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Stichworte, Teil 2.doc
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Vierte Szene

Leonhard. Ja, siehst du, Klara, du sprachst von Worthalten. Eben weil ich ein Mann von Wort bin, muß ich dir antworten, wie ich dir geantwortet habe. Dir schrieb ich vor acht Tagen ab, du kannst es nicht leugnen, der Brief liegt da. (Er reicht ihr den Brief, sie nimmt ihn mechanisch.) Ich hatte Grund, dein Bruder —du sagst, er ist freigesprochen, es freut mich! In diesen acht Tagen knüpfte ich ein neues Verhältnis an; ich hatte das Recht dazu, denn du hast nicht zur rechten Zeit gegen meinen Brief protestiert, ich war frei in meinem Gefühl wie vor dem Gesetz, jetzt kommst du, aber ich habe schon ein Wort gegeben und eins empfangen, ja, — (für sich) ich wollt’, es wär’ so — die andere ist schon mit dir in gleichem Fall, du dauerst mich (er streicht ihr die Locken zurück, sie läßt es geschehen, als ob sie es gar nicht bemerkte), aber du wirst einsehen — mit dem Bürgermeister ist nicht zu spaßen!

Klara'(wie geistesabwesend). Nicht zu spaßen!

Leonhard. Siehst du, du wirst vernünftig! Und was deinen Vater betrifft, so kannst du ihm keck ins Gesicht sagen, daß er allein schuld ist! Starre mich nicht so an, schüttle nicht den Kopf, es ist so! Sag’s ihm nur, er wird’s schon verstehen und in sich gehen, ich bürge dir dafür! (Für sich.) Wer die Aussteuer seiner Tochter wegschenkt, der muß sich nicht wundern, daß sie sitzenbleibt. Wenn ich daran denke, so steift sich mir ordentlich der Rücken, und ich könnte wünschen, der alte Kerl wäre hier, um eine Lektion in Empfang zu nehmen. Warum muß ich grausam sein? Nur, weil er ein Tor war! Was auch daraus entsteht, er hat’s zu verantworten, das ist klar! (Zu Klara.) Oder willst du, daß ich selbst mit ihm rede?...

Klara (richtet sich hoch auf). Ich danke dir! (Will gehen.)

Leonhard. Soll ich dich hinüberbegleiten? Ich habe den Mut!

Klara. Ich danke dir, wie ich einer Schlange danken würde, die mich umknotet hätte und mich von selbst wieder ließe und fortspränge, weil eine andere Beute sie lockte. Ich weiß, daß ich gebissen bin, ich weiß, daß sie mich nur läßt, weil es ihr nicht der Mühe wert scheint, mir das bißchen Mark aus den Gebeinen zu saugen, aber ich danke ihr doch, denn nun hab’ ich einen ruhigen Tod. Ja, Mensch, es ist kein Hohn, ich danke dir, mir ist, als hätt’ ich durch deine Brust bis in den Abgrund der Hölle hinuntergesehen... Nur eins noch: Mein Vater weiß noch nichts, er ahnt nichts, und damit er nie etwas erfährt, geh’ ich noch heute aus der Welt! Könnt’ ich denken, daß du — (Si tut wild einen Schritt auf ihn zu.) Doch, das ist Torheit, dir kann’s ja nur willkommen sein, wenn sie alle sehen und die Köpfe schütteln und sich umsonst fragen: warum das gesehen ist!

Leonhard. Es kommen Fälle vor! Was soll man tun, Klara!

Klara. Fort von hier! Der Mensch kann sprechen! (Sie will gehen.)

Leonhard. Meinst du, daß ich’s dir glaube?

Klara. Nein!

Leonhard. Du kannst gottlob nicht Selbstmörderin werden, ohne zugleich Kindesmörderin zu werden!

Klara. Beides lieber als Vatermörderin! Ich weiß, daß man Sünde mit Sünde nicht büßt! Aber was ich jetzt tu, das kommt über mich allein! Geb’ ich meinem Vater das Messer in die Hand, so trifft’s ihn wie mich! Mich trifft’s immer! Dies gibt mir Mut und Kraft in all meiner Angst! Dir wird’s wohl gehen auf Erden! (Ab.)

