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Ординатура / Офтальмология / Немецкие материалы / Taschenatlas Augenheilkunde_Torsten Schlote_2004

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A. Entzündungen

Entzündungen einer intakten Linse sind unbekannt. Durch Trauma oder Operation freigesetztes Linseneiweiß kann eine phakogene Uveitis hervorrufen, wobei die entzündlichen Veränderungen (Lymphozyten, Plasmazellen, Epitheloidzellen, Riesenzellen) typischerweise in unmittelbarer Nachbarschaft des Kapselsackes am stärksten ausgeprägt sind. Ein Linsenabszess nach (traumatischer) Einbringung von Bakterien in den Kapselsack ist eine ausgesprochene Rarität.

B. Tumoren

 

Die Linse gehört zu den ganz wenigen Gewe-

 

ben des menschlichen Körpers, an denen eine

 

Tumorentwicklung niemals beobachtet wurde.

 

Der Grund für die fehlende maligne Trans-

 

formationsfähigkeit des

Linsenepithels liegt

 

höchstwahrscheinlich an

der Gefäßlosigkeit

Linse

der Linse und ihrer vom normalen Stoffwech-

sel weitgehend isolierten Lage.

 

11

C. Traumata

 

Stumpfe oder spitze Verletzungen des Auges

 

sind häufig verantwortlich für eine Linsentrübung (Cataracta traumatica, Ca u. b) oder eine Linsenverlagerung (siehe dort). Etwa 5 % aller intraokular eingesprengten Fremdkörper liegen in der Linse. Sie werden üblicherweise mit der getrübten Linse zusammen entfernt. In bestimmten Fällen können intralentale Fremdkörper (bei klarem Linsenzentrum) belassen oder linsenerhaltend extrahiert werden. Längerfristig in der Linse liegende Eisenfremdkörper rufen u. U. eine Verrostung der Linse (Siderosis lentis, Cc) hervor. Hierbei finden sich typischerweise bräunliche Ablagerungen hinter der Iris, die erst bei erweiterter Pupille sichtbar werden. Kupferfremdkörper führen eher zu einer gelb-grünlichen Katarakt, die aufgrund der strahlenförmig angeordneten Trübungen auch Sonnenblumenkatarakt genannt wird.

D. Spontane Linsenresorption und Linsenmetaplasie

Unter bestimmten Bedingungen kann eine Linse vor allem bei weicher Konsistenz spontan

150resorbiert werden. Ursächlich sind Verletzungen, Entzündungen (z. B. Röteln-Embryopathie),

bestimmte syndromassozierte Kataraktformen

(z. B. Katarakt beim Hallermann-Streiff-Syn- drom) oder der persistierende hyperplastische primäre Glaskörper (PHPV). Es verbleiben dann meist mehr oder weniger transparente Anteile der Linsenkapsel.

Mitunter kommt es zur fibrösen Metaplasie des Linsenepithels, bei der sich die linsenfaserbildenden Epithelzellen nach Entzündung, Verletzung oder Operation in fibrozytenähnliche, kontraktionsfähige Zellen umwandeln. Auf diese Weise kann aus der Linse eine derbe, bindegewebige Membran werden. Bei PHPV kommt es in seltenen Fällen zum Ersatz des Linsenmaterials durch Fettgewebe (Pseudophakia lipomatosa, D). Eine ausgesprochene Rarität stellt die Verknöcherung der Linse (Cataracta ossea) dar. Diese beruht meist auf einem lange zurückliegenden Trauma, welches erhebliche intraokulare Umbauvorgänge in Gang gesetzt hat.

Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden! Aus T. Schlote u.a.: Taschenatlas Augenheilkunde (ISBN 3-13-131481-8) © 2004 Georg Thieme Verlag, Stuttgart

C. Traumata

a Trübung und Quellung des Linsenmaterials nach

b Rosettenförmige Linsentrübung nach Augapfelprel-

spitzer, penetrierender Bulbusverletzung

lung (Kontusionsrosette)

cZirkuläre Rostflecken unterhalb der Linsenkapsel (Siderosis lentis)

D.Spontane Linsenresorption und Linsenmetaplasie

Umbau der Linse durch Fettgewebe bei PHPV mit weit fortgeschrittener Degeneration des Bulbus; Irisreste am oberen Bildrand

Entzündungen/Tumoren/Traumata/Linsenresorption

151

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12 Glaukom

152

A. Definition und Klassifikation

Über Jahrzehnte ist der Begriff Glaukom primär im Sinne einer Störung der Kammerwasserdynamik mit der Konsequenz eines erhöhten Augeninnendruckes definiert worden. Neuere Erkenntnisse haben die alleinige Bedeutung des Augeninnendruckes als pathogenetischen Faktor bei der Glaukomentstehung relativiert. Demnach muss das Glaukom heute als Optikusneuropathie definiert werden, die klinisch anhand ihres charakteristischen Papillenbefundes sowie typischer Veränderungen des Gesichtsfeldes diagnostiziert und durch verschiedene Risikofaktoren einschließlich eines erhöhten Augeninnendruckes hervorgerufen werden kann. Die Klassifikation erfolgt unter ätiologischen und pathogenetischen Aspekten und wird meist durch ihren charakteristischen Verlauf zusätzlich erweitert (Tab. 1).

B. Diagnostik

Die Messung des Augeninnendruckes erfolgt i. d. R. applanationstonometrisch (nach Goldmann). Hierbei wird die Kraft gemessen, die benötigt wird, die zentralen 7,35 mm2 der Hornhaut zu applanieren. Der durchschnittliche Augeninnendruck liegt bei 16,5 mm Hg und unterliegt einer zirkadianen Rhythmik von

± 5 mm Hg. Glaukomtypisch sind Druckwerte zwischen 25 und 35 mm Hg sowie größere tageszeitliche Schwankungen. Die einmalige Feststellung eines Druckes von 21 mm Hg oder niedriger schließt deshalb ein Glaukom nicht aus. Da die Dicke der Hornhaut, wie auch andere korneale Faktoren, Einfluss auf die applanationstonometrisch erhobenen Augeninnendruckwerte hat, erfolgt zunehmend die

Hornhautdickenmessung zur kritischen Überprüfung der Werte. Der Korrekturfaktor beträgt 0,2–0,7 mm Hg/10 µm (Norm: 545 µm). Die Indentationstonometrie (nach Schiötz) und andere Verfahren sind klinisch weniger gebräuchlich.

Hohen differenzialdiagnostischen Stellenwert hat die Gonioskopie. Die Beurteilung des Kammerwinkels erfolgt (nach Spaeth) nach der Weite der Kammerwinkelbucht (10°–40°), der Form der Iriswölbung (flach, normal, steil) sowie der Höhe der Irisinsertion im Kammerwinkel (A = hoch bis E = tief). Darüber hinaus werden der Grad der trabekulären Pigmentierung sowie vordere Synechierungen beach-

tet. Eine Reihe weiterer Klassifikationen sind klinisch gebräuchlich. Mittels Ultraschallbiomikroskopie (UBM) können Iris, Iriswurzel, Kammerwinkel, Ziliarkörper und Linse auch sonographisch dargestellt werden.

Die Beurteilung der Papille beinhaltet Größe und Form von Papille, neuroretinalem Randsaum und parapapillärer, chorioretinaler Atrophie (Zone α und β), weiterhin Exkavationstiefe, Sichtbarkeit retinaler Nervenfasern, Durchmesser retinaler Gefäße sowie Vorkommen von Randblutungen. Die glaukomatöse Optikusneuropathie ist gekennzeichnet durch den Verlust retinaler Ganglienzellen und astrozytären Stützgewebes innerhalb der Papille, der sich als Zunahme der Tiefe und Fläche der Exkavation zeigt. Die Untersuchung erfolgt mittels direkter oder indirekter Ophthalmoskopie. Über verschiedene morphometrische Verfahren ist eine Quantifizierung des Verlustes an neuroretinalem Gewebe möglich. Die fotografische Dokumentation von Papille und Nervenfaserschicht erleichtert die Verlaufsbeurteilung.

