Добавил:
kiopkiopkiop18@yandex.ru t.me/Prokururor I Вовсе не секретарь, но почту проверяю Опубликованный материал нарушает ваши авторские права? Сообщите нам.
Вуз: Предмет: Файл:
Скачиваний:
0
Добавлен:
28.03.2026
Размер:
30.8 Mб
Скачать

284 Kapitel 15 · Sehnerv

Therapie

Das Optikusgliom wird gefährlich, wenn es in das Chiasma einwächst. Dann muss der N. opticus reseziert werden, nach Möglichkeit sollte der Bulbus aber erhalten werden (allerdings Phthisisgefahr wegen Resektion wichtiger Gefäße!). Solange der Tumor nicht wächst, sollte man den Sehnerv belassen, da das Auge ohnehin blind ist.

Papillentumoren

Astrozytom. Dieser Tumor kommt als pilozytäres Astrozytom (Gliom) bei der Neurofibromatose (Morbus Recklinghausen) als Sehnerventumor vor. Bei der tuberösen Hirnsklerose (Morbus Bourneville Pringle) besteht eine Wucherung der Astrozytren, die sich blumenkohlartig an der Papille vorwölbt. Auffällig sind die weiße Farbe und die maulbeerartige Oberfläche. Häufig finden sich intrazerebrale Manifestationen der tuberösen Sklerose und ein Adenoma sebaceum.

Melanozytom. Dieser Tumor ist mäßig bis tiefschwarz pigmentiert, wächst über den Papillenrand und kann mit einem malignen Melanom der Aderhaut verwechselt werden. Oft findet sich ein benachbarter Aderhautnävus. Das Melanozytom unterscheidet sich vom Aderhautmelanom durch die dunkle Pigmentierung, die Lage auf oder an der Papille und die unterschiedliche Oberflächenstruktur (. Abb. 12.11a). Außerdem zeigt das Fluoreszenzangiogramm kein tumoreigenes Gefäßsystem.

Hämangiome der Papille kommen beim Morbus Hippel-Lindau vor. Eine Therapie ist schwierig, da eine

In Kürze

Laserkoagulation zur Zerstörung von Sehnervenfasern führt (. Abb. 13.29).

Fallbeispiel

Eine 72-jährige Patientin stellt sich mit einer plötzlichen Sehverschlechterung des rechten Auges vor. Der Visus beträgt 1/35, am Augenhintergrund erkennt man eine blasse Papillenschwellung, teilweise mit hellen weißen Sektoren. Bei der Gesichtsfeldprüfung wird nur ein kleiner peripher gelegener Gesichtsfeldrest gefunden. Die sofort durchgeführte BSG ergibt eine starke Beschleunigung auf 85/110 mm. Auf Befragen nach Allgemeinerkrankungen gibt die Patientin an, dass sie schon seit einigen Wochen wegen Nackenschmerzen und Kopfschmerzen (einschließlich Parästhesien der rechten Schläfe) in Behandlung sei, die physiotherapeutischen Maßnahmen aber zu keiner Besserung geführt hätten. Unter dem Verdacht einer Riesenzellarteriitis wird sofort mit einer Megadosis Kortison (1000 mg i.v.) behandelt und eine Arterienbiopsie der rechten A. temporalis durchgeführt. Die Histologie bestätigt die Verdachtsdiagnose. Die Erblindung des rechten Auges bessert sich unter der hochdosiert fortgeführten Kortisontherapie nicht, ein Befall des zweiten Auges wird jedoch verhindert.

Die in den letzten Wochen aufgetretenen Allgemeinsymptome hätten den Verdacht auf eine Arteriitis temporalis lenken können und eine Kortisontherapie hätte wahrscheinlich den Befall des rechten Auges verhindert.

Anatomie. Der Sehnerv besteht aus 1,1 Mio. Nervenfasern, den Axonen der retinalen Ganglienzellen. Er kann mit dem Ophthalmoskop an der Papille beurteilt werden. Man achtet auf Randbegrenzung, Farbe,

15 Gefäßtrichter und Exkavation. Besonders wichtig ist die Beurteilung der peripapillären Nervenfasern im rotfreien Licht, weil man hierdurch Ausfälle frühzeitig erkennen kann.

