- •Isbn 966-698-046-0
- •Inhaltsverzeichnis
- •Thema 1. Von Anfängen bis zum Ende des frühen Mittelalters (750 – 1170)
- •Thema 2. Hoch – und Spätmittelalter (1170-1500)
- •Thema 3. Renaissance, Humanismus, Reformation (1470 – 1600)
- •Volksbuch und Volkslied
- •Thema 4. Barock (1600 – 1700)
- •2. Merkmale der Barockliteratur
- •Thema 5. Pietismus, Rokoko und Empfindsamkeit (1670 -1780)
- •Thema 6. Aufklärung (1720-1785)
- •1. Das neue Weltbild
- •2. Die Rolle der Kunst
- •3. Bedeutende Autoren und Werke
- •Thema 7. Sturm und Drang
- •2. Friedrich (von) Schiller
- •Thema 8. Klassik (1776-1805)
- •2. Dichtung der Zeitgenossen Goethes und Schillers
- •Thema 9. Die Epoche der Romantik (1798-1835)
- •2▼Hoch- und Spätromantik
- •4.Spätromantik (1816-1830)
- •Thema 10. Zeitalter der Restauration: Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz (1815-1848)
- •2. Das "Biedermeier"
- •3. Junges Deutschland und Vormärz
- •Thema 11. Der poetische (bürgerliche) Realismus
- •Thema 12. Die Epoche des Naturalismus (1880-1900)
- •1. Grundideen
- •2. Literarische Feinde und Vorbilder
- •3. Formen
- •4. Wichtige Vertreter
- •Thema 13. Literatur der Jahrhundertwende (1890-1920)
- •1. Zur Geschichte:
- •2. Wichtige Autoren und Werke
- •Inhaltlich
- •Thema 14. Expressionismus (1910-1925)
- •1. Zum Begriff:
- •2.Weltanschauung
- •3. Problematik
- •4. Merkmale expressionistischer Literatur
- •Thema 15. Die Literatur zwischen zwei Weltkriegen
- •1.Literatur der Weimarer Republik. Neue Sachlichkeit
- •2.Kriegs- und Antikriegsromane
- •2. Literatur im Exil (1933-1945)
- •Thema 16. Literatur der nachKriegszeit(1945-1970)
- •1. Zur Geschichte:
- •2. Das Drama in Deutschland
- •3. Die Lyrik der Nachkriegszeit
- •Inventur
- •Thema 16. Die literatur der ddr (1945-1990)
- •Vergnügungen
- •Thema 17. Die österreichische Nachkriegsliteratur
- •Thema 18. Deutschsprachige Literatur der Schweiz
- •Thema 19. Die Erzählkunst der Gegenwart
- •Seminarfragen seminar 1.
- •Seminar 2. Die deutsche Romantik
- •Seminar 3. Die großen deutschen Schriftsteller und Romanisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
- •Seminar 4. Bertold Brecht als Erscheinung
- •Seminar 5.
- •Seminar № 6. Frauenliteratur – Literatur der Frauenbewegung?
- •Seminar № 7.
- •Im Zeichen der Post moderne
- •Seminar № 8. Lyrik der beschädigten Welt
- •Теми для повторення матеріалу та для рефератів з німецької літератури
- •Literaturverzeichnis
- •Literatur aus neuerer Zeit
- •Literaturverzeichnis
- •Гаврило Лідія Миколаївна Stichworte zur Geschichte der deutschen Literatur
- •40002, М. Суми, вул. Роменська, 87
Thema 2. Hoch – und Spätmittelalter (1170-1500)
HOCHMITTELALTER (1170-1250)
Zur Geschichte:
1138-1250 – Staufische Kaiser
12. Jh. – Entstehung des Rittertums, deutsche Ostkolonisation, Kreuzzüge, Ketzerbewegungen
1152- 1190 – Regierungszeit Friedrich 1. Barbarossa
1241 – Mongolenschlacht bei Liegnitz; 1343 – Gründung der Hanse.
