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3. Die Oppositionsverhältnisse im Mikroparadigma des Konjunk­tivs

Die Besonderheit des Mikroparadigmas des Konjunktivs besteht darin, dass es - zum Unterschied vom Mikroparadigma des Indikativs - nicht einheit­lich in modaler Hinsicht ist. Im Rahmen des Konjunktivs stehen einige modale Bedeutungen einander gegenüber. Diese Bedeutungen sind an bestimmte Tempusfor­men des Konjunktivs oder an Gruppen von Tempusformen gebunden sind. Jede Tempusform im Mikroparadigma des Konjunktivs ist Kreuzpunkt von zweifachen Oppositionen, einer modalen und einer zeitlichen Opposition.

Das Gesamtbild wird noch komplizierter, da sich nicht alle modalen Bedeutungen des Konjunktivs in eine Oppositionsreihe einordnen lassen. Auch der Zeitbezug der Tempusformen des Konjunktivs und die jeweiligen synonymischen Beziehungen der Tempusformen zueinander variieren je nach dem Anwendungsbereich dieser Formen.

1. Im Rahmen der Grundbedeutung des Konjunktivs: in der Wirklichkeit nicht statthabend / stattgehabt stehen einander zwei modale Einzelbedeutungen gegenüber:

a) „In der Wirklichkeit nicht statthabend, aber als realisierbar ge­- dacht" (der heischende Konjunktiv):

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. (Goethe)

Jeder Autor, und sei er noch so groß, wünscht, dass sein Werk gelobtwerde. (Heine)

b) „In der Wirklichkeit nicht statthabend und nicht als realisier-­ bar gedacht" (der irreale Konjunktiv):

Wenn ich eine Schwalbe wäre, flög' ich zu dir mein Kind. (Heine) Oh Gott, oh Gott, hätte ich das nur nicht getan. (H. Mann) Die erste von diesen modalen Bedeutungen ist an eine einzige Tem- pusform des Konjunktivs gebunden — an den Konjunktiv Präsens (mit Gegenwarts- und Zukunftsbezug). Die zweite modale Bedeutung ist an die sog. präteritalen Tempusformen des Konjunktivs gebun­- den, die man gewöhnlich unter der Bezeichnung Konjunktiv II zusammenfasst. Es stehen zwei Gruppen von Tempusformen des Konjunktivs einander gegenüber:

  1. Konjunktiv I: Konj. Präs., Konj. Perf., Konj. Futur 1 und 2/

  2. Konjunktiv 2: Konj. Prät., Konj. Plupf., Kodit. 1 und 2.

An der Opposition: heischender Konjunktiv / irrealer Konjunktiv beteiligt sich nur eine Tempusform des Konjunktivs I, der Konjunk­tiv Präsens. Er steht allen Tempusformen des Konjunktivs II gegenüber­.

Unter den Tempusformen der Gruppe Konjunktiv II beste­hen ein zeitliches Oppositionsverhältnis und synonymische Beziehun­gen. Der Konjunktiv Präteritum und der 1. Konditional sind wie der Konjunktiv Präsens auf die Gegenwart und die Zukunft bezogen, der Konjunktiv Plusquamperfekt und der 2. Konditional - auf die Vergan­genheit. Zwischen dem Konjunktiv Präsens und dem Konjunktiv Prä­teritum besteht also keine zeitliche Opposition.

Die obengeschilderten Oppositionsverhältnisse im Mikroparadigma des Konjunktivs können also wie folgt zusammengefasst werden:

Konjunktiv — in der Wirklichkeit nicht statthabend

1. modale Opposition:

als realisierbar gedacht: / nicht als realisierbar gedachet:

Konj. Präs. Konj. Prät., Plupf., Kondit. 1 und 2

2. zeitliche Opposition

Gegenwart und Zukunft / Vergangenheit

/Konj. Prät., 1. Kondit. Konj. Plupf., Kondit. 2

2. Das vorstehende Oppositionsschema umfasst weder alle Verbal­formen des Mikroparadigmas des Konjunktivs. Außerhalb dieses Schemas bleiben der Konjunktiv Perfekt und der Konjunktiv Futur. Das vorliegende Schema enthält keine Hinweise auf noch einen wichtigen selbständigen Anwendungsbereich des Konjunktivs: Ausdruck der Modalität der indirekten (mittelbaren) Darstellung. Er unterscheidet sich von dem oben dargestellten Anwendungsbereich auch formell durch völlig verschiedenen Gebrauch der Tempora und durch den Charakter der zeitlichen Opposition, die ihm zugrunde liegt.

