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Klaus Laubenthal-Strafvollzug 6. Auflage (Sprin...docx
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2.3.1 Nordamerikanische Vollzugssysteme

Zwar kam es unter Howards Einfluss Ende des 18. Jahrhunderts noch zum Bau 101 erster Zellengefängnisse in England.39 Es war aber vor allem die nordamerikani-sche Gefängnisbewegung, die dessen Vorstellungen aufgriff und der Weiterent-wicklung des Strafvollzugs wesentliche Impulse gab.40

Wegen einer Gefängnisreform im Staat Pennsylvania stand die 1787 gegründe-te „Philadelphia Society for Alleviating the Miseries of Public Prisons“41 mit Ho-ward in brieflichem Kontakt. Auf Initiative dieser Gefängnisgesellschaft hin wur-de in den Jahren 1822 bis 1825 das „Eastern Penitentiary“ in Philadelphia errichtet. Dem Geist der Quäker gemäß befanden sich die Insassen dort Tag und Nacht ohne Arbeit in Einzelhaft, um frei von negativen Einflüssen ihrer Mitgefan-genen in der Einsamkeit zu sich, zu Gott und damit zur Reue zu finden und als ein anderer Mensch in die Freiheit zurückzukehren.42 Die Strafanstalt von Philadel-phia – nicht als „prison“ , sondern hergeleitet aus dem lateinischen Wort poenitentia als „penitentiary“ bezeichnet – erlangte bald Bedeutung als Musterge-fängnis für den Vollzug strengster Einzelhaft, das „solitary-system“.43 Das An-staltsgebäude war als eingeschossiger sternförmiger Flügelbau in der Strahlen-bauweise erstellt, so dass zentral platziertes Aufsichtspersonal vom Mittelpunkt der Anstalt aus sämtliche Einzelzellen zu überwachen vermochte. In diesen ver-brachten die Insassen ihre Haftzeit der Idee Howards entsprechend zunächst in uneingeschränkter Einsamkeit. Die strenge Isolation war derart perfektioniert, dass die Gefangenen selbst beim Kirchenbesuch aus getrennten Boxen heraus den Geistlichen sehen konnten.44

Kritik an der Konzeption des strengen „solitary-system“ führte jedoch schon 102 bald in Philadelphia selbst zu Lockerungen des Vollzugs durch Arbeit in der Zelle

und Besuche ausgewählter Persönlichkeiten. Befürchtet wurde, dass die dauerhaf-te totale Isolation eine vollständige soziale Entfremdung bewirkte und zudem gesundheitliche Schäden hervorrief.45 Um derartige Belastungen zu verringern, ließ der Gouverneur des Staates New York das 1823 in Auburn eröffnete Ge-fängnis in bewusstem Gegensatz zum „Eastern Penitentiary“ unter Verzicht auch auf die panoptische Strahlenbauweise gestalten. Die Insassen verbüßten dort nur nachts sowie in ihrer Freizeit die Strafe in Einzelzellen, während sie tagsüber in der Anstalt zugehörigen Werkhäusern arbeiten mussten.46 Um die Gefahr einer kriminellen Ansteckung der Gefangenen zu verhindern, wählte man den Weg „innerlicher Absonderung in äußerer Gemeinschaft“47 – das „silent-system“: Die Inhaftierten durften bei der Arbeit nicht miteinander sprechen oder sich durch

  1. Kriegsmann, 1912, S. 29.

  1. Siehe auch Krause Th., 1999, S. 69.

  1. Dazu Roberts, 1997, S. 24 f.

  1. Krohne, 1889, S. 44; Robinson, 1923, S. 71.

  1. Nutz, 2001, S. 191 ff.; Roberts, 1997, S. 32 ff.

  1. Vgl. Schwind, 1988, S. 8.

  1. Eisenhardt, 1978, S. 40.

  1. Roberts, 1997, S. 38 ff.

  1. Mittermaier W., 1954, S. 26.

56 2 Historische Entwicklung

Zeichen verständigen. Allerdings konnte dieses Kommunikationsverbot in der Praxis nur durch brutale körperliche Misshandlungen bei Verstößen durchgesetzt werden.

Die Realisierung divergierender Vollzugsformen in Philadelphia und Auburn leitete einen Systemstreit ein48, der die Reform des Gefängniswesens in den ande-ren Bundesstaaten weitgehend behinderte.49 Schließlich behauptete sich in Nord-amerika das Auburn’sche „silent-system“. Dies beruhte im Wesentlichen auf öko-nomischen Gründen: Die fabrikmäßige Gestaltung der Gefängniswerkstätten eröffnete Möglichkeiten zur Gewinnerzielung. Zudem erwies sich die Errichtung von Einzelhaftanstalten nach pennsylvanischem Vorbild als die teurere Alternati-ve.50

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