. Allen staat- lichen Bemiihungen zum Trotz kommt es deshalb zum Verlust der Bin- dung des emotionalen Intellekts an die Kriegsgeschichte. Die eher rati­onale Bewertung der Ereignisse entfernt die junge Generation von den staatlich-patriotischen Denkmustern. Die Loyalitatsgeffihle gegenuber einer kollektiven Identitat der Russen verarmen, und die russische Po­litik verliert einen wichtigen Stutzpfeiler der symbolischen Einheit des Volkes. Die Rekonstruktion des GroBen Vaterlandischen Krieges und des ihm innewohnenden symbolischen Kapitals verlangt immer mehr und groBere Anstrengungen, “besondere” Kostiimierungen und Dekoratio- nen. Noch verteidigt die russische Gesellschaft allerdings relativ einhellig die uberkommenen Motive des historischen Gedachtnisses. Den Sieg der Sowjetunion fiber den Faschismus in Frage zu stellen, bedeutet einen An- griff auf die Werte des eigenen Volkes und weckt zugleich Zweifel an der einzigartigen Rolle der UdSSR im Zweiten Weltkrieg.

Fur die Herausbildung des historischen Gedachtnisses haben Symbo- le wie Denkmale und Gedenkstatten eine besondere Bedeutung. Sie sind leicht erfassbare und alien zugangliche Identitatssignale, die der Rekon- struktion der kollektiven Erinnerung dienen. Die Staatspolitik und das Verhaltnis der Bevolkerung zu diesen Symbolen geben Auskunft uber den Zustand des historischen Gedachtnisses und die Erinnerungspolitik. Die Heldenmonumente und Ruhmeszeichen haben mehrere Funktionen. Po- litisch signalisieren sie eine abgestimmte kollektive Bewertung eines Er- eignisses oder eines Menschen, drucken Trauer, Respekt usw. aus. Sozial bestatigen sie die kollektive Identitat und in der Bevolkerung verbreitete Geffihle. In psychologischer Hinsicht formen sie einen visuellen geogra- fischen Raum und wirken iiber ihre Asthetik auf die Menschen. Die Un- tersuchung der Dynamik dieser Funktionen ermoglicht Projektionen des historischen Bewusstseins. Welches Verhaltnis zum Ereignis sollte zum Ausdruck gebracht werden? Was wurde in Wirklichkeit gesagt und wel- chen Veranderungen unterlag dabei der intendierte Ansatz?

Die Errichtung von Gedenkorten ist meist Beiwerk oder geschieht im Vorfeld des 9. Mai, d.h. der Jubilaen und Jahrestage des Sieges. Der Tag des Sieges ist fur das historische Gedachtnis von entscheidender Bedeu­tung. Am 9. Mai 1945 wurde er nicht nur zum Feiertag, sondern auch zu einem arbeitsfreien Tag erklart. Den entsprechenden Erlass verlas an jenem denkwurdigen Tag im Mai 1945 um sechs Uhr morgens der be- riihmte Radiomoderator Jurij Lewitan. Arbeitsfrei war der Tag des Sieges allerdings nur drei Jahre. Der “Wiederaufbau der zerstorten Wirtschaft” machte es 1948 erforderlich, an diesem Tag zu arbeiten. Dabei blieb es bis zum 25. Jahrestag des Sieges 1965, als die Militarparaden, Demons- trationen, Salute und Veteranenmarsche wieder eingefuhrt wurden. Die sowjetische Tradition gewann Jahr um Jahr an Bedeutung, bis sie auf- grund der schweren Wirtschaftskrise und des Zerfalls der UdSSR selbst Vergangenheit war. 1995 wurde die Tradition wieder aufgenommen und seit 2008 finden die Militarparaden nicht mehr zu den Novemberfeierlich- keiten statt, sondern wie einst am 9. Mai, dem Tag des Sieges.