Normvarianten. Normvarianten der Papille können differenzialdiagnostische Schwierigkeiten verursachen: Im Alter vergrößert sich die physiologische Exkavation und kann mit einem Glaukom verwechselt werden. Bei Hypermetropie ist manchmal die Papille durch zusammengedrängte Nervenfasern randunscharf, ohne dass eine Stauungspapille besteht. Drusen der Papille führen zu einer unregelmäßigen, unscharfen Randbegrenzung der Papille und verur-

sachen zuweilen Nervenfaserdefekte und Gesichtsfeldausfälle.

Erkrankungen. Bei der akuten Stauungspapille findet man eine Papillenschwellung und radiäre Blutungen am Papillenrand. Im Gegensatz zu entzündlichen und ischämischen Erkrankungen der Papille tritt die Stauungspapille in der Regel beidseitig auf und verursacht keine Sehstörung. Bei chronischer Stauungspapille ist der Sehnervenkopf pilzförmig in den Glaskörperraum vorgewölbt und von dilatierten Kapillaren überzogen. Bei Pseudotumor cerebri, einer Liquordruckerhöhung ohne Tumor, führt die chronische Stauungspapille nicht selten zu Optikusatrophie und Gesichtsfeldverfall.

Die Papillitis ist eine Entzündung des Sehnervenkopfes, bei der Retrobulbärneuritis ist der Entzündungsherd hinter der Lamina cribrosa im Sehnerv lokalisiert. Typisch ist ein reversibler Visusverlust mit Zentralsko-

6

285

15

 

15.5 · Erkrankungen

tom und Störung der afferenten Pupillenreaktion. Die Neuritis nervi optici ist häufig, aber nicht immer Zeichen einer multiplen Sklerose. Bei Kindern tritt eine beidseitige Papillitis nach Infekten auf. Wichtig ist es, einen Hirntumor auszuschließen, der den Sehnerv schädigt (Computertomographie).

Die anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) ist ein ischämischer Infarkt der Papille. Die Ursache ist ein Verschluss der kleinen hinteren Ziliararterien, die die Sehnervenfasern vor der Lamina cribrosa versorgen. Der Gefäßverschluss kann durch Arteriosklerose oder durch eine Riesenzellarteriitis verursacht sein. Die schnelle Diagnose der Riesenzellarteriitis (BSG-Erhöhung, histologisch durch Biopsie der A. temporalis) ist notwendig, um die Erblindung des 2. Auges durch eine sofortige Kortisontherapie zu verhüten.

Die traumatische Optikusatrophie entsteht bei einem Unfall (z.B. beim Fahrradsturz) durch Zerrung des Nervs, seltener durch Frakturen im Sehnervenkanal. Tumoren der mittleren Schädelgrube kompri-

mieren häufig den N. opticus oder das Chiasma und verursachen eine Optikusatrophie. Die Sehstörung ist teilweise reversibel, wenn der Tumor rechtzeitig erkannt und entfernt wird. Die hereditäre Optikusatrophie wird autosomal-dominant vererbt. Man sieht eine hochgradige beidseitige Papillenatrophie, die Sehschärfeherabsetzung behindert die betroffenen Kranken jedoch oft erstaunlich wenig.

Die Leber-Optikusatrophie verläuft rasch wie eine Entzündung und betrifft mit kurzem Intervall beide Augen. Sie kommt fast nur bei jungen Männern vor und wird mitochondrial vererbt.

Optikusatrophien durch toxische Stoffe werden vor allem durch Nikotinund Alkoholabusus, Methylalkoholvergiftung und hochdosierter Ethambutoltherapie der Tuberkulose verursacht.