■Höfische Kultur des Rittertums
Das 12. und 13. Jh. sind die Epoche des fortgeschrittenen Feudalismus in Deutschland. Sie sind gekennzeichnet durch einen bedeutenden wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, durch die Entwicklung von Geldwirtschaft, Handel und Gewerbe, durch das beginnende Wachstum der Städte, vor allem am Rhein und an der Donau. Es ist Blütezeit des Rittertums, die Epoche der italienischen Feldzüge deutscher Kaiser, die Epoche von Kreuzzügen nach Palästina. Es entwickelte sich in dieser Zeit neue ritterliche Kultur, die ihren Ausdruck auch in der reichen Entfaltung der Literatur findet. Neben der geistlichen Literatur entwickelt sich weltliche Versdichtung. Die Träger der neuen Literatur sind neben Geistlichen auch Ritter und Bürgerliche.
Am Ende des 12. Jhs. verlagert sich das Zentrum des kulturellen Lebens nach Südwesten, wo im Verlaufe des 13. Jhs die ritterliche Dichtung aufblüht und sich eine hochmittelalterliche Dichtersprache, das sog. „klassische“ Mittelhochdeutsch, herausbildet. Sie entwickelt sich in dem südwestdeutschen Sprachraum. Hier blühen reiche Städte auf: Augsburg, Straßburg, Basel, Worms, Mainz. Der Rhein wird zur wichtigsten Arterie des deutschen und ausländischen Handels. Der Hof wird zum Mittelpunkt des politischen und kulturellen Lebens des Landes. Mittelpunktfigur in der Realität und Dichtung war der höfische Ritter. Der Begriff „Ritter“, ursprünglich unfreier Lehensträger, verlor allmählich seine sozialgeschichtliche Bedeutung und wurde auch auf Mitglieder des hohen Adels und des Fürstenstandes angewendet. „Ritter“ wurde zu einer überständlichen, eher moralischer Qualität, verlor aber seinen Bezug zu kriegerischer Betätigung und zum Dienstgedanken nicht. Der Ritterstand war international, erlebte sich als große Gemeinschaft in den Kreuzzügen, erarbeitete sich dabei ein Ideal des Ritters. Dazu gehören folgende Tugende:
mâze – Maßhalten, Selbstbeherrschung;
zuht – Erziehung, Beherrschung der gesellschaftlichen Regeln, gutes Benehmen;
hôher muot – seelische Hochstimmung;
êre – Ehre, Ansehen, verlangte Einsatz aller Kräfte für Gott, Lehnsherrn und seine Gattin;
triuwe – Treue, Zuverlässigkeit;
minne – Frauenverehrung;
staete – Beständigkeit;
milte – Freigebigkeit, Erbarmen mit den Schwächeren.
Die Literatur erlebt einen tiefgreifenden Wandel in Themen und Formen
Geschichtsepik – weltlichstark orientierte Dichtung. Das bedeutendste Werk, die Kaiserchronik mit rund 17000 Versen erzählt episodenhaft die Geschichte des römischen Kaisertums von der Gründung Roms bis zu Konrad III. Das Rolandslied-Kampf Karls des Großen und seiner Paladine gegen die Sarazenen in Spanien. „Alexander“ des Pfaffen Lamprecht. Französischer Einfluß.
■Die Hauptgattungen hochmittelalterlicher Dichtung sind:
а)Versepen (Heldenepen und höfische Epen) und b) Lyrik (Minnesang).
Heldenepen stammen vorwiegend aus dem bairisch-österreichischen Sprachraum. Sie knüpfen an die altgermanischen mythischen und historischen Sagen an. Ihre Verfasser sind unbekannt; möglicherweise sind sie das Produkt kollektiver Überlieferung alter Sagen.
