Kapitel 21 Nie wieder siebzig
*Martha Guthmanns Dreizimmerwohnung glich an diesem Tage einer Notunterkunft während eines Belagerungszustandes. Sie musste ständig sämtliche Fenster geöffnet halten, um das Geschnatter der vielen Gratulanten ablassen zu können.
Bastians Anrufe hatten siebenundzwanzig Verwandte nach München zitiert.
Dazu dreizehn Personen aus der Nachbarschaft.
Vom Krankenhaus kamen Schwester Theresa, die zufällig ihren freien Nachmittag hatte, und eine Lernschwester. Zwei Töchter von Großmutter gingen herum und schauten sich genau die Möbel an, aber es war nicht viel dabei, was sich zu erben lohnte.
Zwischen den Beinen der Erwachsenen prügelten sich Urenkel in Sonntagskleidern. Eines brüllte immer.
Die Torten reichten nicht.
Onkel Herbert, der Lebemann der Familie, kniff seiner siebzehnjährigen Nichte in den Popo.
Großmutters Schwester Meta war beleidigt, weil man ihren Erzfeind Bruno auch eingeladen hatte. Sie fuhr einen Zug früher als beabsichtigt nach Augsburg zurück. Großmutters beste Vase ging in Scherben. Keiner wollte es gewesen sein.
Bereits um vier Uhr nachmittags war ihr Sohn Manfred sternhagelvoll und stänkerte mit seiner Frau, welche darüber in Tränen ausbrach.
Sie hatten nicht genügend Tassen und Teller, auch wenn sie zwischendurch immer wieder abwuschen.
Einer ging, einer kam. Jeder wollte herzlich begrüßt und herzlich verabschiedet werden.
Die Erwachsenen sagten, bloß keinen Kuchen, sie müssten an die Kalorien denken. Sie dachten an die Kalorien und fraßen.
Gegen halb sechs klingelte ein Student, der Großmutter ein Zeitschriftenabonnement aufschwatzen wollte.
Zehn Minuten später stand ein alter Mann vor der Tür und entblößte zwei Reihen falscher Zahne in einem unendlich freudigen Lachen. Fragte "Martha? Bist du's?" und war ihr Schwager Alois, der 1936 nach Schweden ausgewandert war.
Sie hatte geglaubt, er wäre längst tot, weil sie in den letzten Jahren keinen Weihnachtsgruß von ihm erhalten hatte.
So kann man sich irren.
Sohwager Alois ahnte nichts von ihrem Geburtstag. Er kam rein zufällig vorbei als Teilnehmer einer schwedischen Reisegruppe. Seit er Witwer war und sein Holzgeschäft verkauft hatte, machte er jedes Jahr eine Auslandsreise.
Martha Guthmann freute sich sehr, aber musste er ausgerechnet heute kommen?
Sie hatte nichts lieber als Besuch, doch der hier war ihr zu viel.
Das war kein Besuch, sondern ein familiärer Heuschreckenschwarm, der über sie hereingebrochen war und ihre Vorräte kahl fraß und trank und miteinander durcheinander übereinander tratschte und hudelte. Es war nicht mehr schön.
Großmutter hatte nur die Arbeit und den Abwasch und die Sorge um den Nachschub. Ihr Portmonee wurde nicht mehr kalt in ihrer Hand.
Wie gern hätte sie mit Schwester Theresa über das Krankenhaus gesprochen, an das sie noch immer wie andere an Teneriffa1 dachte. Aber wann sollte sie? Sie saß ja keinen Moment still.
Sie war Serviermädchen, Küchenpersonal, Empfangsdame, Gastgeberin und Finanzier dieser lautstarken Invasion.
Und zwischendurch musste sie dem brüllenden Kathrinchen die Flasche geben. Denn Susi, die um vier Uhr Zigaretten holen gegangen war, war um sechs noch immer nicht zurück. Anscheinend holte sie Zigaretten aus Augsburg.*
Gegen halb sieben erschien Bastian wieder. Es gelang ihm, innerhalb einer Viertelstunde die Stuben leer zu fegen, ohne dabei jemandem ins Kreuz oder Schienbein zu treten.
Man schied mit dem indirekten Vorwurf an die Gastgeberin, zu viel gegessen und getrunken zu haben.
Servus Martha — Pfüat di — Wiedersehen — mach's gut, Oma – sagt Oma schön auf Wiedersehn – gibt Küsschen, Küsschen, hab' ich gesagt!!
Und vielen Dank auch.
Martha Guthmann war fix und fertig. Rückblickend kam ihr der Tag wie ein turbulenter Albtraum vor.
"Da siehst du mal, wie das ist, wenn all die kommen, die du im Laufe eines Jahres einlädst", sagte Bastian. "Und das waren noch nicht mal alle, sondern nur ein Bruchteil."
"Ja", nickte Großmutter. "O ja —"
Sie schlief bereits in ihrem Sessel, als Katharina Freude wenig später vor der Tür stand, um ihre Glückwünsche und Blumen abzugeben.
"Na, wie war's?"
'Wie auf einer Breughelschen Bauernhochzeit. So schnell wird meine Großmutter nicht wieder siebzig", sagte Bastian. "Komm 'rein."
Ihren Streit erwähnten beide nicht mehr.
Sie standen im Wohnzimmer und tranken auf das Wohl der leise schnarchenden Jubilarin.
Auf dass sie noch lange leben möge!