Wie aus dem Aufruf des Volkskommissariats fiir Bildung “An alle Mu- seumsmitarbeiter” vom 15. Juli 1941 hervorgeht, hatte die sowjetische Fuhrung bereits im Juli 1941 gefordert, Material uber den GroBen Vater- landischen Krieg zu sammeln. Dem Aufruf folgte die Instruktion Nr. 170 vom 15. November 1941 “Uber die Sammlung von Dokumenten und Artefakten des GroBen Vaterlandischen Krieges”.4 Ob es sich dabei um ideologische Weitsicht handelte oder um die feste tJberzeugung, dass die Sowjetunion siegen wurde, ist heute kaum nachvollziehbar. Unbestritten ist allerdings die einzigartige Bedeutung des Krieges fur das historische Gedachtnis. Bereits 1941 war unubersehbar, dass die kollektive Helden- tat furchtbare Opfer forderte und fordern wurde. Die Beeinflussung der kollektiven und privaten Erinnerung war wahrend des Kriegs fester Be- standteil der Propagandaarbeit und der Ideologie der Sowjetmacht.

Fur den Denkmal- und Museumsbau waren die runden Jubilaen Zei- ten “der groBten Mobilisierung”. Jeder historische Abschnitt der sow- jetischen politischen Geschichte wies jedoch besondere Tendenzen auf, verfremdete die Erinnerung und umgab sie mit einer ganz eigenen Sym- bolik. Kriegsgedenkorte wurden in der Sowjetunion massenhaft errichtet. In beinahe jedem Dorf findet sich wenigsten ein Betonmonument oder eine Gedenkplatte, ganz abgesehen von den Kleinstadten oder Bezirks- stadten, in denen es gut und gerne mehrere sein konnen. Bislang hat nie- mand die geschatzten 10.000 bis 15.000 Gedenkorte gezahlt. Neben den vielen nach ahnlichem Schema errichteten Denkmalen sind einige zentra- le Gedenkorte hervorzuheben: das Grab des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer und der Siegespark (Poklonnaja gora), beide in Moskau, der Piskarew-Friedhof in St. Petersburg, das Denkmal fur die Mutter Heimat in Wolgograd (Stalingrad) und andere mehr. Die Motive der Gedenkor­te lassen sich leicht eingrenzen. Im Vordergrund stehen die Trauer um die fur die Heimat Gefallenen und das groBartige Heldentum des Volkes. Unverzichtbarer ideologischer Begleiter ist das Motiv der “Verewigung”.

Seit Kriegsende halt der Prozess der Errichtung immer neuer Denk- male ungebrochen an. Bis Mitte der 1960er Jahre, d.h. bis zum 20. Jah- restag des Sieges bestimmte die konkrete “lebendige” Erinnerung die Gedenkpolitik. Zu diesem Zeitpunkt konnte von einem “historischen” Gedachtnis noch nicht die Rede sein, denn der Krieg war Teil des Alltags. Schmerz und Trauer um die zumeist an unbekannten und fernen Orten oder in Massengrabern beerdigten Verwandten und Freunde verlangten von den Uberlebenden Trauerarbeit und Gedenken an sie in der Heimat. Dem genugten einfache und billige Betonstelen oder Grabdenkmale, auf denen die Listen der Gefallen eingraviert wurden. Sie waren eher in Dor- fern und Siedlungen als in Stadten anzutreffen. Gewohnlich hatten sie die Form einer Pyramide oder eines Vierecks. Spitze und Kanten schmiickten rote Sterne. Die Gedenksteine wurden vor Kulturhausern und an Fried- hofsrandern aufgestellt und ahnelten den Grabmalen auf Soldatengrabern (Abb. 1, 2). Die durftige kunstlerische Gestaltung und die Gleichformig- keit der Gedenksteine wurden wettgemacht durch die inharente Emotio- nalitat der Symbolik. Sie waren Teil der Familiengeschichten und wurden mittels der von den Einwohnern gespendeten Gelder errichtet. Das war eine in der sowjetischen Geschichte einzigartige Situation, denn der Staat beteiligte sich fast ausnahmslos nicht an der Finanzierung der Stelen und