Das Niebelungenlied – eines der hervorragendsten mittelalterlichen deutschen Epen; es werden hier die altgermanische mythische Sage von Siegfried und die historische Sage vom Untergang des Burgundenreiches vereinigt. Es entstand um 1200, ist in 34 Handschriften und Fragmenten erhalten. Das Lied umfaßt 39 „ Aventiuren“ mit etwa 2300 Strophen.
Іnhalt: In der Stadt Worms, im Königreich der Burgunder, thront Gunther mit seinen Brüdern Gernot, Giselher und mit der schönen Schwester Kriemhilde. Siegfried, der Königssohn aus Xanten am Niederrhein, wirbt sich um Kriemhilde. Er wird hezlich aufgenommen, muß aber dem Burgunderkönig die Brunhilde, die in Isenstein, in Island herrscht, werben helfen. Sie ist eine Frau von gewaltiger Körperkraft. Siegfried, der eine Tarnkappe besitzt und praktisch unverwundbar ist, besiegt Brunhilde und behält ihren Gürtel und Ring. Nach der glänzenden Doppelhochzeit verleben beide Ehepaare einige glückliche Jahre je in seinem Königreich. Da werden Siegfried und Kriemhilde zu großen Festlichkeiten nach Worms eingeladen. Es kommt zum Streit zwischen beiden Königinnen, wer höhere Macht und Ehre haben soll. Die erzürnte Kriemhilde verrät den Betrug mit der Tarnkappe, Brunhilde strebt nach Rache. Bald darauf erschlägt Hagen, der treue Krieger der Burgunder, den tapferen Siegfried. Der Niebelungenschatz, der Siegfried den Niebelungenzwergen vor vielen Jahren beraubt hat, wird von Hagen in den Rhein geworfen.
Der zweite Teil berichtet von späteren Ereignissen. Die trostlose Krimhilde träumt von der Rache dreizehn lange Jahre. Da wirbt der Hunnenkönig Etzel(Atilla) um ihre Hand und sie willigt ein. Noch dreizehn weitere Jahre sind vergangen, Etzel lädt die Burgunder zu einem Besuch ein. Gunther, seine Brüder Geselher und Gernot ziehen mit prächtigem Gefolge ins Land der Hunnen, die Donau hinab. Alles deutet Gefahr für Burgunder an und warnt sie vor; sie aber folgen ihrem Schicksal entgegen. Schon am zweiten Tag läßt Kriemhilde die Burgunder überfallen, wo kommmen beinahe alle burgundischen Helden um.Nur Gunther und Hagen bleiben am Leben. Von Hagen will Kriemhilde erfahren, wo der Niebelungenschatz verborgen ist. Seine ritterliche Ehre erlaubt ihm nicht den Schwur zu brechen. Da tötet die rasende Königin ihren Bruder und Hagen mit Siegfrieds Schwert. Der Waffenmeister von Dietrich von Bern, der alte Krieger Hildebrand, erschlägt die rachesüchtige Frau, die zwei Königshäuser vernichtet hat.
Das literarische Interesse zu Niebelungenlied erwacht in Deutschland Mitte des 18. Jh. in der Zeit der bürgerlichen Aufklärung. In der Periode der Romantik war es als „deutsche Ilias” gerühmt. Es wurden viele Nachdichtungen geschaffen, darunter besonders bekannt war Wagners Tetralogie „ Der Niebelungenring” (1842-1862), die den Stoff der Sage populär machte.
Als noch ein Beispiel der umgearbeiteten Heldenepen ist das Gudrunlied zu nennen. Es entstand um 1210-1240 in Bayern, ist aber dem Inhalt nach den skandinavischen Quellen nah, ein Epos aus dem Kreis der Wikingersagen. Hier wird in drei Teilen das Leben der Königstochter Gudrun von Irland beschrieben, die gleich nach der Verlobung mit Herweg von Seeland geraubt wurde und 13 lange Jahre auf die Befreiung und ihre Hochzeit gewartet hat.