Optikusscheidenmeningiom und Optikusgliom führen zu einer Erblindung des betroffenen Auges. Eine Resektion des Sehnervs ist nur bei erblindetem Auge anzuraten, wenn diese Tumoren in den Sehnervenkanal und das Chiasma einwachsen.

16

Sehbahn

16.1

Funktionelle Anatomie

– 288

16.2

Untersuchungsmethoden

– 291

16.2.1

Sehschärfebestimmung, Sehstörung – 291

16.2.2

Gesichtsfelduntersuchung

– 291

16.2.3

Fundusuntersuchung, Papille

– 291

16.2.4

Pupillenprüfung

– 291

 

 

16.2.5

Bildgebende Verfahren – 291

 

16.3

Erkrankungen

– 291

 

 

16.3.1

Chiasmasyndrom

– 291

 

 

16.3.2 Läsionen oberhalb des Chiasmas (Läsionen des Tractus opticus) – 292 16.3.3 Läsionen oberhalb des Corpus geniculatum laterale – 292

16.3.4 Übersicht über die Form der Gesichtsfeldausfälle bei Läsionen der Sehbahn – 293

288 Kapitel 16 · Sehbahn

> > Einleitung

Wenn man den Verlauf der Sehbahn kennt, kann man aus der Form der Gesichtsfeldausfälle häufig auf die Lokalisation der Störung schließen. Die Papille bleibt ohne Atrophie, wenn die Läsion oberhalb des Corpus geniculatum laterale liegt, bei Läsion desTractus opticus findet man dagegen eine typische Atrophie der Papille. Weitere Hinweise ergeben Veränderungen der Sehschärfe, der Pupillenreaktion und der Farbwahrnehmung. Wichtige bildgebende Verfahren sind Computerund Kernspintomographie.

16.1Funktionelle Anatomie

Die Störungen der Sehbahn vom Chiasma aufwärts diagnostiziert man aus den Gesichtsfeldausfällen.

Verlauf der Sehbahn und die Interpretation von Gesichtsfeldausfällen. Die Gesichtsfeldveränderungen versteht man, wenn man den Faserverlauf der Sehbahn kennt (. Abb. 16.1–16.5): Die Fasern des 3. Neurons

der Netzhaut (Ganglienzellen) ziehen von der Netzhaut als N. opticus zum Chiasma opticum. Hier erfolgt die Halbkreuzung der Nervenfasern, so dass im Tractus opticus jeweils nur noch Fasern aus korrespondierenden Netzhauthälften verlaufen. Der rechte Tractus opticus enthält die ungekreuzten Fasern der temporalen Netzhauthälfte des rechten Auges und die gekreuzten Fasern der nasalen Netzhauthälfte des linken Auges, also nur Fasern beider rechten Netzhauthälften, was den beiden linken Gesichtsfeldhälften entspricht (. Abb. 16.1 und 16.5). Der linke Tractus opticus enthält die Fasern von den beiden linken Netzhauthälften, was den rechten Gesichtsfeldhälften entspricht. Die Fasern des Tractus opticus enden in 6 getrennten Schichten des

Corpus geniculatum laterale, der Schaltstation des Mittelhirns. Von hier aus zieht das zentrale Neuron, dessen Axone die Radiatio optica (Gratiolet-Sehstrah- lung) bilden, im hinteren Schenkel der inneren Kapsel um das Seitenhorn des Seitenventrikels und am Hinterhorn entlang zum Okzipitalpol. Die Fasern enden in der Gegend der Fissura calcarina an der Innenfläche des Hinterhauptlappens, dem kortikalen Sehzentrum

16

. Abb. 16.1. Sehbahn und Pupillenbahn

289

16

 

16.1 · Funktionelle Anatomie

. Abb. 16.2. Das Sehzentrum des Gehirns, rechte Hemisphäre, Innenfläche

. Abb. 16.3. Bitemporale Hemianopie bei Hypophysentumor. Beachte: scharfe Grenze des Skotoms an der vertikalen Mittellinie des jeweiligen Gesichtsfeldes, asymmetrische Aus-

prägung mit Beginn der Gesichtsfeldstörungen im oberen temporalen Quadranten (rechtes Auge). Die beiden Gesichtsfeldausfälle sind oft nicht von gleicher Form