Obelisken. Die Initiative ging von der Bevolkerung aus. Neben den zahl- reichen Stelen entstanden in den 1940er Jahren und Anfang der 1950er Jahre Skulpturen, die gewohnlich einen Soldaten mit Gewehr, Stahlhelm und Mantel darstellten. Die Skulpturen waren uberwiegend statisch und brachten Trauer und Schmerz zum Ausdruck. Typische Symbole wa­ren das auf den Boden gerichtete Maschinengewehr oder der abgesetzte Stahlhelm. Die Soldaten-Skulpturen, die noch heute zu finden sind, glei- chen einander und wirken wie aus einer Form gegossen. Sie wurden in den Stadten oder auf daffir bereitgestellten Flachen aufgestellt. Oft befanden sich an diesen Orten zuvor geschleifte Kirchen, Kapellen oder Friedhofe (Abb. 3).

Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre zeichnete sich zuneh- mend eine Mythologisierung und sekundare Aufarbeitung der unmit- telbaren Kriegserfahrungen ab. Es wurden groBere Gedenkstatten und Mahnmale errichtet, die alle vorangegangenen Gedenkformen in sich auf- nahmen: Architekturelemente wie Stelen, Granitblocke, Platten, Mauern von dreieckiger oder viereckiger Gestalt sowie Skulpturen, Soldaten- und Frauenfiguren. Spater kam das Ewige Feuer als Zeichen besonderer Feierlichkeit hinzu. Ober die Herkunft und die Bedeutung des Symbols ist wenig bekannt. Sie zu ergrunden erfordert eine gesonderte Untersu- chung, die sowohl die internationalen Gedenkstatten der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts als auch die Geschichte der olympischen Rituale, die Feuersymbolik des “Dritten Reiches” und andere Motive beriicksichtigen musste. Die Mahnmale befinden sich oft in der Nahe des Sitzes der Stadt- oder Kreisverwaltung, an Ortseingangen, Ausfallstrafien, oder in der Nahe des Bahnhofs. Ihre Funktion und ihre Bedeutung veranderten sich. Dass sie nicht von den Einwohnern, sondern von ortlichen Politikern auf­gestellt wurden, verlieh ihnen einen abstrakten, staatlich-ideologischen Charakter und schuf eine Distanz zu den personlichen Erinnerungen. Der Trauer wurde weniger Platz eingeraumt, wahrend die GroBartigkeit der Heldentaten in den Vordergrund rtickte. Diese “Verwaltungsdenkmale” wurden zum Vorzeigen aufgestellt, beispielsweise zu einem Jubilaum oder aus Anlass eines Besuchs der Vorgesetzten. An diesen Orten spielten sich sowjetische Rituale ab, beispielsweise die Aufnahme in die Pionierorgani- sation oder Hochzeiten. Die Errichtung war begreiflicherweise sehr viel kostspieliger als die Aufstellung einfacher Stelen oder Soldatenfiguren aus einem Guss.

In der sowjetischen Ideologie jener Zeit bildeten die GroBereignisse militarischen Ruhms und der sowjetischen Geschichte eine untrennbare gedankliche Einheit. Uberall entstanden Gedenkorte fur die Helden der Oktoberrevolution und des Burgerkriegs. So verschmolzen diese histori- schen Ereignisse sowohl visuell als auch in ihrer symbolischen Bedeutung mit der Geschichte des GroBen Vaterlandischen Krieges. Der Kampf fur die Rate und den Kommunismus ging der Verteidigung des vom Volk geschaffenen Staates unvermeidlich voraus. Im Jahr 1957 beispielsweise wurden zum 40. Jubilaum der Oktoberrevolution in Leningrad das Mo­nument “Den Kampfern der Revolution” und zugleich das Ewige Feuer auf dem Marsfeld eingeweiht. Im selben Jahre entstand in Wolgograd auf dem Platz der gefallenen Kampfer (neben dem Massengrab fur die Ver- teidiger Stalingrads) die im klassischen Stil gehaltene, massive Stele zum Gedenken an die Helden des Burgerkriegs (Abb. 4). Die Vererbung der fur die sowjetische Identitat bedeutsamen historischen Motive ist beson- ders plastisch an der Verwendung wiederkehrender visueller Sujets ab- lesbar. Seit 1812 beispielsweise hat sich an dem visuellen Motiv, an der “Ikonografie” und der Darstellung der Partisanen kaum etwas verandert. In den 1950er Jahren und spater taucht der Partisan, mit Bart und hoher Pelzmiitze dargestellt, wieder in der historischen Bildreihe auf, jetzt fur die Sowjetmacht kampfend und als Soldat des GroBen Vaterlandischen Krieges (Abb. 5).