■Höfische Epen (Kunstepen) sind nach französischen Vorbildern entstanden. Die bekanntesten Dichter sind:
Heinrich von Veldeke (Mitte des12.-Anfang des 13. Jh.) – Vater des deutschen Ritterepos. In Eneit verwandte er keine Mundart mehr, die antiken Helden wurden in mittelalterlichen Umständen geschildert.
Der schwäbische Ritter Hartmann von Aue (1165-1210) – Verfasser der höfischen Epen Erek und Iwein, der Verslegende Der arme Heinrich und zahlreicher Kreuzzugs-und Minnelieder.
Erek und Iwein stellen Mitglieder der Tafelrunde von König Artus dar. Erek hat wegen der Liebe zu seiner Gattin die Ritterpflicht vergessen und seine Ehre verloren. Iwein muß aber die Gunst seiner Frau mühevoll zurückerlangen, weil er zu lange nach ritterlichen Abenteuern suchte. Beide Ritter finden am Ende das rechte Maß zwischen minne und êre.
Die Verslegende Der arme Heinrich ist wohl mit den Familiensagen des Hartmann von Aue verbunden. Sie ist stark christlich gestimmt.
Inhalt: Der reiche und glückliche Heinrich bekommt unerwartet einen entsetzlichen Aussatz und wird seidem von den Freunden gemieden. Die reine, schöne Tochter seines Meiers, die ihn jahrelang pflegt, ist bereit, ihr Leben für Heinrich zu opfern. Beide fahren nach Salerno, wo ein berühmter Arzt das Herz dem unschuldigen Mädchen herausschneiden soll und mit dem Herzblut den aussätzigen Heinrich heilen. In der letzten Minute verzichtet er auf Selbsopfer des Mädchens und will sein Leiden tragen. Nach seiner wundersamen Heilung beginnt Heinrich das neue Leben mit dem Mädchen.
Gottfried von Straßburg (ein Bürgerlicher, gestorben um 1210), der große Epiker des Mittelalters, hat den französichen Ritterroman des normannischen Troubadours Thomas de Bretagne Tristan und Isolde umgearbeitet. Die alte keltische Sage hat bei ihm neue Züge erhalten. Hier sind meisterhaft die Formen des ritterlichen Lebens und die Gefühle der handelnden Personen beschrieben.
Inhalt: Im Auftrag seines Onkels, des Königs Mark, wirbt Tristan um Isoldes Hand. Ihre Mutter hat einen Zaubertrank gemischt, damit Isolde und Mark in ewiger Liebe leben. Aus Versehen trinken Tristan und Isolde davon und werden unlösbar verbunden. Zwar heiratet der edle Marke Isolde, liebt sie Tristan. Die Leidenschaft der Liebenden, die vor Liebeskummer sterben, siegt den Tod: auf ihren Gräbern verschlingen sich Rosenstock und Rebe miteinander.
Wolfram von Eschenbach aus Nordbayern (1170-1220), der bedeutendste höfische Dichter, war wohl ritterlicher Herkunft, mußte doch am Hof der Thüringer und anderer Landgrafen weilen. Sein Hauptwerk, Versroman Parzival, hat zum Ausgangspunkt den Roman des Dichters Chretien de Troyes genommen.Über seine Bedeutung für jene Zeit zeugen etwa 90 Handschriften, die erhalten sind. Der Roman beginnt eine lange Tradition der Entwicklungsromane und tradiert die alte Gralsage. Es gab verschiedene Deutungen des Grals, bei Wolfram ist es ein wertvoller Stein, den die Engel vom Himmel gebracht hatten; er kann ewige Jugend und Seligkeit geben. Parzivals Weg führt von kindlicher Unschuld über weltliches Leben zur Reue und Ziel seines Lebens.