(Area striata = Area 17; . Abb. 16.2). Die Fissura calcarina entspricht der horizontalen Trennungslinie der beiden Gesichtsfelder, während die vertikale Trennung beider Gesichtsfeldhälften durch die Falx cerebri gegeben ist, die den rechten und linken Hinterhauptlappen voneinander trennt. Die obere Gesichtsfeldhälfte ist jeweils unterhalb der Fissura calcarina, die untere Gesichtsfeldhälfte oberhalb der Fissura calcarina repräsentiert (. Abb. 16.2). Die von der Makula kommenden Nervenfasern teilen sich wie die der übrigen Netzhaut im Chiasma. Kortikal ist die Makula am hinteren Pol des Hinterhauptlappens entsprechend ihrer hohen Ganglienzelldichte mit einem größeren Gebiet vertre-

ten, als dies ihrer geringen Ausdehnung in der Retina entspricht.

Höhere Sehbahn. Die weiteren Verbindungen zu anderen Gehirngebieten sind weniger exakt bekannt als der Faserverlauf bis zur primären Sehrinde. Zentren für Farbe und Form sind infero-temporal, für Bewegung und Tiefenwahrnehmung parietal lokalisiert. Bereits in den 6 Schichten des Corpus geniculatum laterale sind magnozelluläres und parvozelluläres System der Ganglienzellen (Bewegung/Tiefe versus Farbe/Form) getrennt repräsentiert. Ausfälle der dem primären Sehzentrum (V1) benachbarten Kortexareale (V2 und V3) führen zur optischen Agnosie (Unfähigkeit zu Erken-

290 Kapitel 16 · Sehbahn

. Abb. 16.4. Komplette linksseitige homonyme Hemianopie bei Erkrankung des rechten Tractus opticus, der rechten Sehstrahlung oder der rechten Sehrinde

16

. Abb. 16.5. Übersicht. Haupttypen der Gesichtsfeldausfälle bei Störungen der Sehbahn

16.3 · Erkrankungen

nen). Anschließend liegt der Gyrus angularis, bei dessen Erkrankung Alexie (Unfähigkeit zu Lesen) eintritt.

16.2Untersuchungsmethoden

16.2.1Sehschärfebestimmung,

Sehstörung

Die Methode der Sehschärfebestimmung ist in Kap. 2.3.7 und 3.2.1 genauer beschrieben. Bei Verdacht auf Kompression im Bereich des Chiasma oder des Tractus opticus ist am Anfang der Erkrankung die Diskrepanz zwischen starker Sehstörung und nur geringer Optikusatrophie typisch. Der Patient klagt über verwaschene schmutzige Farben, manchmal auch über fluktuierende Sehstörungen (insbesondere bei Hirndruck = Obskurationen). Die Farbwahrnehmung ist beim Chiasma-Syndrom in der gestörten temporalen Gesichtsfeldhälfte schlechter als in der nicht betroffenen nasalen Gesichtsfeldhälfte. Man prüft monokular mit einem farbigen Gegenstand die temporale und nasale Gesichtsfeldhälfte im Vergleich, während der Patient ein Kreuz auf einem weißen Blatt Papier fixiert. Auf der temporalen Seite gibt der Patient an, dass die Farbe schmutzig verwaschen erscheint.

16.2.2 Gesichtsfelduntersuchung

Läsionen im Chiasmabereich und der höheren Sehbahn untersucht man besser mit kinetischer Perimetrie (Goldmann-Perimeter), da man mit dieser Methode die exakte Mittellinienbegrenzung der Gesichtsfeldstörung bei Chiasmaoder Tractus-Läsionen genauer erkennen kann als mit der computerisierten statischen Perimetrie. Homonyme großflächige Gesichtsfelddefekte kann man am Krankenbett oft auch durch Fingerperimetrie erkennen (z.B. bei Schlaganfall).

