- •1. Das deutsche Tempussystem. Allgemeines.
- •2. Der absolute und der relative Gebrauch der Tempora.
- •3. Bedeutung und Gebrauch der Tempora.
- •Präteritum
- •Perfekt
- •Plusquamperfekt
- •Futur I
- •Futur II
- •4. Allgemeine Charakteristik der Modi.
- •5. Funktionale Betrachtungsweise des Imperativs.
- •6. Ausdrucksweisen der Vermutung.
- •Fragen zur Selbstkontrolle:
- •Literatur:
- •Fragen zum selbständigen Erarbeiten:
- •Literatur:
- •Modale Bedeutungen, die die Beziehung des Sprechers zum Satz charakterisieren
Futur II
Das Futur II hat 2 Bedeutungsvarianten:
1. Futur II zur Bezeichnung eines zukünftigen Geschehens mit resultativem Charakter („Zukunfts-Futur II“) – die Hauptbedeutung. Diese Variante ist an die obligatorische Temporalbestimmung (morgen, bald, bis Sonnabend u. a.) gebunden:
Morgen wird er die Arbeit beendet haben.
Bis Sonntag wird er sich das Buch gekauft haben.
Bald wird er sich es geschafft haben.
2. Die Nebenbedeutung des Futurs II bezeichnet ein vermutetes Geschehen in der Vergangenheit. Diese Variante enthält eine modale Bedeutung der Vermutung, eine zusätzliche Temporalangabe (gestern, vor einigen Tagen u. a.) kann fakultativ auftreten:
Er wird (gestern) die Stadt besichtigt haben. = Er hat wohl (gestern) die Stadt besichtigt.
Seine Tochter wird (in den vergangenen Jahren) in Berlin gewohnt haben. =Seine Tochter hat wohl (in den vergangenen Jahren) in Berlin gewohnt.
4. Allgemeine Charakteristik der Modi.
Im Deutsche gibt es drei Modi (lat. modus = Art und Weise) — der Indikativ, der Konjunktiv, der Imperativ — die zur Charakterisierung der Aussage hinsichtlich ihrer Realität/Irrealität dienen, deshalb heißen sie auch Aussageweisen.
Der Indikativ (lat. indicare = hinweisen, zeigen) ist der Hauptmodus der Aussage. Er charakterisiert die Aussage als real in positiver oder negativer Form (Es regnet — Es regnet nicht mehr), in Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, im Aktiv oder im Passiv.
Der Konjunktiv stellt die Aussage als irreal hin. Die Irrealität ist in der Grammatik ein weiter Begriff: er umfasst Unerfüllbarkeit eines Geschehens, Möglichkeit der Realisierung, Zweifel an der Realisierung u. a. m.
Der Imperativ ist der Modus der Aufforderung. Sein Paradigma ist defektiv, weil es mehr auf die zweite Person (im Sg. oder Pl.) beschränkt ist.
Der Formenreichtum der drei Modi ist ungleich: der Indikativ verfügt über sechs Zeitformen und drei Personen, der Konjunktiv über acht Zeitformen und drei Personen, der Imperativ hat nur eine Person und keine Zeitformen.
Auch in syntaktischer Hinsicht sind die Modi ungleich. Der Indikativ ist syntaktisch uneingeschränkt — er wird in allen Satzarten verwendet. Der Konjunktiv kennt gewisse syntaktische Einschränkungen. Der Imperativ ist nur an eine Satzart gebunden — an die Befehlssätze.
5. Funktionale Betrachtungsweise des Imperativs.
Die morphologische und syntaktische Begrenztheit des Imperativs wird reichlich durch andere Ausdrucksweisen der Willensäußerung ausgeglichen. Diese „Konkurrenzformen" des Imperativs sind imstande, seine Funktion zu übernehmen. Allen Konkurrenzformen ist ein gemeinsames Merkmal eigen: die imperativische Intonation. Dazu gehören:
1) Der Indikativ, vor allem Präsens und Futur Indikativ Aktiv:
Du machst sofort deine Hausaufgaben!
Du wirst sofort deine Hausaufgaben machen!
selten Perfekt Indikativ Aktiv:
Zum Frühstück hast du deine Hände gewaschen!
Der Indikativ kann an eine dritte Person gerichtet werden:
Der Leutnant übernimmt das Kommando!
2) Das Passiv, häufiger die subjektlose Passivstruktur:
Jetzt wird geschlafen!
Das Buch wird sofort geschlossen!
