Der allgemeine Wortschatz der Hoch- und Schriftsprache
Der deutsche Wortschatz läßt sich nach den Gebrauchsweisen der Wörter in verschiedener Weise gliedern. Die größte Gruppe bilden die am häufigsten verwendeten Wörter, die im wesentlichen der nur kommunikativen Verwendung bei gefühlsmäßig neutraler Haltung vorbehalten sind. Diese Wörter erscheinen vor allem im schriftsprachlichen Gebrauch in den Presse- und Sachbuch-veröffentlichungen, im Wirtschaftsverkehr und in allgemeinbildenden Texten; aber auch in der mündlichen Ausdrucksweise des öffentlichen Verkehrs wie in der Verkehrssprache der Gebildeten.
Je nach der Verwendungsweise und dem Textinhalt können die Wörter dieses Bereichs im Stilwert schwanken. Sie können ebenso den Eindruck strenger Sachlichkeit wie den beherrschter Emotionalität hervorrufen. Diese Breite der Verwendungsmöglichkeiten lässt es zu, dass diese normalsprachliche Schicht des Wortschatzes auch in Texten der Dichtung oder der Werbung begegnen kann, soweit es dabei nicht auf besondere semantische Wirkungen ankommt.
Als Teil der normalsprachlichen Schicht kann in bestimmten Grenzen auch der Wortschatz der Umgangssprache angesehen werden, soweit er nicht zu sehr von den Mundarten her bestimmt ist. Allerdings finden sich in der Umgangssprache immer wieder Wörter, die im normalen Schriftdeutsch nicht auftauchen (z.B. kriegen für bekommen). Solche Wörter der Umgangssprache können den jeweiligen Texten ein bestimmtes Lokalkolorit verleihen, sie bestimmten Landschaften zuordnen, in denen diese Wörter heimisch sind (z.B. obd. Knödel, Janker, Leberkäse, Jänner). Andere bringen ein sozial geprägtes Kolorit in die hochsprachlichen Texte, das auf die Sprache einfacher Menschen oder bestimmter Berufe etc. verweist. Damit gelangen wir allerdings in den Bereich des besonderen Wortschatzes.
Die Gruppen des besonderen Wortschatzes im Deutschen
Das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ unterscheidet neben der normalsprachlichen und der gehobenen umgangssprachlichen Schicht des Wortschatzes weitere Schichten, die über oder unter diesen genannten Bereichen einzureihen sind.
Über dem normalsprachlichen Wortschatz wird hiernach die gehobene Schicht angesiedelt. Mit dieser Bewertung werden Wörter oder Redewendungen „als Ausdruck einer gepflegten Sprache“ gekennzeichnet, die sich bewusst über Rede und Schrift der Normallage erhebt und u.a. bei feierlichen Gelegenheiten des öffentlichen Lebens verwendet wird (z.B. ableben, empfangen, bekommen, entschlafen). Zu dieser gehobenen Schicht werden auch die „dichterischen“ Wörter und Wendungen gezählt, die nur noch in poetischen Texten vorkommen (z.B. Aar (орел), Fittich (крило), Odem(подих)). Im einzelnen lassen sich diese Gruppen allerdings noch weiter differenzieren nach bestimmten Stilfärbungen, nach der Häufigkeit oder Seltenheit ihres Vorkommens, nach der Bildungsweise u.dgl.
Unter der normalsprachlichen Schicht ordnet das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ zwei andere Stilschichten an: die salopp-umgangssprachliche Schicht (фамільярно-розмовний) und die Schicht vulgärer (вульгарний, непристойний) Wörter und Redewendungen.
Als salopp-umgangssprachlich wird hier der Wortgebrauch bezeichnet, der durch eine gewisse Nachlässigkeit (недбайливість) gekennzeichnet ist, wie es im alltäglichen Verkehr der Menschen untereinander sehr verbreitet ist. Die Wörter und Redewendungen dieser Stilschicht sind mehr oder weniger gefühlsbetont (z.B. Abreibung für Schelte (догана), Affe für Rausch). Den Redewendungen hingen ist oft eine bestimmte volkstümliche Bildhaftigkeit eigen (z.B. Das ist ein Abwasch. Das kannst du dir an den fünf Fingern abzählen! (Це брехня. Це очевидно як білий день). Wörter dieses Bereichs besitzen den Stilwert des Volkstümlich-Ungezwungenen, oft auch den des Unverblümt-Vertraulichen.
Die vulgären Wörter und Wendungen werden vom Standpunkt der anderen Stilschichten aus als ausgesprochen grob empfunden und in der Regel vermieden. In literarischen Texten erscheinen sie gelegentlich zur Charakterisierung bestimmter Personen und ihrer Ausdrucksweise. Am häufigsten begegnen Wörter dieser Stilschicht jedoch in expressiver mündlicher Rede, z.B. bei Beschimpfungen, Zornesausbrüchen o.ä. Bevorzugt werden dabei Zusammensetzungen mit Wortelementen des bäuerlichen oder fäkalen Bereiches (Schweine-, Mist-, Sau-, Drecks-, Scheiß- u.dgl.). Mitunter begegnen diese Wörter aber auch ohne groben Stilwert (z.B. Mistwetter = schlechtes Wetter).
Manchmal sind bestimmte Gruppensprachen von asozialen oder gesellschaftsfernen Gruppen durch die Dominanz von Wörtern dieser Stilschicht gekennzeichnet (Slangwörter oder Argotismen). Einzelne Wörter dieser Stilschicht entstammen dem Rotwelsch (злодійський жаргон), der früheren Gauner- (злодій, шахрай) oder Kundensprache, in die sie aus dem Hebräischen oder dem Jiddischen gelangt sind. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Stilschichten sind nicht immer klar festlegbar und oft von der individuellen Einschätzung des Sprechers oder Hörers abhängig. Insbesondere die Übergänge zwischen normalsprachlichem und gehobenem bzw. umgangssprachlichem Wortschatz sind zumeist fließend. Die stilistische Zuordnung zu den extremen Schichten fällt dagegen leichter. Zu beachten ist dabei auch, dass das gleiche Wort in verschiedenem Kontext zuweilen einen unterschiedlichen Stilwert ausweisen und unterschiedlichen Stilschichten angehören kann. Das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ nennt z.B. bei „aufbauen“ mehrere normalsprachliche Verwendungsweisen und Bedeutungen (z.B. ein Haus bauen, etwas wiederaufbauen, Teile zusammenfügen, bestimmte chemische Umwandlungen, sich auf Gesichertes stхtzen), daneben den gehobenen Ausdruck (für auftürmen, zusammenziehen: z.B. Wolkenberge) und die metaphorisch-saloppe Ersatzform für sich aufstellen (ставати дибом). Ähnliches ist bei vielen anderen Wörtern zu beobachten.
Solche stilistischen Unterschiede sind zuweilen das Ergebnis von Umnormungsprozessen, die zu Wandlungen in der Wortverwendung wie im Stilwert führen. Das Wort Weib z.B. galt früher als normalsprachliche Bezeichnung für Frau, verlor jedoch mit der Durchsetzung des Wortes Frau (ursprünglich: adlige Dame) seinen Rang und rutschte in die salopp-umgangssprachliche, ja sogar in die vulgärsprachliche Stischicht ab. Die Bedeutungsverschlechterung führte zur stilistischen Umnormung.
