
- •Isbn 978-966-698-130-4
- •Передмова
- •Inhaltsverzeichnis
- •Seminar № 2
- •II. Німецька література епохи Просвітництва (хvііі ст.) seminar № 3
- •Seminar № 4
- •Seminar № 5
- •Teil III. Розвиток німецькомовної літератури у першій половині 19 століття seminar № 6
- •Seminar № 7
- •Seminar № 8
- •Teil IV. Німецька література кінця 19-початку 20 століття seminar № 9
- •Seminar № 10
- •Teil V. Німецькомовна література середини 20 століття seminar № 11
- •Seminar № 12
- •Teil VI. Тенденції розвитку сучасної німецької літератури seminar № 13
- •Im Zeichen der Postmoderne
- •Seminar № 14
- •Seminar № 15
- •Teil I. Deutschsprachige Literatur von Anfängen bis Ende des 17. Jahrhunderts thema 1. Von Anfängen bis zum Ende des frühen Mittelalters (750 – 1170)
- •Heldenepos. Das nibelungenlied
- •Thema 2. Hoch – und Spätmittelalter (1170-1500). Minnesang
- •Ich zoch mir einen valken
- •Thema 3. Renaissance, Humanismus, Reformation (1470 – 1600)
- •Thema 4. Barock (1600 – 1700)
- •Martin opitz: das buch von der deutschen poeterey, 1624
- •Von der Disposition oder abtheilung der dinge
- •Von denen wir schreiben wollen
- •Tod und schlaf
- •Es ist alles eitel
- •An die Welt
- •Hans Christoffel Grimmelshausen (1622-1676)
- •Thema 5. Pietismus, Rokoko und Empfindsamkeit (1670 -1780)
- •Teil II. Deutschsprachige Literatur des 18. Jahrhunderts thema 6. Aufklärung (1700 -1785)
- •Geschichte der abderiten
- •Viertes Buch
- •Erstes kapitel
- •Veranlassung des prozesses
- •Der wolf und das schaf
- •Thema 7. Sturm und Drang (1767-1785). Herder. Goethes Werk. Der junge Schiller
- •Friedrich maximilian klinger
- •Sturm und Drang
- •1. Auftritt
- •Jakob michael reinhold lenz
- •Der Hofmeister
- •1. Szene
- •4. Szene
- •5. Szene
- •Johann wolfgang goethe Die Leiden des jungen Werther
- •Willkommen und Abschied
- •Wandrers Nachtlied
- •Erlkönig
- •Johann friedrich schiller (1759-1805)
- •31. Der Zeitpunkt
- •62. Wissenschaft
- •Ernst theodor amadeus hoffmann
- •Der goldene Topf
- •1815 (Auszug)
- •Des knaben wunderhorn
- •Wenn ich ein Vöglein war
- •An einen Boten
- •Thema 10. Zeitalter der Restauration: Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz (1815-1848)
- •Der Hessische Landbote
- •Zum Neuen Jahr
- •Die schlesischen weber
- •Thema 11. Die Entstehung der österreichischen Literatur. Östereichische Klassik (1815-1848). Grillparzer, Stifter
- •Franz Grillparzer der arme spielmann
- •Das alte siegel (Auszug)
- •Teil IV. Deutschsprachige Literatur des ausgehenden 19. – Anfang des 20. Jahrhunderts thema 12. Der poetische (bürgerliche) Realismus (1850-1890)
- •Vierte Szene
- •Romeo und julia auf dem dorfe
- •Thema 13. Die Epoche des Naturalismus (1880-1900)
- •Bahnwärter Thiel Novellistische studie aus dem märkischen kiefernforst
- •Thema 14. Literatur der Jahrhundertwende (1890-1920): Impressionismus, Symbolismus, Neuklassik
- •Blaue hortensie
- •Thema 15. Ästhetisches Programm Angang des 20. Jahrhunderts. Modernismus, Expressionismus (1910-1925)
- •Der aufbruch
- •Thema 16. Die Literatur zwischen zwei Weltkriegen
- •Der blaue Trenchcoat (Auszug aus dem Roman „Kleiner Mann, Was nun“ 1932)
- •Vom kleinen beamten
- •Teil V. Deutschsprachige Literatur Mitte des 20. Jahrhundert thema 17. Nachkriegszeitliteratur in der brd. (1945-1970)
- •Die küchenuhr
- •Die prinzessin
- •Wanderer, kommst du nach spa...
