Das Genus als klassifizierendes Merkmal der Substantive
Das Genus (das grammatische Geschlecht) ist ein unveränderliches Charakteristikum des Substantivs. Es ist ein klassifizierendes Merkmal, das alle Substantive in die drei Klassen der Maskulina, Feminina und Neutra gliedert.
Entgegen der traditionellen Ansicht, dass das Genus neben Kasus und Numerus zu den grammatischen Kategorien des Substantivs gehört, setzt sich in der letzten Zeit die Überzeugung durch, dass das Genus vielmehr eine lexikalisch-grammatische klassifizierende Kategorie ist.
Die lexikalische Natur des Genus tritt besonders klar zutage:
1) bei den Namen für Menschen und Tiere. Hier ist das Genus semantisch motiviert ist. Es entspricht den reellen Geschlechtsunterschieden der Lebewesen (dem Sexus), z.B.: der Mann — die Frau, der Sohn — die Tochter, der Vater — die Mutter; der Hahn — die Henne, der Stier — die Kuh. Genus und Wurzelmorphem prägen hier zusammen die lexikalische Bedeutung des Wortes. Dabei reiht das Genus das Wort in eine bestimmte Bedeutungsklasse ein: männliches Lebewesen \ weibliches Lebewesen. Das Neutrum kommt hier nur als Kennzeichen von Kindern und jungen Tieren sowie der Diminutive vor: das Kind, das Kalb, das Lamm, das Fohlen; das Büblein (auch bei erstarrten Diminutiven: das Mädchen, das Fräulein); als Ausnahme - auch das Weib.
2) bei den Wortbildungsprozessen. Der Genuswechsel (die sog. Motion) dient zusammen mit einem Ableitungssuffix oder manchmal auch allein zur Derivation weiblicher Personen- und Tiernamen von den männlichen, z. B. der Nachbar — die Nachbarin, der Gatte — die Gattin; der Löwe — die Löwin; der Wolf — die Wölfin. Seltener verläuft dieser Prozess umgekehrt: die Ente — der Enterich, die Gans — der Gänserich, auch ohne Ableitungssuffix: der Pate — die Pate, der Ahn(e) — die Ahne. Hier handelt es sich um die Bildung neuer Wörter und um deren Einreihung in dieselben Bedeutungsklassen: männliches Lebewesen / weibliches Lebewesen. Das Genus kann in solchen Fällen als eine Wortbildungskategorie, d. h. eine erst recht lexikalische Kategorie gefasst werden.
Ähnlich
bei der
Substantivierung der Adjektive,
an der sich auch das Neutrum (das „neutrale" Geschlecht)
beteiligt. Das Neutrum scheidet Abstraktbildungen von den Namen für
Lebewesen: die semantische Motivierung des Genus dehnt sich
gewissermaßen auf einen Teil der Abstrakta aus:
der Alte — die Alte — das Alte; der Bekannte — die Bekannte — das Bekannte; der Deutsche — die Deutsche — das Deutsche.
3) Anders steht es mit dem Genus von Sachnamen und Abstrakta. Hier fehlt eine semantische Motivierung für die Einreihung der Substantive unter Maskulina, Feminina oder Neutra. Das Genus erscheint als ein Element der Wortstruktur. Der lexikalische Charakter des Genus offenbart sich hier wieder bei Ableitungen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Genus und Woftbildungstyp. Wir wissen zum Beispiel im voraus, dass ein vom Adjektivstamm abgeleitetes Abstraktum auf -e ein Femininum ist (die Größe, Höhe, Güte, Tiefe), ein vom Substantivstamm abgeleiteter Sammelname auf -tum ein Neutrum, während ein gleichbedeutender Sammelname auf -schaft ein Femininum ist (das Studententum — die Studentenschaft, das Bauerntum — die Bauernschaft).
Das Genus tritt uns hier also als ein Element des Wortbildungsmodells entgegen und ist nach den anderen Elementen des Modells, das heißt nach der Wortstruktur prädiktabel.
4) Es bleibt aber eine sehr beträchtliche Anzahl von Substantiven, deren Genus weder semantisch motiviert, noch durch die Wortstruktur bestimmt ist. Das sind solche Substantive wie: der Tag, das Jahr, die Hand, der Baum u. a. m. Gerade bei solchen Substantiven tritt die grammatisch-strukturelle Funktion des Genus am klarsten zum Vorschein, obwohl sie auch allen anderen Substantiven im gleichen Maße eigen ist. Es handelt sich um die klassifizierende Funktion des Genus. Die Verteilung der Substantive in die drei Geschlechter ist eng mit dem Deklinationstyp und mit dem Typ der Pluralform der Substantive verbunden.
Die Bedeutung des Genus der Substantive erstreckt sich auch auf die Syntax, weil das Genus die Grundlage für die Kongruenz in der attributiven Wortfügung bildet (vgl. eine nette Frau, ein nettes Kind, dieser schöne Abend u. ä.).
Aus dem Gesagten ergibt sich folgendes: das Genus der Substantive ist eine lexikalisch-grammatische Erscheinung, ein klassifizierendes Merkmal der Substantive. Es hängt zum Teil mit der Bedeutung und dem Wortbildungstyp des Substantivs zusammen. Das Genus ist zugleich aber bei allen Substantiven mit deren Paradigma eng verbunden und spielt eine entscheidende Rolle beim flexivischen Ausdruck der syntaktischen Beziehungen in der attributiven Wortfügung.
