Die Kategorie des Kasus
Die Veränderung der Substantive nach den Kasus gibt ihnen die Möglichkeit, in verschiedensten syntaktischen Funktionen im Satz aufzutreten. Die Kasus dienen 1) zum Ausdruck der syntaktischen Beziehungen zwischen den nominalen Satzgliedern und dem Prädikat des Satzes; 2) zum Ausdruck der syntaktischen Beziehungen zwischen den Substantiven in der Wortfügung.
Diese Funktionen erfüllen sowohl reine Kasus als auch Präpositionalkasus. Die Präpositionen konkretisieren durch ihre lexikalische Bedeutung die Beziehungen, die der Kasus nur in sehr allgemeiner Form angibt.
Die grammatische Bedeutung der Kasus ist sehr abstrakt, und der Sprachforschung ist es bis heute nicht gelungen, das Problem der Kasusbedeutung völlig zu lösen.
Es bestehen zwei Grundtendenzen in der Erforschung der Kategorie der Kasus:
Die erste Tendenz. Einige Forscher interpretieren die Kasus semantisch. Jakobson unterscheidet die Gesamtbedeutung eines Kasus, die von seiner Umgebung unabhängig ist, und die Sonderbedeutungen des Kasus, die durch den Kontext bestimmt werden. Jakobson hält das die Kasusbedeutung und Kasusfunktion auseinander. Er meint, dass der Kasus in verschiedenen syntaktischen Funktionen eine und dieselbe Gesamtbedeutung hat.
Laut Jakobson bedeutet der Akkusativ, dass irgendeine Handlung auf den bezeichneten Gegenstand gerichtet ist, ihn ergreift. Diese Gesamtbedeutung ist eigen sowohl dem Akkusativ in der Funktion des Objekts: einen Brief schreiben, ein Buch lesen, als auch dem Akkusativ in der Funktion einer Umstandsergänzung: ein Jahr leben, den Weg gehen, Geld kosten.
Der Nominativ ist nach Jakobson gegenüber dem Akkusativ das merkmallose, schwache Oppositiongsglied und Träger der reinen Nennfunktion. Diese Bedeutung bewahrt er in allen syntaktischen Verwendungsweisen, d, h. als Subjekt, Prädikativ und Apposition.
Der semantischen Interpretation der Kasus widersprechen jedoch die Tatsachen, die im Zusammenhang mit der Theorie der Genera verbi ermittelt worden sind: der Nominativ als Kasus des Subjekts kann nicht nur den Täter (das Agens), sondern auch sein Gegenteil, das Patiens bezeichnen.
Es steht auch fest, dass das Patiens in einem Satz als Nominativ und als Akkusativ auftreten kann.
Ähnliche Erkenntnisse brachte die Theorie der semantischen bzw. Tiefenstrukturkasus (Fillmore). Vom Standpunkt der Satzsemantik enthält der Satz in seiner Inhaltsstruktur ein semantisches Prädikat (das Abbild einer Eigenschaft oder Beziehung der außersprachlichen Realität). Je nach der Beschaffenheit des Prädikats enthält die Satzstruktur ein oder mehrere semantische Argumente (Abbilder von Gegenständen, die am Sachverhalt beteiligt sind).
Die semantischen Kasus oder die sog. Tiefenstrukturkasus (Tiefenkasus) kennzeichnen die Rolle der einzelnen Argumente. Es besteht noch kein vollständiger Katalog der möglichen Rollen der Argumente gibt. Fillmore nennt folgende wichtige semantische Relationen oder Rollen: Agentiv (== der Täter, das Agens), Instrumental, Dativ (== die Person, die durch das Geschehen affiziert wird), Faktitiv (= Objekt, das aus der Tätigkeit resultiert), Lokativ (= lokale Position, räumliche Ausdehnung), Objektiv (= Objekt, das durch die Tätigkeit oder den Zustand affiziert wird).
Die Tiefenkasus sind den Kasus der Oberflächenstruktur des Satzes (den sog. Oberflächenkasus) nicht identisch und können durch verschiedene reine bzw. Präpositionalkasus vertreten werden. Folgende Beispiele zeigen, dass der Nominativ als Oberflächenkasus sehr verschiedene semantische Relationen ausdrücken kann:
Der Lehrer schließt die Tür. (Agentiv)
Der Schlüssel schließt die Tür. (Instrumental)
Die Tür wird geschlossen. (Objektiv)
Der Kuchen wird gebacken. (Faktitiv)
Der Schüler erhält ein Buch geschenkt. (Dativ)
Ähnlich können verschiedene semantische Relationen durch den Akkusativ ausgedrückt werden:
Er zerbrach das Glas. (Objektiv) Er schrieb das Buch. (Faktitiv) Er unterstützt seinen Freund. (Dativ) Er betritt den Garten. (Lokativ) Er benutzt den Schlüssel, um die Tür zu öffnen. (Instrumental)
Aus diesen Beispielen geht hervor, dass die herkömmlichen Kasus nicht zum Ausdruck von semantischen Relationen. Sie dienen vor allem zur Gestaltung der Satzglieder in der Oberflächenstruktur des Satzes.
Das unterstützt die zweite Tendenz in der Untersuchung der Kasus, und zwar die Tendenz, die Kasus aus syntaktischer Sicht, als Komponenten der Satzstruktur zu deuten. Diese Tendenz liegt der Kasustheorie von Kurylowicz zugrunde, der im Gegensatz zu Jakobson von dem syntaktischen Funktionieren der Kasus ausgeht. Sie gestalten die Satzglieder in der Oberflächenstruktur des Satzes. Kurilowicz unterscheidet die primäre Kasusfunktion und die sekundären Kasusfunktionen.
Die primäre Funktion eines Kasus ist nicht semantisch gebunden, sie ist rein grammatischer Art. So ist zum Beispiel die primäre und zentrale Funktion des Akkusativs die des Objekts, die primäre Funktion des Nominativs - die des Subjekts.
Die sekundären und peripheren (marginalen) Funktionen des Akkusativs sind seine kontextuellen Verwendungsweisen: die Umstandsergдnzungen des Ortes, der Zeit, des Maßes, des Wertes (eine Stunde dauern, einen geraden Weg gehen, ein Kilo wiegen, viel Geld kosten). Die sekundäre Funktion des Nominativs ist die des Prädikativs.
Die moderne Grammatikforschung betrachtet die Kasus einer Sprache nicht einzeln, isoliert voneinander, sondern auf Grund der Oppositionsverhältnisse im Kasussystem der Sprache. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Valenztheorie und der Rolle, die die Valenz des Verbs in der Satzgestaltung spielt, verbindet man den Kasusgebrauch im Satz auch mit den Valenzverhältnissen in verschiedenen Satzstrukturen.