- •Heinrich böll der lacher
- •Thema 18. Die literatur der ddr (1945-1990)
- •Die Liebenden
- •Thema 19. Die österreichische Literatur in der Nachkriegszeit
- •Die einschüchterung
- •Der junge mann
- •Teil VI. Die erzählkunst der gegenwart
- •Der milchmann
- •Peter bichsel die tochter
- •Die einzahl und die mehrzahl
- •Zentralbahnhof
- •Jochen Schmidt Schriftsteller, die ich gerne wäre Teil 1: Thomas Bernhard
- •Anhang I. Kurzbiographien der modernen Autoren (für die Seminare №№ 13-15).
- •Anhang iі. Перелік літератури, рекомендованої для вивчення курсу
- •40002, М. Суми, вул. Роменська, 87
Der junge mann
Der junge Mann versucht, einem alten Mann zu beweisen, daß er, der junge Mann, allein ist. Er sagt ihm, er sei in die Stadt gekommen, um Menschen kennenzulernen, aber es sei ihm bis jetzt noch nicht gelungen, auch nur einen Menschen zu finden. Er habe verschiedene Mittel angewendet, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Aber er habe sie abgestoßen. Sie ließen ihn zwar ausreden und hörten ihm auch zu, aber sie wollten ihn nicht verstehen. Er habe ihnen Geschenke mitgebracht; denn mit Geschenken könne man Menschen zur Freundschaft und zur Anhänglichkeit verführen. Aber sie nähmen die Geschenke nicht an und setzten ihn vor die Tür. Er habe tagelang darüber nachgedacht, warum sie ihn nicht haben wollten. Aber er sei nicht daraufgekommen. Er habe sich sogar verwandelt, um Menschen zu gewinnen; er sei bald der und bald jener gewesen, und es sei ihm gelungen, sich zu verstellen, aber auch auf diese Weise habe er nicht einen Menschen gewonnen. Er redet auf den alten Mann, der neben seiner Haustüre sitzt, mit einer solchen Gewalttätigkeit ein, daß er sich plötzlich schämt. Er tritt einen Schritt zurück und stellt fest, daß in dem alten Mann nichts vorgeht. In dem alten Mann ist nichts, das er wahrnehmen könnte. Jetzt läuft der junge Mann in sein Zimmer und deckt sich zu.
ILSE AICHINGER (1921 Wien - ) wurde von den Mitgliedern der Gruppe 47 als „ein zartes, vielgeliebtes Kind“ behandelt. Zusammen mit ihrem Mann, dem Lyriker und dem Hörspielautor Günter Eich, vertritt sie den Widerstand gegen politische Systeme, Macht und Machtträger in allen Formen der Literatur. Bekannt ist auch ihr erstes Buch, der Roman Die größere Hoffnung (1948)- dokumentarische, historische, autobiographische Realität über das Leben eines halbjüdischen Kindes in den Jahren des Kriegs und der Naziherrschaft. Das Zentrum ihres Werks bilden Erzählungen, die Lesebuchklassiker geworden sind. Zu solchen gehört auch die Erzählung „Das Fenster-Theater“
DAS FENSTER-THEATER
Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber. Der Wind trieb in leichten Stößen vom Fluß herauf und brachte nichts Neues. Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor Ihrem Haus niedergefahren zu werden. Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock, die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf. Alles lag zu tief unten. Als sie sich eben vom Fenster abwenden wollte, bemerkte sie, daß der Alte gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat. Die Frau blieb am Fenster.
Der Alte öffnete und nickte herüber. Meint er mich? dachte die Frau. Die Wohnung über ihr stand leer, und unterhalb lag eine Werkstatt, die um diese Zeit schon geschlossen war. Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte wieder. Er griff sich an die Stirne, entdeckte, daß er keinen Hut aufhatte, und verschwand im Innern des Zimmers.
Gleich darauf kam er in Hut und Mantel wieder. Er zog den Hut und lächelte. Dann nahm er ein weißes Tuch aus der Tasche und begann zu winken. Erst leicht und dann immer eifriger. Er hing über die Brüstung, daß man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn nur zu bestärken. Er ließ das Tuch fallen, löste seinen Schal vom Hals - einen großen bunten Schal - und ließ ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte er. Und als sie noch einen weiteren Schritt zurücktrat warf er den Hut mit einer heftigen Bewegung ab und wand den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte er die Arme über der Brust und verneigte sich. Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete ihr solange Vergnügen, bis sie plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt.