Elfte Szene

Zimmer im Hause des Tischlermeisters Anton. Abend. Karl, der Sohn des Meisters, ist inzwischen aus der Haft entlassen worden. Der Sekretär (Friedrich) hat eben im Duell Leonhard erschossen. Friedrich ist tödlich verwundet.

Der Sekretär (tritt bleich und wankend herein, er drückt ein Tuch gegen die Brust). Wo ist Klara? (Er fällt auf einen Stuhl zuüьck.) Jesus! Guten Abend! Gott sei Dank, daß ich noch herkam! Wo ist sie?

Karl. Sie ging zum — Wo bleibt sie? Ihre Reden — mir wird angst! (Ab.)

Sekretär. Sie ist gerächt — Der Bube liegt —- Aber auch ich bin — Warum das, Gott? — Nun kann ich sie Ja nicht —

Meister Anton. Was hat Er? Was ist mit Ihm?

Sekretär.(Es ist gleich aus! Geb’ Er mir die Hand darauf, daß Er seine Tochter nicht verstoßen will — Hört Er, nicht verstoßen, wenn sie —

Meister Anton. Das ist eine wunderliche Rede. Warum sollt’ ich sie denn — Ha, mir gehen die Augen auf! Hätt’ ich ihr nicht unrecht getan?

Sekretär. Geb’ Er mir die Hand! .

MeisterAnton. Nein! (Steckt beide Hände in die Tasche-) Aber ich werde ihr Platz machen, und sie weiß das, ich hab’ s ihr gesagt!

Sekretär (entsetzt). Er hat ihr — Unglückliche, jetzt erst versteh’ ich dich, ganz!

Karl (stürzt hastig herein). Vater, Vater, es liegt jemand im Brunnen! Wenn’s nur nicht —

Meister Anton. Die große Leiter her! Haken! Stricke! Was säumst du? Schnell! Und ob’s der Gerichtsdiener wäre!

Karl. Alles ist schon da. Die Nachbarn kamen vor mir. Wenn’s nur nicht Klara ist.

Meister Anton. Klara? (Er hält sich an einem Tisch.)

Karl. Sie ging, um Wasser zu schöpfen, und man fand ihr Tuch.

Sekretär. Bube, nun weiß ich, warum deine Kugel traf. Sie ist’s.

Meister Anton. Sieh doch zu! (Setzt sich nieder.) Ich kann nicht !

Karl ab.

Und doch! (Steht wieder auf.) Wenn ich Ihn (zum Sekretär) recht verstanden habe, so ist alles gut.

Karl (kommt zurück). Klara! Tot! Der Kopf gräßlich am Brunnenrand zerschmettert, als sie — Vater, sie ist nicht hineingestürzt, sie ist hineingesprungen, eine Magd hat’s gesehen!

Meister Anton. Die soll sich’s ьberlegen, eh’ sie spricht! Es ist nicht hell genug, daß sie das mit Bestimmtheit hat unterscheiden können!

Sekretär. Zweifelt Er? Er möchte wohl, aber. Er kann nicht! Denk’ Er nur an das, was Er ihr gesagt hat! Er hat sie auf den Weg des Todes hinausgewiesen, ich, ich bin schuld, daß sie nicht wieder umgekehrt ist. Er dachte, als Er ihren Jammer mahnte, an die Zungen, die hinter Ihm herzischeln würden, aber nicht an die Nichtswürdigkeit der Schlangen, denen sie angehören, da sprach Er ein Wort aus, das sie zur Verzweiflung trieb; ich, statt sie, als ihr Herz in namenloser Angst vor mir aufsprang, in meine Arme zu schließen, dachte an den Buben, der dazu ein Gesicht ziehen könnte, und — nun, ich bezahl’s mit dem Leben; daß ich mich von einem, der schlechter war als ich, so abhängig machte, und auch er, so eisern Er dasteht, auch Er wird noch einmal sprechen: Tochter, ich wollte doch, du hättest mir das Kopfschütteln und Achselzucken der Pharisäer um mich her nicht erspart, es beugt mich doch tiefer, daß du nicht an meinem Sterbebett sitzen und mir den Angstschweiß abtrocknen kannst!