16.2.3 Fundusuntersuchung, Papille

Die Atrophie der Papille erkennt man am besten mit der direkten Ophthalmoskopie oder mit der 78oder 90-dpt-Lupe im umgekehrten Bild an der Spaltlampe. Die Nervenfasern neben der Papille sind im rotfreien Licht (Grünfilter) am besten zu erkennen. Man achtet insbesondere auf die am oberen und unteren Pol bogenförmig verlaufenden Nervenfasern (die zur temporalen Netzhaut laufen): Sind sie gut erhalten und ist dagegen die Papille in den horizontalen Sektoren atrophisch, dann spricht das für eine Atrophie der nasal gelegenen

291

16

 

 

 

Ganglienzellen = Störung der temporalen Gesichtsfeldhälfte. Sind dagegen die bogenförmigen Nervenfasern atrophisch, dann sind die temporalen Ganglienzellen atrophiert und die nasale Gesichtsfeldhälfte gestört (z. B. bei Tractus-Läsion).

16.2.4 Pupillenprüfung

Bei seitendifferenten Optikusläsionen ist die Pupillenprüfung mit dem Wechselbelichtungstest eine sehr hilfreiche Methode, um die Funktionsstörung des Sehnervs zu objektivieren (7 Kap. 2.3.4 und 10.2.2).

16.2.5 Bildgebende Verfahren

Computertomographie, Kernspintomographie und

Angiographie sind wichtige Untersuchungsmethoden, die vom Neuroradiologen ausgeführt werden. Man muss möglichst angeben, wo man die Läsion vermutet, damit die Einstellung der darzustellenden Schichten an die Fragestellung angepasst werden kann.

16.3Erkrankungen

16.3.1 Chiasmasyndrom

Definition, Ursachen

Als Chiasmasyndrom bezeichnet man die Trias: bitemporale Gesichtsfeldausfälle, einoder beidseitige Sehschärfereduktion und Optikusatrophie.

Das Chiasmasyndrom entsteht durch Raumforderungen (meist Tumoren) im Bereich der Sehnervenkreuzung. Häufig liegt eine Kompression des Chiasmas durch ein chromophobes Adenom der Hypophyse vor. Das Kraniopharyngiom tritt häufiger bei Kindern als bei Erwachsenen auf. Es entsteht durch epitheliale Reste der Rathke-Tasche und bildet Zysten, solide Knoten und Verkalkungen, die man im Röntgenbild sehen kann. Meningiome des Planum sphenoidale und des Tuberculum sellae verursachen Gesichtsfelddefekte sehr unterschiedlicher Form (. Abb. 16.5 I, II, III) und eine Visusstörung. Zuweilen dehnt sich ein Aneurysma der A. carotis oder des Circulus Willisi in die Sella aus und verursacht eine Raumforderung mit Chiasmasyndrom. Gliome des N. opticus können in das Chiasma einwachsen und führen zur Erblindung.

Symptome, Befunde

Typisch sind häufige Kopfschmerzen, endokrine Störungen und Doppelbilder. Die bitemporalen Gesichts-

292 Kapitel 16 · Sehbahn

feldausfälle sind nicht immer symmetrisch ausgeprägt, insbesondere nicht im Anfangsstadium. Zunächst fällt oft nur ein Teil des temporalen Gesichtsfeldes eines oder beider Augen aus, fast immer liegt der Beginn in den temporal oberen Quadranten (. Abb. 16.3). Typisch sind scharfe Grenzen der Defekte an der senkrechten Mittellinie des Gesichtsfeldes (. Abb. 16.5 III). Das wichtigste Leitsymptom ist die Herabsetzung der Sehschärfe. Daneben lässt sich oft eine Entsättigung der Farbwahrnehmung in der betroffenen Gesichtsfeldhälfte nachweisen. Auch weniger eindeutige Sehstörungen (z.B. unscharfes Sehen mit Flimmern) kommen vor. Ophthalmoskopisch sieht man eine Optikusatrophie, die jedoch oft weniger ausgeprägt ist als man aufgrund der Sehstörung vermutet.