Reich vertreten ist im Süden die ritterliche Lyrik, die Minnesang genannt wird. Als Minnesang wird in der Literatur die Liebeslyrik der Ritterschaft des 12. und 13. Jhs. Bezeichnet. Minne- hohe Liebe des Ritters zu seiner Dame, der er allseine Verehrung widmet. In den Liedern schafft der Sänger eine idealisierte Frauengestalt. Die Minnesänger –fahrende Dichter, wetteiferten miteinander in dem Versbau und Melodie. Die ältesten überlieferten Verse sind anonymDie ältesten überlieferten Verse sind anonym:
dû bist mîn, ih bin dîn: Du bist mein, ich bin dein.
des solt dû gewis sîn. Dessen kannst du ganz sicher sein.
dû bist beslozzen Du bist verschlossen
in mînem herzen: in meinem Herzen:
verlorn ist daz slüzzelîn: verloren ist das Schlüsselchen:
dû muost ouch immer drinne sîn. du mußt für immer drinnen bleiben.
Der erste namentlich bekannte deutsche Lyriker Der von Kürenberg (2.Hälfte 12. Jh.) besingt die Liebe:
Ich zoch mir einen valken
Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr
Dô ich in gezamete als ich in wolte hân
Und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe und floug in anderiu lant.
Sît sach ich den valken schône fliegen:
Er fuorte an sînem fuoze sîdîne riemen,
und was im sîn gewidere alrôt guldîn.
Got sende si zesamene die gerne geliep wellen sîn.
danne – dann, als; 2. Dô-als; in –ihn; gezamete – zähmte; als –wie; hân – haben; 3.im – ihm; gevidere – Gefieder; 4. huop – hob; vil – sehr; hôhe – hoch; anderiu lant – andere Länder; 5. sit –seither; sach – sah; schône – schön; 6. fuorte – führte; sîdîne – seidene; 7. was – war; alrôt – ganz rot; guldin – golden; die…sin – die gerne geliebt sein wollen, die einander zu lieben begehren.
Es sind unter seinem Namen 15 Gedichte erhalten.
Am Thüringer Hof schuf seine Lieder Heinrich von Morungen (12 Jh.). Bei ihm wechseln sich Frauen und – Männerstrophen. Die Liebenden müssen sich trennen, weil der Morgen kommt.
In Wien war Reinmar von Hagenau (der Alte) berühmt. Er ist aber besonders als Lehrer des größten Lyrikers der mittelhochdeutschen Zeit Walther von der Vogelweide (1160- 1227) bekannt. Walther von der Vogelweide stammte vermutlich aus Tirol, lebte aber an vielen Höfen – in Wien, Wartburg, die letzten Jahren in Würzburg. Seine Dichtung ist sowie traditionell der Minne als auch der Liebe zu nichadeligen Frauen gewidmet. Walther von der Vogelweide verfasste auch zahlreiche politische Gedichte (Sprüche), in denen er gegen den Papst und die Willkür der Großfeudalherren auftritt. Etwa 200 seiner Gedichte sind erhalten:
Winter
Uns hat der Winter allerseits Verlust gebracht:
Die Heide und der Wald sind jetzt beide ohne Farben,
wo früher viele Stimmen gar lieblich erklangen.
Sähe ich die Mädchen auf der Straße Ball spielen:
Dann käme auch der Vogelsang zu uns.
Könnte ich doch den Winter verschlafen!
Wenn ich indessen wache, dann ärgere ich darüber,
daß seine Macht so weit und bereit reicht.
Weiß Gott, er wird auch dem Mai Platz machen:
dann pflücke ich Blumen, wo jetzt Reif liegt.
Die Dorfpoesie Neidharts von Reuenthal (1180- 1246) parodiert derb die Minnelyrik in Helden und Sprache und zeugt vom Ende ritterlicher Dichtung.
