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Stichworte, Teil 2.doc
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4. Szene

Gustchen (liegend, an einem Teich, mit Gesträuchern umgeben). Soll ich denn hier sterben? Mein Vater! Mein Vater! Gib mir die Schuld nicht, daß du nicht Nachricht von mir bekömmst. Ich hab' meine letzten Kräfte angewendet — sie sind erschöpft — sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor Augen. Er ist tot, ja tot — und vor Gram um mich —. Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben – mich zur Rechenschaft dafür zu fordern — ich komme, ja ich komme (rafft sich auf und wirft sich in den Teich)

Major von weitem. Geheimer Rat und Graf Wermut h.

Major. Hey! Höh! Da ging's in Teich — ein Weibsbild war’s und wenngleich nicht meine Tochter, doch auch ein unglückliches Weibsbild — nach, Berg! Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (Springt ihr nach.)

Geheimer Rat (kommt). Gott im Himmel! Was sollen wir anfangen?

Graf Wermuth. Ich kann nicht schwimmen.

Geheimer Rat. Auf die andere Seite! Mich deucht, er haschte das Mädchen. Dort ... dort hinten im Gebüsch — seht Ihr sie nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter — nach!

5. Szene

Eine andere Seite des Teiches. Hinter der Szene Geschrei:

Hilfel 's ist meine Tochterl Sackerment und all das Wetter!

Graf! Reicht mir doch die Stange! Daß Euch die schwere Not!

Major Berg (trägt Gustchen aufs Theater). Da! (Setzt sie nieder.)

Geheimer Rat und Graf suchen sie zu ermuntern.

Verfluchtes Kind! Hab' ich das an dir erziehen müssen? (Kniet nieder bei ihr.) Gusteil Was fehlt dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein Gustel? — Gottlose Kanaille! Hättest du mir nur ein Wort vorher davon gesagt; ich hätt' dem Lausenjungen einen Adelsbrief gekauft, da hättet ihr können zusammenkriechen. — Gott behüt! So helft ihr doch! Sie ist ja ohnmächtig. (Springt auf, ringt die Hände, umhergehend.) Wenn ich nur wüßt, wo der mäledeite Chirurgus vom Dorf war! Ist sie noch nicht wach?

Gustchen (mit schwacher Stimme). Mein Vater!

Major. Was verlangst du?

Gustchen. Verzeihung!

M a j o r (geht auf sie zu). Ja, verzeih' dir's der Teufel, ungeratenes Kind — nein, (kniet nieder bei ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel, mein Gustel! Ich verzeih dir; ist alles vergeben und vergessen — Gott weiß es: ich verzeih' dir — verzeih du mir nur! Ja, aber nun ist's nicht mehr zu ändern. Ich hab' dem Hundsfott eine Kugel durch den Kopf geknallt.

Geheimer Rat. Ich denke, wir tragen sie fort.

Major. Laßt stehen! Was geht sie Euch an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme.) Da, Mädchen, ich sollte wohl wieder nach dem Teiche mit dir, (schwenkt sie gegen den Teich zu) aber wirü wollen nicht schwimmen, als bis wir's Schwimmen gelernt haben, mein' ich. (Drückt sie an sein Herz.) O du mein einziger teuerster Schatz! Daß ich dich wieder in den Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (Er trägt sie fort.)

Johann wolfgang goethe Die Leiden des jungen Werther

1774

(Auszüge)

Der Roman ist ein leidenschaftlicher Protest des bürgerlich eingestellten Menschen gegen die Unterdrückung der Persönlichkeit durch die feudale Ordnung.

Werther" ist mit seiner für die damalige deutsche Literatur ungewohnlichen Gefühlsstärke und Sprachgewalt das bedeutendste Prosawerk der Sturm- und Drangdichtung.

Der Roman hatte in Deutschland und in ganz Europa einen gewaltigen Erfolg. Er wurde bald ins Französische, Englische, Russische, Italienische, Schwedische übersetzt. Seine Wirkung auf die bürgerliche Jugend war so stark, dass manche reaktionären Behörden sich veranlasst fühlten, einzugreifen, wie z. B. der Magistrat von Leipzig, der die Verbreitung des Buches verbot, wie eine theologische Fakultät in Dänemark, die auf das Verbot des Romans bestand, weil er "die Religion verspotte und das Laster verherrliche", wie der Bischof von Mailand, der eine Auflage der italienischen Übersetzung aufkaufen und vernichten ließ. Dagegen fanden die Vertreter des demokratischen Lagers die Kritik Goethes an der feudalen Gesellschaft zu schwach, da die Auflehnung der bürgerlichen Persönlichkeit gegen die Ständeordnung in Deutschland hier in Ohnmacht und Verzweiflung ausläuft.

Die in dem nachstehenden Brief vom 16. Juni 1771 erwähnte "Mamsell Lottchen" ist die berühmte Heldin des Romans. Sie ist zunächst die Braut, dann die Frau Alberts. Werther liebt Lotte, muss aber erkennen, dass seine Liebe hoffnungslos ist. Er begeht Selbstmord.

Am 10. Mai 1771

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bach liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund, wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten; dann sehne ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! — Mein Freund — Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

Am 13. Mai 1771

Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? —Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, lass mir sie vom Halse. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull' ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch' ich dir das zu sagen, der du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süßer Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn? Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das nicht weiter; es gibt Leute, die mir es verübeln würden.

Am 22. Mai 1771

Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefьhl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt — Das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann so träumend weiter in die Welt.

Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgejahrte Schul- und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie hin, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen.

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