- •Inhaltsverzeichnis
- •Einleitung
- •Grundzüge der ethnischen und politischen Geschichte von Belarus vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1930er.
- •Ethnien von Belarus in den 1930er und während des Großen Terrors.
- •2.Repressalien im Bezug auf…
- •2.2.1. Kultur- und Verwaltungsebene.
- •2.2.2. Religionsebene.
- •Zusammenfassung.
- •Quellen- und Literaturverzeichnis
- •Quellen
- •Literatur
Grundzüge der ethnischen und politischen Geschichte von Belarus vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1930er.
Das widersprüchliche Wesen der ethnischen und politischen Geschichte von Belarus während des Großen Terrors lässt sich nicht richtig und vollständig verstehen, wenn man dessen komplizierten Hintergrund übersieht. Der ist durch die drei Grundzüge zu bestimmen:
1) Die Multikulturität und ethnische Heterogenität der nationalen Zusammensetzung;
2) Die Schwäche des Selbstbewusstseins des belarussischen Volkes und dessen nationaler Elite;
3) Das Scheitern der Herausbildung des Nationalstaates im Laufe der Revolution und des Bürgerkrieges. Die Teilung der Nation.
Sowohl als Brücke als auch als Schlachtfeld zwischen der westlichen und der östlichen Zivilisation, die sich als politische und kulturelle Kampf und Tausch zwischen katholischem Polen und orthodoxem Russland verkörpert hatten, wurde Belarus damit sehr stark ethnisch und kulturell ausgeprägt. Die Russen und Polen waren zwei der drei größten nationalen Minderheiten. Nach der Volkszählung 1926 machten die Russen 7,7% und die Polen 1,6% der gesamten Bevölkerung aus; die Zahl der Juden stimmt überein mit der der Russen, damit waren sie die zweite größte nationale Minderheit in Belarus, was mit den mittelalterlichen jüdischen Migrationen aus Westeuropa und dem Verbot der Zaren Judentum das Territorium des Großrußlands zu besiedeln zu tun hatte.18 Abgesehen von anderen viel kleineren Nationalen Minderheiten, wie die muslimischen Tataren, die Ukrainer, die Deutschen und die Zigeuner, die ihren multikulturellen Beitrag leisteten, waren die Russen, Polen und Juden neben der ethnischen Mehrheit die Grundlage der nationalen Zusammensetzung von Belarus, die alte kaiserliche und neue sowjetische Macht besonders beachteten und zu beeinflussen oder zu verändern vorhatten.
Betrachtet man weiter Belarus als Brücke und Schlachtfeld zwischen dem Westen und dem Osten, geht die zweite Tatsache daraus hervor:
„Some Belorussians are Catholics, but most have traditionally belonged to the Eastern Orthodox Church. Due to this, and their linguistic closeness to the Great Russians and geographic and historical proximity to Russia proper, the Belorussians are the one union republic nation most vulnerable to assimilation“19
Hier geht es um die durch den Zusammenstoß auf dem belarussischen Boden zweier in Kultur- und Religionssphäre homogenen Ethnien (Russen-Orthodoxen und Polen-Katholiken) verursachte Anfälligkeit der Belarussen fürs Verschwinden nationaler Identität und die Assimilierung. Noch früher hatte sich R. Pipes mit diesem Thema besonders tief auseinandergesetzt und einige Konsequenzen daraus gezogen. Da die Belarussen und die Mehrzahl der Ukrainer eine gemeinsame Religion mit den Großrussen in den Zeiten der Priorität der religiösen Zugehörigkeit auf der nationalen Identität teilten, hatten sich bedeutsame Bindungen zwischen diesen drei verwandten Ethnien herausgebildet, die auch durch Staats- und Militärdienst die Assimilierung begünstigte; als Folge während der Volkszählung 1926, bei der nationale Zugehörigkeit und Muttersprache getrennt erfasst wurden, gab jeder siebte Ukrainer und Belarusse Russisch als seine Muttersprache an.20 Obwohl R. Pipes hier die Tatsache der Existenz des gemeinsamen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Staates der Polen, Litauer, Ukrainer und Belarussen erwähnt, dessen Einfluss die Ukrainer und die Weißrussen abseits der von Russland autokratischen ausgegangenen Tendenzen hielt21, nennt er nicht die Tatsache der Erosion des belorussischen Adels und Bürgertums durch die Katholisierung und Polonisierung, was den für die späteren Nationsbildung notwendigen Rohstoff aus den intellektuellen Adligen und Bourgeoise verzerrte.22 Die meisten Stadtintellektuellen stammten aus den Vertretern russischer Bürokratie, polnischen Adels und jüdischen Bürgertums. Deswegen war der nur am Ende des 19. Jahrhunderts sich herausgebildete Schicht der belarussischen einheimischen Inteligencija sehr dünn, wie dies R. Pipes ohne Erklärung bemerkte.23 Was die breiten Volksschichten angeht, waren sie zusammen mit den Ukrainer und den Großrussen der damaligen Tendenz ausgesetzt, dass sie sich nicht als Angehörige einer Nation betrachteten, sondern der orthodoxer Gemeinden und als Landeskinder der Provinz, in der sie lebten.24
Die Schwäche des nationalen Bewusstseins des belarussischen Volkes und seine Elite spiegelte sich in den wichtigsten Ereignissen nach der Revolution 1917 wieder, als der Versuch einen eigenen Nationalstaat zu schaffen und die Teilung der Nation zu verhindern eine Schlappe erlitt.
