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01.07.2025
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Allein mit Kind: Zusammenziehen – oder nicht?

Eine Mutter vor einer schwierigen Frage

„Mama, ist heute Basti-Tag oder Mama-Benno-Anna-Tag?“, fragt Benno. „Heute ist Mittwoch, Schätzchen, Sebastian kommt erst übermorgen wieder“, erkläre ich. „Och, so was Blödes!“, rufen er und Anna im Chor.

Meine Kinder haben einen eigenen Kalender: Es gibt Tage, an denen mein Freund Sebastian bei uns wohnt, regelmäßig an den Wochenenden und gelegentlich auch einen oder zwei Tage unter der Woche. An den Mama-Anna-Benno-Tagen sind wir drei eine Mini-Familie. Und dann gibt es noch Papa-Tage, die Benno und seine Schwester mit ihrem Vater verbringen.

Zu viel für einen Fünfjährigen und eine Achtjährige?

Ich denke nicht. Meistens wissen die Kinder die Vorteile der Abwechslung zu schätzen: „Na gut“, sagt Benno, „wenn kein Basti kommt, schlafe ich heute bei dir“.

Sebastian und ich wohnen nicht zusammen – sehr zur Verwunderung von vielen Freunden und Verwandten, die sich immer öfter erkundigen, wann wir denn jetzt, nach immerhin schon fast vier Jahren, „ernst machen wollen“. Ernst, erkläre ich dann, ist es uns auch so.

Zusammenziehen? Ich habe dazu nicht immer die gleiche Meinung. An manchen Tagen vermisse ich die Normalität des Mutter-Vater-Kinder-Modells. Wenn ich komplette Familien im Supermarkt treffe, und Papa schleppt die Tüten. Oder wenn ich die Nachbarn sehe, die am Feierabend zu viert zu einer Radtour aufbrechen. An vielen anderen Tagen aber ist mir klar: Das hatte ich schon mal. Und es hat nicht geklappt. Mit Tom war der Familien-Alltag eine Achterbahn. Mal waren wir die geliebte, süße Familie für ihn, mal das fordernde Muttertier mit zwei brüllenden und ebenso fordernden Kindern. Tom wurde es zu viel. Er ging weg von uns – da konnten wir brüllen und fordern, so viel wir wollten, es interessierte ihn nicht mehr.

Das soll mir nicht noch einmal passieren. Die getrennten Wohnungen bieten Sebastian (und mir) genügend Rückzugsraum. Sie erlauben meinem Freund Auszeiten vom Familienleben, in denen er sich darauf freuen kann, mich und die Kinder wiederzusehen.

Für mich bedeutet meine eigene Wohnung: Hier mache ich die Regeln und muss mir nicht reinreden lassen, nicht bei der Einrichtung, nicht bei den Dingen, die ich einkaufe, nicht bei der Erziehung.

Natürlich nehme ich Rücksicht auf Sebastian, ich kaufe Feldsalat, weil er den mag, und mittelalten Goudakäse, den bei uns außer ihm niemand isst. Aber: Ich mache das gerne, nicht weil Sebastian es er­wartet oder verlangt. Ich hole mir seinen Rat, wenn die Kinder zicken oder ich nicht weiß, ob ich rote oder graue Sofakissen kaufen soll. Wie ich mich dann aber verhalte oder entscheide, ist allein meine Sache.

KEIN STREIT ÜBER ORDNUNG?

Mein Freund und ich haben ziemlich verschiedene Gewohnheiten: Seine Zahnpastatube ist immer ordentlich zugedreht, bei mir darf sie ruhig offen herumliegen. Bei ihm stapelt sich das Geschirr auf der Spülmaschine, bei mir wird es gleich nach dem Essen eingeräumt. Auf seinem Sofa darf man keine Kekse essen, auf meinem wird gekrümelt.

Trotzdem streiten Sebastian und ich selten. Der ganze Alltagsknatsch, den ich noch gut aus der Zeit mit Tom kenne, ist überflüssig, weil jeder auch sein eigenes Leben hat.

Unsere „Trennungs-Tage“ verhindern auch, dass ich mich ständig zwischen den Kindern und ihm hin- und hergerissen fühle. Sebastian will im See baden, Anna und Benno im Schwimmbad, er würde gerne im Biergarten sitzen, die Kinder auf dem Abenteuerspielplatz toben.

Wir haben eine einfache Regel gefunden: An Mama-Wochentagen entscheiden die Kinder (ich darf natürlich mitreden!), am Wochenende richten wir uns dann auch gerne nach Sebastian, damit sind alle zufrieden. Ich habe viel Zeit für meine Kinder und deren Ideen, am Wochenende genieße ich es, auch mal etwas für „große Leute“ zu unternehmen.

Sebastian hat sich damals in mich verliebt, nicht in meine komplette kleine Familie. Inzwischen sind Anna und Benno ihm ans Herz gewachsen – trotzdem hat er seine Junggesellen-Gewohnheiten. Nach Büroschluss zum Beispiel braucht er erst einmal viel Zeit für sich. In seiner eigenen Wohnung hat er die. Würden wir zusammenwohnen, wäre das unmöglich. Die Kinder würden ihn fordern, er sicher auch mal gereizt reagieren, gibt er zu. Würden Anna und Benno ihn dann auch noch so nett finden? Und ich?

Ich würde für meine Kinder streiten. Ich kenne einige Patchwork-familien, in denen genau dieser Interessenkonflikt zwischen Kindern, Stiefeltern und eigenen Eltern ein großes Problem ist.

Ein wichtiger Grund also, alles zu lassen, wie es ist – und wie es gut ist.

Allerdings gibt es da etwas, das mich dann gelegentlich doch sehr ernsthaft über eine gemeinsame Wohnung nachdenken lässt. Es sticht mir jeden Monat ins Auge, wenn ich auf meinem Kontoauszug den großen Teil meines Einkommens sehe, der von der Miete geschluckt wird. Auf Sebastians Auszug sieht es ganz ähnlich aus – würden wir uns eine Wohnung teilen, könnten wir jede Menge Geld sparen.

Nur: Was nützt uns die Ersparnis, wenn es nicht funktioniert, nach einem Jahr vielleicht knallt und Sebastian auszieht? Dann braucht er eine neue Wohnung, jeder muss seine Miete wieder alleine zahlen – und ich habe neben dem Loch in meiner Kasse noch ein ganz großes Loch in meinem Leben.

Also machen wir einfach weiter wie bisher. Mit Basti-Tagen und den anderen.

Heute ist übrigens einer von diesen anderen Abenden. Ich sitze mit ungewaschenen Haaren und Schlabberhose allein am Computer und schreibe in Ruhe diese Geschichte – was mit Mann in der Wohnung sicher viel schwieriger wäre.

Textaufgaben

  1. Deuten Sie folgende Begriffe aus dem Artikel:

der ‘Basti-Tag’, der ‘Mama-Anna-Benno-Tag’, die Trennungstage, Junggesellen-Gewohnheiten, der Rückzugsraum.

2. Welche Gründe für die Wahl dieser Lebensform nennt Anna im Artikel?

3. Was halten Sie von diesen Gründen? Diskutieren Sie die Argumente.

4. Äußern Sie Ihre eigene Meinung zu so einer Art Familienleben.