In den 1960er Jahren loste eine neue Generation die Kriegsteilnehmer ab. Negative Aspekte und “lebendige” Erinnerungen gehorten der Ver- gangenheit an, es “leuchtete” das heroische Bild des sowjetischen Solda- ten. Vor allem die Kriegsdenkmale zeugen von dieser Veranderung des historischen Gedachtnisses, das nun vordergrundig im Namen des Staa­tes und der Staatspolitik mythologisiert und kanonisiert wurde. Selbst in unbedeutenden Orten, die jedoch von den Kriegsereignissen betroffen waren, entstanden monumentale Gedenkstatten und Mahnmale. In je- nen Stadten, die im Krieg von entscheidender strategischer Bedeutung gewesen waren, begann der Bau grandioser Gedenkkomplexe. Kunstler-, Architekten- und Bildhauerkollektive planten und projektierten sehr un- terschiedliche und einzigartige Mahnmale. Gedenkorte im Stil sowjeti- scher Monumentalkunst wurden beispielsweise in Leningrad seit Mitte der 1960er Jahre (1965-1975), in Wolgograd (1967) und in Dubosekowo bei Moskau errichtet (Abb. 6).

Der 20. Jahrestag des Sieges 1965 stellte einen besonderen Wende- punkt dar. Nach dem Jahrestag setzte sich das sowjetische Gedenkritual, das den Krieg als heldenmiitigen und opferreichen Weg zum Sieg fest- schrieb, endgultig durch. Seine Formen hatten sich vollstandig heraus- gebildet. Der Sieg rechtfertigte demnach die furchtbaren Verluste und die GroBtat des sowjetischen Volkes, mit denen sich die Leistungen der anderen Staaten der Anti-Hitler-Koalition keinesfalls messen konnten. Der Sieg wurde eng mit der siegreichen sozialistischen Bewegung ver- klammert. Die bislang fur sich stehenden Gedenkelemente und visuel­len Motive flossen in einen erkennbaren und absolut standardisierten Zeichensystem zusammen. In der Kunst entstand ein beinahe religioser Darstellungs- und Deutungskanon der Heldentaten der Soldaten, der Opferbereitschaft der Bevolkerung und des gesetzmaBigen Sieges der sowjetischen Ideologie. Die Visualitat des Kriegsgedenkens erstarrte.

Plastische Kompositionen unterstrichen den sakralen Charakter des Or- tes und die Bedeutung der Ereignisse (Granit- und Betonkonstruktio- nen, Stelen, riesige und massive Mauern, einschlieJMich der symbolischen Mauer des Moskauer Kremls), Skulpturen (Soldaten in Gestalt eines hel- denmutigen mannlichen Kriegers und Beschutzers, Frauen in Gestalt gi- gantischer Mutterskulpturen mit und ohne Kind, alte Manner in Gestalt von Partisanen, jugendliche Soldaten, schutzlose Kinder) und schlieBlich das Ewige Feuer oder die Darstellung einer Fackel. Besonders eindrucks- voll ist beispielsweise das Erhabenheit und Grofie symbolisierende “Grab des Unbekannten Soldaten” (Abb. 7).

