Immer 'rauf aufs Schlimme.
Schadete Katharina gar nichts, wenn er seinen Job verlor. Was stritt sie mit ihm wegen seines Examenbriefes. Warum warf sie ihm vor, zimperlich zu sein und ein Taugenichts. Sie hatte kein Recht dazu...
...da ging sein Telefon. Er hob sofort ab, in der Hoffnung, Katharina rufe an.
Aber es war Martha Guthmann am Apparat. Martha Guthmann aus der Telefonzelle.
"Dein Onkel Alois ist heut den letzten Tag in Bayern. Da möch' er gerne zu seiner Schwester Rosa nach Tutzing. Und da dachte ich, du fährst uns. Es ist ein schönes Verdienen für dich, Bastian."
"Ich fahr' aber nicht", sagte Bastian.
"Typisch, typisch", sagte Großmutter, "eine Großmutter kriegt spielend dreizehn Enkel groß, aber dreizehn Enkel können nicht eine Großmutter zu Tante Rosa nach Tutzing fahren!"
"Ich kann euch nicht fahren, weil ich kein Taxi mehr habe", schrie Bastian in den Hörer. "Ich bin gefeuert, verstehst du? Warum nehmt ihr nicht den Zug? Habt ihr noch nie was von der S-Bahn gehört, nein? Die fährt auch zu Tante Rosa nach Tutzing, ach scheiß auf Tante Rosa. Lasst mich doch alle in Ruh!"
Er knallte den Hörer auf.
Martha Guthmann in ihrer Telefonzelle war in Druck. Denn vor der Zelle wartete Schwager Alois in Seemannskleidung und in Erwartung des Ausfluges an den Starnberger See.
"Sein Wagen ist kaputt. Wir müssen die S-Bahn nehmen."
Tante Rosa und Großmutter hatten sich schon als junge Frauen nicht ausstehen können.
Während sie ihre Himbeertorte mit Schlagrahm aßen (backen konnte die Rosa ja, das musste man ihr lassen) dachte Martha Guthmann immerzu an Bastian. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Sonst hätte er sich nicht so am Telefon benommen. Nicht ihr gegenüber. Nein, nicht der Bastian. Was war bloß mit dem Bastian?
Auf der Rückfahrt nach München fing ihr Schwager Alois plötzlich zu reden an. Sagte vielleicht Sachen — !
"Schau mal, Martha", sagte er zwischen Starnberg und Mühltal, "unsere Kinder sind versorgt. Wir sind beide allein. Es ist nicht gut, allein zu sein. Ich hab' Gespartes, du hast deine Pension und die Dreizimmerwohnung. Schweden ist ein schönes Land, aber in der Heimat möchte ich sterben. Martha, lass uns unseren Lebensabend zusammen tun!"
Martha Guthmann hatte aus dem Fenster geschaut und anfangs nicht zugehört. Nachträglich erschrak sie sehr.
"Du meinst, ich soll die Restpflege bei dir übernehmen, ja?"
"Aber Martha, so habe ich das doch nicht gemeint. Ich bin rüstiger, als du glaubst."
"Ja, Alois", sie tätschelte bekümmert seine Hand mit dem viel zu großen Siegelring. "Aber glaub mir, das ginge nie gut mit uns. Das gab' Mord und Totschlag, glaub mir."
"Warum denn, Martha?"
Sie wollte ihm nicht die Wahrheit sagen. Die Wahrheit hieß: Ich bin erst siebzig und du schon Sechsundsechzig, aber ich hatte immer Kinder um mich und junge Leute, was soll ich auf meine geschäftigen Tage mit einem Pensionär!?
Sie schieden herzlich vor ihrer Haustür.
Da es zu keiner Verlobung gekommen war, wollte Alois Guthmann nicht die für den letzten Abend seines München-Aufenthaltes vorgesehene Theatervorstellung versäumen. Schließlich hatte er sie bereits bezahlt.
Großmutter winkte seinem Taxi nach und schoss darauf in ihre Bäckerei — zwei Minuten vor Geschäftsschluss.
Sie sagte über den Ladentisch: "Ein halbes Mischbrot, Frau Hufnagel, und stellen Sie sich vor, mein Besuch aus Schweden hat mir einen Antrag gemacht, einen ernsthaften. Aber bin ich blöd? Werd' ich mich 284
binden? Meine schöne Freiheit aufgeben? Ich bitt' Sie, Frau Hufnagel. Und dann noch zwei Brezen."
Bastian war seinen Taxijob los. War zerstritten mit sich und der Umwelt. Und vor allem mit Kathinka.
Er tigerte ziellos durch die Isarauen und kam zwischen drei und vier Uhr nachmittags auf der Flussböschung nieder.
Schaute der Isar beim Fließen zu und zählte an den Fingern ab, mit wem er alles zerstritten war. Es waren nicht viele, aber entscheidende Persönlichkeiten. Katharina Freude. Der Taxiunternehmer. Martha Guthmann. Und dann war zufällig Biggy vorbeigekommen, Biggy mit einem degenerierten Langhaardackel an der Leine.
Ein Vollmondgesicht.. Glubschaugen. Krause Haare. Noch kein Busen, dafür Magen. Fünfzehn Jahre alt und auf dem Gipfelpunkt weiblicher Pubertät angelangt.
