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1.3. Kleist als Außenseiter der literarischen Romantik.

Wie heute breite Schichten Freundschaften pflegen und Partner lieben, dass sie dabei nämlich auf Vertrauen setzen und auf Intimität, ist uns derart selbstverständlich, dass für gewöhnlich verborgen bleibt, wie sehr wir doch Kinder des 18. Jahrhunderts sind. Nicht nur im engeren Sinne politische Umwälzungen fanden damals statt, sondern es ereignete sich eine Revolution des Alltagsverhaltens, eine Neujustierung von Nähe und Ferne im Umgang miteinander.

Die absolutistische Hofkultur war eine der körperlichen Exhibition gewesen, sie basierte nicht auf seelischer »Tiefe«, sondern angemessener Gestik, Mode, Galanterie und der Erwartung allseitiger Reizbarkeit des Körpers. All die Opern, Bälle und Empfänge galten der bürgerlichen Kultur als verwerflich, die sich lieber an schlichter Häuslichkeit, Treue, Bildungslektüre und der Selbsterkundung innerer Verwerfungen aufrichtete. Man heiratete aus Liebe, man schloss Freundschaften aus Neigung – und nicht, zumindest nicht dem Selbstverständnis nach, aufgrund strategischer oder sexuell inspirierter Erwägungen. Man erfand einen neuen Menschen. Der erotisierte Körper wurde einer zärtlichen, vergeistigten Gemeinschaft geopfert, »Seelenströme« verdrängten »Körperströme«, wie es der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke auf den Begriff brachte. Das Ideal war nunmehr der mitleidige, der weinende Mensch, nicht der sexuell sich verausgabende. Es schwoll mächtig das Herz an. Und noch heute, besser gesagt: heute wieder verstärkt, werden in den Lounges der Republik seelische Verwerfungen erkundet, werden die Kollateralschäden entsexualisierter Langzeitbeziehungen aufgearbeitet, wird in Yogakursen, bei Psychiatern, Freunden und in Internetforen verzweifelt nach einer inneren Seelentiefe gesucht.

Vor dem Hintergrund der Herzenserwärmung entstand jedenfalls das, was wir Aufklärung und Weimarer Klassik nennen, entstand die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, entstanden Werke, derentwegen wir noch immer das Theater aufsuchen. Das bürgerliche Trauerspiel, Schillers Kabale und Liebe etwa, ging gegen Günstlingswirtschaft und Mätressenwesen vor. Goethe erschuf mit seinerIphigenie eine idealtypische Protagonistin, die sich mit Herzenssprache in feindlicher Umgebung behauptete. Er nannte sie später »verteufelt human«.

Und es wohnte diesem »verteufelt« natürlich bereits all die Überspanntheit des humanistischen Projekts inne, deren Abgründe Goethe keineswegs entgingen, wenngleich er sie auf der Bühne, zumindest in all ihrer Radikalität, nicht dulden wollte: die kleinfamiliäre Tugendgemeinschaft als »Terror der Intimität« (Helmuth Plessner), der Sexualität erheblich verkomplizierte; Erkundungen des gelieb- ten Gegenübers, die Verhörsituationen gleichkamen; eine nationalistische Beseelung der bürgerlichen Gesellschaft, von der recht bald schon Vernichtungskriege ausgehen sollten. Es blieb den in Weimar bisweilen harsch abgewiesenen Außenseitern vorbehalten, derlei drastisch zur Sprache zur bringen. Lenz’ Hofmeister kastriert sich, um die sexuell erhitzten Leidenschaften für immer zu dämpfen; Hölderlin wiederum entdeckte im alten Griechenland nicht edle Einfalt und stille Größe, sondern Dionysos, den Gott der Ekstase. Vor allem aber Heinrich von Kleist entkernte die humanistische Substanz seiner Zeit, indem er Aufklärungspostulate von innen heraus zersetzte.