In der zweiten Halfte der 1980er Jahre, in der Zeit der Perestroika, funktionierte die sowjetische Gesellschaft vollig anders und es mangelte katastrophal an Mitteln, um die existierende Gedenkstattenlandschaft zumindest zu erhalten. Allerdings verlangte die spatsowjetische Realitat danach, vor allem den Krieg in Afghanistan in das Schema der noch nicht ganzlich untergegangenen Ideologie aufzunehmen. Die durch die ideolo- gische Offnung und Glasnost-Politik ermoglichte “Entlarvungsliteratur” und das wiederbelebte Interesse der Offentlichkeit an der retuschierten russischen Geschichte fiihrten daruber hinaus zu neuen Tendenzen im historischen Gedachtnis und im traditionellen Politikmodell. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre war eine neue Phase des Baus von Kriegsdenkmalen zu beobachten. Die bereits existierenden Mahnmale, vor zwanzig und mehr Jahren errichtet, wurden um neue Elemente er- ganzt, die explizit den jungsten Ereignissen der “lebendigen” Erinnerung gewidmet waren bzw. den bislang namenlosen Opfern der stalinistischen Verfolgungen (Abb. 8). Diese neuen Ansatze wandten sich gegen die Uni- formitat und die Erstarrung der Gedenkorte. Sie stellten den Menschen in den Mittelpunkt. Die “alten” Motive erschienen in neuer Gestalt. Das Gesicht der Mutter (vor allem der Mutter mit Kind) brachte nicht nur Trauer und Leid zum Ausdruck, sondern auch Entsetzen, die Soldaten wurden im Kampf oder nach der Schlacht sterbend dargestellt. Ihre Ges- ten sind voller Dramatik, dynamisch und expressiv. Neben den Mahnma- len entstanden Kirchen und Kapellen — ein Zeichen fur das Wiederan- kniipfen an religiosen Geist und Brauchtumer. Es kam zur eklektischen Verwandlung des auBeren Bildes der Gedenkorte und zum Verlust des in der Monumentalkunst der 1960er und 1970er Jahre unvermeidlichen zentralen Motivs, des ganzheitlichen Sujets und der hierarchischen Kom- position. (Meist bildete das Hauptmonument, eine Stele oder Skulptu- rengruppen, das Zentrum. Davor befand sich das Ewige Feuer. Um das Zentrum herum waren Granitplatten und Namenslisten der Gefallenen angebracht.) Die Architektur der Gedenkstatten fur die alten und neuen Helden veranderte sich Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er grundlegend. Die Kriegsdenkmale alter Schule sind fur den neuen Denk- maltypus eine Art Stiitzpfeiler, um den herum die neuen Symbole ent- sprechend verschiedener Sinnzentren angeordnet wurden (Abb. 9). Das Gesetz “Uber die Verewigung des Gedenkens an die bei der Verteidigung des Vaterlands Gefallenen” vom 14. Januar 1993 war fur diese Verande- rungen bezeichnend und wegweisend.5 Im Gesetz ist erstmals von der “Verteidigung des Vaterlandes” im weitesten Sinne die Rede, nicht nur wahrend des GroBen Vaterlandischen Krieges, sondern auch in Afgha­nistan, in Tschetschenien oder wahrend antiterroristischer Einsatze. Der Gesetzestext schreibt vor, wessen Andenken verewigt werden soli und welche Formen des Gedenkens und des Begrabnisses einzuhalten sind. Die Kriegsgraber werden explizit als besondere Kategorie von Gedenk- orten aufgefuhrt. Der Staat erklart sich zum Bewahrer und Beschiitzer aller Gedenkorte und Mahnmale, wobei die Aufstellung, Bewachung und Unterhaltung der Gedenkstatten derzeit in den Kompetenzbereich der regionalen und ortlichen Politiker fallen.

In diesen Jahren wurden sehr viel weniger neue Gedenkstatten gebaut als zuvor. Oft zwangen finanzielle Engpasse dazu, preiswerteres Material zu verwenden und Gedenkstatten kleineren MaBstabs zu errichten. Seit Mitte der 1990er Jahre ist zu beobachten, dass sich die Menschen intensiv mit den Verlusten und dem Leid der Zivilbevolkerung auf beiden Seiten befassen. Die langen Debatten und Diskussionen brachten zum Vorschein, dass sich die Friedhofe sowjetischer und deutscher Soldaten in einem sehr schlechten Zustand befinden. Im Vorfeld einer Moskau-Reise des friihe- ren deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl wurde in aller Eile ein fast vergessener Friedhof deutscher Kriegsgefangener in Ljublino restauriert (Abb. 10).