Die Gesichtsfelduntersuchung ist ein entscheidender Teil der Diagnostik. Der früheste klinisch signifikante Defekt ist ein Skotom, das sich zwischen 10° und 20° vom Fixierpunkt entfernt manifestiert (Bjerrum-Areal). Bei Fortschreiten des Glaukoms finden die Skotome Verbindung zum blinden Fleck und konfluieren. Im Spätstadium kommt es zu einem Durchbruch der Defekte in die Peripherie. Meist verschwindet der temporale Gesichtsfeldrest zuletzt, vor dem Verlust der zentralen Sehschärfe. Der Prüfung des Gesichtsfeldes dient insbesondere die statische SchwellenPerimetrie. Kinetische Verfahren werden bei spezieller Fragestellung und fortgeschrittenem Verlauf hinzugezogen.

Zu einer umfassenden Diagnostik gehören weiterhin die Erfassung von Alter, Eigenanamnese (insbesondere vaskuläre Risikofaktoren) sowie Familienanamnese (s. auch „Primäre Offenwinkelglaukome“).

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A. Definition und Klassifikation

Tab. 1 Glaukomklassifikation nach Vorschlägen der European Glaucoma Society

primär kongenitale Glaukome/dysgenetische Glaukome

primäre Offenwinkelglaukome

primäres Offenwinkelglaukom mit Hochdruck/Glaucoma chronicum simplex

primäres Offenwinkelglaukom ohne Hochdruck/Normaldruckglaukom

primär juveniles Glaukom

okuläre Hypertension

sekundäre Offenwinkelglaukome

sekundäre Offenwinkelglaukome als Folge okulärer Erkrankungen

Pseudoexfoliationsglaukom

Pigmentdispersionsglaukom

linseninduzierte sekundäre Offenwinkelglaukome (phakolytisches Glaukom, Linsenteilchenglaukom, phakoanaphylaktisches Glaukom)

Glaukome bei intraokularer Blutung (Glaukom bei Hyphäma, hämolytisches Glaukom, Geisterzellglaukom)

Glaukome bei intraokularen Entzündungen

Glaukome bei intraokularen Tumoren

Glaukome bei Netzhautablösung

traumatische Glaukome

iatrogene sekundäre Offenwinkelglaukome

Steroidglaukom

Glaukome nach intraokularen Eingriffen und Laser

sekundäre Offenwinkelglaukome als Folge extraokularer Erkrankungen

Glaukome bei erhöhtem episkleralen Venendruck

primäre Engwinkelglaukome

primärer Winkelblock

sekundäre Engwinkelglaukome

sekundäre Engwinkelglaukome mit Pupillarblock

sekundäre Engwinkelglaukome ohne Pupillarblock mit anteriorem „Pulling“-Mechanismus

sekundäre Engwinkelglaukome ohne Pupillarblock mit posteriorem „Pushing“-Mechanis- mus

B. Diagnostik

LA

30°-Gesichtsfeld

30° Stadium I

30° Stadium II

30° Stadium III

30° Stadium IV

 

90°-Gesichtsfeld

30°

90° Stadium V

Stadien glaukomatöser Gesichtsfelddefekte nach Aulhorn

Definition/Klassifikation/Diagnostik

153

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Die dysgenetischen oder entwicklungsbeding-

 

ten Glaukome sind gekennzeichnet durch Fehl-

 

entwicklungen der

Kammerwasserabfluss-

 

strukturen, häufig verbunden mit weiteren

 

okulären oder systemischen Veränderungen.

 

Ursächlich sind Differenzierungsstörungen des

 

kranialen Neuralrohres während der Embryo-

 

nalzeit. Glaukome im Kindesalter treten mit

 

einer Inzidenz von 1 : 10 000 auf. Ausprägungs-

 

grad und Manifestationsalter variieren stark.