Höfische Dichtung erreicht um 13. Jh. auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, große Formvollendung. Das Schaffen der mittelhochdeutschen Dichter der Blütezeit kennzeichnet das Streben nach strengem Maß und einwandfreiem Reim. Es entstand ein besonderer literarischer Stil mit einigen Abarten je nach den einzelnen Gattungen der Dichtung, der der Produkt der bewussten literarischen Formung der Sprache war.
SPÄTMITTELALTER (1250 – 1500). Die Dichtung der Bürger
Zur Geschichte:
13.Jh. – Höhepunkt der Städtegründungen; Aufkommen der Geldwirtschaft. Blütezeit von Scholastik und Mystik; 1248 – Grundsteinlegung des Kölner Doms.
1257 –1273 – Interregnum (kaiserlose Zeit); Ausbau der Macht der Fürsten.
1309 – Verlegung des Papssitzes von Rom nach Avignon (bis 1376)
1339 –1454 – Hundertjähriger Krieg zwischen England und Frankreich.
1348 – Erste deutsche Universität in Prag
1346 – Entwicklung von Feuerwaffen trägt zum Niedergang des Rittertums bei.
1415 – Verbrennung des tschechischen Reformators Jan Huß
1445 – Gutenberg entwickelt bewegliche Lettern für den Buchdruck
1453 – Eroberung Konstantinopels durch die Türken
Zwischen ritterlicher und bürgerlicher Dichtung steht wohl die Verserzählung von Werner dem Gärtner Meier Helmbrecht (2 Hälfte des 13 Jhs.). Das Leben wird hier ohne Verschönerung dargestellt. Das entartete Rittertum, die aufgelösten Standesgrenzen und der Alltag der Bauern, denen die Sympatien des Verfassers gegeben sind, zeugen von der Entstehung neuer literarischen Strömungen.Der ehrliche und fleißige Helmbrecht der Ältere wird seinem Sohn entgegengestellt, der auf Warnungen des Vaters nicht aufpasst und sich den Raubrittern gesellt. Sein üppiges Leben dauert aber nicht lange: die Bauern bestrafen alle Räuber mit fürchterlichem Tod.
Die ritterlichen Ideale waren zerfallen. Aufstieg der Städte ließ Kaufleute und Handwerker zu neuen, finanzkräftigen und selbsbewußten Ständen heranwachsen. Zünfte und Gilden entstehen als Ausdruck ihrer Gemeinschaftssinn. Das neugeborene Bürgertum bestimmt ab jetzt die Richtlinien des städtischen Lebens. Es versucht auch das kulturelle Erbe anzueignen. Kreatives Dichten wird handwerkmäßig sorgfältig ausgeübt. Die alten Stoffen werden umgedichtet, meist in Prosa umgeschrieben und vom Erliegen gerettet. Auf diese Weise entwickelten sich aus der Epik die wichtigsten Gattungen dieser Zeit: der Meistersang, das Volksbuch und das Volkslied.
Der Meistersang
Die bildungseifrige Handwerker ahmten den ritterlichen Minnesang nach. Um nötige Fertigkeiten zu formen, sammelten sich die Laier abends oder an Sonntagen in „Schulen“ zusammen. Die erste solche Schule wurde in Mainz gegründet. Sog. Tabulatur schrieb verbindlichen Kanon der vorgegebenen (religiösen) Themen und das pedantische Einhalten der Form vor: Zahl der Silben, die Art des Reimes, die passende Melodie sowie die Unterteilung der Strophen. Die Stufe der Vorbereitung wurde folgenderweise reglementiert:
„Schüler” – Anfänger, der die Regel der Tabulatur nicht kannte;
„Schulfreund” – Geselle, der die Regel schon erlernt hat;
„Singer” – konnte schon fremde Weisen vortragen;
„Dichter” – nach einer fremden Melodie ein eigenes Gedicht anfertigen;
„Meister” mußte zu einem eigenen Gedicht eine eigene Melodie erfinden.