Diagnostik

Neben den beschriebenen Gesichtsfelddefekten ist eine Vergrößerung und Destruktion der Sella turcica, die man schon in der normalen seitlichen Röntgenaufnahme sehen kann, typisch. Immer ist auch ein Computeroder ein Kernspintomogramm erforderlich.

Therapie

Hypophysentumoren werden transsphenoidal mikrochirurgisch entfernt. Nach Entlastung des Chiasmas erholen sich die Sehschärfe und das Gesichtsfeld oft erstaunlich schnell und umfassend.

!Der Verdacht auf eine Chiasmaläsion ist bereits aus den ophthalmologischen Befunden zu erheben und erfordert immer sofort eine bildgebende Diagnostik (CT, MRT).

 

16.3.2 Läsionen oberhalb des Chiasmas

 

 

(Läsionen des Tractus opticus)

 

 

 

16

Alle Läsionen der Sehbahn oberhalb des Chiasmas

verursachen eine homonyme Gesichtsfeldstörung.

Läsionen zwischen Chiasma und Corpus geniculatum laterale führen innerhalb von 4–6 Wochen zu einer Optikusatrophie, die man ophthalmoskopisch erkennen kann. Bei Läsionen jenseits des Corpus geniculatum laterale fehlt dagegen die Optikusatrophie. Hierdurch kann man die Lokalisation des Schadens feststellen. Da ein Ausfall eines Tractus opticus nur eine Atrophie der Ganglienzellen jeweils einer Netzhauthälfte beider Augen verursacht, muss man die Form der entstehenden Optikusatrophie genau kennen: Liegt die Läsion im rechten Tractus opticus, dann atrophieren die Ganglienzellen der temporalen Netzhauthälfte des rechten Auges und die Ganglienzellen der nasalen Netz-

hauthälfte des linken Auges. Dementsprechend sieht man in dieser Situation an der rechten Papille eine Atrophie des oberen und unteren Pols (Fehlen der bogenförmigen, zur temporalen Netzhaut ziehenden Nervenfasern), an der linken Papille dagegen eine Atrophie des nasalen und temporalen Papillenquadranten (Fehlen der zur nasalen Netzhauthälfte und zur halben Makula verlaufenden Nervenfasern). Bei Läsion des linken Tractus opticus sind die Atrophiezonen im rechten und linken Auge jeweils umgekehrt verteilt.

Differentialdiagnose

Läsionen des Tractus opticus führen zu homonymen (zur gleichen Seite gerichteten) Ausfällen, deren Ausdehnung und Form aber in der Regel unterschiedlich ist (»inkongruente Ausfälle«). Läsionen der Sehrinde führen dagegen zu deckungsgleichen Gesichtsfeldausfällen beider Augen (»kongruente Ausfälle«), da jede einzelne ausgefallene Kortexzelle sowohl am rechten wie am linken Auge denselben Gesichtsfeldort repräsentiert.

16.3.3Läsionen oberhalb des Corpus geniculatum laterale

Oberhalb des Corpus geniculatum laterale ist entweder die Sehstrahlung, am häufigsten aber die Sehrinde betroffen.

Ursachen

Häufigste Ursache sind Durchblutungsstörungen oder ein Infarkt der Sehrinde (Schlaganfall). Ein Infarkt entsteht aufgrund eines Verschlusses der A. cerebri media oder posterior, seltener liegt eine Hirnblutung zugrunde.