Kleist lebte, wie sein Biograf Jens Bisky treffend bemerkt, »stets am Morgen der Entscheidungsschlacht«. Stets begriff sich der suspendierte preußische Soldat auf der Überholspur, ohne jemals irgendwo anzukommen. Mit immer neuen Plänen raste er quer durch Europa, nach Würzburg, nach Paris, in die Schweizer Berge, nach Weimar, Dresden, Königsberg, Berlin, wo das Leben des 34-Jährigen 1811 mit einem spektakulären Selbstmord endete. Er will mal Bauer, Krieger, Wissenschaftler, Verleger, Beamter, auch Tischler werden. Und dichtet nur, weil er es »nicht lassen kann«. Die Ambitionen sind immer überreizt. Es gelte, Goethe den Kranz von der Stirn zu reißen. Doch umkreist er vorsichtig Weimar, nistet sich beim greisen Aufklärungspoeten Wieland ein, Schiller und Goethe meidet er zunächst. Und schreibt Goethe später, 1808, einen Brief, abgefasst »auf den Knieen meines Herzens«. Anbei: Seine Tragödie Penthesilea . Eine Frechheit. Das Gegenstück zur Iphigenie . Es wird so sehr sich darin geliebt, die Herzen derart erhitzt, bis die Geliebte den Geliebten zerstückelt und verspeist. Goethe antwortet trocken: »Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht befreunden. Sie ist aus einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region, daß ich mir Zeit nehmen muss, mich in beyde zu finden.«

Kleist dürfte heftig gekränkt gewesen sein. Aber immerhin: Goethe brachte denZerbrochnen Krug auf die Bühne, der beim Publikum allerdings völlig durchfiel. Wofür Kleist die Inszenierung verantwortlich machte. Er giftete nun gen Weimar, veröffentlichte ein Epigramm, Goethes Beschäftigung mit der Farbenlehre betreffend: »Siehe, das nenn ich doch würdig, fürwahr, sich im Alter beschäftgen! / Er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend sonst warf.«

Goethe allerdings hatte guten Grund, Kleists Werke mit Befremdung aufzunehmen. Denn Gemeinschaft imaginierte Kleist, nicht nur in der Penthesilea,als permanenten Krieg. Versöhnung gibt es nur im Zustand kurzweiliger Erschöpfung, zwischen zwei Schlachten. Ansonsten: »Windungen des Kampfs«. Kämpfe allerdings, die aus der Dynamik der Aufklärung sich selbst ergaben: Kleist literarisiert die Kriege Napoleons, eine Folge der bürgerlichen Revolution, denen man gefälligst mit einem ungeheuren Gegenschlag zu begegnen habe(Herrmannsschlacht); Liebe, die propagierte Innigkeit, verharrt in inquisitorisch inspiriertem Misstrauen (etwa im Amphitryon). Und Freundschaft?

Ernst von Pfuel, der beinahe vierzig Jahre später preußischer Ministerpräsident werden sollte, Kleists engster Freund, erhält von diesem 1805 einen Brief, der alle Konventionen überschreitet. Da ist die Rede von dem »lieblichen Enthusiasmus der Freundschafft« und von »wahrhaft mädchenhaften Gefühlen«, die Kleist empfinde, wenn er ihn betrachte. Doch nicht die überdeutliche Homosexualität ist das Skandalon. Für sie kannte jene durchaus liberale Zeit gar kein Wort, die rhetorischen Grenzen zwischen Freundschaft und Liebe waren großherzig verschwommen. Nur wurde Freundschaft selbstverständlich als friedfertig gedacht und nicht als Krieg, als den sie Kleist begriff. Sie erfüllte sich ihm erst »in der Begierde des Wettkampfs«, wenn die Gemüter erzittern. Der schönste Augenblick sei ihm einer, in dem man »übereinander gestürzt« liegt und im Staube des Sturzes eingehüllt ist. Radikaler, realistischer, auf vertrackte Weise emphatischer hat Freundschaft zu dieser Zeit niemand gedacht. Sie ist nur ein winziger Moment wechselseitiger Kapitulation.

Der Dichter Heinrich von Kleist lässt sich weder in die Klassik noch in die Romantik einordnen, er fühlt sich keiner Gruppierung zugehörig und lebt seine literarischen Vorstellungen individuell aus. Es gibt Merkmale der Romantik, wie zum Bespiel: • Entdeckung des Unbewussten und Irrationalem • Neigung zu Improvisation • Die „romantische Ironie“ Sie ist das Mittel das Vorläufige, Bruchstückhafte der dichterischen Produktion angesichts des angestrebten Unendlichen, Ursprünglichen, Ganzen zur Darstellung zu bringen. Neben diesen romantischen sind auch Merkmale der Klassik zu finden, die eine eindeutige zeitgeschichtliche Einordnung unmöglich machen.

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