 

Bei Manifestation bis zum dritten Lebensjahr

 

spricht man von kongenitalen Glaukomen, bei

 

späterer Manifestation von juvenilen Glauko-

 

men (bis zum 35. Lebensjahr). Der pathologisch

 

erhöhte Augendruck kann durch die noch vor-

 

handene Dehnbarkeit des Bulbus eine Vergrö-

Glaukom

ßerung

des gesamten

Augapfels induzieren

(Buphthalmus). Diagnostisches Leitsymptom

ist ein

vergrößerter

Hornhautdurchmesser

(> 13 mm). Einrisse der Descemetmembran und

anschließende Reparaturmechanismen führen

12

zu typischen Hornhautnarben (Haab-Leisten).

 

A. Primär kongenitale Glaukome,

 

dysgenetische Glaukome

Weitere Symptome sind Epiphora und Photophobie. Die Einteilung erfolgt nach syndromatologischen oder morphologischen Gesichtspunkten.

Bei etwa 50 % der Glaukome im Kindesund Jugendalter liegen isolierte Trabekulodysgenesien vor, bei denen es zu einer Behinderung des Kammerwasserabflusses ohne zusätzliche okuläre und systemische Anomalien kommt (Aa). Unterschieden werden drei Kammerwinkelformationen: posteriore, anteriore und konkave Irisinsertion. Der Schlemm-Kanal ist meist offen. Die morphologische und funktionelle Ausprägung ist stark variabel. Spontanremissionen im Sinne einer Kammerwinkelnachreifung sind beschrieben.

Iridotrabekulodysgenesien erklären sich aus dem gemeinsamen Ursprung in einem Zellverband des kranialen Neuralrohrs. Dysgenetische Befunde der Iris können sich als Irisstromahypoplasie, Persistieren der Pupillarmembran, Irishyperplasie (u. a. Ectropium uveae), pathologische Irisgefäße (irreguläre, oberflächliche Irisgefäße, Persistenz der Tunica vasculosa lentis), als Lochbildungen, Iriskolobome oder als

154Aniridie darstellen (Ab – d).

Bei den Iridokorneotrabekulodysgenesien (Ae

u. f) lassen sich periphere, mittelperiphere und

zentrale Formen unterteilen: Als Embryotoxon posterius bezeichnet man die prominente Begrenzung der Descemetmembran, die sich als feiner, weißlicher Ring der peripheren Hornhaut bei 15–30 % normaler Augen findet. Treten zusätzlich periphere, mesodermale Stränge vom Irisstroma zur Schwalbe-Linie auf, spricht man von einer Axenfeld-Anomalie. In 50 % der Fälle tritt, durch Verlegung des Kammerwinkels, ein Glaukom auf (Axenfeld-Syn- drom). Bei der Rieger-Anomalie sind neben Embryotoxon posterius, mittelperiphere, vordere Synechien sowie eine Irisstromahypoplasie kennzeichnend. Pupillenektopie, Hornhautstromatrübungen und Glaukom (50 % der Fälle) können hinzutreten. Zusätzliche Zahnoder Skelettanomalien bezeichnen ein RiegerSyndrom. Da fließende Übergänge zwischen Axenfeldund Rieger-Anomalie bestehen und häufig beide Veränderungen gemeinsam vorkommen, geht man davon aus, dass es sich um Varianten des gleichen Fehlbildungskomplexes handelt, die unter dem Begriff Axenfeld-Rieger- Syndrom zusammengefasst werden. Die zentrale Form der Iridokorneotrabekulodysgenesie wird als Peters-Anomalie bezeichnet. Es handelt sich um eine seltene, meist bilaterale Anomalie. In 50–70 % der Augen tritt ein dysgenetisches Glaukom auf. Daneben finden sich zentrale Hornhauttrübungen, Fehlen oder Ausdünnung einzelner Hornhautschichten, vordere Synechien von Iris und Linse, vorderer Polstar und Mikrophthalmus. Zusätzliche Fehlbildungen von ZNS, Herz, Kreislauf oder Gesichtsschädel werden als Peters-Plus-Syndrom bezeichnet.

Typische systemische Fehlbildungen, in deren Rahmen es zur Entwicklung eines dysgenetischen Glaukoms kommt, sind Lowe-Syndrom, Phakomatosen (v. a. Sturge-Weber-Syndrom), Rubinstein-Taybi-Syndrom, Pierre-Robin-Syn- drom, Chromosomenabberationen, MarfanSyndrom, Weil-Marchesani-Syndrom, Rötelnembryopathie und Homozystinurie.

