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  1. Die Kategorie der Bestimmtheit/Unbestimmtheit. Der Artikel.

Die Kategorie der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit wird durch die Verbindung des Substantivs mit dem Artikel, das heißt auf analytische Weise ausgedrückt.

Der Artikel ist eine besondere Wortklasse unter den Funktionswörtern. mit morphologischer Funktion Er fungiert im Bereich der For­menbildung des Substantivs so, wie die Hilfsverben im Bereich der Konjugation fungieren, und dient zur Bildung der analytischen Formen im substantivischen Paradigma.

Die Funktionswörter mit morpholo­gischer Funktion sind Flexibilia (z. B. de-r, des, de-m, de-n). Sowohl das Wurzelmorphem des Artikels als auch seineFlexionsmorpheme dienen zum Ausdruck der grammatischen Kategorien des Substantivs. Das Wurzelmorphem des Artikels erscheint im Gegen­satz zum Wurzelmorphem der Autosemantika (Pronomen der, Numerale ein) nicht als Träger einer lexikalischen Bedeu­tung, sondern als ein Ausdrucksmittel der grammatischen Bedeutungen im Paradigma des Substantivs. Die Wahl zwischen einer d-Form (der, die, das), einer ein-Form oder einer O-Form des Artikels dient zum Aus­druck der Kategorie der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit des Substantivs. Die Flexionen des Arti­kels beteiligen sich am Ausdruck von Genus, Kasus und Numerus des Substantivs.

Die Grundfunktion des Artikels ist der Ausdruck der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit, also der Referenz.

Die Frage nach der grammatischen Bedeutung der Artikelformen ist eines der schwie­rigsten und der umstrittensten Probleme der Grammatik. Das erklärt auch die Entstehung immer neuer Artikeltheorien.

Die traditionelle Benennung Kategorie der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit und die entsprechenden Benennungen der entsprechenden Artikelformen der und ein sind konven­tionelle Termini; sie bringen die Bedeutung und die Funktionen der Artikelformen nur un­vollständig zum Ausdruck.

Die grammatische Bedeutung der Bestimmtheit und Unbestimmtheit (auch Definitheit und Indefinitheit genannt) hängt damit zusammen, dass die Bedeutung des Wortes einen verallgemeinern­den Charakter hat. Jedes Wort dient zur Benennung unzähliger Ge­genstände oder Lebewesen derselben Gattung sowie zum Ausdruck des allgemeinen Begriffes über diese Gegenstände bzw. Lebewesen.

So bezeichnen die Wörter Mensch, Haus, Katze, Baum usw. sowohl die verallgemeinerten Begriffe dieser Gegenstände als auch die ganze Gat­tung der betreffenden Gegenstände (der sog. generalisierende Gebrauch der Substantive: Die Katze ist ein Haustier) und jeden ein­zelnen Gegenstand der betreffenden Gattung (der sog. individua­lisierende Gebrauch: die Katze des Nachbars).

Jedesmal bezieht der Sprecher seine Äußerung auf einen bestimmten Gegenstand, er referiert auf ihn. Die Bezugnahme eines Wortes auf einen konkreten Gegenstand im Prozess des Kommunizierens nennt man die Referenz.

Der Sprecher bezieht das Wort auf einen bestimmten Gegenstand und steuert durch Referenzanweisungen das Verstehen seiner Äußerung durch den Hörer. Dabei signalisiert er auf die eine oder die andere Weise, von welchem konkreten Einzelgegenstand der Gattung die Rede ist. Durch Referenzanweisungen wird 1) der gemeinte Gegenstand für den Hörer identifiziert (Nehmen Sie, bitte, diesen Apfel!), 2) dem Hörer wird zu verstehen gegeben, dass die Rede von einem ihm unbekannten Gegenstand ist (Ich will dir ein Buch geben) oder 3) dass ein beliebiger Einzelgegenstand gemeint ist (Gib mir, bitte, einen Bleistift!).

Als Referenzanweisungen dienen sowohl lexikalische als auch gram­matische Ausdrucksmittel. Eine wesentliche Rolle spielt natürlich auch der Kontext.

Ein lexikalisches Mittel der Identifizierung sind vor allem die Attri­bute des Substantivs, die ein individuelles Merkmal des Gegenstandes angeben. Alle diese Attribute machen den Gegenstand zum einmaligen, einzigartigen in der Redesitua­tion.

Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals, zur Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. (Th. Mann)

Da waren sie zwischen Wannsee und Nowawes auf das Auto des Haupt­manns von Klemm gestoßen, an dem ein Reifen geplatzt war. (Seghers)

Derselbe Effekt tritt bei Angabe des Besitzes oder der Zugehörigkeit auch dann ein,

wenn man von der Gesamtheit der Gegenstände redet, die einem Besitzer oder einem bestimmten Bereich angehören;

Das neue „Büro Aufbau" hatte seine Tätigkeit aufgenommen. Die Schreibmaschinen klapperten, und die neuen Mitarbeiter saßen über ihren Zeichentischen. (Kellermann)

Das wichtigste grammatische Mittel der Identifizierung von Ge­genständen ist der bestimmte Artikel. Er unterscheidet sich von den. lexikalischen Referenzanweisungen vor allem durch den abstrakten Charakter seiner Bedeutung. Während die lexikalischen näheren Be­stimmungen auf konkrete Merkmale des genannten Gegenstandes hin­weisen, hat die durch den Artikel signalisierte Bestimmtheit des Gegenstandes einen abstrak­ten Charakter. Der bestimmte Artikel signalisiert nur, dass der Sprecher und der Hörer ein und denselben Gegenstand meinen.

Ein anderer Charakterzug des Artikels, der ihn von den lexikalischen Signalen der Bestimmtheit unterscheidet, ist die Regelmäßigkeit seiner Verwendung. Jedes Substantiv (außer den Eigennamen) wird in der Rede durch den Artikel als ein bestimmtes oder ein unbestimmtes begleitet.

Der Gegenstand kann in folgenden Fällen als dem Hörer (Le­ser) bekannt, (auch wenn das Substantiv keine näheren Bestimmungen hat):

1. Wenn ein schon vorher erwähnter Gegenstand in den Gesichts­- kreis des Hörers (Lesers) gerückt ist

Im Kanal lag ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorüber. (H. Mann)

2. Wenn der Gegenstand zum erstenmal erwähnt wird, aber situa-­ tionsbedingt und deshalb situationsbestimmt ist

Der kleine, flache, weiße Alsterdampfer biegt bei, „Sybille“ steht an seinem Bug. Der Schiffstelegraf schrillt, und die Schraube wirbelt schau­miges Wasser auf. Die Passagiere drängen nach den Ausgängen. Der Kon­trolleur springt an Land, wirft das Schiffstau um den eisernen Poller am Kai und ruft: „Jungfernstieg! Endstation!" (Bredel)

3. Wenn eine Person, ein Gegenstand oder eine Erscheinung allge­- mein oder einem bestimmten Kreis von Menschen bekannt sind:

Paris brannte. Die Versailler drangen in die Stadt. Die Kommune war besiegt. (Bredel)

Sagen Sie mal, ist heute in Hamburg Feiertag?" fragt harmlos einer von den Reisenden, die am Fenster stehen.

Ein alter Mann antwortet: „Seit der Krise ist jeder Tag in Hamburg ein Feiertag, Herr!" (Bredel)

Der unbestimmte Artikel signalisiert, daß auf einen Gegenstand referiert wird, der sich bis dahin in dem Gesichts­kreis des Hörers überhaupt nicht oder nicht in diesem Zusammenhang befunden hatte:

Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei, stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ulster und grauem Hute vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. (Th. Mann)

Der unbestimmte Artikel kann auch ein Signal sein, daß der Ge­genstand nicht nur für den Hörer, sondern auch für den Sprecher un­bestimmt ist. Der Sprechende meint einen Einzelgegenstand, hat aber keine Assoziationen mit einem bestimmten Gegenstand, identifiziert ihn nicht mit einem bestimmten Gegenstand:

Denke doch nach, Grünlich! Erika muss über kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben...“ (Th. Mann)

Die Bedeutung der Unbestimmtheit beruht ebenso wie die der Be­stimmtheit auf der Pluralitдt der Gegenstдnde, die durch Gattungsna­men bezeichnet werden. Ein für den Hörer (bzw. auch für den Sprecher) unbestimmter Gegenstand ist ein beliebiges noch nicht näher gekenn­zeichnetes Exemplar der Gattung.

Auf Grund des Gesagten kann man die traditionelle Auffassung der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit so präzisieren:

  1. Die Kategorie der Bestimmtheit und der Unbestimmtheit ist dem Substantiv als Wortart eigen. Sie liegt im Bereich der Morpho- logie; aber sie kommt wie viele grammatische Kategorien der Wortar­- ten nur in der Äußerung zur vollen Geltung.

  1. Die Kennzeichnung des Gegenstandes als „bestimmt" oder „unbe­- stimmt" beruht nicht auf seinen ständigen Eigenschaften (der Gegenstand kann nicht an und für sich bestimmt oder un­bestimmt sein). Sie ist durch die Stellungnahme des Sprechers und des Hörers in der Sprechsituation bedingt. Entscheidend bei dieser Kennzeichnung ist das Vorhandensein bzw. Nicht- vorhandensein einer Präinformation über diesen Gegenstand, auf den vom Sprecher referiert wird, beim Gesprächspartner.

Das Gesagte rückt die Begriffe „Bestimmtheit" und „Unbestimmtheit" in den Bereich der Kommunikationstheorie.

3. Die Bedeutungen „bestimmt" und „unbestimmt" treten am klar­- sten bei der individualisierenden Verwendung von Gattungsnamen zu­ tage, wenn es darum geht, einen konkreten Einzelgegenstand zu identi­- fizieren oder eine solche Identifizierung zu unterlas

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