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  1. Die Kategorie des Numerus

Die Kategorie des Numerus ist vielen Wortarten eigen. Doch ist das Wesen dieser Kategorie beim Substantiv grundsätzlich anders als bei allen anderen Wortarten.

So ist zum Beispiel der Numerus beim finiten Verb auf die Zahlform des Subjekts im Satz abgestimmt (das Kind schläft — die Kinder schla­fen) also synsemantisch nach seiner Bedeutung und syntak­tisch nach seiner Funktion. Auch der Numerus der Adjektive, der adjektivischen Pronomen und der Ordnungszahlwörter hängt von der Zahlform des Substantivs in der attributiven Wortfügung ab (alter Mann alte Leute; dieses Gespräch diese Gespräche; der erste Versuch die ersten Versuche). Er ist also wiederum synsemantisch und ein Mittel der Kongruenz in der Wortfügung.

Beim Substantiv ist der Numerus autosemantisch, dem Substantiv als solchem eigen, besteht außerhalb syntaktischer Beziehungen und ist mit dem Begriff der Gegenständlichkeit eng verbunden. Die Kategorie des Numerus entspricht seiner verallgemeinerten Wortklassenbedeutung.

Die Kategorie des Numerus ist mit den Begriffen der Gattung und der Zäh1barkeit der Gegenstände innerhalb der Gattung verbun­den. Sie beruht auf der Opposition: ein Gegenstand / viele Gegenstände von derselben Gattung.

Diese Opposition kennzeichnet vor allem Namen der Konkreta: der Mensch / die Menschen, das Haus / die Häuser, der Baum / die Bäume. Auch viele Abstrakta haben die Fähigkeit zur Zählbarkeit: die Idee / die Ideen, die Bestrebung / die Bestre­bungen, die Eigenschaft / die Eigenschaften, die Tugend / die Tugenden u. ä.

Es ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Bedeutung der Plural­form nicht um die Vielheit handelt, sondern um eine gegliederte Vielheit, um eine Summe von Einheiten. Die singularisch gebrauchten Kollektiva drücken zwar auch eine Vielheit aus, aber als eine undifferenzierte, unzerlegbare Ganzheit, z.B.; das Gebüsch (eine nichtgegliederte Vielheit, eine undifferenzierte Ganzheit) und die Büsche (eine differenzierte Summe von Einheiten); ähnlich: das Laub und die Blätter, das Proletariat und die Proletarier, die Studentenschaft und die Studenten.

Einen weiteren Beweis dafür sind die Stoffnamen. Als Bezeichnungen einer undifferenzierten Ganzheit haben die Stoffnamen in der Regel nur die Singularform: das Wasser, der Wein, der Stahl, das Öl. Sobald aber der Stoff nach den Sorten oder Arten gegliedert wird, bekommen die Stoffnamen die Pluralform: die Weine (= Weinsorten), z. B. alte Weine, starke Weine; die Stähle (=Stahlsorten), die Öle (= Ölsorten) u. a. Die grammatische Bedeutung der Zahlformen bei den zählbaren Substantiven ist also

Grammen

Bedeutungskomponenten (Seme)

Singular

„Zählbarkeit"

„Einheit"

Grammem

Bedeutungskomponenten (Seme)

Plural

„Zählbarkeit"

„gegliederte Vielheit"

Die grammatische Opposition: ein Gegenstand / viele Gegenstände von derselben Gattung wird manchmal neutralisiert. Das passiert durch die synonyme Ver­wendung von Singular und Plural bei der Bezeichnung der ganzen Gat­tung (die sog. Generalisierung):

Der Mensch ist sterblich. / (Die) Menschen sind sterblich. Die Katze ist ein Haustier. / (Die) Katzen sind Haustiere.

Eine verwandte Erscheinung ist die stilistische Transposition eines Numerus auf die Ebene des anderen Numerus, und zwar die Transposi­tion des Singulars auf die Ebene des Plurals in der dichterischen Sprache:

Im düstern Auge

Keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl

Und fletschen die Zähne. (Heine)

Ähnliche Transposition ist in einigen festen Redewendungen zu be­obachten: ein gutes Ohr haben, ein scharfes Auge auf jemand haben, Hand und Fuß u. a.

Anders steht es um eine große Schicht von unzählbaren Substantiven, die nur die Singularform haben,— die sog. Singulariatantum. Es sind hier einige Bedeutungsgruppen und Wortbildungstypen zu nen­nen:

Nur die Singularform besitzen: 1) die U n i k a, z. B. die Erde, der Mond; 2) die meisten Kollektiva: das Proletariat, der Adel; Personenbezeichnungen auf -tum und -schaft: die Studentenschaft, die Mannschaft, das Bauerntum; das Laub, das Wild, das Vieh u. a.; eine Reihe von Sammelnamen auf ge-: das Geflügel, das Gefieder, das Geschirr; 3) Vorgangsnamen: das Gerede, das Getue, das Geplätscher; Substan­tive wie: das Schuhwerk, das Backwerk u. a.; 4) die Stoff­namen: das Wasser, das Brot, die Milch, das Fleisch, das Fett; das Kupfer, das Eisen, die Wolle, der Gummi, der Sauerstoff, der Schwefel; 5) viele Namen für nicht zählbare Naturprodukte: das Korn, der Weizen, der Hafer, das Gras, das Heu, der Kahl, der Salat; 6) die unzählbaren Abstrakta: das Bewusstsein, die Entschlossen­heit, die Achtung, die Klarheit, die Wärme, die Freundschaft, die An­kunft u. ä.

Aus dem Gesagten können wir schlussfolgern: 1) die unzählbaren Substantive besitzen keine Kategorie des Numerus; 2) die Singu­larform haben sie aus dem einzigen Grunde, dass jedes Substantiv entweder in der Singular- oder in der Pluralform gebraucht werden muss.

Bedeutend geringer ist die Anzahl der sog. Pluraliatantum. Die Pluralform ist motiviert a) bei einigen Kollektiva, so bei Personen­namen: die Eltern, die Geschwister, die Gebrüder, die Zwillinge, die Drillin­ge; b) bei einigen Sachnamen: die Gliedmaßen, die Trümmer, die Brief­schaften, die Goldsachen, die Kurzwaren; unmotiviert sind solche Pluralformen wie: die Ferien, die Einkünfte, die Kosten, die Spesen, die Machenschaften; geographische Namen: die Alpen, die Vogesen, die Kar­paten, die Dardanellen, die Apenninen, die Pyrenäen, die Sudeten, die Azoren, die Balearen; die Namen einiger Feste: die Ostern, die Pfingsten, die Weihnachten; die Namen für einige Krankheiten: die Masern, die Röteln, die Pocken. Auch hier handelt es sich um einen formellen Nummerus.

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