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A. Primär kongenitale Glaukome, dysgenetische Glaukome

a Trabekulodysgenesie

b Iridotrabekulodysgenesie

c Iridotrabekulodysgenesie

d Aniridie

e Iridokorneotrabekulodysgenesie

f Iridokorneotrabekulodysgenesie

Primär kongenitale Glaukome, dysgenetische Glaukome

155

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Das Glaucoma chronicum simplex (primäres

 

Offenwinkelglaukom

mit Hochdruck, primär

 

chronisches Offenwinkelglaukom) ist gekenn-

 

zeichnet durch einen Augeninnendruck größer

 

21 mm Hg (Aa), einen offenen Kammerwinkel

 

(Ab), eine charakteristische Papillenexkavation

 

(Ac – e) mit Gesichtsfelddefekten (Af) sowie das

 

Fehlen einer bekannten sekundären Ursache

 

der Glaukomentstehung. Der Anstieg des Au-

 

geninnendruckes wird durch einen erhöhten

 

Abflusswiderstand im juxtakanalikulären Tra-

 

bekelmaschenwerk

verursacht. Assoziierte

 

Genmutationen (MYOC/TIGR) konnten in den

 

letzten Jahren vermehrt aufgedeckt werden.

 

Das primär chronische Offenwinkelglaukom

 

stellt die häufigste Glaukomform dar. Die Prä-

 

valenz beträgt circa 1,4 % in der Bevölkerung

Glaukom

über 40 Jahre. Eine Geschlechtsdisposition fin-

schleichend und zeigt zunächst keine Sympto-

 

det sich nicht. 20 % aller Erblindungen der

 

westlichen Welt werden durch das Simplex-

 

glaukom verursacht. Die Erkrankung beginnt

12

me, bis bereits deutliche Gesichtsfelddefekte

 

A. Glaucoma chronicum simplex

 

entstanden sind. In den meisten Fällen ergibt

 

sich der Verdacht durch einen routinemäßig

 

entdeckten, auffälligen Papillenbefund. Ohne

 

Therapie liegt der Augeninnendruck i. d. R. zwi-

 

schen 25 und 35 mm Hg. Der Kammerwinkel ist

 

weit offen. Die Erkrankung ist chronisch und

 

langsam progredient. Unbehandelt führt sie

 

zum allmählichen Funktionsverlust des Auges.

 

B. Normaldruckglaukom

 

Wesentliches Merkmal des Normaldruckglau-

 

koms (Glaucoma sine tensio) ist das Vorhan-

 

densein einer glaukomatösen Optikusneuropa-

 

thie mit Gesichtsfelddefekten bei im Norm-

 

bereich liegendem Augeninnendruck, offenem

 

Kammerwinkel und Fehlen einer bekannten se-

 

kundären Ursache

der Glaukomentstehung.

Der Begriff umfasst eine ganze Gruppe von Glaukomen. Zahlreiche Risikofaktoren (Kompression des N. opticus, vaskuläre Dysregulation, arterielle Hypertension und Hypotension, Schlaf-Apnoe-Syndrom, Veränderungen der Blutrheologie, -viskosität, -koagulabilität) können Entstehung und/oder Verlauf beeinflussen. Weiterhin kristallisieren sich zunehmend ge-

156netische Zusammenhänge (Optineurin) heraus, die auch eine bessere Abgrenzung zum primär

chronischen Offenwinkelglaukom erlauben.

Die Prävalenz in Westeuropa beträgt etwa 0,6 %. Die Diagnosestellung erfolgt primär als Ausschlussdiagnose anderer Glaukomformen und nichtglaukomatöser Optikusneuropathien. Der Augeninnendruck spielt im pathogenetischen Geschehen trotz allem eine Rolle. Eine Drucksenkung um 30 % und mehr kann eine weitere Progression des Krankheitsgeschehens verhindern oder zumindest verlangsamen. Ein Fortschreiten des Glaukomschadens trotz effektiver Drucksenkung sollte an einen starken nächtlichen Blutdruckabfall denken lassen. Ergeben sich nachhaltige Hinweise auf das Vorliegen eines vasospastischen Syndroms, so kann bei milderen Formen eine systemische Therapie mit Magnesium, bei stärkeren Formen mit niedrig dosierten Calciumkanalblockern erfolgen. Eine Zusammenarbeit mit dem betreuenden Hausarzt ist hierbei auf jeden Fall anzuraten.