Der 1995 in Moskau eingeweihte Siegespark (Abb. 11) ist der ein- drucksvollste Gedenkstattenbau des jungen unabhangigen Russlands jener Zeit. Er vereinte in sich zugleich die Vielfalt aller neuen und tradi- tionellen Tendenzen. Bereits 1958 war an diesem Ort ein Granitzeichen mit der Aufschrift “Hier entsteht ein Denkmal zu Ehren des Sieges des sowjetischen Volkes im GroBen Vaterlandischen Krieg” aufgestellt wor- den. Um den Granitblock herum wurden Baume gepflanzt und ein Park angelegt. Im Siegespark fanden Militarparaden statt. Daraufhin geschah auf dem Gelande lange Zeit nichts, bis Jurij Luschkow Biirgermeister der Stadt wurde. Innerhalb von drei Jahren erlebten die Moskauer, die den Namen des Parks langst vergessen hatten, wie Politiker das Gedenken an den Sieg gestalteten. Das Zentrum des Parks ist der groBe Siegeso- belisk. Er ist 141,8 Meter hoch und symbolisiert die 1.418-tagige Dauer des Krieges. AuBerdem entstand das Zentrale Museum des GroBen Vater­landischen Krieges. Auf der Anlage des 135 Hektar groBen Parks befinden sich unter anderem die Kirche des Heiligen Martyrers Georg des Sieg- reichen, militartechnische Ausstellungen, Verwaltungsgebaude des Mu­seums, ein Archiv und eine Restaurationswerkstaat. Es wurden aufierdem Denkmale wie das Denkmal “Den Verteidigern der Russischen Erde” und “Den Gefallen” errichtet (Abb. 12 und 13). Der visuellen Gestaltung nach zu urteilen ist das letztere Denkmal der ermordeten Zivilbevolkerung und den Opfern der Konzentrationslager gewidmet. Die Moskauer Politiker waren bestrebt, den Park fur die Bevolkerung zu offnen. Davon zeugen die zahlreichen Kinderspielplatze, Attraktionen und Caf£s. Die Jugend fahrt in den breiten Alleen Rollschuh und Skateboard. Im Park finden zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen statt.

Wer heute in Russland in einer Stadt oder Siedlung nach einem Denkmal zu Ehren des GroBen Vaterlandischen Krieges fragt, erhalt oft ratselhafte und entmutigende Antworten. Jeder der Einwohner will das Denkmal gesehen haben oder weiB, dass es ein Denkmal gibt, aber nicht alle konnen sagen, wo es sich befindet und wie es im Detail aussieht. Vor allem die jungen Leute reagieren so. Die altere sowjetische Generation dagegen sorgt fur Ordnung und Sauberkeit, sie veranstaltet Fruhjahrs- putze und versammelt sich wenigstens einmal im Jahr am Denkmal, um in Anwesenheit der Lokalpolitiker Blumen und Kranze niederzulegen. Die Mahnmale und Gedenkplatze in den Stadten sind beliebte Treffpunkte. Abends trifft sich hier die Jugend. Ab und an wird liber dem Ewigen Feuer sogar gegrillt. Das ist aber eher die Ausnahme und wird von der Offent- lichkeit als negative Erscheinung verurteilt (Abb. 14, 15). Der Besuch ei- nes Mahnmals ist weiterhin Teil des Hochzeitsrituals. Die Kultivierung des Brauchs symbolisiert Kontinuitat und den Zusammenhalt der Gene- rationen.