„When the February revolution took place, the Belorussian national movement was still in its embryonic stage. There was only one Belorussian political party: the Hromada, which had a very small organized following and was unknown to the masses of the population. At the time of the first postrevolutionary Belorussian conference, held in Minsk on March 15, 1917, the Hromada mustered only 15 followers. Political life in the Belorussian lands was dominated by Russian and Jewish socialist parties. There is no evidence that in 1917 peasantry, which composed the mass of the Belorussian people, possessed any consciousness of ethnic separateness“25
Obwohl das sehr stark von bauernsozialistischen Ideen ausgeprägte Hromada über keinen Einfluss verfügte, betrachtete sie sich als Vertreterin belarussischer Nation, deren Schicksal sie in ihre Hände nehmen dürfte und müsste. Dies schlug sich in den Versuchen nieder einen autonomen Status für Belarus bei der Provisorischen Regierung zu beantragen und verschiedene verwaltungspolitische Gremien zu schaffen. Die Provisorische Regierung erwiderte auf diesen Antrag nichts, indem sie die Gesandte der Hromada nicht empfangen hatte. Nach dem Sturz dieser Regierung von Bolschewiki verstärkte sich der Willen der Hromada ohne Rückhalt auf die Zentralgewalt in Petrograd zu agieren. Nach dem Fiasko bei den Wahlen zur Verfassungsversammlung, versuchte sie im Dezember 1917 durch die Entscheidungen des Allbelarussischen Kongresses (fast 1900 Gesandte) das Schicksal von Belarus zu bestimmen. Obwohl dieser Kongress keine Entscheidung über die Unabhängigkeitserklärung von Belarus getroffen hatte (worin sich Pipes irrt, wenn ihm es um „[…] proclaimed the independence of Belorussia“ geht26), erkannte er nicht die Bolschewiki als Macht des belarussischen Volkes an, sondern nur als Macht der Truppen der Westarmee.27 Darum wurde der Kongress von den Minsker Bolschewiki vertrieben und gezwungen im Untergrund zu funktionieren. Der Versuch unter der deutschen und polnischen Besatzung das belarussische nationale Staatswesen etablieren zu können wurde auch verfehlt; es kam nur auf die Teilung der Nation zwischen den autoritären Bolschewiki einerseits und autoritären Polen andrerseits an, die nach den Bedingungen des Rigaer Friedensvertrags 1921 legitimiert wurde.28
Als Vorgeschichte der Ereignisse der 1930er Jahre sollte auch kurz der ethnisch nationale Hintergrund der 1920er erwähnt werden. Der wurde unionsweit durch Politik der Korenisacija (Einwurzelung) ausgeprägt, die auf die Förderung der der Titularnationen zugerechneten Eliten und der Etablierung der jeweiligen Sprachen in Verwaltung, Publizistik und Bildungswesen ausgerichtet war.29 Die Aussage der Autoren dieses Aufsatzes bleibt umstritten, wenn es sich darum handelt, dass sich bis in die 1920er keine eigentliche belarussische Nationalbewegung entwickelt hatte, aber sie haben Recht, dass die von Sowjetmacht angetriebene Korenisacija die weitere Entwicklung nationaler Kulturen begünstigte.30 In Belarus fand dies ihren Niederschlag in der Schaffung und Etablierung der Belarussischen Staatsuniversität, der Akademie für Wissenschaften und des Belarussischen Staatstheaters, sowie des belarusischsprachigen Ausbildungssystem. In dieser Zeit waren auch die Bedingungen für die Entwicklung der Kulturen der nationalen Minderheiten in Belarus begünstigt, was sich in vier Staatssprachen der jungen Belarussischen Sowjetrepublik (Belarussisch, Russisch, Jüdisch und Polnisch) niederschlug.
