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35.Die Silbe als phonetische und phonologische Spracheinheit. Zur Geschichte der Silbenfrage.

Im Jahre 1863. M. Thausing befaßte sich mit der akustischen Beschaffenheit der Silbe und der Wahrnehmung verschiedener Laute in der Silbe. Seiner Ansicht nach ist das Hauptelement der Silbe ein Stimmton, meistens ein Vokal. Auf den Stimmton der Silbe stützen sich die Konsonanten. Der Stimmton der Vokale ist rein, die Konsonanten haben einen verdunkelten Stimmton. Das Zentrum der Silbe ist dort, wo der Stimmton an reinsten erscheint. Die Silbenlehre von M. Thausing wurde zum Ausgangspunkt für die Schallfülle- oder Sonoritätstheorien der Silbe.

Der Vertreter der Exspirations- oder Drucktheorie H. Sweet behauptete in seinem 1877 veröffentlichten Werk „A Handbook of Phonetics", daß die Silben durch die Veränderung und Unterbrechung des Luftdrucks beim Sprechen entstehen. Die Zahl der Silben im Wort entspricht der Zahl der Luftstöße beim Sprechen.

Die Begründer der Muskelspannungstheorie M. Grammont und L.W. Scerba gehen von den physiologischen Voraussetzungen der Silbenbildung aus. Ihrer Ansicht nach besteht das Wesen der Silbenbildung im abwechselnden wellenartigen Steigen und Fallen der Sprechintensität. Die Verteilung der steigend-fallenden Intensität auf die Laute der Silben kann verschieden sein und hängt vom Silbenbau einer Redeeinheit ab. Bei der Aussprache der Vokale ist der ganze Sprechapparat gespannt. Bei der Erzeugung der Konsonanten konzentriert sich die Spannungsenergie an einer bestimmten Stelle, d.h. an der Artikulationsstelle des Konsonanten. Der Kern der Silbe (der Silbengipfel) ist der Laut, der mit der größten Muskespannung gebildet wird. Die Silbengrenzen liegen dort, wo die Muskelspannung am geringsten ist. In den meisten Fällen sind die Vokale silbenbildend und besitzen eine gleichmäßige Energieverteilung. Nach L.W. Scerba gibt es in den Silben drei Formen von Konsonanten: 1) anwachsende, 2) abschwächende und 3) doppelgipflige. Die Silbe ist auf dem Kontrast „Vokal - Konsonant" aufgebaut. Die Vokalphoneme bilden den Silbenkern. Sie können miteinander nur in Diphthongen verbunden werden. Die Konsonäntenphoneme, die sich um die Kernphoneme gruppieren, werden Satellitenphoneme genannt. In manchen Sprachen. (z.B. im Tschechischen) können die Konsonanten als Silbenträger dienen. Auch ist nicht jeder Vokal der Silbenträger, denn es gibt sog. unsilbische Vokale (beispielsweise ist der Vokal [i] im deutschen Suffix -tion unsilbisch;

Die Silben sind Träger solcher Merkmale, die von der Artikulation ihrer Bestandteile, der Laute, unabhängig sind. Die Tonhöhen-, Druck- und Quantitätsunterschiede, die sich auf den Lautbestand der Silben, Wörter und Sätze aufschichten können, ohne ihn (d.h. die Lautsegmente) zu verändern, werden prosodische oder suprasegmentale Merkmale genannt (griechisch prosodia - „Betonung")

Prosodische Merkmale werden in drei Typen eingeteilt: 1) Tonmerkmale, 2) Stärkemerkmale und 3) Quantitätsmerkmale. Diese drei Typen der prosodischen Merkmale entsprechen den drei wahrnehmbaren Eigenschaften: der Stimmhöhe, der Sprechstärke und der Dauer. Ihre physikalischen (akustischen) Entsprechungen sind Frequenz, Intensität und Zeit.