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Vorlesung Text aus stilistischer Sicht.docx
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  1. Erzählperspektive

Dieser Begriff ist neu und aktuell in der modernen Literatur- und Stilkunde. Er bildet die Grundlage der Textstilistik, der linguostilistischen Interpretation. Die Erzählperspektive definiert man als „Blickrichtung des Textes in räumlicher, zeitlicher, personaler, gedanklicher Hinsicht“, sie widerspiegelt die ideologische, psychologische, ästhetische Einstellung des Verfassers.

Eine Perspektive gibt es in jeder Art von Kunst: ein Maler wählt einen bestimmten Blickpunkt, von dem aus er die Gegenstände seines Gemäldes wiedergibt, ein Bildhauer berücksichtigt den Standort, die Beleuchtung, die Haltung des von ihm errichteten Denkmals, ein Spielleiter ist immer auf die Bühnenperspektive oder die Filmperspektive bedacht.

Die Erzählpespektive ergibt sich naturgemäß aus der Sprechsituation. Bei der Distanzstellung (Rundfunkt, Fernsehen) wird die unmittelbare räumliche Beziehung gestört, die zeitliche dagegen bleibt erhalten.

Die Zahl der beteiligten Personen und ihr Verhalten sind für die Erzählperspektive ausschlaggebend.

Autor ---- Erzähler – Figuren ---- Leser

(der reale Sender) (Fiktive Romangestalten) (der reale Empfänger)

Man unterscheidet die Erzählperspektive des Autors, des Erzählers, der Figur, des Lesers.

Der Autor kann offen in Szene treten (besonders in der Ich-Form der Erzählung, in autobiographischen Werken, Tagebüchern, Reisebeschreibungen, Memorien).

In der Perspektive des Erzählers ist der Erzähler in der Ich- oder Er-Form. Beide können mit dem Autor identisch sein oder eine beliebige erfundene Gestalt darstellen.

Die Erzählperspektive der Figuren manifestiert sich in der Figurensprache selbst, in der erlebten Rede, teilweise auch in der Autorensprache. Das Geschehen kann vom Blickpunkt einer Figur geschildert werden. Es kann so viele Erzählperspektiven geben, als handelnde Personen mitwirken. Davon signalisieren die Wortwahl und die grammatischen Mittel wie: Artikelgebrauch, Zeitformen-, Moduswechsel, Satzaufbau.

Die Erzählperspektive des Lesers kann in verschiedenem Grad zur Geltung kommen. Jeder Autor ist bestrebt, seinen Leser zu beeinflussen, der eine tut es offen, der andere – versteckt.

Die offene Einstellung auf den Leser wird sprachlich durch verschiedene Mittel angezeigt: durch die Anrede an den Leser; durch Fragesätze, die den Leser aktivieren sollen; Ausrufesätze, Schaltsätze; die lexische Auswahl. Die Ich-Form schafft den Eindruck der Kontaktaufnahme mit dem Leser.

Ein Roman im Briefstil erweckt den Anschein, an einen Adressaten gerichtet zu sein, daher ist diese Form vertraulicher als die Er-Form der Erzählung.

Was die zeitliche Perspektive angeht, so gibt es hier einige Merkmale:

  1. Das Präteritum markiert die Gestalt des „objektiven“ Erzählers, das Präsens leitet eine andre Gestalt ein, z.B.:

Er war – wie oft, wenn wir mit einem Schlag wach werden – übernatürlich hellsichtig und klar; dennoch musste er sich orientieren, und erst nach einigen Augenblicken, die uns dann Ewigkeiten scheinen, fand er sich zurecht /Dürrenmatt/.

Auf deines Großvaters Hochzeit tanzten sie miteinander, und ich entsinne mich wohl, sie machten ein schönes Paar zusammen. Es ist aber das letzte Mal gewesen, er nahm bald darauf seinen Abschied und kaufte sich weit von hier ein Landhaus.

Man nutzt hier den Zeitformenwechsel aus, um den Leser aus einer Epoche in die andere hinüberzutragen. Drei Zeitformen entsprechen drei zeitlichen Perspektiven: das Präsens gibt den Zeitpunkt des Erzählers an, das Perfekt hebt eine Lebensperiode der Figuren gegen die andere ab, ihr Schicksal ist in der Form des epischen Präteritums dargelegt.

Das Plusquamperfekt am Eingang eines Abschnitts enthält eine Einleitung, Exposition:

Vierzehn Tage waren verflossen, und Herr Friedrich hatte seinen Fuß noch nicht wieder über die Schwelle des Familienhauses gesetzt (Th.Storm, Die Söhne des Senators).

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