Und während er, in ein Leintuch gehüllt, abwechselnd an beiden Fenstern erschien, unterschied sie schon drei Gassen weiter über dem Geklingel der Straßenbahnen und dem gedämpften Lärm der Stadt das Hupen des Überfallautos. Denn ihre Erklärung hatte nicht sehr klar und ihre Stimme erregt geklungen. Der alte Mann lachte jetzt, so daß sich sein Gesicht in tiefe Falten legte, streifte dann mit einer vagen Gebärde darüber wurde ernst, schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten und warf es dann hinüber. Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen.
Sie kam atemlos unten an. Eine Menschenmenge hatte sich um den Polizeiwagen gesammelt. Die Polizisten waren abgesprungen, und die Menge kam hinter ihnen und der Frau her. Sobald man die Leute zu verscheuchen suchte, erklärten sie einstimmig, in diesem Hause zu wohnen Einige davon kamen bis zum letzten Stock mit. Von den Sturen beobachteten sie, wie die Männer, nachdem ihr Klopfen vergeblich olieb und die Glocke allem Anschein nach nicht runktionierie die Tür aufbrachen. Sie arbeiteten schnell und mit einer Sicherheit, von der jeder Einbrecher lernen konnte. Auch in dem Vorraum, dessen Fenster auf den Hof sahen zögerten sie nicht eine Sekunde. Zwei von ihnen zogen die Stiefel aus und schlichen um die Ecke. Es war inzwischen finster geworden. Sie stießen an einen Kleiderständer, gewahrten den Lichtschein am Ende des schmalen Ganges und gingen ihm nach. Die Frau schlich hinter ihnen her.
Als die Tür aufflog, stand der alte Mann mit dem Rucken zu ihnen gewandt noch immer am Fenster. Er hielt ein großes weißes Kissen auf dem Kopf, das er immer wieder abnahm, als bedeutete er jemandem, daß er schlafen wolle. Den Teppich, den er vom Boden genommen hatte, trug er um die Schultern. Da er schwerhörig war, wandte er sich auch nicht um, als die Männer schon knapp hinter ihm standen und die Frau über ihn hinweg in ihr eigenes finsteres Fenster sah.
Die Werkstatt unterhalb war, wie sie angenommen hatte, geschlossen. Aber in die Wohnung oberhalb mußte eine neue Partei eingezogen sein. An eines der erleuchteten Fenster war ein Gitterbett geschoben, in dem aufrecht ein kleiner Knabe stand. Auch er trug sein Kissen auf dem Kopf und die Bettdecke um die Schultern. Er sprang und winkte herüber und krähte vor Jubel. Er lachte, strich mit der Hand über das Gesicht, wurde ernst und schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten. Dann warf er es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht.
Günter Eich (1.02.1907-20.12.1972), einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit und Schöpfer des poetischen Hörspiels. Sein Werk ist nicht umfangreich – ein halbes Dutzend Gedichtbände, 30 Hörspiele, 2 Marionettenspiele, ein paar Kurzgeschichten. „Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen. Ich schreibe Gedichte , um mich in der Wirklichkeit zu orientieren“. Sein Stil ist lakonisch, knapp, distanziert. Nach dem Krieg widmet er sich dem Hörspiel, obwohl die ersten Versuche Eichs schon in den 20-er Jahren liegen.Das Hörspiel „Träume“(1950) hat in der Gesellschaft reges Interesse erweckt. Als erster hat der Verfasser seine Mitbürger vor der scheinbaren Sicherheit gewarnt, die Möglichkeit der Machtmißbrauch abgelehnt. Jeweils zum Ende der vier Träume appeliert der Autor an seine Hörer: „Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind! Seid mißtrauisch gegen ihre Macht...Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“.