Symptome, Befunde

Oberhalb des Corpus geniculatum laterale verursachen Durchblutungsstörungen ebenfalls homonyme Gesichtsfeldausfälle, aber keine Optikusatrophie. Der Patient nimmt seinen Gesichtsfeldausfall oft nicht wahr, auch wenn es sich um einen kompletten homonymen Ausfall handelt. Er hat keine Schmerzen. Typisch für eine Läsion in der okzipitalen Hirnrinde (Sehrinde) ist, dass die Gesichtsfeldausfälle sehr »kongruent« sind, d.h. dass die Ausfälle für das rechte und linke Auge eine identische Form haben. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Nervenfasern korrespondierender Netzhautstellen auf dieselbe Kortexzelle konvergieren. Fällt eine Zelle aus, dann entspricht das einem Ausfall eines identischen Gesichtsfeldortes am rechten und am linken Auge. Ausfälle in der Gratiolet-Sehstrahlung da-

293

16

 

16.3 · Erkrankungen

gegen sind zwar homonym, aber inkongruent, weil die Schädigung nicht immer gleichzeitig solche Nervenfasern trifft, die bezüglich des Gesichtsfeldortes zusammengehören.

Migräne. Sie verursacht bei Augenbeteiligung typischerweise homonyme Flimmerskotome. Meist sieht der Patient helle, gezackte Linien, die auf einer Seite nahe dem Zentrum beginnen und sich allmählich zur Peripherie derselben Gesichtsfeldhälfte ausbreiten. Er sieht diese Flimmerskotome sowohl mit dem rechten als auch mit dem linken Auge zur selben Seite hin (homonym = kortikal). Innerhalb dieser Zacken sieht der Patient grau, er bemerkt ein positives Skotom

(»Migraine ophtalmique«). Wegen der Ähnlichkeit der gezackten Lichterscheinungen mit einer barocken Stadt-BefestigungsprichtmanvoneinerFortifikations- figur (. Abb. 16.6). Erst nachdem das Flimmerskotom abgelaufen ist, entwickelt sich der migränetypische Kopfschmerz, teilweise mit Erbrechen und Übelkeit. Ursache der Migräne ist eine funktionelle Durchblutungsstörung der Sehrinde.

Typisch ist für die Migräne, dass sie nicht immer diesselbe Seite betrifft. Wenn man bei einem älteren Menschen erstmals eine einseitige Migräne-ophtal- mique-Symptomatik findet, sollte man eine Durchblutungsstörung ausschließen (Carotis-Dopplersono- graphie, Kernspintomographie).

. Abb. 16.6. »Fortifikationsfigur« bei Migraine ophtalmique. Die von einem Migräne-Patienten aufgezeichneten hellen Zacken, die sich in die Peripherie der homonymen Gesichtsfeldhälfte nach rechts ausbreiten, sind hier dem Stadtplan der barocken Befestigungsanlagen Würzburgs überlagert. Der Main trennt rechte und linke Gesichtsfeldhälfte. Die Zackenfigur kann auch unregelmäßig begrenzt sein und zu einem anderen Zeitpunkt die andere Gesichtsfeldhälfte betreffen (linke Main-Seite)

Amaurose bei Hypertonie. Die eklamptische und die urämische Amaurose entstehen durch kortikale Ischämie und Ödem beider Hälften der Sehrinde. Hypertensive Krisen können auch bei jungen Patienten bereits zu (manchmal reversiblen) homonymen Gesichtsfeldausfällen führen.

!Die typischen Flimmerskotome bei Migraine ophtalmique muss der Arzt oft anamnestisch erfragen. Er kann so die harmlose Störung der Migräne von anderen gravierenden Krankheitsbildern abgrenzen.

16.3.4Übersicht über die Form der Gesichtsfeldausfälle bei Läsionen der Sehbahn

Läsion des N. opticus

Ist der gesamte Sehnerv betroffen, dann ist das zugehörige Auge blind (amaurotische Pupillenstarre, Optikusatrophie). Das andere Auge sieht normal. Ist nur das axial liegende makulare Bündel betroffen (z.B. bei Retrobulbärneuritis), so findet man ein Zentralskotom, eine temporale Abblassung der Papille und eine typische afferente Pupillenstörung (7 Kap. 15.5.3).

Läsion in der Chiasmagegend

Siehe Chiasmasyndrom (Kap. 16.3.1).

