4. Der heischende Konjunktiv Präsens
Außerhalb der berichteten Rede wird nur eine Tempusform des Konjunktivs I der Konjunktiv Präsens gebraucht. Seine Grundbedeutung ist tatsächlich nicht statthabend, aber als realisierbar gedacht. Der Hauptanwendungsbereich des Konjunktivs Präsens sind der Wunschsatz, der Aufforderungssatz und einige andere Satztypen, die mit verschiedenem Grad des Wunsches des Sprechers verbunden sind, so dass zur Bedeutung des Konjunktivs Präsens eine „heischende Komponente" tritt, daher auch die Benennungen: „heischender", „voluntativer", „optativer" Konjunktiv:
Es lebe die Republik!
Gott helfe ihnen!
Wer dazu stimmt, erhebe seine Hände!
Der Bedeutungsgehalt des heischenden Konjunktivs Präsens ist:
Grammen |
Bedeutungskomponenten (Seme) |
||
der Konjunktiv Präsens |
"tatsächlich nicht statthabend" |
„erwünscht, gefordert" |
„als realisierbar gedacht" |
Der Anwendungsbereich des Konj. Präs. ist folgender:
a) Wunschsatz
„Vorwärts zum Sturm, vernichten wir die Söldlinge der Despoten! Es lebe die Republik!" (Bredel)
„Professor" schrie er, „Was haben sie aus unserer Jugend gemacht in ihren Arbeitslagern und ihren Ausbildungsschulen? Gott möge sie in die tiefste Hölle verdammen! Sie haben sie zu wilden Tieren dressiert, sie haben sie in reißende Bestien verwandelt." (Kellermann)
b) Aufforderungssatz
Man stelle sich einen rechtwinkligen Felsblock vor, etwa achtzig Meter lang, zehn Meter hoch, fünf Meter breit. (Kisch) Wer dazu stimmt, erhebe seine Hände. (Schiller)
c) Postulierender Aussagesatz
A. sei ein Punkt auf der Geraden X.
Der Doktor Becker, so sei unser Mann genannt, ist mit schwankenden Gefühlen an Bord des englischen Passagierdampfers. (Kisch)
d) Einräumungssatz (Konzessivsatz)
Jeder Autor, und sei er noch so groß, wünscht, dass sein Werk gelobt werde. (Heine)
e) Finalsatz
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fülle habe, richtete sie ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude ein... (Kellermann)
f) Andere Satztypen mit heischendem Inhalt
Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei:
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich! (Goethe)
In diesem Zusammenhang spricht die traditionelle Grammatik von verschiedenen Bedeutungsschattierungen des Konjunktivs Präsens: von dem optativen Konjunktiv im Wunschsatz, dem imperativischen Konjunktiv im Aufforderungssatz, dem einräumenden Konjunktiv, dem finalen Konjunktiv. Man muss aber ausdrücklich betonen, dass die Gesamtbedeutung des Konjunktivs Präsens als Verbalform in allen diesen Fällen die gleiche ist. Verschiedene Bedeutungsmodifikationen ist das Resultat des Zusammenwirkens der Bedeutung des Konjunktivs mit der grammatischen Bedeutung des Satztyps (Satzmodells) und mit dem lexikalischen Kontext
So ist z.B. für den Finalsatz die Bedeutungskomponente „Absicht" eigen. Dieses Sem überlagert die Grundbedeutung des Konjunktivs Präsens. Es handelt sich also nicht um den finalen Konjunktiv Präsens als seine Abart, sondern um das Zusammenwirken der grammatischen Bedeutung des Finalsatzes mit der Gesamtbedeutung der Verbalform. Ähnlich im Konzessivsatz, wo die Bedeutung der Einräumung dem Satztyp eigen ist und mit der Grundbedeutung der Verbalform zusammenwirkt.
Eine enge Verbindung der Bedeutung der Verbalform und des grammatischen Aussagewertes der Satzstruktur tritt uns auch im Aufforderungssatz entgegen. Diese Satzmodelle werden überhaupt erst von dem heischenden Konjunktiv geprägt, und der Ersatz des Konjunktivs durch den Indikativ löst das Satzmodell auf. Vgl.
Wunschsatz: Gott helfe euch! / (Ersatzprobe) Gott hilft euch.
Aufforderungssatz: Man gebe auf folgendes acht! / (Ersatzprobe) Man gibt auf folgendes acht.
Im Wunschsatz und im Aufforderungssatz tritt auch das Zusammenwirken der Bedeutung der Verbalform und des lexikalischen Kontextes sehr klar zutage. Ob der Wunschsatz ein Gebot, einen sehnlichen Wunsch, eine Selbstverwünschung (Hole mich der Teufel!), ein allgemeines Erfordernis (Es sei gesagt...) ausdrückt, ob der Aufforderungssatz einen Befehl, eine Bitte, eine Empfehlung ausdrückt, hängt einzig und allein von der Wortwahl, das heißt vom lexikalischen Kontext ab.
Wortwahl und Stilfärbung (emotional / neutral) entscheiden auch, ob wir es mit dem Model eines Wunschsatzes (Edel sei der Mensch...) oder mit einem postulierenden Aussagesatz (A. sei ein Punkt auf einer Geraden X.) zu tun haben.
