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Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen!

Die Wolken, welche ihnen beigegeben

Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Aus einem Leben in ein andres Leben

In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

Daß also keines länger hier verweile

Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren

Die jetzt im Fluge beieinander liegen

So mag der Wind sie in das Nichts entführen

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

Solange kann sie beide nichts berühren

Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin ihr? Nirgendhin. Von wem davon? Von allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem.

Und wann werden sie sich trennen? Bald.

So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Thema 19. Die österreichische Literatur in der Nachkriegszeit

HEIMITO VON DODERER (1896-1966) ist ein bekannter Dichter, einer der wichtigsten Wegbereiter der neuen Erzählkunst in Österreich. Er ist als Autor der großen Zeitromane „Die Strudlhofstiege“und „Die Dämonen“ berühmt geworden, an denen er Jahrzehnte hindurch gearbeitet hat.

Die einschüchterung

Es war die Tat einer Teekanne, in mir unwiderruflich die Erkenntnis zu befestigen, daß allein der Entschluß und Mut zur Devastierung der eigenen Wohnräume die Tücke der Objekte für längere Zeit zurückzuscheuchen und zu bannen vermögen. Jene Teekanne, die ich schon sieben Jahre besaß, biß mich eines Morgens überraschend in den linken, nur mit einem leichten Hausschuh bekleideten Fuß, eben als ich sie gefüllt aus der Küche gebracht hatte. Der Biß gelang ihr durch Vorstrecken des Schnabels und Fallenlassen mehrerer heißer Tropfen. Glücklicherweise behielt ich den Überblick, trotz des empfindlichen Schmerzes. Ich stellte die Kanne sorgfältig ab und neuerlich Wasser im Kessel auf die Gasflamme in der Küche; dazu bereitete ich die Teebüchse und eine andere Porzellankanne vor. Jene, die gebissen hatte, entleerte ich durch Fortschütten des frischen Tees, den sie enthielt, und ließ die Beißerin auskühlen. Endlich Posto fassend gegenüber einem Bilde unter Glas und Rahmen, welches mir verdächtig geworden war durch einen blinkenden Blick auf mein Unglück, der sehr leicht auch ein solcher des Einverständnisses mit der beißenden Teekanne gewesen sein konnte, ergriff ich nunmehr diese selbst, ging auf Distanz von etwa vier Meter vom Bilde und warf die Kanne wie einen Diskus mit kräftiger Wendung aus den Hüften. Die Leichen ließ ich vier Stunden an Ort und Stelle liegen. Nach dem Wurf hatte ich nur ein einziges Mal kurz und drohend gebrüllt. Es steht jedoch außer Zweifel, daß der exekutive Vorgang von zahllosen gestielten Äuglein im Zimmer ad notam genommen worden ist. Denn in diesem Raume blieb ich durch fast ein volles Jahr von allen Kniffen und Pfiffen, Bissen, Nucken und Tükken der insitzenden Objekte verschont. Erst nach Ablauf der angegebenen Zeit wagte es einmal mein Rasierapparat, mich am rechten Ohre zu zupfen. Doch ist das eine Angelegenheit besonderer Art gewesen und ohne Zusammenhang mit der eben erzählten.

THOMAS BERNHARD (1931-) hat einen bedeutenden Beitrag zum deutschsprachigen surrealistischen Roman der Gegenwart geleistet. In seinen Werken steht der Mensch am Rand der Gesellschaft und ist der vollen Vereinsamung ausgesetzt. Krankheit, Tod, Verwesung, Auflösung des Körpers, des Geistes, des Individuums und der Gesellschaft üben eine seltsame Faszination auf den Dichter aus und setzen Akzente des Grauens in seinem Werk.

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