Die Modalität der indirekten (mittelbaren) Darstellung ist die Modalität der berichteten Rede im weiteren Sinne des Wortes. Es geht dabei um die Wiedergabe fremder Aüßerungen sowie die Wiedergabe von Gedanken und seelischen Regungen einer anderen Person oder des Sprechers selbst:

Die Ordonnanz war gegangen, den Sergeanten zu holen, und nun stellte Saint-Just seinem Kollegen Fragen... Die Ordonnanz kam zurück und meldete, der Sergeant warte draußen. (Bredel)

Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich behauptet, ich sei nicht kinderlieb. (Th. Mann)

Gleichens Prophezeiung, dass die Gestapo eines Tages auch in Wolfgangs Haus kommen würde, traf tatsächlich ein... (Kellermann)

Wolf gang war nicht verheiratet. Er war der Ansicht, dass Frauen und Kinder zuviel Unruhe ins Haus brächten und ein Künstler nur seiner Kunst leben sollte. (Kellermann)

Der Konjunktiv der berich­teten Rede kann sowohl zur Wiedergabe solcher Äuße­rungen gebraucht werden, die von dem Sprechenden als der Wirklichkeit entsprechend oder der Wirklichkeit widersprechen. Daraus ist zu schließen, dass der Konjunktiv der berichteten Rede an der Opposition: tatsächlich stattha­bend / in der Wirklichkeit nicht statthabend nicht beteiligt ist. Er zeigt nicht, ob der Sprechende den Inhalt der berichteten Rede als der Wirklichkeit entsprechend oder als nicht entsprechend betrachtet; darüber informieren uns der Kontext, gewisse Redewendungen und Modalwörter, die Satzform, z. B. der als (als ob)-Satz u. ä.

Die eigentliche Leistung des Konjunktivs in den vorangegangen Beispielen besteht darin, dass er die berichtete Rede als eine besondere Sagweise, eine besondere Art der Darstellung der Wirklichkeit kenn­zeichnet und sie der direkten Rede gegenüberstellt. Während die direkte Rede eine wirkliche oder unwirkliche Äußerung über bestimmte Gescheh­nisse und Vorgänge ist, sind der Mitteilungsgegenstand der berichteten Rede nicht die nämlichen Geschehnisse und Vorgänge, sondern Äußerun­gen einer dritten Person (oder seltener auch eigene frühere Äußerungen oder Gedanken über bestimmte Geschehnisse und Vorgänge sowie über die von diesen Geschehnissen angeregten Gedanken und Gefühle).

Der Tempusgebrauch des Konjunktivs der berichteten Rede unter­scheidet sich grundsätzlich von dem oben geschilderten:

  1. Die modale Bedeutung aller Tempusformen beim Konjunktiv der berichteten Rede ist im wesentlichen einheitlich, so dass die Wahl der Tempusform nur durch die zeitliche Opposition geregelt wird;

  2. Die Tempora werden indirekt (relativ) verwendet; dabei ist die zeitliche Opposition hier im Gegensatz zu den indirekten Tempora des Indikativs dreigliedrig: Vorzeitigkeit / Gleich-­ zeitigkeit / Nachzeitigkeit in Bezug auf den Moment der Äußerung;

  3. Die synonymischen Verhältnisse zwischen den Tempusformen sind folgende:

Gleichzeitigkeit: Präs. Konj./ Prät. Konj; Vorzeitigkeit: Perf. Konj./ Plupf. Konj./ Kond. 2; Nachzeitigkeit: Futur 1 Konj./ Kondit. 1

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