Träume. |
Der dritte Traum |
||
Von einer Stunde X, deren es bekanntlich sehr verschiedene geben kann, träumte am 27. April 1950 der Automechaniker Lewis Stone in Freetown, Queensland, Australien. Es darf beruhigend vermerkt werden, daß Stone sich derzeit der besten Gesundheit erfreut und seinen Traum längst vergessen hat. Singen und Gelächter von Männer-, Frauen- und Kinderstimmen. Als der Lärm einmal nachläßt, hört man die sich nähernde Nachbarin. |
|||
NACHBARIN |
Hallo! He! Ihr! |
||
|
Es wird still. |
||
VATER |
Was gibts, Nachbarin? |
||
NACHBARIN |
nahe: Ihr lacht! |
||
MUTTER |
Warum sollen wir nicht lachen? |
||
VATER |
Wir sind glücklich. |
||
NACHBARIN |
Wie könnt ihr das? |
||
VATER |
Wir haben fünf Kinder und das tägliche Brot. Habt Ihr Sorgen, |
||
|
Nachbarin? |
||
NACHBARIN |
Wißt ihr nicht, daß der Feind kommt? |
||
VATER |
Der Feind? |
||
NACHBARIN |
Man hat ihn auf der Straße von Sydney her gesehen. |
||
MUTTER |
Es muß nicht sein, daß er hierher kommt. |
||
NACHBARIN |
Wohin führt die Straße sonst? |
||
MUTTER |
Es muß nicht sein, daß er in unser Haus kommt. |
||
NACHBARIN |
Nein, vielleicht kommt er in meines, - und deswegen macht mich |
||
|
euer Lachen zornig. Sich entfernend. Lebt wohl und verschließt |
||
|
eure Türen. Gute Nacht. |
||
VATER |
Das Tor ist verschlossen. |
||
MUTTER |
Schau hinaus: Alle Lampen verlöscht. |
||
VATER |
Wir wollen unsere auch auslöschen. |
||
MUTTER |
Ja. |
||
VATER |
So ist es besser. |
||
MUTTER |
Wo bist du, Bob, wo bist du, Elsie? |
||
BOB |
Hier. |
||
ELSIE |
Hier. |
||
VATER |
Vielleicht ist es nicht wahr. Wir hätten fragen sollen, wer ihn |
||
|
gesehen hat. Der Feind, - wer erkennt ihn schon! |
||
BOB |
Ist jetzt Krieg, Mama? |
||
MUTTER |
Es ist immer Krieg. |
||
VATER |
Wir werden die Fenster aufmachen, aber die Vorhänge zuziehen. |
||
|
Sie tun es. |
||
VATER |
Wenn wir jetzt den Vorhang ein wenig beiseite tun, können wir |
||
|
hinausschauen. |
||
MUTTER |
Es ist finster draußen, nichts zu sehen. |
||
VATER |
Es ist Neumond. |
||
MUTTER |
Und alles ist ganz still. |
||
ELSIE |
Es ist nicht still, Mama. Ich höre etwas. |
||
VATER |
Was hörst du? |
||
ELSIE |
Ich weiß nicht, was es ist, aber ich höre etwas. |
||
|
Man hört entfernt ein tappendes Geräusch, als nähere sich ein |
||
|
unförmiges Wesen. |
||
MUTTER |
Was ist das? |
||
VATER |
Schritte. |
||
MUTTER |
So geht doch niemand. |
||
VATER |
Still! |
||
|
Die tappenden Schritte kommen näher. |
||
ELSIE |
Es sind Schritte, Mama. |
||
BOB |
Es kommt hierher. |
||
|
Die Schritte kommen dröhnend nahe und halten an. |
||
|
Das Folgende flüsternd gesprochen. |
||
MUTTER |
Jetzt hält er an. |
||
VATER |
Ganz nahe an unserm Haus. |
||
MUTTER |
Es kann auch woanders sein. Der Schall täuscht. Sieh hinaus! |
||
VATER |
Ich sehe nichts. |
||
|
Pause. |
||
|
Nein, ich sehe nichts, aber es ist wie ein grüner Schein in altem |
||
|
Holz, wie der Schein nachts auf der Uhr. |
||
MUTTER |
Still! |
||
BOB |
Es bewegt sich. |
||
|
Man hört drei nachdrückliche Schläge an das Hoftor. |
||
VATER |
Er klopft bei uns. |
||
MUTTER |
Nein, nicht bei uns. |
||
VATER |
Bei uns. |
||
MUTTER |
aufschluchzend: Nein. |
||
VATER |
Still! Nicht weinen! Er darf uns nicht hören. |
||