An Feiertagen fand in der Kirche oder im Rathaus das Wettsingen statt. Die Teilnehmer standen im “Singstuhl”, vier Richter, „Merker”, waren hinter dem Vorhang und zählten alle Verstöße gegen die Regel. Der Sieger hieß „Davidsgewinner”, er erhielt eine goldene Plakette mit harfenspielendem David, der zweite Platz wurde mit einem Kranz ausgezeichnet.
Der bedeutendste Vertreter des Meistersanges war Hans Sachs (1494-1576). Der Schuhmacher aus Nürnberg wanderte nach der Lehre 5 Jahre lang, danach arbeitete er auf allen Bereichen sehr produktiv: Ihm gehören mehr als 6000 Werke, darunter 4000 Meisterlieder, 1700 Erzählungen, Schwänke und 200 Spiele.
Aus der „Tischzucht“ (1534) Hans Sachs
Hör Mensch! Wenn du zu Tisch willt gahn,
dein Händ sollt du gewaschen han!
Lang Nägel ziemen gar nit wohl,
die man heimlich abschneiden soll-
Am Tisch setz dich nit oben an,
der Hausherr wöll’s dann selber han!
Den Ätesten anfahen laß!
Nachdem iß züchtiglichermaß!
Nit schnaufe oder säuisch schmatz!
Nit ungestüm nach dem Brot platz,
daß du kein Geschirr umstoßen tust!
Nehm auch den Löffel nit zu voll!
Wer sich beträuft, das steht nit wohl.
Greif auch nach keiner Speis mehr,
bis dir dein Mund sei worden leer!
Red nit mit vollem Mund!
Sei mäßig!
Und käue mit verschloßnem Mund!
Und wisch den Mund, eh du willt trinken,
daß du nit schmalzig machst den Wein!
Trink sittlich und nit hust darein!
Wirf auch auf niemand dein Gesicht,
als ob du merkest auf sein Essen!
Wer neben dir zu Tisch ist g’sessen,
den irre nit mit dem Ellbogen!
Sitz aufgerichtet, fein geschmogen!
Dein Füß laß untern Tisch nit gampern,
und hüt dich auch vor allen Schlampern,
Worten, Nachreden, Gespött, Tät, Lachen!
Gezänk am Tisch gar übel staht.
Und tu dich auch am Tisch nit schneuzen,
sag nichts, darob man Grauen hat,
daß ander Leut an dir nit scheuzen!
Die Fastnachtspiele und Schwänke, die von Anfang an deutsch aufgeführt wurden, stellen satirische Dichtung dar. Schwänke des Pfaffen Amis behandeln den volkstümlichen Stoff und kritisieren in heiterer Form die Torheit der Menschen. Der Autor – er nannte sich der Stricker (gestorben um 1250) – entwickelte in den lehrhaften Moralerzählungen seinen eigenen schlichten, praktischen Stil, höfischem Idealdenken fern. Ihm werden 164 Gedichte zugeschrieben.
Im Laufe mittelhochdeutschen Zeitalters wird auch der Bereich der deutschen Prosa immer mehr erweitert. Hier verzeichnen wir folgende Prosagattungen:
1.Geistliche Prosa – Predigtensammlungen, Bibelübertragungen und Psaltern. Von großer Bedeutung sind die theologischen Schriften der Mystiker, die den ersten Ansatz zur deutschen philosophischen Fachsprache schufen (z.B. Eindruck, Zufall, wesentlich, begreifen; Abstraktsuffixe –heit und –ung). (Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Johannes Tauler, Mechthild von Magdeburg).
2.Historische Prosa – die Sächsische Weltchronik (um 1225) von Patrizier aus Obersachsen Eike von Repgow, der seit dem Ende des 13. Jhs. mehrere Chroniken der Städte folgen.
Rechts-, Geschäfts –und Kanzleiprosa – die Aufzeichnung des Stadtrechts, seit 13. Jh deutsch.
Seit der zweiten Hälfte des 15. ist die Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit begonnen.