Läsion des Tractus opticus

Die Läsion des Tractus opticus verursacht eine homonyme Hemianopie (. Abb. 16.4). Bei vollständigem Ausfall des rechten Tractus opticus fallen beide linken Gesichtsfeldhälften aus (homonyme Hemianopie nach links). Die Ausfälle können in ihrer Form verschieden sein (inkongruent), es entwickelt sich eine Papillenatrophie.

Läsion der okzipitalen Hirnrinde

Bei Ausfall des visuellen Kortex entsteht ebenfalls eine homonyme Hemianopie. Hierbei haben die Ausfälle am rechten und linken Auge genau die gleiche Form (kongruent). Bei Ausfall der beiden unteren Kalkarinalippen entsteht eine Hemianopia superior, bei Ausfall der rechten oberen Kalkarinaregion ein Ausfall der linken unteren Quadranten beider Gesichtsfelder (. Abb. 16.5).

294

Kapitel 16 · Sehbahn

 

 

 

 

 

Fallbeispiel

 

 

trägt links Handbewegungen und rechts 0,32. In

 

 

 

 

 

Ein 14-jähriger Junge klagt über Sehstörungen

 

 

der seitlichen Röntgenaufnahme sieht man eine

 

 

 

 

 

mit Flimmern und Kopfschmerzen. Bei der Unter-

 

 

aufgeweitete Sellaregion. In der Computertomo-

 

 

suchung fällt auf, dass das linke Auge nahezu

 

 

graphie zeigt sich ein Kraniopharyngiom mit zahl-

 

 

blind ist. Es besteht eine afferente Pupillenstörung

 

 

reichen zystischen Anteilen. Es erfolgt eine subto-

 

 

des linken Auges. Bei der Perimetrie des rechten

 

 

tale neurochirurgische Resektion. Die Sehschärfe

 

 

Auges erkennt man einen kompletten temporalen

 

 

erholt sich innerhalb weniger Wochen links auf

 

 

Gesichtsfeldausfall. Die linke Papille ist atrophisch,

 

 

0,25 und rechts auf 1,0. Am Gesichtsfeld des linken

 

 

die rechte erscheint normal. Die Sehschärfe be-

 

 

Auges bleibt eine temporale Hemianopie beste-

 

 

6

 

 

hen, das rechte Gesichtsfeld ist wieder normal.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Kürze

 

 

 

 

 

Anatomie. Für die Diagnose und Lokalisation von

Meningiom, Kraniopharyngiom) sind die häufigsten

 

 

Läsionen muss man den Verlauf der Sehbahn kennen.

Ursachen.

 

 

Die Sehnervenfasern der nasalen Netzhauthälften

 

 

Bei einer Läsion des rechten Tractus opticus oder

 

 

kreuzen im Chiasma opticum zur Gegenseite, diejeni-

der rechten Sehrinde fallen die linken Gesichtsfeld-

 

 

gen der temporalen Netzhauthälften verlaufen unge-

hälften beiderseits aus (homonyme Hemianopie nach

 

 

kreuzt. Die Weiterleitung der Sehinformation erfolgt

links).

 

 

über das Corpus geniculatum laterale zum visuellen

 

 

Bei Läsion der beiden unteren Kalkarinalippen

 

 

Kortex am hinteren Okzipitalpol.

der okzipitalen Hirnrinde entsteht eine Hemianopia

 

 

 

superior und umgekehrt.

 

 

Erkrankungen. Das Chiasmasyndrom entsteht durch

 

 

Die eklamptische und die urämische Amaurose

 

 

eine Raumforderung im Bereich der Sehnervenkreu-

entstehen durch kortikale Ischämie und Ödem.

 

 

zung und führt typischerweise zu bitemporalen

 

 

Das Flimmerskotom bei Migräne ist die Folge

 

 

Gesichtsfeldausfällen, Sehstörungen und Optikusatro-

von Zirkulationsstörungen im Bereich des visuellen

 

 

phie. Tumoren (chromophobes Hypophysenadenom,

Kortex.

 

 

 

 

 

 

16