MUTTER |
Wir tun, als schliefen wir. |
||
|
Drei Schläge wie vorher. |
||
BOB |
Will er zu uns, Mama? |
||
MUTTER |
Ja, er will ins Haus. |
||
BOB |
Vielleicht denkt er, es ist niemand da, und er geht woanders hin. |
||
MUTTER |
Er geht nirgendwo anders hin als zu uns. Er hat uns ausgewählt. |
||
ELSIE |
Warum gerade uns? |
||
MUTTER |
Ach Kind, - vielleicht weil wir glücklich waren. |
||
ELSIE |
Mag er das nicht? |
||
VATER |
Sprecht nicht so laut! |
||
MUTTER |
Was werden wir tun? |
||
|
Die Schläge wie vorher. |
||
VATER |
Wir gehen durch den Hinterausgang hinaus. Schnell! |
||
MUTTER |
Wir müssen etwas mitnehmen, Kleidung, Essen. |
||
VATER |
Nichts! Du weißt, daß wir nichts mitnehmen dürfen. Er merkt es. |
||
|
Das Tor wird mit dumpfen Schlägen eingeschlagen. |
||
VATER |
Er schlägt das Tor ein. Schnell fort! |
||
MUTTER |
Kommt, Kinder! |
||
VATER |
Hier hindurch! |
||
MUTTER |
Seid ihr da? Bob, Elsie, Cathy, Fred! |
||
KINDER |
Hier, hier! |
||
|
Die Stimmen entfernen sich währenddessen. |
||
|
Nachdem das Tor eingefallen ist, nähern sich die mächtig stapfenden Schritte und halten an. - Stille. |
||
|
Das Folgende im Freien. |
||
BOB |
Wohin gehen wir, Mama? |
||
MUTTER |
Ich weiß es nicht. |
||
VATER |
Die Nachbarin wird uns aufnehmen. Er ruft flüsternd. |
||
|
Hallo, Nachbarin! |
||
NACHBARIN |
Kommt nur herein. Ich dachte mir schon, daß ihr kommt. |
||
|
Während des Folgenden geht das Geräusch in einen geschlossenen |
||
|
Raum über, - die Flüchtlinge treten ins Haus. |
||
NACHBARIN |
Aber ich habe nicht soviel Betten. Ihr müßt auf dem Boden schlafen. |
||
VATER |
Das macht nichts. |
||
MUTTER |
Kann man von Euch aus sehen, was er drüben tut? |
||
NACHBARIN |
Er hat alle Lichter angezündet und scheint etwas zu suchen. |
||
VATER |
Wir haben nichts mitgenommen. |
||
NACHBARIN |
Natürlich nicht. |
||
ELSIE |
leise: Du, Bob! |
||
BOB |
ebenso: Was? |
||
ELSIE |
Ich habe was mitgenommen. Meine Puppe. |
||
BOB |
Sei still, sag nichts. |
||
MUTTER |
Daß er gerade uns gewählt hat! |
||
NACHBARIN |
Das sind die Auszeichnungen, nach denen man nicht verlangt. |
||
VATER |
Ob wohl jemand schläft heute? |
||
NACHBARIN |
Niemand. |
||
VATER |
Oder alle, bei denen er nicht geklopft hat. |
||
MUTTER |
Es wird schon langsam hell. |
||
NACHBARIN |
Morgen wird alles seinen gewohnten Gang gehen. |
||
VATER |
Außer bei uns. |
||
NACHBARIN |
Habt ihr wirklich nichts mitgenommen? |
||
MUTTER |
Nichts. Es war ja auch dunkel, wir hätten nichts finden können. |
||
NACHBARIN |
Er sucht immer noch. |
||
MUTTER |
Wie sieht er aus? |
||
NACHBARIN |
Ein kleiner Mann, gar nichts Besonderes. |
||
MUTTER |
Sein Gesicht? |
||
NACHBARIN |
Ich habe es noch nicht gesehen. |
||
VATER |
Laßt mich auch hinüberschauen. |
||
NACHBARIN |
Er kommt ans Fenster. Er sieht hinaus. |
||
VATER |
Ich sehe sein Gesicht. Er hat Augen, als wäre er blind. |
||
NACHBARIN |
Er sieht hier herüber. Geht vom Fenster weg! |
||
VATER |
Ich sehe, daß er blind ist, und dennoch machen mich seine Augen fürchten. |
||
NACHBARIN |
Er schaut immer hier herüber. Er hat mich gesehen. Vielleicht muß ich ihn begrüßen? Sie ruft hinaus. Guten Morgen, Herr Nachbar! |
||
|
Stille. |
||
NACHBARIN |
Er antwortet nicht. Es fröstelt mich. Er schaut unverwandt her- über. |