Biggy ließ sich neben Bastian auf der Böschung nieder und guckte auf seine denkenden Finger.
"Was machen Se denn da? Zähln Se Ihre Piepen?"
Bastian guckte kurz auf. "Ich zähle nach, mit wem ich alles zerstritten bin."
"Warum?" fragte Biggy.
"Ja, warum ..."
"Knies (hier: Dreck, Streit) mit Ihrer Ische (ugs.: das Mädchen)?"
Er antwortete nicht.
Sie nahm neben ihm Platz und streckte die Beine vor sich her, die in roten Socken endeten. Blassrosa Beine mit Narben am Knie und ohne jede Form.
"Ick komm' aus Berlin. Kenn' Se Berlin?"
"Ja."
"Kenn' Se's ehrlich?"
"Meine Kusine ist da verheiratet."
"Wo denn da?"
"Wilmersdorf."
"Wilmersdorf! Da wohn ick ooch. Zufall, was?"
"Ja."
"Die Welt ist klein."
'Wie groß ist denn Wilmersdorf?"
"Irre groß."
"Dann ist die Welt wirklich klein im Vergleich zu Wilmersdorf."
"Sarickja4."
Bastian sank in seinen Kummer zurück. Vergaß darüber Biggy aus Berlin.
"Ick bin bloß bis übermorgen hier."
"Ach."
"Dis is mein Opa sein Hund."
"Nett."
"Aber kiebig."
Er stand auf, wünschte Biggy noch viel Spaß in München und ging Richtung Corneliusbrücke, und als er einmal zufällig zur Seite blickte, war Biggy neben ihm.
"Glooben Se ja nich, dass ick Ihnen nachjeschlichen bin. Ick muss hier lang. Da drüben wohnt mein Opa", versicherte sie, rot bis zu den Ohren.
Ging immer einen Schritt hinter ihm. Unterhielt sich mit Opas Hund. War plötzlich wieder auf Bastians Höhe.
"Wissen Se zufällig, wo't hier Zuckerwatte jibt?"
Bastian seufzte.
"Kenn' Se nicht?"
"Doch." Kannte er. Er hatte bisher nur nicht gewusst, dass Zuckerwatte ein Ansprechungsgrund war.
"Schmeckt dufte. Ehrlich", sagte Biggy beschwörend.
"Beißt man rein — plötzlich hat man nischt mehr im Mund. Ein irret Jefühl."
Sie schaute ihn an. "Is Ihnen nie nach Zuckerwatte?"
Bastian blieb stehen und lachte.
Diese Biggy hatte etwas von einem jungen Hund, der einen mit seiner Zutraulichkeit verfolgt und sich nicht abwimmeln lässt.
"Also komm", sagte er.
Zwei Stunden lang suchten sie in der Au rund um den Viktualienmarkt vergebens nach Zuckerwatte.
Dabei gab Bastian all sein Geld, das er bei sich trug, für Eis, Bonbons, Strohblumen, einen Stoffhund, Weißwürste und gebrannte Erdnüsse aus.
Dass er seine Fröhlichkeit wiederfand, hatte er Biggy aus Wilmersdorf zu verdanken. Eine große Klappe, hinter der sich ein schüchternes Mäuschen versteckte.
"Gehst du immer so vertrauensselig mit fremden Männern mit?"
"Bin ick doof? Aber mit Ihnen — Sie tun doch keinem nischt. Sieht man ja. Wat machen Se eigentlich?"
"Ich werd' Lehrer."
Biggy ließ ein Lachen platzen. "Ick wer varrückt. Sie und Pauker!"
"Na und? Was ist denn daran so komisch?" ärgerte er sich.
"Naja... ick meine bloß — die Määchens." Sie war plötzlich sehr verlegen.
Schräg gegenüber von dem Haus, in dem ihr Großvater wohnte, verabschiedete er sich von ihr.
"Mach's gut, Biggy. Grüß Wilmersdorf."
"Wir machen erst übermorgen zurück. Ich hätt' morgen noch Zeit." Ihre Munterkeit war verflogen. "Ick geh' hier immer mit'n Wastl spazieren." Todtrauriger Blick. "Ick kann schon vormittags..."
Sie tat ihm plötzlich Leid.
"Ich werd' versuchen, Biggy."
"Ehrlich?" Sie glaubte ihm nicht.
"Servus, Biggy."
"Tschüss. Und vielen Dank für alles." Sie zog eine Blüte, aus ihrem Strohblumensträußchen. "Ne janze Kleinigkeit zum Erinnern."
Bastian nahm die Blume und küsste Biggy auf die Wange. Und ahnte nicht, was er damit anrichtete.
Wie sollte Biggy nach ihm noch einen von ihren pickligen Knilchen nett finden.
Wie denn, Mensch?
Bastian kam nach Haus und ging sofort ans Telefon. Beim Auftragsdienst war nur ein Anruf von seiner Großmutter. Schönen Gruß und sie käme morgen früh vorbei.
Sonst war nichts?
Nein.
O Kathinka, dachte er, warum nicht? Ruf doch an! All die gute Laune, die ihm Biggy geschenkt hatte, war wieder verflogen.