C. Primär juveniles Glaukom

Das primär juvenile Glaukom tritt im Alter von 10 bis 35 Jahren auf. Bei ähnlichem klinischen Verlauf zeigt es eine stärkere genetische Abhängigkeit als das primär chronische Offenwinkelglaukom. Assoziierte Gene konnten auf Chromosom 1 und MYOC nachgewiesen werden. Häufig findet sich eine positive Familienanamnese.

D. Okuläre Hypertension

Die okuläre Hypertension ist gekennzeichnet durch Augeninnendruckwerte von mehr als 21 mm Hg ohne charakteristische glaukomatöse Optikusneuropathie. Zur kritischen Überprüfung der applanatorisch erhobenen Druckwerte ist eine Hornhautdickenmessung notwendig. Nur eine Minderheit der Patienten entwickelt im Laufe der Jahre eine glaukomatöse Schädigung. Die 5-Jahres-Konversionsrate beträgt etwa 10 %. Bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren ist eine Therapie sinnvoll.

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A. Glaucoma chronicum simplex

 

 

Intraokulardruck

 

32

 

RA

 

30

 

LA

(mmHg)

28

 

 

26

 

 

 

 

 

24

22

20

18

0

2

4

6

8

10

12

14

16

18

20

22

24

 

 

 

 

 

Zeit (h)

 

 

 

 

 

a Druckprofil bei Glaucoma chronicum simplex

b Offener Kammerwinkel bei Glaucoma chronicum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

simplex

Primäre Offenwinkelglaukome

cFortgeschrittene Optikusneuropathie bei Glaucoma chronicum simplex

dNervenfaserschichtdefekte bei Glaucoma chronicum simplex

e Scanning-Laser-Ophthalmoskopie (Heidelberg Re-

f Gesichtsfelddefekte bei Glaucoma chronicum sim-

157

tina Tomograph) bei Glaucoma chronicum simplex

plex

 

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12 Glaukom

158

A. Sekundäre Offenwinkelglaukome

ren Augenabschnitt. Durch Überfrachtung des

Trabekelmaschenwerkes mit nachfolgender

Sekundäre Offenwinkelglaukome sind charak-

Veränderung der Trabekellamellen entwickeln

terisiert durch einen erhöhten Augeninnen-

etwa 25–35% der Patienten ein Glaukom (Pig-

druck mit progressiver, typisch glaukomatöser

mentdispersionsglaukom). Entsprechend der

Optikusneuropathie und Gesichtsfelddefekten

Theorie des inversen Pupillarblockes stellt die

als Folge einer okulären oder extraokularen Er-

Iris ein Ventil dar, durch das der Augeninnen-

krankung und/oder Behandlung. Der Kammer-

druck in der Vorderkammer höher ist als in der

winkel ist über mehr als 270° offen. Fließende

Hinterkammer. Dies führt zum Zurückdrängen

Übergänge zu sekundären Engwinkelglauko-

der peripheren Iris gegen die Linse. Durch Ab-

men sind häufig.

rieb zwischen Zonulafasern und Irisrückfläche

Das Pseudoexfoliationssyndrom ist charakte-

kommt es zur Freisetzung von Melaningranula.