||
VATER |
Er ist blind. |
||
MUTTER |
Herr Nachbar habt Ihr gesagt. |
||
VATER |
Ihr habt Euch schnell umgestellt. |
||
NACHBARIN |
Er schaut unverwandt herüber. |
||
VATER |
Ihr habt uns schon abgeschrieben, nicht wahr? |
||
NACHBARIN |
ruft: Ich begrüße Euch, Herr Nachbar. |
||
|
Stille. |
||
VATER |
Er antwortet nicht. Vielleicht ist er auch taub und stumm. |
||
NACHBARIN |
Er schaut unverwandt hierher. Ihr müßt fort. |
||
MUTTER |
Fort? Warum? |
||
VATER |
Wohin? |
||
NACHBARIN |
Ihr müßt fort. Er will nicht, daß Ihr hier seid. |
||
MUTTER |
Seid nicht hartherzig, Nachbarin. Seht, das Kleine ist eben eingeschlafen. |
||
NACHBARIN |
Fort, schnell fort! |
||
VATER |
Kommt, wir gehen in ein anderes Haus. |
||
MUTTER |
Kommt, Kinder! |
||
|
Ihre Stimmen entfernen sich. |
||
VATER |
Bob, Elsie, Bill, Cathy, Fred! |
||
KINDER |
Hier. Ich bin müde. Hier. |
||
NACHBARIN |
allein: Jetzt sieht er nicht mehr herüber. Oh, ich weiß genau, daß er nicht blind ist. Er sieht besser als wir alle. |
||
|
Pause. |
||
|
Das Folgende im Freien. |
||
VATER |
Kommt, wir läuten hier. Der Bürgermeister war immer unser |
||
|
Freund. Er muß uns eine andere Wohnung geben. |
||
|
Klingel. |
||
|
Ein Fenster wird geöffnet. |
||
BÜRGERMEISTER |
Was wollt ihr? |
||
VATER |
Ihr wißt es, Bürgermeister. Wir mußten unser Haus verlassen. |
||
BÜRGERMEISTER |
Geht weiter, ihr gehört nicht mehr zu uns. |
||
VATER |
Aber - |
||
BÜRGERMEISTER |
Nichts aber. Ihr habt kein Haus mehr in Freetown. Und ihr seid Diebe. |
||
MUTTER |
Diebe? |
||
BÜRGERMEISTER |
Trägt Elsie nicht ihre Puppe auf dem Arm? |
||
MUTTER |
Die Puppe? Mein Gott, Elsie, hast du die Puppe mitgenommen?. |
||
|
Warum hast du das getan? |
||
ELSIE |
Weil ich sie lieb habe. |
||
VATER |
Wir müssen sie zurückbringen. |
||
BÜRGERMEISTER |
Zu spät, Ihr habt euch ins Unrecht gesetzt, und wir sind alle froh, daß ihr das getan habt. Ich bin einer Freund, ich rate euch, geht fort, ehe ihr verhaftet werdet. Kein Wort mehr! |
||
|
Er schlägt das Fenster zu. |
||
VATER |
Kommt, wir müssen weiter. |
||
ELSIE |
Darf ich die Puppe mitnehmen? |
||
MUTTER |
Nimm sie mit, mein Kind. |
||
VATER |
Das dürfen wir nicht. |
||
MUTTER |
Weil sie sie lieb hat. |
||
VATER |
Nun gut, weil sie sie lieb hat. |
||
MUTTER |
Wohin? |
||
VATER |
Vielleicht nimmt uns ein anderer auf. |
||
MUTTER |
Niemand nimmt uns auf. |
||
VATER |
Hallo, Nachbar! |
||
STIMME |
Zum Teufel, ich bin nicht dein Nachbar. Schert euch fort, landfremdes Gesindel! |
||
VATER |
Sind wir nicht alle hier geboren? |
||
STIMME |
Fort, fort! Denkt ihr, wie wollen uns euretwegen die Finger verbrennen? |
||
VATER |
Kommt! |
||
MUTTER |
Wir brauchen niemanden mehr zu fragen. Sie stehen alle hinter den Gardinen und sehen uns nach. Niemand ruft uns herein. Alle sind froh, wenn wir gehen. |
||
VATER |
Sie haben alle Angst. Man darf es ihnen nicht übelnehmen. |
||
MUTTER |
Nein, sie sind alle ebenso armselig wie wir. |
||
VATER |
Wir haben unsere Kinder. |
||
MUTTER |
Und Elsie ihre Puppe. |
||
ELSIE |
Ja, meine Puppe. |
||
VATER |
Jetzt hören die Häuser auf. Gott sei Dank, wir kommen ins Freie. Es ist ganz hell. |
||
MUTTER |
Und wohin gehen wir? |
||
VATER |
Ja, wohin? |