Heutzutage ist der Trend zu vielfaltigen Gedenkformen und Inhalten noch starker als in den 1990er Jahre. Von einem einheitlichen Gedenkstil oder einer einheitlichen Sprache der Symbole kann keine Rede sein. Alle Formen, von der kommunistischen bis zur kirchlich-orthodoxen, sind gleichberechtigt. Theoretisch sind das Christentum und die kommunis- tische Ideologie ebenso unvereinbar wie Liberalismus und Nationalismus. Das Gedenken an die politisch Verfolgten passt nicht in das groBrussische System einer zentralisierten Staatsmacht. Dessen ungeachtet existieren die vielfaltigen Denkmale, Zeichen und Kirchen nebeneinander. In Ab- wesenheit einer einheitlichen nationalen Idee wird dieser weltanschau- liche Konflikt nicht als ein Problem wahrgenommen und ist demzufolge auch keiner. Allerdings ist im Chaos der Gedenkkulturen der hartnackige Trend zur Wiedergeburt der sowjetischen militarischen Gedenkkultur und der patriotischen Erziehung uniibersehbar. Diese Tendenz kniipft weitestgehend an die alten Bilder und Motive an. Einerseits charakteri- sieren Konvention und Anonymitat sowie das Fehlen neuer Ideen und Formen die Jubilaumsfeiern und die Kunstwerke, die den “sowjetischen Monumentalstil” kopieren. Sie treffen dementsprechend auf ein formelles bis indifferentes Feedback der Bevolkerung. Andererseits stellen sie einen Versuch dar, zu den Besonderheiten des “lebendigen” und verorteten Ge- dachtnisses zuriickzukehren. Gedacht wird nicht allein des Heldentums, sondern auch der Opfer. Thematisiert werden nicht nur die Heldentaten, sondern auch der schwere Kriegsalltag. Von der Politik organisiert, rekur- riert das Gedenken auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre und die Rekon- struktion der personlichen, nicht ideologisch “verpackten” Erinnerungen. Es werden bescheidenere, deshalb jedoch nicht weniger eindrucksvolle Denkmale zum Gedenken an die in Bombenhagel und wahrend der Eva- kuierung ums Leben gekommene Zivilbevolkerung errichtet (Abb. 16).

Die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag des Kriegsendes verliefen im Rahmen der traditionellen russisch-sowjetischen Geschichtspolitik und galten dem sowjetischen Sieg. Die pompose Militarparade auf dem Ro- ten Platz sollte ein weiteres Mai die Unbesiegbarkeit der Russen damals wie heute demonstrieren. Allerdings waren nicht nur die alten Traditio- nen gefragt, sondern auch Innovationen und neue Inhalte. Der russische President, Dmitrij Medwedjew, hob in einem Interview fur die Zeitung “Izwestija” die neuen Akzente hervor und verwies auf die Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen. Er zitierte die Worte des eige- nen GroBvaters, der davon gesprochen habe, “wie schwer es ist, auf einen Menschen zu schieBen, welche bedriickenden Gefiihle die Tat hervorruft, selbst wenn du dein Land, deine Verwandten und Freunde verteidigst.”

Der President schloss sich damit der Meinung vieler Wissenschaftler und der Wahrnehmung des Sieges in der Offentlichkeit an. Er unterstrich, dass “der Krieg lange Zeit ausschliefilich als groBartiger Sieg des sowje­tischen Volkes und der Roten Armee dargestellt wurde. Krieg bedeutet jedoch immer auch eine groBe Zahl von Opfern, Leid und Not, die das so- wjetische Volk gemeinsam mit den anderen europaischen Staaten erdul- den musste.” Medwedjew verzichtet auf die ausnahmslose Siegesrhetorik, einschlieBlich der These vom sowjetischen Volk als Hauptkriegsopfer. Vielleicht handelt es sich um das Signal zur Gestaltung einer wirklichen Erinnerungskultur, die sowohl vielfaltig als auch individuell und person- lich ist. Das ware sehr erfreulich. Allerdings bedarf es dazu nicht einer prasidialen Motivierung “von oben”, sondern des Widens der gesamten Gesellschaft. Auch in dieser Frage wird Russland wahrscheinlich seinen eigenen Weg gehen. I

wojny 1941-1945 gg. (Na materialach Werchnego Powolschja i Wolgo-Wjatskogo regio- na Rossii): Dissertazija na soiskanije utschonnoj stepeni kand. ist. nauk. Kostroma, 2003. S. 289. Pronina E. N. Prawowaja dejatelnost rossijskogosudarstwa w sfere sochranenija i ochrany kulturnogo dostojanija w XIX-XX wekach: istoriko-teoretitscheskoje issledowani- je. Dissertazija na soiskanije utschebnoj stepeni kand. jurid. nauk. Tambow, 2009. S. 230.