Meister Anton. Sie hat mir nichts erspart – man hats geschehen!

Sekretär. Sie hat getan, was sie konnte – Er wars nicht wert, daß ihre Tat gelang!

Meister Anton. Oder sie nicht!

Tumult draußen.

Karl. Sie kommen mit ihr – (Will ab)

Meister Anton.(fest, wie bis zu Ende, ruft ihm nach). In die Hinterstube, wo die Mutter stand!

Sekretär. Ihr entgegen ! (Will aufstehen,fällt aber zurück) Oh, Karl!

Karl hilft ihm auf und führt ihn ab.

Meister Anton. Ich verstehe die Welt nicht mehr!

Er bleibt sinnend stehen.

Annette von Droste – Hülshoff (1797-1848)

Die Dichterin ist Sproß eines uralten Adelsgeschlechtes. Ihr Leben verlief auf dem Schloß Hülshoff in Westfalen und in der alten frönkischen Burg Meersburg am Bodensee in stiller Abgeschiedenheit, in innigster Berührung mit der Natur. Ihr Werk umfasst Epen, Verserzählungen, Balladen, Naturlyrik, religiöse Gedichte. Die Prosanovelle „Die Judenbuche“ ist ein Meisterwerk deutscher Novellenkunst, das einen kriminalfall des 18. Jahrhunderts behandelt.

Inhalt: Friedrich Mergel, Sohn eines Säufers und armen Häuslers, erschlägt den reichen Juden Aaron, unter einer Buche, weil er ihm 10 Taler schuldig war und wusste nicht, wo er Geld nehmen würde, um Schulden zu bezahlen. Da flieht er ins Ausland, gerät in türkische Sklaverei und kommt nach 28 Jahren als Krüppel unter dem Namen seines Jugendfreundes Johannes zurück. Unwiderstehlich vom Ort seines Verbrechens angezogen, erhängt er sich an der sogenannten Judenbuche. Droste - Hülshoff zeigt damit, dass nicht durch weltliche Gerichte alte verjährte Schuld gesühnt wird, sondern durch die Macht des Gewissens.

Die Judenbuche( Auszug)

... Johannes seufzte tief: »O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern zubringen müssen; soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?« Der Gutsherr hatte seine Börse gezogen: »Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir das alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durcheinander. - Du bist wohl noch sehr müde?« - »Sehr müde«, versetzte Johannes; »und« - er deutete auf seine Stirn - »meine Gedanken sind zuweilen so kurios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist.« - »Ich weiß schon«, sagte der Baron, »von alter Zeit her. Jetzt geh! Hülsmeyers behalten dich wohl noch die Nacht über, morgen komm wieder.« Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm: bis zum folgenden Tage war überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; essen sollte er täglich im Schlosse, und für Kleidung fand sich auch wohl Rat. - »Herr«, sagte Johannes, »ich kann auch noch wohl etwas tun; ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich auch als Boten schicken.« — Herr von S. schüttelte mitleidig den Kopf: »Das würde doch nicht sonderlich ausfallen.« - »O doch, Herr, wenn ich erst im Gange bin - es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch nicht sauer, wie man denken sollte.« - »Nun«, sagte der Baron zweifelnd, »willst du's versuchen? Hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonderliche Eile.« Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kämmerchen bei einer Witwe im Dorfe. Er schnitzelte Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im ganzen gings ihm leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm über die Türkei, den österreichischen Dienst und die See. - »Der Johannes könnte viel erzählen«, sagte er zu seiner Frau, »wenn er nicht so grundeinfältig wäre.« - »Mehr tiefsinnig als einfältig«, versetzte sie; »ich fürchte immer, er schnappt noch über.« — »Ei bewahre!« antwortete der Baron, »er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt.« Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange über Gebühr lange aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hörte. - »Du bist lange ausgeblieben, Johannes«, sagte sie; »ich dachte schon, du hättest dich im Brederholz verirrt.« — »Ich bin durch den Föhrengrund gegangen.« - »Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?« - Er sah trübe zu ihr auf: »Die Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig«, fügte er langsam hinzu. — »Sahst du wohl«, sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, »wie wunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.« Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen, und mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem Einflüsse des nahen Äquinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagen, er habe auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn verschickt; am zweiten auch nicht; am dritten Tage ward seine Hausfrau ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach. - »Gott bewahre«, sagte der Gutsherr, »ich weiß nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel«, setzte er bewegt hinzu, »auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er nicht wieder heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von seinen schiefen Beinen gebrochen hat! - Nehmt die Hunde mit«, rief er den abziehenden Jägern nach, »und sucht vor allem in den Gräben; seht in die Steinbrüche!« rief er lauter.

Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war in großer Unruhe: »Wenn ich mir denke, daß einer so liegen muß wie ein Stein und kann sich nicht helfen! Aber er kann noch leben; drei Tage hälts ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.« Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nachgefragt, überall in die Hörner geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt - umsonst! - Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte. »Er schnitt ihn aber ganz entzwei«, sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sich wieder eine Spur; abermals ein Kind, das ihn an der anderen Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebüsch gesessen, das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben. »Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine Seele hindurch«, sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hailote und kehrte endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht hatten. - »Laßt nicht nach! Laßt nicht nach!« bat Frau von S.; »besser ein paar Schritte umsonst, als daß etwas versäumt wird.« Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes' Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden. Er ließ sich die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie er es verlassen hatte, dort hing sein guter Rock, den ihm die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerksam. »Ein Andenken von Mergel«, murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen. Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweitenmal verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde - vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in einem trockenen Graben? Ihn lebend wiederzusehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht.

Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer Besichtigung seines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag, die Luft zitterte, kein Vogel sang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Ästen und hielten ihre offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todmatt auf das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, daß er die Augen schloß. »Schändliche Pilze!« murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann einfallen und einen unerträglichen Geruch verbreiten. Brandis glaubte solche unangenehmen Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. »Was hast du da, Bello? Eine Katze?« murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper halb, und die Judenschrift fiel ihm ins Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund fuhr fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht. - »Laß mich in Ruh! Was hast du denn?« Hierbei sah Brandis, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe, sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen ins Gestrüpp hinein. Totenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesicht hängen sehen. - »Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?« rief der Baron. - »Herr«, keuchte Brandis, »wenn Ew. Gnaden dagewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien die Pilze!« Dennoch trieb der Gutsherr zur größten Eile und zog selbst mit hinaus. Sie waren unter der Buche angelangt. »Ich sehe nichts«, sagte Herr von S. - »Hierher müssen Sie treten, hierher, an diese Stelle!« -Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen Schuhe. - »Gott, es ist Johannes! - Setzt die Leiter an! - So -nun herunter! Sacht, sacht! Laßt ihn nicht fallen! - Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.« Eine breite Narbe ward sichtbar; der Gutsherr fuhr zurück. - »Mein Gott!« sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung. Dann wandte er sich zu den Förstern: »Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da« - er deutete auf den Toten - »war Friedrich Mergel.« - Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.

Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1789. - Die hebräische Schrift an dem Baume heißt:

»Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast«

Der schweizerische Realismus unterscheidet sich vom deutschen durch die Eigenart seiner Entwicklung und durch die sozialen Gegebenheiten des Landes. Die schweizer Demokratie erlaubt politisches Handeln und öffentliche Auseinandersetzungen. Gottfried Keller (1819-1890) sieht die Aufgabe der Literatur darin, „das Didaktische in dem Poetischen aufzulösen “. Keller vermeidet formale Artistik, Experimente, benutzt überlieferte Strophen- und Versformen (Lieder, Sonette, Ghasele und Balladen). Mit seiner Prosa wird Keller über die Schweiz hinaus bekannt, dank seiner Novellistik, in der er sich überschaubaren heimatlichen Stoffen zuwendet. In dem zweiteiligen Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla “ sind zehn Geschichten über die gemütlichen, biedermeierlichen Seldwyler mit humorvoll-ironischer Distanz erzählt.

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