3) Der Infinitiv und das Partizip 2 drücken ebenfalls eine allgemeine Aufforderung oder Anweisung aus. Diese sprachliche Prägung kennzeichnet Kommandos Stillstehen! Stillgestanden! Aufgepasst! oder schriftliche Anweisungen, die für jeden bestimmt sind, der an diese Stelle tritt: Bitte anschnallen (im Flugzeug); Nicht rauchen; Nicht hinauslehnen (im Bus); Eintritt verboten.
4) Der Pseudogliedsatz mit der Konjunktion dass:
Dass du mir rechtzeitig nach Hause kommst!
Diese Ausdrucksweise gestaltet eine Warnung. Der Satz heißt Pseudogliedsatz, weil er der Form nach abhängig ist, in der Rede fungiert er als selbständiger Satz. Varianten dieser Satzstruktur:
Schau (mach), dass du fortkommst!
5) Haben + zu + Infinitiv:
Du hast zu schweigen! — Schweige!
6) Sein + zu + Infinitiv:
Die Jahresarbeit ist rechtzeitig abzuliefern!
Diese Struktur enthält gewöhnlich ein unbelebtes Subjekt.
7) Modalverben + Infinitiv:
Alle Modalverben beteiligen sich am Ausdruck der imperativischen Modalität, wobei jedes seine eigene Bedeutung mitbringt und auf diese Weise die Schattierungen der Modalität erweitert:
a) Wollen wir weiter gehen! b) Wollen die Herren Platz nehmen! c) Willst du nun (endlich) aufhören!
Der inklusive Imperativ kann auch durch lassen umschrieben werden:
Lasst uns gehen!
Lassen kann als Vollverb seine eigene Imperativform haben:
Lass mich in Ruhe! Lassen Sie das jetzt!
8) Eine thematische Gruppe von Verben der Willensäußerung dient zur Umschreibung des Imperativs: Im Gegensatz zu den Modalverben sind sie Vollverben: befehlen, fordern, verlangen, bitten, auffordern, einladen, wünschen u. a.
Ich fordere Sie zur Mitarbeit auf. Der Lehrer verlangt strenge Disziplin. Der Leiter befahl umzukehren. Ich bitte Sie, mir zu folgen.
9) In einigen Satzstrukturen tritt das Präsens Konjunktiv mit imperativischer Bedeutung auf, und zwar:
a) das Subjekt man + Präsens Konjunktiv gebraucht man zum Ausdruck einer Anweisung oder einer Annahme im Stil der Wissenschaft, in Lehrbüchern:
Man nehme diese Arznei zweimal pro Tag ein.
b) In Losungen drückt es + Präsens Konjunktiv einen Aufruf aus:
Es lebe die ukrainische Studentenschaft!
c) Das Stativ Präsens Konjunktiv trifft man im Stil der Wissenschaft als betont höfliche und bescheidene Willensäußerung an:
Es sei vorläufig nur kurz bemerkt, dass ...
Es sei mir gestattet, Herrn Professor P. zu danken.
G
ebräuchlich
ist in wissenschaftlichen Texten auch folgende Formel: Gegeben
sei das spitzwinklige Dreieck ABC.
d) das Präteritum Konjunktiv der Modalverben und der Konditionalis erfüllen ebenfalls die Funktion einer überaus höflichen und unsicheren Bitte:
Dürfte ich Sie um eine Tasse Kaffee bitten? Könnten Sie mir Ihre Adresse mitteilen? Würden Sie mir erlauben, dass ich mir ein wenig Einblick in die Sammlung verschaffe?
Es sei betont, dass die Bitte meist die Form eines Fragesatzes hat.
10) Schließlich kann ein beliebiger Ein-Wort-Satz mit imperativischer Intonation eine Aufforderung enthalten:
Achtung! Hilfe! Schnell! Leise! Zurück! Vorwärts! Weg! Einen Hammer!
Die aufgezählten Konkurrenzformen (Ersatzformen) des Imperativs machen es möglich, demselben Sachverhalt verschiedene Fassung zu geben, je nach dem Stil, der Situation, den begleitenden Umständen. Beispielsweise kann man in einer konkreten Situation unter folgenden Strukturen die zweckmäßigste wählen:
(Der Arzt verordnet dem Patienten eine Arznei.)
Nehmen Sie diese Arznei dreimal täglich ein!
Sie haben diese Arznei dreimal täglich einzunehmen.
Diese Arznei ist dreimal täglich einzunehmen.
Diese Arznei dreimal täglich einnehmen!
Sie sollen diese Arznei dreimal täglich einnehmen.
Sie nehmen diese Arznei... ein!
Sie werden diese Arznei... einnehmen!
Nun wird die Arznei... eingenommen!
Dass Sie diese Arznei... einnehmen!
Man nehme diese Arznei... ein!
Ich verordne diese Arznei ...
