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Der aufbruch

Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wußte nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“ „Du kennst also dein Ziel?“ fragte er. „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch: 'Weg-von-hier', das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Eßvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann micht retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheuere Reise.“

Thema 16. Die Literatur zwischen zwei Weltkriegen

Hans Fallada (Rudolf Ditzen, 1893-1947).

Der blaue Trenchcoat (Auszug aus dem Roman „Kleiner Mann, Was nun“ 1932)

Arbeitslosennot des kleinen Angestellten wird in den Traditionen des Realismus dargestellt.

Es ist der 31. Oktober, morgens neuneinhalb Uhr. Pinneberg ist in der Herrenkonfektionsabteilung der Firma Mandel tätig.

Langsam kommt Leben in das Geschäft. Eben noch standen alle Verkäufer herum, schrecklich gelangweilt, nur ganz offiziell beschäftigt, und nun verkaufen sie plötzlich. Wendt ist in Arbeit, Lasch verkauft, Heilbutt verkauft. Nun Keßler, der hat es auch nicht abwarten können; eigentlich wäre Pinneberg dran gewesen. Aber schon hat auch Pinneberg seinen Käufer, jüngeren Herrn, einen Studenten. Doch Pinneberg hat kein Glück: der Student mit den Schmissen verlangt kurz und knapp einen blauen Trenchcoat.

Es schießt durch Pinnebergs Hirn: „Keiner am Lager. Der läßt sich nichts aufschwatzen. Keßler wird grinsen, wenn ich 'ne Pleite schiebe. Ich muß die Sache machen . . .“

Und schon hat er den Studenten vor einem Spiegel: „Blauer Trenchcoat, jawohl. Einen Moment bitte. Wenn wir erst einmal diesen Ulster überprobieren dürften?"

„Ich will doch keinen Ulster", erklärt der Student.

„Nein, selbstverständlich nicht. Nur der Größe wegen. Wenn der Herr sich bemühen wollen. Sehen Sie - ausgezeichnet, was?"

„Na ja", sagt der Student. „Sieht gar nicht so schlecht aus. Und nun zeigen Sie mir mal einen blauen Trenchcoat."

„Neunundsechzig fünfzig", sagt Pinneberg beiläufig und führt vor, „eines unserer Reklameangebote. Im vorigen Winter kostete der Ulster noch neunzig. Angewebtes Futter. Reine Wolle . . ."

„Schön", sagt der Student. „Den Preis wollte ich ungefähr anlegen; aber ich möchte einen Trenchcoat. Zeigen Sie mir mal . . ."

Pinneberg zieht langsam und zögernd den schönen Marengo-Ulster aus. „Ich glaube nicht, daß Ihnen irgend etwas anderes so gut stehen würde. Blauer Trenchcoat ist eigentlich ganz abgekommen. Die Leute haben ihn sich übergesehen."

„Also, nun zeigen Sie mir endlich -!" sagt der Student sehr energisch. Und sachter: „Oder wollen Sie mir keinen verkaufen?"

„Doch, doch. Alles, was Sie wollen." Und er lächelt auch, wie der Student bei seiner Frage eben gelächelt hat. „Nur -" er überlegt fieberhaft. Nein, nicht schwindeln, man kann es ja versuchen: „Nur, ich kann Ihnen keinen blauen Trenchcoat verkaufen." Pause. „Wir führen keinen Trenchcoat mehr."

„Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?!" sagt der Student, halb verblüfft, halb ärgerlich.

„Weil ich Sie nur davon überzeugen wollte, wie ausgezeichnet Ihnen dieser Ulster steht. Bei Ihnen kommt er wirklich zur Geltung. Sehen Sie", sagt Pinneberg halblaut und lächelt, wie um Entschuldigung bittend, „ich wollte Ihnen nur zeigen, wieviel besser der ist als so ein blauer Trenchcoat. Das war so eine Mode - na ja! Aber dieser Ulster . . ."

Pinneberg sieht ihn liebevoll an, streicht einmal über den Ärmel, hängt ihn wieder über den Bügel und will ihn in den Ständer zurückhängen.

„Halt!“ sagt der Student. „Ich kann ja immer noch mal ... schlecht sieht er ja nicht gerade aus . . ."

„Nein, schlecht sieht er nicht aus", sagt Pinneberg und hilft dem Herrn wieder in den Mantel. „Der Ulster sieht direkt vornehm aus. Aber vielleicht darf ich dem Herrn noch andere Ulster zeigen? Oder einen hellen Trenchcoat?"

Er hat gesehen, die Maus ist beinahe in der Falle, sie riecht den Speck schon; jetzt darf er es riskieren.

„Helle Trenchcoats haben Sie also doch!" sagt der Student grollend.

„Ja, wir haben da was . . ." sagt Pinneberg und geht an einen anderen Ständer.

In diesem Ständer hängt ein gelbgrüner Trenchcoat, zweimal ist er schon im Preise zurückgesetzt worden, seine Brüder vom selben Konfektionär, von derselben Farbe, vom gleichen Schnitt haben längst ihre Käufer gefunden. Dieser Mantel, das scheint ein Schicksal, will nicht von Mandel fort . . . Jedermann sieht in diesem Mantel irgendwie komisch verbogen, falsch oder halb angezogen aus ...

„Wir haben da was .. ." sagt Pinneberg. Er wirft den Mantel über seinen Arm. „Ich bitte sehr, ein heller Trenchcoat. Fünfunddreißig Mark."

Der Student fährt in die Ärmel. „Fünfunddreißig?" fragt er erstaunt.

„Ja“, antwortet Pinneberg verächtlich. „Solche Trenchcoats kosten nicht viel."

Der Student prüft sich im Spiegel. Und wieder bewährt sich die Wunderwirkung dieses Stücks. Der eben noch nette junge Mann sieht aus wie eine Vogelscheuche. „Ziehen Sie mir das Ding nur schnell wieder aus", ruft der Student, „das ist ja grauenhaft."

„Das ist ein Trenchcoat", sagt Pinneberg ernst.

Und dann schreibt Pinneberg den Kassenzettel über neunundsechzig fünfzig aus; er gibt ihn dem Herrn, er macht seine Verbeugung. „Ich danke auch verbindlichst.“

„Nee, ich danke“, lacht der Student und denkt jetzt sicher an den gelben Trenchcoat.

Erich Kästner (1899 – 1974) ist vor allem als Kinderschriftsteller, der Autor der Kriminalgeschichte „Emil und die Berliner Jungen“, „Das doppelte Löttchen“ u.a.m. bekannt. Er nimmt aber auch in der Lyrik einen bedeutenden Platz ein als Vertreter der sog. „Gebrauchslyrik“, die sich in der Peiode „der neuen Sachlichkeit“ entwickelt: gezeichnet durch den Ersten Weltkrieg, den nächsten schon ahnend. Erich Kästner verwendet saloppe, nüchter-ironische Alltagsaprache. Dadurch wird aber die kleine Tragödie der Menschen noch sichtbarer.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wußten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

ÖDÖN VON HORVATH (9.12.1901 -1.06.1938), der Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten, findet späte Anerkennung. Als dichter zeigt er eine Vorliebe für das Übersinnliche und Skurille, und für den Kampf eines Individuums in einer Welt ohne Gott.

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