risiert durch die Ablagerung von Pseudoexfoli-

Überwiegend betroffen sind myope Männer im

ationsmaterial im vorderen Augenabschnitt

Alter von 30–40 Jahren. Ein Pigmentglaukom

sowie in verschiedenen extraokularen Gewe-

entwickelt sich meist innerhalb der ersten

ben. Durch Verlegung des trabekulären Ma-

15 Jahre nach Nachweis der Pigmentdispersion.

schenwerkes entwickeln etwa 20–60 % der

In manchen Fällen kommt es zum Augenin-

Patienten ein Glaukom (PEX-Glaukom, Glau-

nendruckanstieg bei körperlicher Anstrengung

coma capsulare). Das Pseudoexfoliationsma-

oder nach Pupillenerweiterung, vermutlich als

terial stellt ein fibrilläres Basalmembranpro-

Folge einer vermehrten Pigmentdispersion. Ty-

tein dar, für dessen Herkunft genetische und

pischerweise zeigt sich eine spindelförmige bis

nichtgenetische Ursachen (UV-Strahlung, auto-

dreieckige Pigmentierung des Hornhautendo-

immunologische Faktoren, Slow-Virus-Infek-

thels mit der Basis nach unten (Krukenberg-

tion, Trauma) verantwortlich gemacht werden.

spindel, Ac). Das Trabekelwerk ist hochgradig

Betroffen sind überwiegend Patienten im 6.–7.

pigmentiert (Ad). Durch den Pigmentverlust des

Lebensjahrzehnt. Eine erhöhte Prävalenz zeigt

Irispigmentepithels entstehen radiäre Trans-

sich bei skandinavischer Abstammung. Eine

illuminationsdefekte (Kirchenfenster-Phäno-

familiäre Häufung ist beschrieben. Das PEX-

men, Ae). Staubartige Pigmentablagerungen

Glaukom manifestiert sich meist mit deutlich

können sich auch auf Irisvorderfläche, Linse,

höherem Druckniveau, schnellerer Progression

Zonulafasern und Netzhautperipherie zeigen.

und niedrigerer Drucktoleranz als das primär

Tritt eine Augeninnendrucksteigerung hinzu,

chronische Offenwinkelglaukom. Das PEX-Ma-

kann sich eine charakteristische glaukomatöse

terial imponiert als grau-weißliche Flocken

Optikusneuropathie entwickeln. Zur Diagnose

und findet sich neben den intraund intertra-

des inversen Pupillarblockes ist die Ultra-

bekulären Zwischenräumen des Trabekelma-

schallbiomikroskopie hilfreich (Af). Wie beim

schenwerks auch auf Hornhautendothel, Iris,

primär chronischen Offenwinkelglaukom han-

Linse, Zonulafasern und Ziliarkörperfortsätzen

delt sich um eine chronisch progressive Er-

(Aa, b). Gelegentlich zeigt sich eine Phakodo-

krankung. Neben der lokal drucksenkenden

nesis oder Spontanluxation der Linse. Gonios-

Therapie wird die Durchführung einer Laseriri-

kopisch fällt eine vermehrte Pigmentierung des

dotomie oder einer chirurgischen Iridektomie

Kammerwinkels auf, gelegentlich eine wellen-

zur Aufhebung des inversen Pupillarblockes

förmige Linie anterior der Schwalbe-Linie

empfohlen. Im Verlauf sind Spontanremissio-

(Sampaolesi-Linie). Daneben findet sich ent-

nen möglich.

sprechend eine glaukomatöse Optikusneuro-

 

pathie mit erhöhten Augeninnendruckwerten.

 

Wie beim primär chronischen Offenwin-

 

kelglaukom handelt es sich um eine chronisch

 

progressive Erkrankung, die jedoch ein ver-

 

mindertes Ansprechen auf die konservative

 

Therapie aufweist, was meist zur frühzeitigen

 

chirurgischen Intervention führt.

 

Das Pigmentdispersionssyndrom ist gekenn-

 

zeichnet durch Pigmentablagerung im vorde-

 

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A. Sekundäre Offenwinkelglaukome

a Pseudoexfoliationsglaukom

b Pseudoexfoliationsglaukom

Sekundäre Offenwinkelglaukome

c Krukenberg-Spindel bei Pigmentdispersionsglau-

d Kammerwinkelbefund bei Pigmentdispersions-

kom

glaukom

e Kirchenfensterphänomen bei Pigmentdispersions-

f Ultraschallbiomikroskopiebefund bei Pigment-

159

glaukom

dispersionsglaukom

 

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